Kultmagazin "Mad" Lechz! Würg! Stöhn!

Ein Haufen kindischer Erwachsener um Herbert Feuerstein machte in den Siebzigern das deutsche "MAD" zum Fachblatt für enthemmte Albernheit. Der Mix aus Flachwitz und Feinsinn half vielen Jungs beim Pubertieren.

Astalos/ Inge Werth

Von Linus Volkmann


Den Ärger brachten ein paar gekritzelte Männchen: In einem Comic des US-Zeichners Dave Berg über "Gewalt im Alltag" klagten ein paar Jugendliche erst über die Verrohung ihrer Generation. Um dann als Pointe selbst mit Knüppeln über eine alte Dame herzufallen.

Ein flacher Gag mit Folgen, wie sich Herbert Feuerstein erinnert: "Das Land Bayern versuchte, das 'MAD'-Heft auf den Index setzen zu lassen, die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften nahm sich unser an." Der Vorwurf: Verherrlichung des Verprügelns von Senioren. "Absurd", findet Feuerstein, 79.

Ironie war in den Siebzigerjahren ein Problem. Aber hier sollte "MAD" unermüdliche Aufbauarbeit leisten. Der Skandal um das Satire-Heft sei ihm damals "gerade recht" gekommen, erinnert sich der damalige Chefredakteur: "In den zwei folgenden Heften habe ich den Behördenwahnsinn ausgeschlachtet - und dabei Bayern den Krieg erklärt."

"MAD" war ein amerikanisches Satireblatt, Herbert Feuerstein leitete bis 1992 zwei Jahrzehnte lang die deutsche Ausgabe, die im Untertitel zunächst "Das verrückteste", dann "Das vernünftigste Magazin der Welt" hieß. Er nennt es sein "eigentliches Lebenswerk".

Aber bitte keine Brustwarzen!

Beim Blick auf den Teich vor seinem Haus im Grünen, im Kölner Umland, erzählt Feuerstein von einem weiteren Fall: "Aus Amerika kam für die Alfred-E.-Neumann-Ahnengalerie auf der Umschlagrückseite eine Zeichnung, die Alfred als Hitler darstellte. Das empfand ich schon eher als heikel, aber da das amerikanische 'MAD' vornehmlich aus jüdischen Autoren bestand, habe ich mich getraut, es auch bei uns abzubilden - und hatte Glück. Es blieb unbeanstandet."

Statt mit gesellschaftlicher Empörung muss sich der deutsche "MAD"-Ableger eher mit der Prüderie seiner Lizenzgeber arrangieren. Ivica Astalos, zuvor "Fix & Foxi"-Zeichner, stieß 1974 zur Zeitschrift für gehobenen Unfug. "Die Amerikaner sahen es nicht gern, wenn ich Brustwarzen gezeichnet habe", sagt er.

Begonnen hatte die "MAD"-Geschichte in den Fünfzigerjahren: In den USA gründeten Harvey Kurtzman und William M. Gaines 1952 ein satirisches Heftchen, das sich aus Werbe- und Filmparodien, Durchgeknalltem und Comics speiste. Darin gedieh ein ganz eigenes Universum: In Märchen-Neuinterpretationen fing ein zum Frosch mutierter Prinz mit meterlanger Zunge Fliegen. Oder "Spion & Spion", die zwei schnabeligen Typen mit Hut und Sonnenbrille, einer schwarz, einer weiß, einst eine Metapher für die gegenseitige Neutralisierung im Kalten Krieg. Und natürlich das legendäre "MAD"-Faltblatt, das aus einem Bild ein neues werden ließ.

Über all dem Wahnsinn thronte bei "MAD" ein Maskottchen mit seltsam alterslosem Lausbubengesicht, mit Sommersprossen und Segelohren, Dauergrinsen und Zahnlücke. In den frühen Jahren hieß es nur "Idiot Boy" und bekam bald einen Namen: Alfred E. Neumann. Herbert Feuerstein nennt ihn schlicht den "Dämon".

"Ich traue meist nicht mal mir selbst"

Wer wiederum Herbert Feuerstein nur als rumpelstilzigen Dämon an Harald Schmidts Seite in Erinnerung hat, dem fehlt ein großes Stück in der Zeitleiste. Ende der Fünfzigerjahre studierte Feuerstein in Salzburg Musik und flog vom Mozarteum, als er den Hochschulpräsidenten beleidigte. In den Sechzigerjahren schlug er sich in New York als Autor und Redakteur durch.

Als Feuerstein nach Deutschland zurückkehrte, hatte sich vieles verändert - die großen Themen hießen nun Vietnamkrieg, Ölkrise, RAF. Im hochpolitisierten Frankfurt fand er einen Job als Buchverlagsleiter. Dort riet er unter anderem der damals kaum bekannten Elfriede Jelinek von der Zusammenarbeit mit seinem Haus ab und empfahl ihr mit Rowohlt einen "literarischeren" Verlag.

