Heydrich-Biografie "Abstoßend ist vor allem seine antrainierte Kälte"

Heydrich-Biografie: "Abstoßend ist vor allem seine antrainierte Kälte" Fotos

"Blonde Bestie", "Dämon", "Todesgott": Holocaust-Organisator Heydrich gilt als Inkarnation des Bösen - sein Leben wurde nie systematisch erforscht. Robert Gerwarth ist Verfasser der ersten großen Heydrich-Biografie. Auf einestages erzählt er, wie der Einzelgänger zum Chefplaner des Massenmords wurde.

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Eigentlich sollte Reinhard Tristan Eugen Heydrich Musiker werden. 1904 im preußischen Halle an der Saale als Sohn des Komponisten und Opernsängers Bruno Heydrich geboren, konnte der spätere Holocaust-Organisator Heydrich schon mit sechs Jahren Noten lesen, Klavier und Geige spielen. 1922 trat er jedoch in die Reichsmarine ein und brachte es bis zum Oberleutnant zur See. Als Heydrich es massiv an Feingefühl fehlen ließ - eine frühere Liebschaft beendete er, indem er der Dame eine Anzeige schickte, die seine eigene Verlobung mit seiner späteren Ehefrau Lina von Osten bekanntgab - entließ ihn die Marine-Leitung wegen "ehrenwidrigen Verhaltens".

Seines Jobs und seiner bürgerlichen Existenz beraubt, erkannte der geschasste Oberleutnant in der SS ein willkommenes Karriere-Sprungbrett - zumal er mit einem Engagement in Adolf Hitlers Repressionsapparat seine Verlobte, eine glühende Nationalsozialistin, sowie deren Familie für sich einzunehmen vermochte. Binnen kürzester Zeit stieg Heydrich zum führenden Organisator des Holocausts auf.

Am 27. Mai 1942 verübten tschechoslowakische Widerständler ein Attentat auf den Chef des gefürchteten Reichssicherheitshauptamtes (RSHA) sowie stellvertretenden Reichsprotektor in Böhmen und Mähren, wenige Tage später erlag der 38-jährige Heydrich seinen Verletzungen. Der Historiker Robert Gerwarth, Jahrgang 1976, hat nun, rund 70 Jahre nach dem Attentat auf den Chefplaner der "Endlösung der Judenfrage", die erste große Heydrich-Biografie vorgelegt.

einestages: Die Persönlichkeit Heydrich hat Heerscharen von Schriftstellern, Regisseuren und Journalisten beschäftigt. Dennoch gab es bislang keine wissenschaftliche Biografie über ihn - warum?

Gerwarth: Anders als der junge Himmler oder Goebbels hat Heydrich kein Tagebuch geführt, sein Nachlass, seine Redetexte, Dokumente und Schriften sind auf zahllose Archive in sieben Ländern verstreut. Zudem hat sich die NS-Forschung seit den siebziger Jahren weit von biografischen Ansätzen entfernt. Das hat sich erst in den letzten Jahren gewandelt.


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einestages: Sie haben sechs Jahre an der Biografie gearbeitet. Was hat Sie an Heydrich am meisten schockiert?

Gerwarth: Abstoßend ist an der Figur Heydrichs nach 1931 eigentlich alles, vor allem aber seine antrainierte Kälte, die Kombination aus anfänglich rein karrieristischem Denken, beflissener Effizienz, später dann fanatischer Ideologie und kaltem Verbrechertum.

einestages: Wie nähert man sich einem solchen Menschen?

Gerwarth: Die Annäherung an diese Figur war nicht leicht. Um Heydrich wirklich zu verstehen, habe ich mich ihm mit der Methode genähert, die ich als "kalte Empathie" bezeichnen würde. Ich habe versucht, sein Leben mit kritischer Distanz zu rekonstruieren, ohne zu urteilen und zu verurteilen, wie dies etwa ein Richter oder Staatsanwalt bei einem Kriegsverbrecherprozess tun würde.

einestages: Das war sicher mitunter hart für Sie, oder?

Gerwarth: Für mich als Historiker der zweiten Nachkriegsgeneration ist das wahrscheinlich leichter als für jene Generation von Historikern, die entweder selbst den Krieg als Kinder miterlebt haben oder deren Väter selbst noch Opfer oder Täter waren. Das heißt nicht, dass die Arbeit an dem Buch nicht belastend gewesen wäre. Es gab Momente, wo ich die Arbeit am liebsten abgebrochen hätte. Heydrichs Zynismus und seine Bereitschaft massenhaften Mord in Kauf zu nehmen, wachsen mit seiner Machtfülle. Da wird es natürlich immer schwieriger, seine Entscheidungen mit kühlem Kopf und "kalter Empathie" nachzuvollziehen.

einestages: Was war Grund dafür, sich mit dem Holocaust-Organisatoren zu befassen?

