Hippie-Fotoschatz Liebe, Knips und Zärtlichkeit

Hippie-Fotoschatz: Liebe, Knips und Zärtlichkeit Fotos
WWYD/John Chikago

Er verehrte Led Zeppelin, liebte sich durch die Göttinger WGs - und probierte jede Kamera aus, die ihm in die Hände fiel. Aus Spaß und ohne Vorkenntnisse hielt John Chikago Ende der sechziger Jahre die deutsche Hippie-Szene auf Zehntausenden Bildern fest. einestages zeigt die originellsten Fotos. Von

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Er möchte jetzt gerne reden über seine vergessenen Fotos. 120.000 Bilder, die er vor Jahrzehnten ohne jeglichen künstlerischen Anspruch geknipst hatte und die er wiederentdeckt hat, in Hunderten Kartons und Ordnern, die sich in seinem Keller bis unter die Decke stapeln. Bilder, die John Chikago an alte Gerüche erinnern, an abgedrehte Kumpels, peinliche Fehltritte, politische Endlosdebatten. Und an Sex mit Frauen, deren Freunde gerade nicht in der WG oder auf einem Hippie-Festival waren. Bilder aus einer Zeit, in der alles möglich schien.

Doch alles braucht seine Zeit. "Zwei Sekunden", sagt John Chikago, "ich drehe mir eben noch eine". Der Telefonhörer fliegt rumpelnd zur Seite, es rauscht in der Leitung, dann ist ein leises Click zu hören. Die Zigarette brennt. Schon vorher hat sich John Chikago einen Joint genehmigt, "um sich auf Vordermann zu bringen." Jetzt kann seine Reise in die Vergangenheit beginnen.

Es ist die Geschichte eines Mannes, der niemals professioneller Fotograf werden wollte, für den eine Kamera "nur ein Kasten mit einem Loch" war - und dem dennoch äußerst ausgefallene, authentische und witzige Fotos aus dem Deutschland der sechziger und siebziger Jahre gelangen. Ein Dokumentar der blühenden Hippie-Szene, der sich nie als Dokumentar verstand. Einige seiner Bilder sind jetzt in Köln in einer Wanderausstellung zu sehen.

Rausschmeißer, Moorbadgehilfe, Briefträger

John Chikago, der aus privaten Gründen nur unter seinem Künstlernamen genannt werden möchte, wuchs wohlbehütet in einer Oldenburger Lehrerfamilie auf. Sein Vater, ein begeisterter Fotograf, schenkte ihm mit acht Jahren eine alte Agfa Clack. Zum Handwerk gab er ihm nur zwei banale Tipps mit: "Versuche, die Kamera möglichst parallel zur Erdoberfläche zu halten. Und fotografiere nur das, was dir Spaß macht."

Der Sohnemann beherzigte die Ratschläge. Er knipste drauflos, ohne darüber nachzudenken, verließ sich auf sein Gefühl, nicht auf die Technik. Seine Kamera wurde schon bald sein ständiger Begleiter - und beendete sogar abrupt sein bis dahin geordnetes Leben: Als John Chikago Nacktfotos von der Tochter seines Schuldirektors machte, flog er mit 17 Jahren vom Gymnasium. Dabei, so lacht er heute, "war das völlig harmlos, sie hatte noch ihren BH an."

Doch Anfang der sechziger Jahre waren die anzüglichen Bilder ein handfester Skandal. Nach dem Rausschmiss zog der pubertierende Teenager auch von zu Hause aus, restlos überzeugt, alleine klarzukommen. Er jobbte mal als Rausschmeißer in einem Hamburger Puff, dann wieder als Bäckereifahrer, Vermessungsgehilfe, Moorbadgehilfe oder Briefträger. Immer dabei: seine Kamera.

Experimente mit Drogen und Kameras

Irgendwann hatte er die Nase voll von den Gelegenheitsjobs und den Sticheleien seiner ehemaligen Schulkameraden, die in ihm den Versager ohne Abitur sahen. Er holte seinen Abschluss an einem Abendgymnasium nach, ging zur Bundeswehr und studierte dann in Göttingen Physik und Mathematik. Das war Ende der Sechziger, in einer Zeit, in der das prüde Nachkriegsdeutschland sich rasant veränderte - und John Chikago hielt den gesellschaftlichen Wandel auf Zehntausenden Bildern fest.

