Himmlers Wirtschaftskonzern Selters und Sudetenquell - Marke SS

Nazi-Organisation mit Nebengeschäft: Ausgerechnet die SS war vor 1945 Deutschlands größter Mineralwasserproduzent. Der naturgläubige Heinrich Himmler wollte seinen selbsternannten Arier-Orden vom Alkohol fernhalten - und übernahm kurzerhand Marken wie Selters und Apollinaris.

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Heinrich Himmler, Sohn eines Prinzenerziehers und studierter Landwirt, trug beim Hitlerputsch 1923 die sogenannte Blutfahne der Nationalsozialisten. Er, der erfolglose Hühnerzüchter, war schon früh ein glühender Anhänger des bekennenden Vegetariers Adolf Hitler. Dieser fragte gelegentlich bei Staatsbanketten seine Bouillon löffelnden Gäste, ob Ihnen die "Leichenbrühe" denn auch schmecke.

Himmler war jedoch nicht nur der treue Heinrich seines "Führers", sondern auch Chef der SS. Im Gegensatz zu den meisten Zeitgenossen sah er diese Hybridorganisation aus staatlichen Instanzen und Parteistellen nicht nur als eine Art öffentliche Einrichtung an. Für ihn war die SS ein Orden, der das ganze Leben seiner Angehörigen bestimmen sollte. So wurde bei Schutzstaffel-Männern statt Weihnachten ein Remake des germanischen Julfests gefeiert, statt Christbaum gab es Julteller und Julleuchter, für deren Produktion eine SS-eigene Porzellanmanufaktur in München-Allach geschaffen wurde.

Auch bestimmte Himmler durch "SS Befehl - A - Nr. 65", dass kein SS-Angehöriger heiraten durfte, ohne dass die Braut von der SS - oft Himmler persönlich - für würdig befunden wurde. Der mächtigste Mann des "Dritten Reichs" nach Hitler ließ es an Fürsorge für seine Ordensbrüder selbst noch im persönlichsten Bereich nicht fehlen: Selbst einzelne, einfache SS-Männer wies er schon mal schriftlich an, mehr Kinder in die Welt zu setzen oder der alten Mutter häufiger Postkarten zu schreiben.

Germanische Kräutertinkturen gegen Kriegsverletzungen

Also war es schlüssig, dass der regelungswütige Himmler auch die Ernährungsgewohnheiten seiner SS-Mannen bestimmen wollte. Bald fanden sich so unter der Vielzahl der SS-eigenen Firmen auch Namen wie "Deutsche Versuchsanstalt für Ernährung und Verpflegung GmbH", "Erholungsheime für naturgemäße Heil u. Lebensweise GmbH" oder die "Deutsche Heilmittel GmbH". Felsenfest nämlich glaubte Himmler, dass die Germanen ein starkes und gesundes Volk gewesen seien, weil sie sich aus Feld und Wald ernährt und auch ihre Medikamente aus der Natur gewonnen hätten.

Der bekannte Ernährungsinspekteur der Wehrmacht, Prof. Dr. Dr. Ernst Günther Schenck fand sich bald in entsprechender Stellung bei der Waffen-SS, um hier eine gesunde Ernährung sicherzustellen. Auch befahl Himmler, germanische Kräutertinkturen für die Behandlung von Kriegsverletzungen testen zu lassen. Allerdings musste der "Reichsführer SS" doch bald einsehen, dass Entwicklung und Umsetzung eines neuen Ernährungskonzeptes und gar einer neuen Pharmabranche mitten in einem Weltkrieg etwas zu ambitioniert war.

Dass Alkoholiker häufiger krank sind als Kräuterteetrinker und nüchterne Soldaten besser kämpfen sind, ließ sich dagegen auch ohne aufwändige Studien feststellen. Himmlers wiederholte Anordnungen an seine Untergebenen, Wasser den Vorzug vor Bier und Wein zu geben, hatten jedoch keinen durchschlagenden Erfolg. Also gab Himmler die Parole aus, dass Wasser billiger als Bier sein müsse - und begann, dem bis dahin aus Verlagen, Stiftungen, Textil- und Holzwerke, Ziegeleien und Steinbrüchen bestehenden SS-Wirtschaftsimperium Getränkehersteller hinzuzufügen.

