Himmelsschreiber Wolk of Fame

Himmelsschreiber: Wolk of Fame Fotos
Henkel AG & Co. KGaA

Wenn sie loslegten, starrten Tausende gebannt in die Luft: In den zwanziger Jahren revolutionierten Himmelsschreiber die Reklame. Mit tollkühnen Manövern zeichneten sie riesige Werbebotschaften in den Himmel. Der Erfinder wurde erst belächelt - und dann steinreich. Von

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Auf einmal war der Mann, der sich nicht als profaner Pilot, sondern als Künstler am Himmel verstand, vom Radar verschwunden. Eine halbe Million Flugkilometer hatte Jörg Steber da schon zurückgelegt, in seinem Leben Tausende Loopings, Sturzflüge und andere waghalsige Manöver sicher gemeistert. Doch an diesem 2. Juli 2006 verunglückte der Luftartist auf einem banalen Rundflug über Hamburg, wie er ihn seit Jahren mehrmals täglich für Touristen aus aller Welt angeboten hatte.

Nur wenige Minuten nach dem Start war in Stebers Wasserflugzeug, einem Oldtimer vom Typ Beaver DHC-2, Feuer ausgebrochen. Das Triebwerk versagte, Steber versuchte eine Notlandung auf der Elbe, doch seine Maschine zerschellte zwischen den Gleisen eines Rangierbahnhofes in der Nähe des Hamburger Spreehafens. Vier Insassen waren sofort tot, Steber starb 16 Stunden später an seinen Verletzungen.

Mit dem Tod des erfahrenen Piloten, der an dem Unglück keine Schuld trug, verlor Hamburg nicht irgendeinen Flugnarren. Sondern den Mann, der als letzter Deutscher noch bis in die achtziger Jahre fast vergessenen Beruf ausgeübt hatte: Jörg Steber war Himmelsschreiber.

Vergängliche, romantische Werbung

Weißen Rauch hinter seinen Flugzeugen herziehend, hatte er einst mit eleganten Flugmanövern verlockende Botschaften an den Himmel gezaubert: Mal war es Werbung für ein Waschmittel, mal der Name eines großen schwedischen Möbelhauses, dann wieder Liebesschwüre und Heiratsanträge. Oder einfach nur ein riesiger Smiley.

Zweifellos erregte die weiße Rauchschrift auch noch in den achtziger Jahren Aufmerksamkeit und entlockte manchen Zuschauern einen nostalgischen Seufzer. Denn die Himmelsbotschaften schienen letzte Relikte aus einer Zeit zu sein, in der Werbung noch einen Hauch von Ruhe, Romantik und Vergänglichkeit ausstrahlte, eine wohltuende Abwechslung zur blinkenden und lärmenden Dauerbeschallung des elektronischen Werbezeitalters. Spätestens nach einer halben Stunde zerflossen die wolkigen Botschaften sanft; die Natur hatte den Himmel wieder in eine werbefreie Zone verwandelt.

Es war ein arbeitsloser britischer Weltkriegsveteran, der als Erster die verrückte Idee hatte, das Flugzeug in einen überdimensionalen Pinsel umzufunktionieren und den Himmel zur größten aller Plakatwände zu machen. Jack Clifford Savage hatte schon 1909 mit Rauchwolken experimentiert aber erst nach dem Ersten Weltkrieg schaffte er den Durchbruch: Erstmals gelang es ihm, Worte an den Himmel zu schreiben, indem er, wilde Kurven fliegend, aus zwei langen Auspuffrohren unter dem Leitwerk Paraffin-Öl in die Atmosphäre blies. Savage hatte sogar daran gedacht, die Wörter spiegelverkehrt in den Himmel zu zeichnen, so dass sie vom Boden aus richtig zu lesen waren.