Das Unternehmen steuerte bald in die Pleite. Und so reagierte Feuerstein Anfang der Siebzigerjahre hocherfreut auf die Chance beim "MAD"-Magazin: "Der Ansatz entsprach mir einfach weit mehr. Mit der ganzen Ideologie, die damals alle vor sich hertrugen, konnte ich nicht viel anfangen", sagt er. "Ich bin ein Skeptiker und Zweifler, ich traue meist nicht mal mir selbst."

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Kultmagazin "Mad": Lechz! Würg! Stöhn!

Mit Ausgabe Nr. 32 stieg er ein und schnell vom Übersetzer zum Chefredakteur auf - anfangs als sein einziger Mitarbeiter. Bis mit der Auflage auch die Belegschaft des deutschen "MAD" wuchs.

Um nicht reiner Lizenznehmer amerikanischer Späße bleiben zu müssen, stellte er ein Team hiesiger Zeichner zusammen. Neben Titelbild-Gestalter Rolf Trautmann sollte vor allem Ivica Astalos das deutsche "MAD" prägen. Unter dem Kürzel I. Astalos fand man seine Beiträge bald regelmäßig im Magazin.

Kein Kalauer kann krumm kenug klingen

Astalos weiß noch genau, wie er Feuerstein zum ersten Mal begegnete: "Wir trafen uns in Frankfurt, in den Räumen von Olympia-Press, einem Erotikverlag. Da empfing mich ein langhaariger, quirliger kleiner Mann, der schnell redete. Mir nicht unähnlich - nur 17 Jahre älter. Wir verstanden uns auf Anhieb, obwohl wir auch jetzt, nach über 40 Jahren, das 'Sie' beibehalten haben."

Dieses Team deutschte das uramerikanische Heft ab Mitte der Siebzigerjahre spürbar ein. Figurennamen wie Fröhn, Feinbein oder Kaputnik erreichten Kultcharakter. Detailversessen feilte man an Lautmalerei: So wurde aus jedem "Bzzz!" einer Biene in den Original-Cartoons ein "Summ!". Und "lechz", "würg", "stöhn", "hechel" sagte bald fast jeder auf Deutschlands Schulhöfen.

Gedruckt wurden die 32 Magazinseiten auf extraschlechtem Papier, quasi die Antithese zu Hochglanz. "MAD" lebte in der Wortspielhölle und ließ aus Neigung und Überzeugung keinen Kalauer aus. Man verrührte Flachwitz und Feinsinn zu einer würzigen Backmischung und schmähte auch gern die eigenen Leser. Sie hatten es verdient, sie balgten sich ja um einen Platz auf der Leserbriefseite und schickten Starkes wie Stuss. "Alles echt!", versichert Feuerstein.

Die Leserverhöhnung übernahm im Magazin eine Instanz, die als "der Red." auftrat, gezeichnet von Astalos - ein kleiner Mann im Anzug, mit Buchhalterscheitel und eckiger Brille. "Der Red." pflegte ein umfängliches Vokabular, etwa "Xylakant" als Universalbeleidigung, eine, die immer passt. Oder "Dorsch", was sich bei Bedarf auch kombinieren ließ: "du dorschiger Xylakant".

Ein-Mann-Chaosmaschinerie

Alfred E. Neumanns Slogan "What, me worry?" überführte Herbert Feuerstein in das deutsche "Na und...?". Zwei Wörter, mit denen Heranwachsende Pädagogen auf die Zinne treiben können. Überhaupt zehrte die Zeitschrift vom Zeitgeist des Antiautoritären. Es dauerte nicht lange, da war "MAD" das Begleitheft zur (vornehmlich männlichen) Pubertät und erreichte zu den besten Zeiten in den Achtzigerjahren eine Verkaufsauflage von 300.000 Heften. Bei Feuersteins Einstieg waren es keine 8000 gewesen.

Selbst Altbestände wurden kreativ wiederverwertet: "Wir banden die nicht verkauften Exemplare immer wieder neu zusammen und verkauften sie als 'Mad Extra', 'Mad Müll' oder 'Super-Mad'", so Feuerstein. Sein Credo: "Kein Heft darf weggeschmissen werden. Ich sehe mich ein bisschen auch als Erfinder des Recyclings."

"Redaktionsräume oder auch nur eine Redaktion", erzählt Feuerstein, habe es "in dem Sinne gar nicht" gegeben: "Das wollte ich immer so haben, bei einem Monatsmagazin ist das doch auch gar nicht nötig. Mit den Mitarbeitern habe ich per Post, Telefon und Fax kommuniziert." Das Material habe sich bei ihm gesammelt, "einige Autoren habe ich nie persönlich kennengelernt". Einmal im Monat fuhr Feuerstein in seinem weißen Jaguar zum Frankfurter Flughafen und flog nach Hamburg, um für zwei Tage die Schlussproduktion in den Räumen des Verlegers Klaus Recht abzuwickeln.

Der Erfolg des deutschen "MAD" schien untrennbar mit Herbert Feuerstein verbunden. Keine drei Jahre nach seinem Weggang wurde das Heft 1995 wegen immer weiter gesunkener Auflage eingestellt - zur Jubiläumsnummer 300.

