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Schlacht am Waterberg "Aufräumen, aufhängen, niederknallen"

Schlacht am Waterberg: "Aufräumen, aufhängen, niederknallen!" Fotos

Im August 1904 sammelten sich deutsche Truppen zur Entscheidungsschlacht gegen die aufständischen Herero. Die Wucht der Rebellion in Deutsch-Südwestafrika hatte die Kolonialisten überrascht - sie rächten sich mit dem ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts. Von Swantje Unterberg

Die ersten Kanonenschüsse hallten um 6.30 Uhr über den Waterberg. "Endlich", so schreibt der Chronist des Großen Generalstabs des Kaiserreichs, war der 11. August 1904 gekommen: "Der Tag, an dem die Würfel über das fernere Schicksal des Hererovolkes fallen sollten!"

Erste deutsche Kolonie: Des Kaisers neues Reich

Erste deutsche Kolonie: Des Kaisers neues Reich

Das Ziel war, den Feind zum Waterberg zu treiben, "wo man ihn dann erdrücken konnte", heißt es in den Aufzeichnungen des Generalstabs. Über Wochen hatten die Deutschen in ihrer ersten Kolonie diese Entscheidungsschlacht gegen die indigene Bevölkerungsgruppe der Herero vorbereitet, Mann und Gerät ins heutige Namibia verschifft und die Truppen in Richtung Norden in Bewegung gesetzt. Sie hatten das Gebiet der Herero umstellt und den Ring um den Waterberg bis zum 11. August immer enger gezogen.

Kurz nachdem "die Sonne blutrot am wolkenlosen Himmel fern im Osten" aufgegangen war, erging der Befehl zum deutschen Angriff.

Doch die Pläne zur Kriegsführung basierten auf Fehleinschätzungen. Der "dichte Busch verhinderte jeden Überblick", die Truppen fanden nicht wie geplant zusammen. Am 12. August signalisierten "starke Staubwolken" im Südosten des Waterbergs den Kolonialsoldaten, dass die Herero den Ring der Deutschen durchbrochen hatten.

Der Zorn wuchs

Die Herero flüchteten in Richtung der Kolonie Britisch-Betschuanaland. Den Weg durch die Wüste sollte jedoch nur ein Bruchteil von ihnen überleben. Die Deutschen halfen nach Kräften nach, sperrten das Gebiet über Monate ab, verfolgten die Herero und besetzten überlebenswichtige Wasserstellen. Ob dies bewusstes Kalkül in der Kriegsführung war oder die Befehlshaber den militärischen Wert des Wüste zufällig ausnutzten, ist in der historischen Debatte umstritten. Der Verlauf wurde zumindest vom Generalstab begrüßt: "Die wasserlose Omaheke sollte vollenden, was die deutschen Waffen begonnen hatten: die Vernichtung des Hererovolkes."

Dem Krieg gegen die Herero gingen bereits zwanzig Jahre Unterdrückung voraus. Die einheimische Bevölkerung galt den meisten Siedlern als Menschen zweiter Klasse: Nur die Weißen seien in der Lage, das Land wirtschaftlich zu entwickeln. Da die Herero aufgrund ihrer primitiven, nomadisierenden Lebensweise unfähig zu einer produktiven Nutzung des Landes seien, so die simple rassistische Logik, müssten sie weichen oder den Weißen als Arbeiter dienbar gemacht werden. Weitgehend entrechtet, ging ihr Land mehr und mehr in den Besitz der Deutschen über. Die Lebensgrundlage des Hirtenstamms der Herero schwand. Ihr Zorn aber wuchs.

Am 12. Januar 1904 brach der Aufstand los. "Ich kämpfe", verkündete Herero-Häuptling Samuel Maharero, "tötet alle Deutschen." Nur Frauen, Kinder und Missionare sollten verschont werden.

Die Herero griffen Farmen an, blockierten Bahnlinien, zerstörten Telegrafenmasten und überfielen Handelsniederlassungen. 123 Deutsche starben, die Wucht des Aufstands traf die Siedler völlig überraschend. "Dass der an sich stumpfe und phlegmatische Herero", so das chauvinistische Pauschalurteil in den Annalen des Generalstabs, angesichts eines Kampfes auf Leben und Tod zu Widerstand in der Lage sei, sei selbst für einen Kenner des Landes nicht vorauszusehen gewesen.

