Hilfe für Verfolgte Als Kind vor den Nazis versteckt

Als seine Familie 1942 einen Deportationsbefehl erhielt, gab die Mutter von Helmut Wolff ihren Sohn zu einer Freundin und vergiftete sich. Für den Fünfjährigen begann eine Odyssee von Versteck zu Versteck - sein genaues Geburtsdatum kennt er bis heute nicht.

Helmut Wolff

Wahrscheinlich wurde Helmut Wolff am 25. Dezember 1936 in Parchim als uneheliches Kind der Schauspielerin Anna Maria Wolff geboren - das Geburtsjahr ist bis heute nicht eindeutig zu klären. Verschiedene Dokumente tragen das Geburtsjahr 1933 oder 1938, die Umstände und seine Erinnerungen sprechen jedoch für 1936.

Sein Vater war ein Rechtsanwalt aus Parchim, der die Beziehung zur Mutter beendete, als er von ihrer jüdischen Abstammung erfuhr. Helmut Wolff hat ihn nie kennen gelernt. Großvater Gottfried Wolff war bis zum Berufsverbot durch die Nationalsozialisten Rechtsanwalt und Notar, eine zentrale Persönlichkeit in der Kleinstadt Parchim. Er lebte mit seiner Ehefrau Lydia bis zur Reichspogromnacht am 9. November 1938 in Mecklenburg-Vorpommern.

Helmut verbrachte die ersten zwei Jahre seines Lebens allein mit seiner Mutter in Rostock, Warnemünde, Schwerin und in Parchim bei den Großeltern. Als am 10. November 1938 auch in Parchim die Synagoge brannte, verwüsteten SA-Schergen und Nachbarn die Kanzlei von Gottfried Wolff und plünderten das Wohnhaus der Familie, in dem auch Helmut und Anna Maria zu dieser Zeit wohnten.

Die Wolffs zogen Anfang 1939 nach Hamburg-Eppendorf, wo sie ohne Möbel und Hausrat eine Wohnung in der Isestraße 65 bezogen. Als am 1. September der Zweite Weltkrieg ausbrach, rannte der nun fast dreijährige Helmut durch das ganze Haus und verkündete freudig den Kriegsausbruch.

Ein gefährlicher Schulweg

Seine Mutter lernte bald einen neuen Mann kennen, den jüdischen Millionär Robert Donald Kugelmann, der immer noch eine Villa im Harvestehuder Weg 55 bewohnte. Bald zog Anna Maria Wolff zu ihm, während ihr Sohn zunächst bei den Großeltern in der Isestraße blieb. Ab 1941 ging er in die Grundschule Kielortallee ins zweite Halbjahr einer ersten Klasse, von Ostern 1942 besitzt er ein Grundschulzeugnis.

Warum er überhaupt eingeschult werden konnte, obwohl jüdische Kinder ab 1938 keine staatlichen Schulen mehr besuchen durften, bleibt im Dunkeln. Seine Schulzeit endete jedoch bereits nach einem halben Jahr, die Großeltern unterrichteten ihn von nun an Zuhause.

Heute fehlen ihm alle Erinnerungen an seine kurze Schulzeit. Nur an eine Attacke kann er sich erinnern: Auf dem Weg zur Schule bewarfen ihn andere Kinder mit Hundekot. Noch auf dem Hinweg kehrte er deswegen um und lief zurück nach Hause. Und noch etwas blieb ihm aus dieser Zeit in Erinnerung: Da war ein Feind, der wusste, dass Helmut Jude war. Es war ein etwas älterer Junge, der über einer Kneipe an der Ecke Isestraße/Eppendorfer Baum wohnte. Immer mal wieder, wenn Helmut auf der Straße spielte, bezog er Prügel von diesem Jungen.

1941 heirateten Anna Maria Wolff und Robert Donald Kugelmann, Helmut zog zu ihnen. Robert Kugelmann adoptierte den Jungen nicht, trotzdem war der 45-Jährige eine Art Vater für ihn. Schon während Helmut Wolff bei den Kugelmanns wohnte, gingen die ersten Transporte mit Hamburger Juden in die Lager in Lodz, Minsk und Riga.

Retterin aus der Ufa-Glitzerwelt

Im Juli 1942 besuchte eine alte Freundin von Anna Maria Kugelmann das Ehepaar in der Villa im Harvestehuder Weg. Ilse Alexander, jüdische Ehefrau des Schauspielers Georg Alexander, schon in den Zwanziger Jahren durch Filme wie "Der Mann ohne Namen" bekannt geworden. Ilse Alexander versuchte, ihre Mutter vor der Deportation zu schützen. Die Schauspielergattin verfügte über einen "Persilschein" des Reichspropagandaministers Joseph Goebbels, doch sie intervenierte vergeblich zugunsten ihrer Mutter bei der Gestapo.

