Hippie-Zwergstaat Achziv am Mittelmeer Der Sonnenkönig

Eli Avivi war Hippie, Aktfotograf - und Autokrat. Der Israeli gründete 1971 den Mikrostaat Achziv. Als Hymne des Strandparadieses wählte er das Meeresrauschen, als Flagge eine barbusige Meerjungfrau.

Flash90/ Moshe Shai

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Kurz bevor es so weit war, im September 2000, da ging er nach Achziv. Jehuda Amichai, 76, wusste, dass er nicht mehr lange leben würde. Der israelische Jahrhundertlyriker mit deutschen Wurzeln liebte diesen kleinen Ort am Mittelmeer, nahe der israelischen Küstenstadt Naharija und noch näher an der Grenze zum Libanon, und widmete Achziv einen eigenen Gedichtzyklus. Ein letztes Mal wollte der krebskranke Poet die Sonne auf- und untergehen sehen, das Rauschen des türkisblauen Wassers hören, den karamellfarbenen Sand spüren.

So viele vergötterten Achziv: Das Model Bar Refaeli, Hollywood-Legende Paul Newman, das französische Sex-Symbol Brigitte Bardot und der italienische Weltstar Sophia Loren kamen nach Achziv, ebenso die israelische Kulturelite, neben Amichai etwa der Schriftsteller Joram Kaniuk und der Politaktivist Uri Avnery.

Sie alle waren Gäste von Eli Avivi, dem König von Achziv. Er hatte den Mini-Staat gegründet, ähnlich wie Aussteiger 1971 Christiania in Kopenhagen.

Avivi, 1930 in Persien geboren, wanderte als Kind mit seinen Eltern ins britische Mandatsgebiet Palästina aus und schloss sich als Jugendlicher der Paljam an, einer maritimen Elitetruppe der jüdischen Untergrundarmee Haganah. Achziv sah er zum ersten Mal im Mai 1948, als es noch al-Zib hieß. Da brach gerade der israelische Unabhängigkeitskrieg aus.

Auf den Ruinen eines palästinensischen Dorfes

Avivi war auf dem Weg in den Libanon, um Brücken im verfeindeten Nachbarland zu zerstören. Als die arabischen Dorfbewohner von al-Zib das Schiff seiner Paljam-Einheit vor der Küste sahen, schleuderten sie Steine, drohten mit ihren Fäusten und riefen "Yahud!" ("Juden!"). So erinnerte sich Avivi in der Dokumentation "Der Staat Achziv. Ein Ort der Liebe" über sein Leben.

Als der Krieg zu Ende und der Staat Israel geboren war, gab es al-Zib nicht mehr. Israelische Truppen nahmen das arabische Dorf unter Beschuss. Viele Bewohner flohen, manche wurden vertrieben, große Teile der Häuser zerstört. Neben den phönizischen, griechischen und römischen Ruinen gab es hier nun auch noch palästinensische Ruinen.

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Achziv-Gründer Eli Avivi: Der Staat, das bin ich

Junge Männer auf beiden Seiten hatten in diesem Krieg getötet und wurden getötet, ohne jemals geküsst zu haben, wie es Schriftsteller Joram Kaniuk ausdrückte. Eli Avivi wollte ein anderes Leben leben. Als Mann des Meeres, der nach dem Krieg einige Jahre als Fischer zur See fuhr, kehrte er 1952 nach Achziv zurück - und blieb.

Zunächst lebte er allein. Der charismatische Mann, der im Alter mit seinen weißen Haaren und dem riesigen Bart wie eine Mischung aus Prophet und Pharao wirkte, ernährte sich vom Meer. Ein Einsiedler in Utopia.

Halb Prophet, halb Pharao

Doch schon Ende der Fünfzigerjahre kamen immer mehr junge Israelis nach Achziv. Die Jeunesse dorée aus Tel Aviv, abenteuerlustige Kibbutzniks zunächst, dann auch die israelische Bohème, Rucksacktouristen aus der ganzen Welt - und schließlich internationale Stars.

"Es war ein Ort ohne Tabus und Grenzen", erinnerte sich Uri Avnery einmal. "Wir stellten ein Zelt am Strand auf, lebten dort, drei, vier, fünf Tage, ohne etwas anzuziehen." Im prüden Israel der späten Gründerjahre ein No-Go. FKK war ein Fremdwort und Urlaub im Ausland kaum möglich.

Eli Avivi war ein Hippie, bevor es Hippies gab. Und den israelischen Behörden um Staatsgründer David Ben-Gurionvon Beginn an suspekt. Anfang der Siebzigerjahre wollte die Regierung das Gebiet rund um Achziv in ein riesiges Touristenresort mit Hotels und angeschlossenem Nationalpark verwandeln und riss Avivis Haus ab. Andere hätten die Ruine besetzt. Avivi rief stattdessen gleich seinen eigenen Staat aus: Achziv.

Im Jahr 1971 wurde damit das wohl friedlichste Land im Nahen Osten gegründet. Mit Israel kam es zu juristischen Auseinandersetzungen, Avivi für einige Tage in Haft - schließlich musste Israel ihm jedoch das Gebiet für 99 Jahre verpachten. Anfangs machte man Avivi das Leben schwer, später wurde Achziv sogar als Touristenattraktion gefördert.