Gerwarth: Das Fehlen einer wissenschaftlichen Heydrich-Biografie hat mich schon längere Zeit irritiert. Er taucht zwar als Figur in nahezu allen Büchern zum "Dritten Reich" auf, aber eher schemen- und schattenhaft, als dämonisches "Gesicht des Bösen"...

einestages: …mit Beinamen wie "blonde Bestie", "Dämon", "junger böser Todesgott": Warum gilt gerade Heydrich, nach dem Attentat von den Nationalsozialisten als Märtyrer glorifiziert, bis heute gemeinhin als Inkarnation des Teufels?

Gerwarth: In gewisser Weise ist das Nachkriegsbild Heydrichs nichts anderes als die radikale Umkehrung der NS-Propaganda. Aus dem "besten Blonden" wurde eben die "blonde Bestie", aus dem "idealen SS-Mann" der "Todesgott". Was im Nationalsozialismus als vorbildlich galt - Kompromisslosigkeit, rücksichtsloses Aufsteigertum, Tatendrang ohne ethische Rücksichtnahme auf Nicht-Deutsche -, das galt nach 1945 eben zu Recht als schlecht und moralisch verwerflich.

einestages: Allerdings ist die Popularität Heydrichs im rechtsradikalen Milieu, anders als etwa im Fall Himmlers, nach wie vor ungebrochen. Woran liegt das?

Gerwarth: Diese andauernde Glorifizierung am rechten Rand, etwa in den USA, wo ihm prominente Neonazis wie der NSDAPAO-Chef Gary Lauck eine glorifizierende Website gewidmet haben, liegt nicht nur an Heydrichs Erscheinung, sondern auch an seinem frühen Tod. Er starb 1942, als die Wehrmacht im Osten noch Schlachten gewann, was wiederum den absurden Mythos der Rechten beflügelte, das Dritte Reich hätte den Krieg gewonnen, wenn Heydrich noch am Leben gewesen wäre.

einestages: Wie wurde aus dem in seiner Jugend eher unpolitischen, unsicheren Einzelgänger Heydrich einer der führenden Verantwortlichen des Genozids?

Gerwarth: Heydrich kam deutlich später zum Nationalsozialismus als andere Spitzenfunktionäre des "Dritten Reiches". Seine Kameraden in der Marine beklagten sogar oft sein fehlendes nationales Engagement. Das änderte sich erst 1930/31, zum Teil durch den Einfluss seiner bereits stark nationalsozialistisch gesinnten Verlobten, zum andern durch seine Entlassung aus der Marine. Der verzweifelte Wunsch nach einer zweiten Karriere in Uniform und das Bedürfnis, seine Zukünftige und ihre Angehörigen von der eigenen Heiratsfähigkeit zu überzeugen, dürften die vorherrschenden Motive für Heydrichs Entschluss gewesen sein, sich um eine Stellung in der SS zu bewerben. Erst zwischen 1931 und 1936 wandelt sich Heydrich zum ideologischen Überzeugungstäter, zum "Klassenbesten" in Himmlers schwarzem Orden.

einestages: Egal ob beim Fechtturnier oder der Organisation der "Endlösung der Judenfrage": Heydrich versuchte stets, der Beste, Radikalste, Schnellste zu sein. Warum?

Gerwarth: Sein besonders ausgeprägter und im Grunde genommen unübertroffener Radikalismus in den dreißiger und vierziger Jahren speist sich sicher aus dem Bedürfnis, den "Mangel" der späten Konversion zum Nationalsozialismus zu kompensieren.

einestages: Pflegte ein Mensch wie Heydrich Freundschaften?

Gerwarth: Er war eher Einzelgänger, unterhielt aber durchaus enge Freundschaften mit Leuten, die seinen Radikalismus teilen, etwa mit Herbert Backe, dem Vordenker des "Hungerplans" zur Tötung von Millionen Osteuropäern, oder dem "Euthanasie"-Befürworter Max de Crinis. Auch mit Himmler war das Verhältnis sehr viel enger als lange Zeit angenommen.

einestages: Plagten den Massenmörder niemals Selbstzweifel ob seiner kaum fassbaren Taten?