Am 11. Juli 1942 wurde Bertha Brach zusammen mit 299 anderen Jüdinnen und Juden aus Hamburg und Umgebung nach Auschwitz deportiert. Nur acht Personen aus diesem Transport kehrten nach dem Krieg aus den Lagern zurück - die 63-jährige Schwiegermutter des Mannes, der noch 1938 zusammen mit Zarah Leander und Heinrich George im Film "Heimat" mitspielte, war nicht unter ihnen.

Konnte Ilse Alexander ihre Mutter nicht vor ihrem schrecklichen Schicksal beschützen, wurde sie doch zur Retterin des kleinen Helmut Wolff. Auch das Ehepaar Kugelmann und die Großeltern Wolff hatten einen Deportationsbefehl erhalten. Sie alle wurden aufgefordert, sich am 19. Juli 1942 auf der Moorweide einzufinden, der Sammelstelle für die jüdischen Bewohner Hamburgs vor ihrer Deportation, die heute den Namen "Platz der jüdischen Deportierten" trägt. Gleiches galt für den fünfjährigen Helmut.

Einziger Ausweg: Freitod statt Deportation

Weder das Ehepaar Kugelmann, noch das Ehepaar Wolff erschienen am 19. Juli 1942. Gottfried und Lydia Wolff legten sich am 18. Juli 1942 an die Elbe, nachdem sie eine Überdosis Schlaftabletten eingenommen hatten. Das Hochwasser nahm sie mit und schwemmte sie an anderer Stelle wieder an. Robert Donald und Anna Maria Kugelmann vergifteten sich am Vormittag des 19. Juli 1942 in ihrem Haus. Ein Transport mit 771 Jüdinnen und Juden verließ Hamburg in Richtung Theresienstadt ohne ein Mitglied der Familie Wolff.

Helmut Wolff erlebte den Tod seiner Mutter und seines Stiefvaters nicht mit. Einige Tage zuvor hatte Ilse Alexander ihn in ihre Obhut genommen. Sie war mit ihm nach Potsdam gefahren, auf die Halbinsel Neufahrland, wo die Villa der Alexanders stand. Das Risiko, das Helmut Wolffs Retterin mit diesem Freundschaftsdienst für Anna Maria Kugelmann einging, war groß - hatte sie doch gerade erfahren müssen, dass der Schutz, den sie selbst genoss, sich noch nicht einmal auf die eigene Mutter erstreckte. Die Aufnahme des fremden Judenkindes hätte den Tod für die mutige Schauspielergattin und das Karriereende ihres Mannes bedeutet.

Der kleine Helmut wusste nicht, was passiert war. Er glaubte, er sei im Urlaub. Ein bisschen war es auch so, obwohl er bis jetzt niemals Urlaub gemacht hatte. In die Schule gehen musste er nicht mehr. Helmut genoss viele Freiheiten auf dem riesigen Grundstück des kinderlosen Ehepaars Alexander. Der Junge durfte allein auf dem See rudern und schloss Freundschaft mit einem Fischer auf einer kleinen Insel im See. Oft war er bei ihm, denn obwohl die Villa zu seinem neuen Zuhause wurde, entwickelte sich kein familiäres Verhältnis zu dem Schauspielerehepaar. Es waren der Fischer und die Hausangestellten der Villa, mit denen der kleine Junge sich verstand.

Odyssee von Potsdam nach Hamburg

Irgendwann Ende 1942 gaben ihn seine ersten Retter zurück nach Hamburg zu einer Bekannten des Ehepaars. Er zog zu einer Frau Traubel, die selbst Jüdin war. Ob sie eine Bekannte von Anna Maria Wolff oder Ilse Alexander war - diese Frage lässt sich ebenso wenig beantworten wie die nach dem genauen Datum des Umzugs. Trotz aller anfänglichen Fremdheit bei den Alexanders in Potsdam fiel Helmut die Trennung schwer. Noch viele Monate später sehnte er sich nach "Tante Ilse".

Es waren vielleicht ein, zwei Monate im Herbst oder Winter 1942, in denen Helmut Wolff bei Frau Traubel wohnte, bis er wieder weitergereicht wurde. Er kam zur nichtjüdischen Familie Henne. Doch auch hier blieb der Junge nur wenige Wochen, bis Frau Traubel einen längerfristigen Aufenthaltsort für das Kind finden konnte. Helmut Wolff kam nach Appelbüttel, einem Stadtteil am Südzipfel von Harburg-Wilhelmsburg. Appelbüttel - nah an der Großstadt und doch weitgehend vom Krieg verschont - war der Wohnort von Clara Laser.

Unterschlupf bei der Ersatzoma

Clara Laser war etwa 70 Jahre alt und wie der Ufa-Schauspieler Georg Alexander das, was im NS-Jargon "jüdisch versippt" hieß. Ihr Mann, Salomon Laser, hatte in Harburg ein Kaufhaus für Berufskleidung besessen. Er gehörte zu den wenigen Juden, die die Gefahr rechtzeitig erkannt hatten, die auch vor dem vermeintlich "roten Harburg" nicht Halt machte. Er war mit seinem Sohn - "Mischling 1. Grades" - 1939 in die USA ausgewandert, eine Tochter war zu diesem Zeitpunkt bereits nach Spanien emigriert, die zweite Tochter schlug sich bis zum Kriegsende in Hamburg durch.

