Hilfskreuzer Die Piraten des Kaisers

Hilfskreuzer: Die Piraten des Kaisers Fotos
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Blockaden brechen, Minen legen und feindliche Handelsschiffe erobern: Während die kaiserliche Hochseeflotte tatenlos im Hafen lag, sollten im Ersten Weltkrieg umgerüstete Frachter ihren Job übernehmen. Klaus Nergers Großonkel, Fregattenkapitän Karl August Nerger, startete mit dem Hilfskreuzer "Wolf" in geheimer Mission. Von

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In mondloser Nacht und bei schlechter Sicht lief am 30. November 1916 ein Handelsschiff inkognito aus der Kieler Förde aus. Ohne Positionslichter und von einem U-Boot begleitet stampfte es Richtung Norden in die hohen Wellen der stürmischen Ostsee. Da kein Funkverkehr erlaubt war, verlor U-66 unter dem Befehl seines Kommandanten Kapitänleutnant Freiherr von Bothmer schon bald den Kontakt zu dem vorausdampfenden Schiff. Auch ohne Geleitschutz bis zum Erreichen der Nordsee gelang, was zuvor mehrmals abgebrochen werden musste: ein von den Briten unbemerktes Auslaufen des deutschen Hilfskreuzers "SMS Wolf" in die offene See.

Die kaiserliche Hochseeflotte, von Admiral von Tirpitz überdimensioniert konzipiert und der ganze Stolz Kaiser Wilhelms II., lag seit Beginn des Ersten Weltkrieges überwiegend auf Reede. Nur dreimal hatte die Flotte eine Entscheidungsschlacht mit der home fleet der Royal Navy gesucht: Das Seegefecht am 28. August 1914 in den Gewässern vor der Insel Helgoland konnten die britischen Kriegsschiffe für sich entscheiden. Ein Gefecht am 24. Januar 1915 endete auf der Doggerbank ebenfalls mit dem Sieg der britischen Flotte. Und im Skagerrak, wo es vom 31. Mai bis zum 1. Juni 1916 zur Seeschlacht kam, mussten beide Seiten so schwere Verluste einstecken, dass es keinen eindeutigen Sieger gab.

Danach lagen die großen deutschen Hochseeverbände bis zum Ende des Krieges tatenlos im Hafen. Die deutsche Admiralität beschloss daher, Hilfskreuzer auszusenden, die in feindlichen Gewässern Beute machen und damit die Nachschubversorgung der Alliierten stören sollten.

Möwe, Seeadler und Wolf

Da die Aktionen der vierzehn Hilfskreuzer etwas von Freibeuterei hatten und sozusagen "unter schwarzer Flagge" fuhren, wurden sie auch als "schwarze Schiffe" bezeichnet. Zweien von ihnen war es bereits gelungen, durch die alliierten Sperrgürtel vor den deutschen Häfen der Nord- und Ostsee zu schlüpfen: 1915 hatte die "SMS Möwe" unter Kapitän Graf zu Dohna-Schlodien die Blockade durchbrochen und bis zu seiner Heimkehr im März 1916 etliche Handels- und Kriegsschiffe aufgebracht und zerstört. Auch auf ihrer zweiten Kaperfahrt von November 1916 bis März 1917 war die "Möwe" erfolgreich: Im Atlantik versenkte der Hilfskreuzer 20 Schiffe mit insgesamt 120.000 Bruttoregistertonnen.

Weniger glücklich war "SMS Seeadler" unter seinem Kapitän Felix Graf von Luckner, später unter dem Namen "Seeteufel" bekannt. Zwar gelangen auch ihr 1916 der Durchbruch und einige Prisen. Sie wurde jedoch nach einer Havarie am 5. September 1917 von dem französischen Schoner Lutèce aufgebracht.

Unter strengster Geheimhaltung war das Handelsschiff "Wachtfels" in den vorausgegangenen Monaten von einem Frachter zu einem Hilfskreuzer umgerüstet worden - sein neuer Name: "SMS Wolf". Auch der Mannschaft war das Ziel nicht bekannt. Erst nach dem Auslaufen wurden die 346 Matrosen und Offiziere von ihrem Kapitän, Fregattenkapitän Karl August Nerger, informiert.

Pferde an Bord

451 Tage dauerte die Kaperfahrt. Während der gesamten Zeit waren sie vollständig auf sich alleine gestellt. Eine Kontaktaufnahme mit der Heimat über drahtlose Telegrafie war nicht möglich. Zu leicht hätte der Gegner das Schiff anpeilen können. Nicht nur mit Wind und Wellen hatte "Wolf" zu kämpfen, das Schiff musste sich auch selbst mit Nahrungsmitteln und Treibstoff versorgen.

