Hindenburgs Vermächtnis Tod zur rechten Zeit

Hindenburgs Vermächtnis: Tod zur rechten Zeit Fotos

Lange verachtete Reichspräsident Paul von Hindenburg den aufstrebenden Adolf Hitler. In seinem Testament nannte er ihn dann "mein Kanzler". Für den künftigen "Führer" war es der Ritterschlag, der ihm die Macht sicherte - auch, wenn der etwas nachhalf und einen Teil des Dokuments verschwinden ließ. Von Ernst Piper

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1934 war das Schicksalsjahr der nationalsozialistischen Revolution. Damals entschied sich, ob Hitlers Kanzlerschaft eine Episode bleiben oder ob sie der Beginn einer neuen Ära werden würde. Viel hatte Adolf Hitler erreicht, seit er am 30. Januar 1933 von Reichspräsident Paul von Hindenburg zum Reichskanzler ernannt worden war. Er hatte den Reichstag entmachtet, andere Parteien verboten, Oppositionelle aus öffentlichen Ämtern vertrieben, die Landtage aufgelöst, die Gewerkschaften zerschlagen, die Rundfunkanstalten verstaatlicht und sie dem neuen Propagandaministerium von Joseph Goebbels unterstellt.

Und doch stand Hitlers Herrschaft auf schwankendem Boden. Denn ein Großteil der Reichswehr mochte sich nicht mit den nationalsozialistischen Emporkömmlingen identifizieren. Die mächtigen Kirchen sahen den Atheismus der neuen Herren mit erheblichem Misstrauen. Das Auswärtige Amt unter dem parteilosen Reichsminister Konstantin von Neurath war ein Hort konservativer Beamter, die noch in den Traditionen des Kaiserreichs dachten. Überhaupt gab es in den alten Eliten noch viele, die von einer Wiederauferstehung der Hohenzollerndynastie träumten. Einer der prominentesten Monarchisten war Reichspräsident Paul von Hindenburg. Im Frühjahr 1934 gab es daher so etwas wie eine Staatskrise des jungen NS-Regimes. Um seine Macht zu festigen, wartete Hitler auf einen günstigen Moment - Anfang August sollte es soweit sein.

Hindenburg - ein Pflegefall

In der Bevölkerung hatte sich ein Jahr nach Hitlers Amtsantritt Ernüchterung breitgemacht. Die Arbeitslosigkeit war konjunkturbedingt zurückgegangen, aber viele andere Probleme hatte die neue Regierung nicht lösen können. Vor allem der gewerbliche Mittelstand, der unverändert unter der Konkurrenz der Warenhäuser litt, war enttäuscht. Die Arbeiterschaft vermisste greifbare Verbesserungen ihrer Lage. In den großen Industrieunternehmen erreichte die Nationalsozialistische Betriebszellenorganisation (NSBO) bei den Betriebsratswahlen häufig so miserable Ergebnisse, dass sie nie veröffentlicht wurden. Die Bauern waren unzufrieden mit der zentralen Vermarktung landwirtschaftlicher Produkte durch die nationalsozialistische Organisation des Reichsnährstandes. Zugleich hatte der brutale und unkontrollierte Straßenterror der SA viele bürgerliche Anhänger Hitlers verschreckt.

Eine massive Bedrohung war auch Ernst Röhm mit seinen vier Millionen SA-Männern. Röhms Idee, die Parteiarmee der SA in eine Volksmiliz umzuwandeln, lehnte Hitler ganz entschieden ab. Er wollte auf keinen Fall einen Konflikt mit der Reichswehr provozieren. Er hatte deshalb Reichswehrminister Werner von Blomberg und der Generalität immer wieder versichert, die Reichswehr bleibe "der einzige Waffenträger der Nation".