War Ilse Alexander wie eine Tante für Helmut Wolff gewesen, so wurde Clara Laser die verlorene Großmutter. Die "Oma", die nun schon als fünfte Person das Risiko einging, ein "Judenkind" illegal aufzunehmen, schottete den Jungen nicht von der Außenwelt ab. Sie schickte ihn zur Schule, er wurde als uneheliches Kind ihrer Tochter angemeldet. So besuchte er die Dorfschule in Marmstorf und später die Volksschule Elisenstraße in Harburg. Für Helmut Wolff war es der erste echte Kontakt mit Gleichaltrigen. Das bedeutete auch, dass er viel Neues erfuhr.

Helmut Wolff, von dem keiner wusste, dass er Jude war, wurde in der Schule behandelt wie die anderen auch. Er kam in die vierte Klasse und konnte nicht verstehen, warum er nicht wie alle seine Mitschüler dem "Jungvolk" beitreten durfte. Damit er nicht zu viel erzählen konnte und sich nicht selbst in Gefahr brachte, hatte ihm bisher keiner gesagt, dass er Jude war. Dass machte ihn zum Problem für die alte Dame, die ihn bei sich aufgenommen hatte. Immer wieder versuchte er Clara Laser davon zu überzeugen, ihm wenigstens ein Fahrtenmesser zu kaufen, wenn er schon nicht zum Jungvolk dürfe.

Nicht noch ein Umzug

Mit zunehmendem Alter und dem ersten Kontakt zu anderen Kindern wurde Helmut schwierig für Clara Laser. Ein Kind, das schon an knapp zehn verschiedenen Orten mit fünf oder sechs völlig unterschiedlichen Bezugspersonen gelebt hatte, war zuviel für die alte Frau. Sie besprach die Situation mit einem Mann, der vermutlich schon vorher an der Unterbringung des Jungen beteiligt war: Dr. Siemers, der frühere Rechtsanwalt von Robert Kugelmann.

Sie bat ihn, den Jungen an anderer Stelle unterzubringen, doch der sah sich außerstande, noch eine weitere Familie für Helmut zu finden. Deswegen redete der Anwalt auf den inzwischen siebenjährigen Helmut ein, dass die jetzige Situation die beste für ihn sei und dass er hier bleiben müsse. Helmut konnte sich noch gut an die vielen Abschiede erinnern. Und so gelobte er Besserung - und Clara Laser beschloss, ihn noch eine Weile bei sich zu behalten.

Ende 1944 kam Helmut Wolff mit der Schule in die Kinderlandverschickung nach Apensen, einem kleinen Ort bei Buxtehude im Alten Land. Bei Obstbauern einquartiert erlebte er das Kriegsende.

Bis jetzt hatte man ihm zwar vom Tod seiner Mutter, Robert Kugelmanns und seiner Großeltern erzählt, nicht aber, warum ständig Spuren verwischt werden mussten: nicht von seiner jüdischen Herkunft. Helmut Wolff wusste als Achtjähriger nur, dass er unter keinen Umständen von sich erzählen durfte.

Zum ersten Mal selbst entscheiden

Kurze Zeit nach der Befreiung kehrte er nach Appelbüttel zu Clara Laser zurück. Irgendwann im Sommer tauchte ihr Sohn in einem amerikanischen Militärjeep auf. Nun musste auch darüber entschieden werden, wo Helmut ab jetzt leben sollte. Clara Laser wollte den Jungen mit nach Amerika nehmen, wo Salomon Laser und der gemeinsame Sohn inzwischen einen Drugstore eröffnet hatten.

Doch es gab eine Alternative, er könnte auch zu der noch in Hamburg lebenden Tochter Margarete ziehen, die inzwischen geheiratet hatte und inzwischen Margarete Bock hieß. Zum ersten Mal konnte der Junge selbst über sein Schicksal mitentscheiden. Er wählte Hamburg, bald darauf zog er zur Familie Bock nach Hamburg-Marienthal.

Nach seiner Schulzeit in Hamburg und Trier begann er ein Studium an der Ingenieursschule und entschied sich nach einem Praktikum bei einem Architekten für ein Architekturstudium. Als Architekt versucht er seit Jahrzehnten Räume zu schaffen, die ihm selbst als Kind genommen wurden.

Dieser Artikel basiert auf einem preisgekrönten Beitrag für den Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten. Weitere Informationen zum Originalbeitrag "Lichter im Dunkeln. Hilfe für Juden in Hamburg 1933-1945" von Benjamin Herzberg können in der Datenbank des Geschichtswettbewerbs recherchiert werden.

Text: Helene Heise



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