Gerwarth: Moralische Zweifel sind bei Heydrich nicht nachweisbar. Vielmehr gehört es zu seinem pervertierten Moralverständnis, dass er sich - wie Himmler auch - als "Opfer" einer schlechten Welt fühlte, einer Welt, die es ihm aufzwinge, hart und grausam zu sein, um eine "bessere" Welt zu schaffen.

einestages: Mit Ihrer Biografie widerlegen Sie die alte These, dass Manager des Massenmordes wie Heydrich oftmals kriminelle, kranke Außenseiter aus der Unterschicht waren.

Gerwarth: Dass es sich bei den Haupttätern des Holocaust oft um überdurchschnittlich gebildete, aufstiegsorientierte und psychologisch in aller Regel "normale" Männer aus der Mitte der deutschen Gesellschaft handelte, ist mittlerweile gut dokumentiert. Dass Heydrich neben seiner Verantwortung für den Tod von Millionen gerne auch mal zur Geige griff oder bei Mozartkonzerten eine Träne verdrückte, dieser scheinbare Widerspruch fügt sich in dieses Bild ein.

einestages: Machten die Deutschen nach dem Krieg die Verantwortlichen des Holocaust zu jenen sadistischen Monstern, weil dies einfacher für alle war?

Gerwarth: Ganz eindeutig. Wenn die Täter aufstiegsorientierte Universitätsabsolventen aus bürgerlichem Hause waren, ohne erkennbare psychische Störungen, dann sind einem die Täter auf einmal näher, als man das gerne hätte. Die Betonung der Täter als sadistische soziale Außenseiter hatte etwas Beruhigendes - nicht nur in Deutschland, sondern auch im englischsprachigen Ausland, wo dieses Bild ebenfalls - und das sogar bis heute - gepflegt wird.

einestages: Heydrichs Witwe Lina besaß maßgeblichen Einfluss auf die Politisierung ihres Mannes und sollte nie ein Wort des Bedauerns über seine Taten verlieren. Dennoch bezog sie nach dem Krieg Rente vom deutschen Steuerzahler - wie war das möglich?

Gerwarth: Das fragten sich viele Zeitgenossen und insbesondere Überlebende des Holocaust auch. Das Problem ist aber, dass schlechter Einfluss nicht justitiabel ist. Da Heydrich zu Lebzeiten nie als Kriegsverbrecher verurteilt, sondern als ein im Feld gefallener deutscher General geführt wurde, hat sich Lina Heydrich mit ihrem Anspruch auf eine Witwenrente durchgesetzt. Als wollte sie den Staatsanwalt und die deutschen Medien verhöhnen, die das Urteil des Gerichts empört kritisiert hatten, wählte sie als Titel für ihre Memoiren "Leben mit einem Kriegsverbrecher".

Das Interview führte Katja Iken.

Zum Weiterlesen:

Robert Gerwarth: "Reinhard Heydrich". Siedler Verlag, 2011, 480 Seiten.

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1.
Markus Stichel 21.09.2011
Wirklich? Es gab bislang keine wissenschaftlichen Biographien über Reinhard Heydrich? http://www.amazon.de/Reinhard-Heydrich-Statthalter-totalen-Macht/dp/3762805172 http://www.amazon.de/gp/product/3800414821/ref=pd_lpo_k2_dp_sr_1?pf_rd_p=471061493&pf_rd_s=lpo-top-stripe&pf_rd_t=201&pf_rd_i=3762805172&pf_rd_m=A3JWKAKR8XB7XF&pf_rd_r=0ASF72R8Y3D3412PM6H3 Große Rechercheleistung!
2.
Thomas Hoffmann 22.09.2011
Welch geistreicher Kommentar. Die Betonung liegt auf wissenschaftlich.
3.
Johannes Hass 22.09.2011
Nun, das sind sicherlich Biographien - aber es ist nicht notwendigerweise eine _wissenschaftliche_ Biographie. Da besteht dann doch ein gewisser Unterschied.
4.
Siegfried Wittenburg 22.09.2011
Letztendlich sind linke und rechte Diktaturen in ihrem Kern deckungsgleich. In beiden trifft man auf Hass, Missgunst und Gewalt zur Schaffung persönlicher Vorteile. Die stärksten Instrumente sind Menschenverachtung und Brutalität.
5.
Matthias Galvez 22.09.2011
vielleicht sollten wir aufpassen, daß wir mit all den Leistungsträger und Selbstoptimierer-Kult nicht neue Heydrich Charaktere heranzüchten. Leistungs ohne Mitgefühl, daß einstige Nazi Ideal kommt doch den lehren unserer heutigen Zeit wieder beängstigend nahe.
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