Eine internationale Anerkennung als Staat gab es für Achziv nie. Was Avivi aber auch nie scherte. Der dauerbraungebrannte Mann, der fast immer eine weiße Tunika trug, wurde zum freundlichen Diktator. Als Präsident des Zwergstaates stellte er eigene Pässe aus, als eine Art Hohepriester führte er Hochzeiten durch und rollte dazu in einem selbstgebauten Streitwagen über den Sand an.

Das Meeresrauschen erklärte Avivi zur Nationalhymne. Die Achziv-Verfassung sah ihn als Präsidenten auf Lebenszeit vor, "demokratisch von sich selbst gewählt". Mit genau dieser einen Stimme wurde er bei der einzigen Wahl im Gründungsjahr gewählt. Seine Frau Rina, zweite Einwohnerin von Achziv und in Deutschland geborene Waise von Eltern, die im Holocaust ermordet wurden, stimmte nicht mit ab. Als Flagge wählte Avivi eine barbusige Meerjungfrau.

Jahr für Jahr entwickelte sich Achziv mehr zu einem Sehnsuchtsort für lebenshungrige Abenteurer - und viele junge Frauen. Avivi, so die von ihm verbreitete Legende, hatte jahrzehntelang mehrere Freundinnen zugleich. Er fotografierte sie und viele andere am Strand seines Staates. Nackt. Bis heute gilt sein Archiv mit über einer Million Aktfotos als eines der größten in Israel.

"Freiheit, Liebe und Blumen"

Auch viele junge israelische Musiker, die später zu Stars werden sollten, kamen nach der Staatsgründung sommerlang nach Achziv. Sie spielten dort Rockkonzerte, trommelten auf Bongos, pfiffen im Delirium auf Panflöten. Sie tanzten nackt im Sand um nächtliche Lagerfeuer, rauchten Haschisch, angelten Fische im Schatten jahrhundertealter Palmen und ritten mit Pferden durch die heranrollenden Wellen.

So wurde das kleinste Land des Nahen Ostens zum Pendant des Sinais, der damals von Israel besetzt war und wo Hippies sich selbst, einander und das Leben liebten. Achziv war damals der "einzige Ort, zu dem man kommen und sich wie auf einem anderen Planeten fühlen konnte", sagte Eli Avivi. "Es gab Freiheit, Liebe und Blumen".

Im Video: Sieben Tage unter Hippies

Wirklich politisch war Avivi nie. Zumindest äußerte er sich nie zu politischen Fragen, von denen es in Israel so viele gab und gibt. Aber die Musiker, die zu ihm kamen, schon. Als Israel Anfang der Achtzigerjahre in den benachbarten Libanon einmarschierte, gründeten Armeereservisten die Bewegung "Jesch Gvul", auf Deutsch: "Es gibt eine Grenze". Sie wollten ihren Militärdienst nicht in dem Bürgerkriegsland leisten. Und 1983 gaben Rockmusiker, die mit dieser Gruppe und ihren Zielen sympathisierten, ein Konzert in Achziv.

Danach wurde Avivis Miniland immer mehr zum reinen Touristenmagneten. Der Lebemann war alt geworden. Am 16. Mai 2018 starb Eli Avivi im Alter von 88 Jahren, keine 48 Stunden, nachdem Israel den 70. Jahrestag der Staatsgründung feierte. Einen Thronfolger hinterließ der Sonnenkönig nicht. Nach seinem Tod werde seine Frau entscheiden, wie es weitergehe, sagte er 2015.

Rina Avivi, schon als 17-Jährige nach Achziv gekommen, macht erst einmal weiter und empfängt Touristen. Ob sie verhindern kann, dass das Strandimperium ihres Mannes mit ihm untergeht - noch offen. Sie wisse, dass "Millionäre dort ein Hotel bauen wollen", sagte Rina der französischen Zeitung "Libération". Aber es sei ein besonderer Ort, den man erhalten müsse. "Dieses Dorf existiert seit 4000 Jahren", sagte Rina, "wer weiß, ob es nicht auch noch in 1000 Jahren lebt?"



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Thomas Ludwig, 03.09.2018
1. Was sind
Den Begriff "Palästinenser" gibt es erst seit 1964. Vorher gab es Juden und Araber. Golda Meir - seit 1920 im britischen Palestine ansässig - sagte "Ich bin ein Palästinenser".
andreas dulisch dulisch, 03.09.2018
2. Sind sie sicher...
...dass die Jahresangaben stimmen? Ich war 1977 im Rahmen eines Jugendaustauschprogramms einige Wochen in Nahariya / Israel, und wir haben seinerzeit auch Achzivland besucht. Ich kann mich noch sehr gut an den Mann erinnern - und an seinen Hund: einen riesigen Setter mit dem Namen Gal (Welle), der mit mir zwei Stunden lang am Strand herumgetollt ist. Von Hippies oder ähnlichem habe ich übrigens nichts bemerkt, das muss wohl erst später begonnen haben...
Thomas Pickardt, 06.09.2018
3. Hippies
1972 war ich bei Eli, schöner Ort und Hippies gab es noch, 1977 eher nicht mehr ...
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