"Wir hatten Zeit zum Leben", fasst er im Rückblick die damalige Grundstimmung zusammen. "Das sieht man meinen Fotos auch an: Die Leute lachen noch." Und John Chikago lachte und lebte und liebte sich durch die Göttinger WG-Landschaft. Er tauchte ab in die Hippie-Szene, begeisterte sich für die Rocksänger Robert Plant und Eric Burdon, begann wie ein Verrückter Nobelpreisträger zu lesen: Alfred Jarry, Luigi Pirandello, Boris Pasternak, dem Erfinder der Romanfigur Doktor Schiwago, von dem John Chikago seinen Künstlernamen ableitete.

Bei all der freien Liebe vergaß er nie die Liebe zu seinem großen Hobby, der Fotografie. Er wechselte seine Kameras fast so häufig wie seine Partnerinnen, er experimentierte mit Bildausschnitten und Belichtungszeiten wie mit Hasch und Gras. Wie im Leben wollte er auch in der Fotografie alles ausprobieren, Kleinformat, Mittelformat, Polaroidfotos; für Kameras wie Minox Instamatic, die zweiäugigen Rollei oder Leica M3 gab er sein letztes Erspartes aus. Ambitionen, damit Geld zu verdienen, hatte er nie.

LSD-Trip bei der Bundeswehr

Vielleicht wirken seine Fotos deshalb so unbeschwert. Er habe, so versichert er, nie etwas arrangiert, sondern meist Freunde fotografiert, die ihn schon lange kannten. "Ich habe einfach immer nur draufgedrückt." Draufgedrückt, wenn in der WG der Joint kreiste. Draufgedrückt, wenn Led Zeppelin auf der Bühne richtig loslegte. Draufgedrückt, wenn die Hippies auf Ibiza ihre bunte Tücher anpriesen. So entstanden Bilder von Freiheit in Zeiten des Kalten Kriegs: Etwa die Aufnahme einer nackten Frau, die selbstbewusst an einem Kornfeld vorbeistolziert - über das gerade ein Kampfjet donnert.

Oder das Foto eines Bundeswehrsoldaten, der mit entrücktem Lächeln an einem Baum lehnt und in die Kamera grinst. Zuvor wollte er während einer Nato-Übung im bayerischen Grafenwöhr von seinen britischen Kameraden Wachhaltetabletten kaufen. Doch die Engländer hatten ihm stattdessen zum Spaß LSD untergejubelt. So geriet das nächtliche Divisionsschießen zur Groteske. "Wir haben uns alle totgelacht, wir fanden den Sternenhimmel geil, fanden alles geil", erinnert sich Chikago, der sich zwei Jahre bei der Bundeswehr hatte verpflichten lassen. Völlig benebelt feuerten die Deutschen in die falsche Richtung und mussten am nächsten Morgen bei ihrem Kommandanten strammstehen.

Nach der wilden Studiumszeit verschwanden solche Aufnahmen erst einmal in Ordnern, vielfach ungesehen, nur von den wenigsten Bildern gab es Abzüge. Und auch John Chikagos Leben änderte sich radikal. Er nahm einen gutdotierten Job in der Privatwirtschaft an, stieg bis ins Management auf. Der einstige Schulrebell hatte auf einmal einen eigenen Chauffeur und verdiente 9000 Mark im Monat. Die wallenden Hippie-Kleider wichen feinen Nadelstreifenanzügen.

Weniger Geld - und Luft zum Atmen

"Am Anfang fand ich das ja cool, doch dann wurde mir das alles zuwider", erinnert er sich. Der Neid, die persönlichen Eitelkeiten, die Mobbing-Angriffe, denen er sich ausgesetzt fühlte. 1983 kündigte er seinen Job. "Ich wollte nicht mehr wichtig sein - und hatte wieder Luft zum Atmen." Er machte sich selbstständig, gab erst seine eigene Foto- und Kunstzeitschrift heraus und arbeitete freiberuflich Schnitt- und Tontechniker für Fernsehproduktionen.

Jetzt, mit 66 Jahren, hat er Zeit. Und beschäftigt sich intensiv mit seinen alten Bildern, die er seit zwei Jahren systematisch einscannen lässt und bisher auf drei kleineren Ausstellungen in Köln, Hamburg und Budapest gezeigt hat. Er wundert sich selbst, über die "tollen Aufnahmen", die er immer wieder entdeckt, "auch wenn natürlich viel Mist dazwischen ist." Zum ersten Mal in seinem Leben sieht sich John Chikago als Fotograf. Er hat plötzlich Vorbilder wie den Franzosen Jacques-Henri Lartigue, den frühen Meister der unbekümmerten Momentaufnahmen.

Dennoch hat er sich seine unprätentiöse Art, Fotografie zu verstehen, bewahrt. "In Deutschland wird die Fotografie zu sehr verwissenschaftlicht", sagt er. "Dabei kann jeder fotografieren. Scheißegal, mit welcher Kamera oder ob die Bilder scharf oder unscharf sind. Es gibt keine Regeln, sonst grenzt man sich zu sehr ein."