Den Oberbefehl über die Reichswehr hatte der Reichspräsident. Paul von Hindenburg stand damals in seinem 87. Lebensjahr. Seit März 1934 litt er an einer rasch fortschreitenden Nierenerkrankung, die ihn zum Pflegefall machte. Das geistig noch rege Staatsoberhaupt verlegte deshalb im Juni 1934 seinen Wohnsitz auf sein ostpreußisches Gut Neudeck. Schon zuvor, am 11. Mai, hatte Hindenburg sein politisches Testament gemacht. "Dem deutschen Volke und seinem Kanzler!" war das Dokument überschrieben. Zu Beginn zitierte Hindenburg aus seinen 1920 erschienenen Lebenserinnerungen. Damals hatte er noch ganz auf das "deutsche Kaisertum" gesetzt, das ihm der Garant für das Wiedererstarken der deutschen Nation war.

Hindenburgs Testament

Jetzt tönte es ganz anders: "Mein Kanzler Adolf Hitler und seine Bewegung haben zu dem großen Ziele, das deutsche Volk über alle Standes- und Klassenunterschiede zur inneren Einheit zusammenzufassen, einen entscheidenden Schritt von historischer Tragweite getan." Lange hatte es gedauert, bis Hindenburg seine Abneigung gegen den "böhmischen Gefreiten", wie er Hitler gern genannt hatte, überwand. Bis zuletzt hatte er gezögert, ihn zum Reichskanzler zu ernennen. Doch inzwischen war er mit Hitler und seiner Politik sehr einverstanden, nannte ihn sogar "meinen Kanzler".

In Hindenburgs Weltsicht gab es ein politisches Ziel, das alle anderen überragte: die Einigung des deutschen Volkes. Und diesem Ziel hatte Hitler nach seiner Überzeugung besser gedient als alle Regierungschefs vor ihm. Die Wiederherstellung der Monarchie verlor daher für ihn ihre oberste Priorität - allen Bemühungen von Vizekanzler Franz von Papen und anderen Einflüsterern zum Trotz.

Doch die Unruhe im Vorfeld des sogenannten Röhm-Putsches irritierte den alten Herrn. Dass Papen in seiner Marburger Rede vom 17. Juni den begrenzten Konflikt mit Hitler gesucht hatte, beeindruckte Hindenburg überhaupt nicht. Aber das anmaßende Auftreten der SA wollte er nicht dulden. Hindenburg erwog sogar die Verhängung des Kriegsrechts, doch zunächst forderte er Hitler unmissverständlich auf, "die revolutionären Unruhestifter zur Räson zu bringen".

Gefahr im Verzug

Hitler sah, dass Gefahr im Verzug war. In einer konzertierten Aktion, die er mit Hermann Göring, Heinrich Himmler und Reinhard Heydrich abgesprochen hatte, ließ er die gesamte Spitze der SA ebenso ermorden wie zahlreiche Repräsentanten des alten Regimes. Entscheidend dabei war, dass er handelte, bevor die Reichswehr aktiv werden konnte. Dabei hatte Hitler die Rückendeckung Hindenburgs, aber auch die Reichswehrführung verharrte nicht ungern in abwartender Position. Hindenburg intervenierte anschließend lediglich, um sicherzustellen, dass dem verhafteten Führer des paramilitärischen Stahlhelmbundes Theodor Duesterberg und dem unter Hausarrest gestellten Vizekanzler Papen nichts passierte.

Am 3. Juli erstattete Hitler in Neudeck über die Niederschlagung des Röhm-Putsches Bericht. Der Reichspräsident war zufrieden und Goebbels notierte in seinem Tagebuch: "Hindenburg war knorke. Der alte Herr hat Format."

Fürs erste war die Gefahr gebannt. Doch noch lebte Hindenburg - und bestand die Möglichkeit, dass er für sich einen Nachfolger, etwa ein Mitglied der kaiserlichen Familie, empfehlen könnte. Das Bekenntnis zur Monarchie allerdings, das Papen ihm nahegelegt hatte, verbannte Hindenburg in einen separaten Anhang zu seinem Testament. Dieses zweite Dokument nahm Hitler nach Hindenburgs Tod an sich, seither ist es verschollen. Sein Inhalt wurde nie bekannt.