Die SS beherrschte Europa - und den deutschen Mineralwassermarkt

Diese produzierten vorwiegend - Wasser. Bald gab es allerlei bekannte Marken im SS-Konzern: Selters, Sudetenquell, Apollinaris. Der Wille zur Versorgung der selbsternannten SS-Oberarier mit dem gesunden Gänsewein war da, aber es haperte mit der Umsetzung. So monierte der Wirtschaftsprüfer der SS, es könne "infolge Versäumnis" mit der Lieferung von Mineralwasser nicht begonnen werden, "weil man es unterlassen hat, unmittelbar nach Erwerb der Quelle sofort Flaschen in den verschiedensten Größen bei den Glasfabriken einzukaufen. Mit Beginn des Frühjahrs sind die Flaschenfabriken durch rechtzeitig erteilte Aufträge voll beschäftigt, so dass die jetzt aufgegebene Flaschenbestellung zum Teil erst zum Herbst ausgeliefert werden kann."

Auf dem Höhepunkt des Zweiten Weltkriegs beherrschte die SS so nicht nur Europa, sondern auch den deutschen Mineralwassermarkt. Und natürlich den in den besetzten Ländern. Im Juli 1944 stellte ein Abteilungsleiter des SS-Konzerns einen Überblick über alle SS-Unternehmen zusammen. Hier heißt es: "Das Amt W III umfasst die gesamten Ernährungsbetriebe der Schutzstaffel. Bei Gründung dieser Gesellschaften ließ sich der Reichsführer SS von dem Gedanken leiten, dass ein Großteil Schuld an den vielen Unfällen und Verbrechen der Alkohol trägt. Wollte man den Alkoholgenuss eindämmen, musste ein billiges, auch dem ärmsten Volksgenossen zugängliches Getränk auf den Markt gebracht werden. So kam es, dass die Aktien der Heinrich Mattoni AG, der Apollinaris Brunnen AG sowie die Geschäftsanteile der Sudetenquell GmbH von der Schutzstaffel erworben wurden, die dadurch 75% des Wassermarktes innehat."

Schon ein Jahr später allerdings war der Krieg vorbei, das "Dritte Reich" lag in Scherben und mit ihm auch die Vorherrschaft der SS im Mineralwassersektor. Führende Köpfe des SS-Wirtschaftsimperiums wie Obergruppenführer Oswald Pohl erwarteten ihr Schicksal in Gestalt der Henkersschlinge. SS-Chef Himmler, von den Briten auf der Flucht in der Nähe von Lüneburg aufgegriffen, mochte darauf nicht warten und griff dieses eine Mal doch zur Chemie: Mit einer Zyankalikapsel, die er seit Kriegsbegin ständig bei sich getragen hatte, machte der Massenmörder mit den Anwandlungen eines Gesundbeters seiner Existenz am 23. Mai 1945 selbst ein Ende.

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Jan Starm, 04.11.2008
1.
Ein guter Artikel. Denn über das große Feld der SS-Wirtschaftsbetriebe ist bisher nur vergleichsweise wenig Literatur erschienen. Ein Artikel auf Spiegel Online kann zwar keine wissenschaftliche Tiefe bieten und das ist ja auch nicht Ziel dieses Plattforms. Aber der Artikel ist gut geschrieben und regt dazu an, sich mit diesen Themen näher zu beschäftigen und weitere Details zu erkunden. Besonders gut finde ich, dass abseits der "üblichen" Artikel zur SS auch mal Felder beackert werden, die weniger reißerisch sind aber auch zeigen, wie tief sich die SS auch in "normale" Lebensbereichen wie Getränkeindustrien vorgearbeitet hatte.
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