Ein bisschen ist John Chikago also bis heute der achtjährige Junge geblieben, der einst den Ratschlag seines Vaters verinnerlichte: Die Kamera möglichst parallel zur Eroberfläche halten - und dann einfach abdrücken.


Die Redaktion bedankt sich für Hinweise zum Bild 19 der Fotostrecke, bestehend aus Bildern des Fotografen John Chikago. Die einestages-Leser hatten festgestellt, dass im Hintergrund der laut Chikago von 1972 stammenden Aufnahme offensichtlich ein Wandposter des US-Fotomodels Anna Nicole Smith zu sehen ist - eine Aufnahme, mit der Smith erst in den neunziger Jahren berühmt geworden war.

Auf Nachfrage der Redaktion teilte John Chikago mit, dass es sich bei der Frau auf dem Poster tatsächlich um Anna Nicole Smith handle. Er habe in den neunziger Jahren zwischenzeitlich mit Photoshop experimentiert, dann aber bemerkt, dass selbst künstlerische Montagen die Authentizität der Bilder zu sehr beeinträchtigten. Leider sei ihm die Aufnahme bei der Bildauswahl für den einestages-Artikel versehentlich "durchgerutscht". Alle anderen Fotos in der gezeigten Serie seien jedoch "definitiv authentisch", inklusive der Aufnahme mit den Kampfjets im Hintergrund.

Die Redaktion bedauert die Veröffentlichung einer Montage, über die sie nicht informiert gewesen war. Zur Dokumentation bleibt das Bild jedoch Teil der Galerie.

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1.
Martin Bitdinger, 25.07.2011
"Inseln, auf denen sie der aufkommenden Konsumgesellschaft entflohen" Ist natürlich Unsinn und eine Lebenslüge. Wir haben NUR konsumiert: Alkohol, Zigaretten, Drogen, Sex, Musik usw.. Dolce vita eben. Fnanziert oft von den Eltern. Wieviel Geld habe ich für Schallplatten und eine gute Anlage ausgegeben. Und wenn ich das Geld noch hätte, daß ich versoffen und verraucht habe... Ein späteter Chef hat damals zu uns (Gewerkschaftsvertreter) gesagt: die Leute wollen nur noch konsumieren aber nicht mehr entsprechend produzieren. Damals wollte ich das nicht verstehen. Heute weiß ich, er hat es auf den Punkt gebracht.
2.
Wolfgang Blank, 25.07.2011
Ganz nette Geschichte, leider mit sehr vielen Fehlern im Text. Wer so viel Arbeit und Liebe investiert, um eine Geschichte zu erzählen, sollte auch noch die Mühe aufbringen, sie sauber zu schreiben.
3.
Alexander Lieven, 26.07.2011
Die beiden Jets im Bild 17 scheinen mir eher Fiat G 91 zu sein. Auf keinen Fall aber Phantom.
4.
Sebastian Lohmann, 26.07.2011
Ich finde die Fotos ziemlich mittelmaessig, da sind die Fotos meines Bekannten aus Luebek aus den 80 er Jahren berliner Hausbesetzerszene und nachfolgende Selbsthilfeprojekte schon noch ein bischen mehr hippiemaessig und interessanter. Filme hat er sogar auch gedreht - in Baggergruben an Teufelsberg und am Goerlitzerbahnhof, Wuhlheide, Betanien u.s.w... irgendwie gibt es beim Spiegel so ein alt 68er der die ollen Kammelen mit Langhans immer wieder aufwaehrmt und so im Jahresabstand immer wieder Berichte ueber die Kommune 1 am Stutti verfassen muss, bestimmt kommt dieser Artikel hier auch aus dieser Ecke beim Spiegel ... schreibt mal ueber was Interessantes aus dieser Szene und lasst die alten Geschichten. Sabbel aus Wet-Berlin , der jetzt im politischen Exil in Kambodscha lebt
5.
Günter Busse, 26.07.2011
Das mit den Drogen war dann leider doch nicht ganz so lustig, wie es hier manchmal scheint. Wie viele hatten später mit Depressionen zu kämpfen, waren verzweifelt, wurden aus der Bahn geworfen, konnten sich nicht mehr integrieren und fanden keine gute Existenz mehr. Ja, und es sind auch einige gestorben oder sie haben sich umgebracht. Natürlich haben wir auch viel Spass mit den Drogen gehabt, viel erlebt - aber die dunkle Seite war eben auh da.
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