Hiroshima 1945 Bilder einer toten Stadt

Geschmolzene Stahlträger, zerborstene Häuser, menschenleere Straßen: Einen Monat nach den Bombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki untersuchte eine US-Spezialeinheit die Folgen der atomaren Verwüstung. Tausende Fotos dokumentieren den Schrecken der neuen Superwaffe.

International Center of Photography

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Der Anflug auf Japan hätte idyllischer nicht sein können. Der Himmel erstrahlte im schönsten Hellblau, links stieg der mächtige Vulkan Fuji in die Höhe, nach vorne erstreckte sich eine von Nebelschwaden umwölkte Insel. "Aus der Luft", notierte Paul Nitze später verwundert, "war Japan das schönste Land, das ich je gesehen hatte."

Doch nach der Landung zeigte Japan ihm mit brutaler Wucht sein anderes Gesicht: Niedergebrannte Städte, ausgelöschte Landstriche, verzweifelte, verängstigte, demoralisierte Menschen. Paul Nitze schien Anfang September 1945 direkt in der Hölle gelandet zu sein, gut einen Monat nach den Bombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki.

Nun sollte der 38-jährige Amerikaner als stellvertretender Leiter des U.S. Strategic Bombing Survey vor Ort überprüfen, was die ersten Atombomben der Menschheitsgeschichte wirklich angerichtet hatten. Weniger aus einem morbiden Interesse an einer Superwaffe, die Japan binnen einer Woche zur Kapitulation gezwungen hatte - sondern aus Angst vor einer Technik, deren wahres Vernichtungspotential niemand einschätzen konnte: Amerika wollte wissen, wie es sich einmal selbst vor den Konsequenzen eines Atombombenabwurfs schützen könnte.

Auswertung eines mörderischen Feldexperiments

Für Nitze wurde die Mission eine harte Konfrontation mit den Folgen einer Politik, die er als Berater der US-Regierung stets befürwortet hatte. "Meine Gefühle waren durcheinander", schrieb er später in seinen Memoiren. "Ich glaubte damals, dass Japan ein wunderbares Land ist, bewohnt von den verabscheuungswürdigsten Menschen der Welt. Wie andere Amerikaner zu dieser Zeit konnte ich den Japanern den Angriff auf Pearl Harbor nicht verzeihen."

Ähnlich erging es auch seinen 150 Mitarbeitern, die er in einer Spezialeinheit, der Physical Damage Division, zusammengestellt hatte: Soldaten, Techniker, Übersetzer und Fotografen. Sie sollten, so umschrieb Nitze den Auftrag, "so präzise wie möglich die exakten Auswirkungen der beiden Bomben" herausarbeiten, um die "wahren Möglichkeiten und Grenzen" der neuen Waffe einschätzen zu können. Es ging darum, die Ergebnisse eines gigantischen Feldversuchs zu sammeln, der Zehntausende Menschen mit einem Schlag ausgelöscht hatte: Welche Baustoffe hatten der ungeheuren Hitze und der Druckwelle standgehalten? Unter welchen Umständen überlebten Menschen sogar in unmittelbarer Nähe zum Ground Zero?

So wanderten Nitzes Dokumentare wochenlang durch Hiroshimas und Nagasakis aschebedeckte, tote Straßen. Sie begutachteten verbogene Stahlgerippe. Untersuchten deformierte Ziegeldächer, auf denen sich von der Hitze Blasen gebildet hatten. Wunderten sich über das relativ intakte Schienensystem in Nagasaki. Befragten Menschen, die den Angriff scheinbar wundersam überstanden hatten, forschten in den atomaren Wüsten nach plausiblen Erklärungen für dieses Glück einzelner.

Verstörende Aufnahmen aus einer toten Stadt

Längst nicht alle Männer der Physical Damage Division kamen mit dieser psychischen Belastung zurecht. Unfähig, den Horror mit kalten Maßstäben der Wissenschaft zu erfassen, kehrten viele von ihnen schockiert und traumatisiert aus Japan zurück - verfolgt von jenen Bildern, die sie selbst zur Dokumentation geknipst hatten.

Selbst wenn viele Fotos die monströse Zerstörungskraft der Atombombe nur andeuteten, hätte das vermutlich gereicht, um auch die US-Öffentlichkeit nachhaltig zu verstören. Das ahnte die Regierung unter Präsident Harry S. Truman und verbannte schon bald Reporter und Fotografen aus den zerfallenden Städten. Nitzes Abschlussbericht ("The Effects of the Atomic Bombs on Hiroshima and Nagasaki") wurde als vertraulich eingestuft und blieb bis 1951 unter Verschluss.

So brannte sich den meisten Amerikaner ein recht abstraktes, fast schon majestätisch-schönes Foto von einem riesigen Atompilz ins Gedächtnis. Eine Aufnahme, die das Leid, das Massensterben, die Verheerungen verdeckte, die sich unterhalb des Pilzes abgespielt hatten. Zwar lagerten rund 7500 Fotos der Physical Damage Division schon seit 1947 in den National Archives und waren öffentlich verfügbar. Doch für sie interessierten sich allenfalls Historiker; die breite Öffentlichkeit erreichten sie hingegen nicht.