47.000 Anrufe binnen drei Stunden

Anfangs verlacht von seinen ehemaligen Kriegskameraden aus der Royal Air Force, wurde seine Erfindung schon bald als die Werbetechnik der Zukunft gefeiert - Balsam auf der Seele des knorrigen Außenseiters: Als "Phantast" sei er einst verhöhnt worden, schrieb er später und fügte in beleidigtem Unterton hinzu: "Flugzeugkonstrukteure, die Millionen-Vermögen besaßen, weigerten sich, mir, dem Idealisten … auch nur die bescheidensten Summen für meine 'unsinnigen' Pläne zu leihen."

Doch jetzt, Anfang der zwanziger Jahre, bewies er seinen phantasielosen Kritikern, dass das Fliegen von Wörtern mehr als eine rein technische Herausforderung war - sondern eine echte Goldgrube: 1922 bezahlte die britische "Daily Mail" Savage dafür, während eines Pferderennens den Namen der Tageszeitung an den Himmel zu malen. Legendär wurde ein Jahr später Savages Kunstflug über New York: "Hello USA", schrieb der Pilot in den wolkenlosen Himmel, "Call Vanderbilt 7200". Vanderbilt war ein Luxushotel in New York.

Und tatsächlich: In einer Zeit, in der es noch kein Massenmedium wie das Fernsehen gab, das Radio noch in den Kinderschuhen steckte und Werbung mühsam an Litfaßsäulen tapeziert werden musste, liefen die Telefonleitungen in dem Hotel heiß. Mehr als 47.000 Amerikaner riefen dort innerhalb von drei Stunden an und wurden mit Mitarbeitern des Tabakunternehmers George Washington Hill verbunden. Hill arbeitete damals als Verkaufsmanager für die American Tobacco Company, zu der unter anderem die Marken Lucky Strike und Pall Mall gehörten - und er war aufgeschlossen für ungewöhnliche Werbetechniken.

Berlin starrt in den Himmel

So ließ er sich schon seit Jahren von PR-Spezialisten wie Edward Bernays beraten. Dessen spektakuläre Werbekampagne für Lucky Strike sollte Frauen zum Rauchen in der Öffentlichkeit animieren, indem Zigaretten kurzerhand zu "Torches of Freedom" ("Freiheitsfackeln") umgedeutet wurden. Das war 1920 gewesen, jetzt, drei Jahre später, war Hill begeistert von der erfolgreichen Werbeaktion am Himmel.

Flugpionier Jack Savage bekam von ihm einen millionenschweren Auftrag, stellte eigene Piloten ein und verfügte schon bald über einen Flugzeugpark mit 25 Maschinen - "wohl die größte Privat-Luftflotte der ganzen Welt", wie er stolz bemerkte. Über 300 US-Städten kreisten seine Piloten und hinterließen dort fünf Buchstaben: "LSMFT". Die seltsame Abkürzung kannte damals jedes Kind: "Lucky Strike means fine tobacco!"

Es dauerte nicht lange, bis die himmlische Art zu werben auch in Europa Nachahmer fand. Als erste Firma auf dem Kontinent setzte der deutsche Waschmittelkonzern Henkel systematisch auf das neue Konzept. Im Mai 1927 beauftragte er zwei Piloten damit, ein gigantisches "Hallo Berlin!" in den blauen Hauptstadthimmel zu schreiben - und brachte damit das Leben in der sonst so geschäftigen Stadt fast zum Erliegen.

"Der Potsdamer Platz bot für einige Minuten ein Bild absoluter Ruhe, und straßauf und straßab hielten Autos und Straßenbahnen, gestikulierten aufgeregte Menschen", schrieb Paul Mundhenke, damals Werbeleiter von Henkel. Geschickt ließ man die Berliner eine zeitlang über den Sinn der Grußworte rätseln. Umso besser prägte sich die Botschaft ein, als ein weiteres Flugzeug startete und rund 8000 Kubikmeter Rauch pro Sekunde hinter sich herzog: Jetzt prangte in fetten Lettern "Persil" über Berlin. Der Schriftzug war sieben Kilometer breit.