Auf Nummer sicher

Schon seit längerem hatte Hitler Ambitionen, auch das Amt des Reichspräsidenten zu übernehmen. Dass Hindenburg seine Hoffnungen auf eine völkisch-nationale Renaissance auf ihn projizierte und ihn zum Vollstrecker seines monarchistischen Vermächtnisses machte, kam ihm sehr entgegen. Dennoch wollte Hitler auf Nummer Sicher gehen und erließ am 1. August ein Gesetz, das bestimmte: "Das Amt des Reichspräsidenten wird mit dem des Reichskanzlers vereinigt." Der zweite Paragraf war ein Novum der Rechtsgeschichte, er lautete: "Dieses Gesetz tritt mit Wirkung vom Zeitpunkt des Ablebens des Reichspräsidenten in Kraft." Das war dann einen Tag später der Fall.

Was folgte, war eine perfekte Inszenierung nationalsozialistischer Machtausübung. Am 7. August wurde Hindenburgs Leichnam zum Tannenberg-Denkmal überführt, das an den großen Sieg über die Russen im August 1914 erinnerte. Tags darauf wurde Paul von Hindenburg, der "Sieger von Tannenberg", in einem pompösen Staatsakt beigesetzt. Hitler rief: "Toter Feldherr, geh' nun ein in Walhall!" Vom Reichspräsidenten der Weimarer Republik war nun nicht mehr die Rede. Der Gefreite beerdigte den Feldmarschall.

Am 16. August wurde Hindenburgs Testament in der deutschen Presse veröffentlicht. Zwei Tage später rief der Präsidentensohn Oskar von Hindenburg im Rundfunk dazu auf, für Hitler als Nachfolger seines Vaters zu stimmen: "So dringt vom Marschallsturm zu Tannenberg auch in diesen Tagen noch sein Ruf: Schart euch zusammen und steht fest geschlossen hinter Deutschlands Führer. Zeigt nach außen und innen, dass ein unzerreißbares Band das deutsche Volk in einem Willen fest umspannt." Bei der Volksabstimmung am Tag darauf votierten 89,9 Prozent der Deutschen mit Ja, 10,1 Prozent mit Nein. Die Wahlbeteiligung betrug 95,7 Prozent.

Vorauseilender Gehorsam

Bereits am 2. August - der Verstorbene wurde gerade aufgebahrt - hatte Adolf Hitler Hindenburgs wichtigste Kompetenz übernommen. General von Blomberg hatte alle Soldaten einen Eid auf den "Führer" ablegen lassen. Als Reichswehrminister hatte Blomberg gar keine rechtliche Befugnis, den Text des Eides, der bis dahin auf die Verfassung geleistet worden war, zu ändern. Aber er verknüpfte mit diesem Schritt die etwas verwegene Hoffnung, der Wehrmacht, wie die Reichswehr nun genannt wurde, eine starke Position zu sichern. Tatsächlich stärkte er eher die Position Hitlers.

Adolf Hitler war verärgert über 10,1 Prozent Neinstimmen, aber er war nun Parteiführer in einem Einparteienstaat, Regierungschef, Staatsoberhaupt und Oberbefehlshaber der Streitkräfte. Innerhalb von achtzehn Monaten hatte er eine nahezu unbegrenzte Machtfülle erreicht. So ungewiss seine Zukunft noch wenige Wochen zuvor gewesen war, so strahlend sah seine Zukunft jetzt aus.

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Timo Henk, 06.08.2009
Warum wird im letzten Bild die Vereidigung von Reichswehrsoldaten gezeigt? Das hat doch mit einem Votum überhaupt nichts zu tun!
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