"Aufräumen, aufhängen, niederknallen bis auf den letzten Mann"

Als solcher Kenner des Landes galt Theodor Leutwein, seit elf Jahren Gouverneur in Deutsch-Südwestafrika und Oberhäuptling Maharero freundschaftlich verbunden. Er versuchte nach dem Ausbruch des Aufstands zunächst zu deeskalieren und setzte auf Versöhnung. Doch das "war damals bei der durch die Untaten der Hereros aufgerüttelten öffentlichen Meinung in der Heimat verpönt", schrieb Leutwein in seinen Memoiren.

Die deutschen Siedler forderten mehrheitlich eine kompromisslose militärische Niederschlagung: "Man hört in dieser Beziehung nichts als 'aufräumen, aufhängen, niederknallen bis auf den letzten Mann, kein Pardon'", schrieb der Missionar Elger im Februar 1904 an die Rheinische Missionsgesellschaft.

Auch von der Reichsregierung aus Berlin wurde bedingungslose Unterwerfung der Herero erwartet. Der moderate Leutwein wurde als Kommandeur der Kaiserlichen Schutztruppe abgelöst, im Juni 1904 traf Generalleutnant Lothar von Trotha als sein Nachfolger im heutigen Namibia ein.

"Dieser Aufstand ist und bleibt der Anfang eines Rassenkampfes"

Leutweins Sohn Paul, Soldat und Kolonialschriftsteller, attestierte dem neuen Befehlshaber, er mache "keineswegs einen blutdürstigen Eindruck" mit seiner "fast kindliche Eitelkeit, mit der er durch phantasievolle Nachhilfen seine Uniform und damit seine schöne Figur zur Geltung zu bringen verstand".

Doch der Eindruck täuschte. Trotha führte die Auseinandersetzung gezielt als Vernichtungskrieg. Seine Direktive für die Entscheidungsschlacht am Waterberg lautete: "Angreifen, um den Feind zu vernichten." Zwei Monate nach dem Angriff, am 2. Oktober 1904, präzisierte Trotha seinen Vernichtungswillen im sogenannten Schießbefehl: "Innerhalb der deutschen Grenze wird jeder Herero mit oder ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh erschossen, ich nehme keine Weiber und Kinder mehr auf, treibe sie zu ihrem Volk zurück oder lasse auf sie schießen."

Sein Vorgehen unterfütterte er ideologisch und meldete am 4. Oktober an den Generalstab: Weil sich "der Neger keinem Vertrag, sondern nur der rohen Gewalt beugt", halte er es "für richtiger, dass die Nation in sich untergeht. (…) Sie müssen jetzt im Sandfeld untergehen oder über die Betschuanagrenze zu gehen trachten. Dieser Aufstand ist und bleibt der Anfang eines Rassenkampfes."

"Der Rückzug war ein Zug des Todes"

Der Reichstag in Berlin schlug inzwischen gemäßigtere Töne an. Reichskanzler Bernhard von Bülow machte als Kriegsursache nicht einen unausweichlichen Rassenkampf aus, sondern einen grundsätzlichen Interessenkonflikt zwischen der indigenen Bevölkerung und dem kolonisierenden Staat. Den Schießbefehl musste Trotha auf Bülows Drängen beim Kaiser hin Mitte Dezember zurücknehmen.

Für die meisten Herero war es da aber bereits zu spät: Von den ursprünglich 60.000 bis 80.000 überlebten nur etwa 16.000. Das Sterben der Menschen war qualvoll, wie etwa der Bericht des Oberleutnants Graf von Schweinitz belegt: "Menschenschädel und Gerippe und Tausende gefallenen Viehs lagen" entlang des Pfades. "An vielen Stellen war in 15 bis 20 Meter tiefen aufgewühlten Löchern vergeblich nach Wasser gegraben (...) Alles lässt darauf schließen, dass der Rückzug ein Zug des Todes war."

Aufgrund solcher Berichte kippte auch die Stimmung im Reich, doch Trotha wurde erst im November 1905 abberufen. Die überlebenden Herero wurden in Konzentrationslagern - so auch der von Bülow verwendete Begriff - interniert und mussten Zwangsarbeit leisten. Unter den Bedingungen ging das Sterben der Herero weiter.