Der Jungfernflug wurde zum bahnbrechenden Erfolg. Verdutzte und begeisterte Zuschauer schickten der Firma Dutzende Zuschriften und reimten sogar Gedichte. "Das Echo, das die Himmelsschrift geweckt hat", notierte das Unternehmen 1927 stolz, "ist ohne Zweifel das spontanste, das je ein Propagandafeldzug in Deutschland gefunden hat."

Göttliche Botschaften

Sofort engagierte Henkel ein Team von Piloten, die nun regelmäßig zu Reklameflügen starteten. Nach außen informierte der Konzern auf Werbefaltblättern die Menschen detailliert darüber, wie er das Himmelsspektakel organisierte: Die Piloten wurden zu monatelangen Fortbildungen nach London geschickt und trainierten dort zunächst auf Fahrrädern, um zu lernen, wie man in Spiegelschrift schreibt. Intern spielten die Henkel-Juristen gleichzeitig schon einmal Schreckensszenarien durch: Wie würde man auf Regressansprüche reagieren, wenn in die Luft starrende Autofahrer Unfälle verursachten?

Keine ganz abwegige Befürchtung, denn die Deutschen ließen sich von der spektakulären Werbung in helle Aufregung versetzen. Zeitungen berichteten über Panik, nachdem einige Menschen aus der Entfernung fälschlicherweise "Pest" statt "Persil" gelesen hatten. Gläubige sanken ehrfürchtig zu Boden, weil sie den Namen des Waschmittels "IMI" am Himmel als göttliche Abkürzung für Jesus-Maria-Joseph gedeutet hatten.

Andere wiederum waren tief gerührt von der Werbung, die ein Waschmittel in die Nähe des Allmächtigen rückte. "Alle reden nur von Persil, auch die eleganten Herren und Damen, die nichts vom Waschen wissen", berichtete eine Haushaltshilfe. "Ich kriege Tränen in die Augen, dass auf einmal Waschen so wichtig ist, wo es doch mit meiner niedrigen Arbeit zu tun hat." Selbst Kinder schrieben an die Firma Henkel wie sonst nur an den Weihnachtsmann und wünschten sich ihren Namen an den Himmel. Und schon bald sprachen die Deutschen an wolkenfreien Tagen nur noch vom "Persil-Wetter".

"Tschüs Jörg!"

Doch der überwältigende Erfolg währte nicht lange. In den dreißiger Jahren wollten die Nationalsozialisten den Himmel exklusiv für ihre Propagandaaktionen nutzen. Nach dem Machtantritt Hitlers verweigerten sie Henkel daher immer häufiger die Genehmigung für deren Reklameflüge. Zudem wurden die Henkel-Piloten nach und nach in die Luftwaffe eingezogen.

Die Idee der Himmelswerbung überlebte dennoch das Wüten der Nazis, nicht aber die Logik des Kapitalismus: Nach 1945 stellte Henkel zwar wieder Piloten für seine Persil-Reklame ein. Doch gegen die aufkommenden Massenmedien, die mit viel weniger Aufwand und Kosten weit mehr Menschen erreichen, konnte sich die antiquierte Reklametechnik bald nicht mehr behaupten.

Und so gehörte Jörg Steber in den achtziger Jahren zu den ganz wenigen Nostalgikern weltweit, die die alte Werbekunst noch gelegentlich ausübten. Am Tag seiner Beerdigung war dennoch eine Botschaft am Hamburger Himmel zu lesen: "Tschüs Jörg" stand auf einem Banner, das ein Flugzeug hinter sich herzog - in den Himmel schreiben konnte die Wörter jetzt in Deutschland niemand mehr.

Zum Weiterlesen:

Christian Kleinschmidt (Hrsg.): "Kuriosa der Wirtschafts-, Unternehmens- und Technikgeschichte: Miniaturen einer "fröhlichen Wissenschaft". Klartext Verlag, Essen 2008, 252 Seiten.

Jörg Steber: "Der Himmelsschreiber. Geschichte und Technik der Luftwerbung". Aviatic Verlag, 120 Seiten.

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