Wiedergeburt mit anderer Zielgruppe

Das Prinzip enthemmter Albernheiten in gedruckter Form hatte sich totgelaufen. Das zahnlückige Fanal gegen die Welt der Erwachsenen erwies sich für die jungen Leser der Neunzigerjahre als zu zahm. Gegen "RTL Samstag Nacht" und den frühen Stefan Raab wirkte das Magazin plötzlich altbacken. Auch der "Titanic", die nun scharf gegen Rassismus im wiedervereinten Deutschland ätzte, hatte der "MAD"-Pennälerhumor wenig entgegenzusetzen.

Feuerstein sieht es ähnlich: "Das Ende besaß etwas Unvermeidliches, 20 Jahre sind wirklich die maximale Halbwertzeit von dieser Form der Satire. Der Leser beginnt in der frühen Pubertät, spätestens mit 30 steigt er aus. So lief es schon beim amerikanischen 'MAD', so kam es dann auch bei uns an."

Herbert Feuerstein als Harald Schmidts ewiger Sidekick in "Schmidteinander".
DPA

Herbert Feuerstein als Harald Schmidts ewiger Sidekick in "Schmidteinander".

Viel Trauerzeit nahm sich Feuerstein nicht, er hatte ja zu tun. Zum Beispiel mit Harald Schmidt ab 1990 bei "Pssst…", einer Rateshow. "Es war Abneigung auf den ersten Blick, und damit die Grundlage einer fruchtbaren Zusammenarbeit: Feuerstein schuf das Konzept und Schmidt ignorierte es", so beschreibt Feuerstein auf seiner Homepage den Weg bis zur Sendung "Schmidteinander".

Damit besetzte das ungleiche Duo das in Deutschland noch kaum bekannte Format "Late-Night-Show", seine Zeit in Amerika kam Feuerstein dabei erneut zugute. In "Schmidteinander" führte er die Rolle des Sidekicks mit Opfer-Tendenz zur Meisterschaft - über lange Jahre sollte er dem Fernsehen treu bleiben.

Ähnlich rastlos wie Feuersteins Karriere verlief auch die Geschichte des deutschen "MAD" weiter. Schon 1998 wurde das Humor-Fossil wiederbelebt. Komplett in Farbe, nicht mehr frei von Werbung und mit jüngerer Zielgruppe ist "MAD" nun viel mehr Comic- denn Satire-Heft. Einzig das Konterfei Alfred E. Neumanns und Zeichnungen des Veteranen I. Astalos erinnern noch an die glorreiche Vergangenheit. Na und...?

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Johannes Schmölling, 20.03.2017
1. Jau...
Feinbein, Fröhn und all die anderen haben mich in den 70ern auch begeistert. Mort Druckers unglaublich gut gezeichnete Filmsatiren waren der Hammer. Ich sage nur Don Martins "Schlipp Schlipp"... Das ist untilgbar in meinem Sprachgebrauch verankert. Schön, das Mal wieder aufgefrischt zu sehen. H. Feuerstein, alles Gute und Alfred E. Neumann for Bundeskanzler!
Peter Ott, 20.03.2017
2. Es war
ein geiles Magazin, mit dem Man(n) seine Freizeit endlich 'mal sinnvoll verplempern konnte.l
Harald Vogler, 20.03.2017
3. meine Eltern
Haben sich zum Glück für solche Comics weniger interessiert, wohl auch, weil sie nicht wussten, was "Mad" bedeutet. Denen waren schon die Micky Maus Hefte mit dem auch dort vorhandenen stöhn, keuch und zack suspekt. Wenn die gewusst hätten, dass bei Spion und Spion immer einer der beiden (welcher eigentlich, der schwarze?) auf groteske Weise zu Tode kam, hätten sie mir das Heft verboten. Alles hat seine Zeit, und damals war es gut.
Guido Lohmann, 20.03.2017
4. MAD war der Hammer
Viele Filme kannte ich überhaupt nur durch die MAD-Verarschungen und habe sie, wenn überhaupt erst später gesehen. Ich glaube sogar, dass die Erwachsenengeneration, die mit MAD aufgewachsen ist, tendenziell lockerer ist als die Vor- und Nachfolgegeneration. Aber da bin ich natürlich nicht ganz unvoreingenommen.
Moles Harding, 20.03.2017
5. Mad war nicht flachsinning, platt und banal...
...vielmehr war es intelligent, pointiert und voller Witz. Unvergessen der grandiose Don Martin, die TV und KInofilmpersiflagen und das Leserforum. Schön dass Ihr dem Magazin das so einfallsreich und innovativ war (Faltblatt war ein Klassiker) eine Seite widmet, etwas mehr Anerkennung hätte das alles aber schon verdient. Was kam denn nach? Feuerstein war mit seinem grandiosen Wortschatz und Formulierungen natürlich perfekt für das Magazin. War ein tolles Heft, danke Mad.
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