Kampf für die "nationale Würde und wirtschaftliche Interessen"

Auch nach dem Krieg fanden sich noch Stimmen, die die Gräueltaten rechtfertigten. Georg Maercker, Major der Schutztruppe von Deutsch-Südwestafrika, resümierte 1907 vor der Deutschen Kolonialgesellschaft: "Vor dem Krieg waren wir lediglich die Geduldeten im Lande. Mit unsäglichem Hochmut und starkem Dünkel sahen die Eingeborenen auf uns herab. Dem musste ein Ende gemacht werden, denn das vertrug sich weder mit unserer nationalen Würde noch mit unseren wirtschaftlichen Interessen."

Ein Schuldbekenntnis der Deutschen kam spät. Erst 100 Jahre nach der Schlacht am Waterberg bat die damalige SPD-Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul die Nachfahren der überlebenden Herero mit christlichen Worten "um Vergebung unserer Schuld". Eine Wortwahl, die keine Konsequenzen forderte. Denn wirtschaftliche Interessen der Bundesrepublik scheinen die Einordnung der Geschehnisse bis heute zu überschatten: Obgleich Historiker den Krieg mehrheitlich als Völkermord einstufen, hat sich die Bundesregierung dem noch nicht angeschlossen. Auch eine offizielle Entschuldigung blieb weiterhin aus. Beides könnte, so befürchtet man offenbar in Berlin, Forderungen nach Entschädigung begünstigen.

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1. sich mit dem ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts
Stephan Haag, 08.08.2014
Völkermord aus heutiger Sicht. Damals war das, so hart es klingt, kein Völkermord.
2. Sachlicher wäre besser
Claus Adam, 08.08.2014
Der Hauptgrund des Hererokriegs war deren Verarmung durch die Rinderpest, die aus einem Hirtenvolk ein Volk von Landarbeitern gemacht hatte. 80.000 ist die absolut höchste Schätzung für die Zahl der Herero vor dem Krieg, geringere gehen von 35.000 Menschen aus. Neben den 123 toten Deutschen am Anfang starben weitere 1400 deutsche Soldaten im weiteren Verlauf des Krieges (meist an Krankheiten). Die Nennung aller Fakten macht einen geschichtswissenschaftlichen Artikel einfach seriöser.
3. Korrekturen
Boris Preckwitz, 08.08.2014
Der Artikel ist Ausdruck einer politisch motivierten Pseudo-Geschichtsschreibung. Zunächst ist festzustellen, dass der erste, grausame und opferreiche Genozid des 20. Jahrhunderts zwischen 1899-1902 von USA im amerikanisch-phillippinischen Krieg verübt wurde. Auch die Amerikaner, ebenso wie die Briten im Burenkrieg, richteten dabei Konzentrationslager ein. Zweitens begann der Herero-Aufstand mit der Ermordung deutscher Zivilisten - in heutiger Terminologie handelt es sich also um terroristische Akte bzw. um Kriegsverbrechen der Herero (sofern man den Aufstand als Krieg bezeichnen will). Weiterhin ist fraglich, ob die überwiegend vom Kommandeur von Trotha im Alleingang beschlossenen Maßnahmen als Handlungsabsicht der deutschen Reichsregierung gesehen werden können. M.E. ist dies nicht der Fall. Zudem führten die Deutschen selten mehr als 2000 Soldaten ins Feld - gegen eine vielfache Übermacht, die mit dem Gelände in der Waterberg-Gegend, übrigens auch mit der Omaheke bestens vertraut war. Im Verhältnis zu den Kolonialverbrechen anderer europäischer Länder, etwa Englands oder Frankreichs, die noch bis in die 1960er Jahre verübt wurden, trägt Deutschland eine sehr geringe Verantwortung. Das verständliche Bemühen um postkoloniale Gerechtigkeit führt aber in Artikeln wie diesen zur Geschichtsverfälschung.
4.
Markus Kranz, 08.08.2014
Selbst wenn die Regierung den Völkermord anerkennen würde, gäbe es ja doch niemanden mehr, der entschädigt werden könnte. Was mich zu dem Gedanken bringt, wie andere Nationen eigentlich mit der Last ihrer Geschichte umgehen? Wenn man z.B. an die Greueltaten der Engländer in Indien denkt. Oder die der Franzosen in Afrika.
5. wie sieht denn eine offizielle Entschuldigung aus?
Jochen Mayer, 08.08.2014
Also ein Mitglied der Regierung bittet um die Vergebung von Schuld: wenn das keine offizielle Entschuldigung der Regierung ist, was fehlt denn dann noch?
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