Das geschah oft erst nach langen, bangen Durststrecken, indem Schiffe alliierter Kriegsteilnehmer vor ihrer Versenkung auf hoher See buchstäblich leer geräumt wurden. Da deren Besatzung gefangen genommen wurde, nahm die Zahl der zu verpflegenden - und zu bewachenden - Personen stetig zu. Zuletzt waren sogar mehr Gefangene als Besatzungsmitglieder an Bord.

Eines Tages wurde ein Truppentransporter mit Pferden erbeutet. Die Tiere wurden sofort geschlachtet, denn Frischfleisch verhindert den gefährlichen Skorbut.

Die meisten Besatzungsmitglieder weigerten sich jedoch, das Pferdefleisch zu essen. Der Kapitän gab vor, das Fleisch einpökeln zu lassen. Als die Kombüse nur wenige Tage später erneut Fleisch anbot, das gerne genommen wurde, fragte Nerger seine Leute: "Na, wie hat euch das Fleisch geschmeckt?" Nachdem alle sich positiv geäußert hatten, sagte er: "Jetzt, Männer, wisst Ihr, wie Pferdefleisch schmeckt!"

Der erste Kreuzer mit eigenem Wasserflugzeug

Ob sich eventuelle Prisen in der Nähe befanden, wurde durch das Abhören des feindlichen, damals noch unverschlüsselten Funkverkehrs festgestellt. Lokalisiert und auch schon einmal durch das Abwerfen einer Bombe gestoppt, wurden die Schiffe von dem bordeigenen Wasserflugzeugs "Wölfchen", ein Albatros-Doppeldecker, der vor jedem Einsatz allerdings zusammengesetzt und anschließend demontiert werden musste.

Auf diese Weise gelang es Nerger, 35 Handels- und zwei Kriegsschiffe mit insgesamt 110.000 Bruttoregistertonnen im Atlantik, dem Indischen und dem Stillen Ozean zu kapern und zu versenken. Manche der Schiffe wurden auch mit Teilen der eigenen Besatzung bestückt, um so getarnt ebenfalls Kaperkrieg zu führen. Die schafften es allerdings nicht bis nach Deutschland zurück.

Eine weitere Aufgabe hatte der Hilfskreuzer: Minenlegen. "Wolf" hatte Minen an Bord, die er vor den Reeden von Kapstadt, Bombay, Colombo und Singapur verteilte. Da viele der versenkten Schiffe noch keine Funkstube hatten beziehungsweise ihre Funksprüche nicht mehr rechtzeitig absetzen konnten, fielen die Verluste zunächst nicht weiter auf.

Nur vier Mann Verlust

Erst gegen Ende des Jahres 1917 wurde die Admiralität der Alliierten aufmerksam, konnte das feindliche Schiff jedoch nicht orten. Als auch aus den Gewässern um Australien und Neuseeland Schiffsverluste registriert wurden, legte die Admiralität, um die dortige Handelsflotte und die Bevölkerung nicht zu beunruhigen, über die jetzt eingehende Verlustmeldung eine absolute Nachrichtensperre.

Im Februar 1918 gelang es "Wolf" erneut, die britische Blockade unentdeckt zu durchbrechen und am 16. des Monats mit 467 Kriegsgefangenen unbehelligt in den Heimathafen Kiel einzulaufen - nicht ohne dort großes Erstaunen hervorzurufen, denn die deutsche Admiralität hatte das Schiff bereits aufgegeben.

In Berlin empfing man jubelnd die Besatzung auf ihrem Weg durch das Brandenburger Tor. Fregattenkapitän Nerger wurde für seine Verdienste mit dem Orden "Pour le Mérite" ausgezeichnet. Nur vier Besetzungsmitglieder kehrten nicht in die Heimat zurück; sie kamen bei der Explosion eines Heizkessels ums Leben.

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1.
Wilfried Huthmacher 20.04.2010
Der Seeteufel unter Graf Luckner wurde nicht aufgebracht. (Quelle:http://de.wikipedia.org/wiki/SMS_Seeadler_%28Hilfskreuzer%29)"Die Fahrt der Seeadler endete im August 1917, als das Schiff infolge Unachtsamkeit beim Ankern vor Mopelia (zu den Gesellschaftsinseln gehörend) auf ein Riff getrieben wurde. Um seine Offiziere (darunter Carl Kircheiß) in Schutz zu nehmen, verbreitete Luckner später die Behauptung, eine Tsunami-artige Welle habe das unbewachte Schiff auf das Riff geworfen und zerstört."
2.
Stephen Phillips 22.02.2012
"[...]Lokalisiert und auch schon einmal durch das Abwerfen einer Bombe gestoppt, wurden die Schiffe von dem bordeigenen Wasserflugzeugs "Wölfchen", ein Albatros-Doppeldecker [...] Nein, eine Friedrichshafen FF 33, keine "Albatros". SMS Möve (ex-Pungo) hatte sogar zwei Feindfahrten mit zusammen 38 Versenkungen und 5 Prisen, von denen sie unbeschadet wieder nach Deutschland zurückkehrte.
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