Ein Schatz im Sperrmüll

Das änderte sich erst Jahrzehnte später. Und dazu brauchte es eine irgendwie typisch amerikanische Geschichte, die so skurril erschien, dass sie erst die Neugierde der Medien anstachelte und in letzter Konsequenz einige der längst vergessenen Bilder aus Hiroshima in eine renommierte New Yorker Galerie brachte.

Die Geschichte beginnt vor mehr als zehn Jahren mit Don Levy, dem Besitzer eines Schnellrestaurants in der Kleinstadt Watertown, Massachusetts. Don Levy ist ein passionierter Sammler von antiquierten Dingen und liebt jene Tage, an denen die Amerikaner ihren Hausrat an den Straßenrand stellen. Er sammelt aus Spaß, nicht um Geld zu verdienen.

Und so zog Levy trotz Regens im Juni 2000 mit seinem Hund los, um zwischen ausgedienten Möbelstücken zu stöbern. Nach einer Weile erregte ein alter Koffer seine Aufmerksamkeit. Er öffnete ihn und fand Hunderte alte Schwarzweißbilder. "Ich realisierte sofort, dass es ungewöhnliche Fotografien waren und wusste schnell, was sie zeigten", erzählt Levy im Gespräch mit einestages. Die Fotos waren teilweise Rückseite und an den Ecken beschriftet. Es waren gelbstichige Aufnahmen aus einer toten Stadt: Hiroshima.

Mühsame Spurensuche

Die Fotos berührten ihn tief, "sie strahlen eine große Traurigkeit aus", erinnerten an eine Politik, der die moralischen Maßstäbe abhanden gekommen waren. Doch auch wenn sie für Levy "der aufregendste Fund" in seinem Leben waren, ahnte er nicht, dass er einen wahren Schatz gehoben hatte. Jahrelang verschwanden die Aufnahmen in irgendeiner Schublade.

Erst 2003 kam Bewegung in die Sache. Ein Freund schlug Levy vor, die Bilder ordentlich zu archivieren und Museen anzubieten. Schließlich wurden einige der Fotos in der Andrew Roth Gallery in New York gezeigt, doch die Ausstellung war nur mäßig besucht.

Sie erregte aber die Aufmerksamkeit des britischen Filmemachers und Journalisten Adam Harrison Levy, der nicht verwandt ist mit dem Restaurantbesitzer Don Levy. Adam Harrison Levy arbeitete gerade an einer BBC-Dokumentation über Hiroshima. Begierig darauf, mehr über die Fotos zu erfahren, konnte er tatsächlich recherchieren, auf welch verschlungenen Wegen die Bilder aus Japan in den Sperrmüll geraten waren.

Ein Mann namens Mark Levitt hatte bei seinem Umzug versehentlich den alten Koffer mit den Fotos an den Straßenrand gestellt. Levitt wiederum gab an, die Bilder von einem Freund aus der Nähe New Yorks zu haben, der sie seinerseits Ende der sechziger Jahre mitnahm, als er ein ausgebranntes Haus gestrichen und den Keller entrümpelt hatte.

Altersmilde eines Hardliners

So führte die Spur letztlich zu Robert L. Corsbie, der in dem abgebrannten Haus 1967 zusammen mit seiner Frau umgekommen war, als nach einer Party ein Feuer ausgebrochen war. Corsbie gehörte 1945 zum Team der Physical Damage Division in Japan; wie und warum die Bilder nach 1945 in seinem Privatbesitz landeten, ist bis heute unklar.

Erst jetzt interessierten sich die Medien für die Aufnahmen aus einer längst vergangenen Zeit, die wie durch ein Wunder vor Feuer und Müllabfuhr gerettet worden waren. Kurz nach den ersten Medienberichten verkaufte Don Levy 2006 seinen gesamten Fotofund an das International Center of Photography in New York. Wie viel Geld er dafür bekam, will er nicht verraten. Nur so viel ist klar: Es dürfte kein Zufall sein, dass das Museum jetzt erstmals eine Auswahl der Bilder zeigt. Nach der Katastrophe von Fukushima ist auch Hiroshima plötzlich wieder aktuell.

Und Paul Nitze, der Mann, der vor 65 Jahren mit seiner Spezialeinheit Japans ausgelöschte Städte dokumentierte? Er wurde der wichtigste Theoretiker des Kalten Krieges und setzte sich wie kein zweiter für eine "Politik der Stärke" gegenüber der Sowjetunion ein: Jahrelang war Nitze überzeugt, Moskau nur mit einer Überlegenheit an Atomwaffen in Schach halten zu können.

Erst im hohen Alter, fast vier Jahrzehnte nach seinem Besuch in Japan, der ihn so aufgewühlt hatte, setzte er sich als Reagans Abrüstungsexperte für eine radikale Begrenzung atomarer Mittelstreckenwaffen ein.



insgesamt 17 Beiträge
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Manuel Baghorn, 29.06.2011
1.
Was mich überrascht, ist das der Angriff auf Hiroshima nie offen als Kriegsverbrechen bezeichnet wurde (ganz unabhäbhängig davon, ob durch ihn auch Menschenleben gerettet werden konnten, da der Krieg früher beendet war). Denn auch nach der damals bereits bekannten Haager Landkriegsverordnung war ein derartiger gezielter Angriff auf die Zivilbevölkerung unzulässig. Der Verdacht drängt sich also hier geradezu auf, dass hier nicht nur die Sachargumente zur Bewertung dieses Angriffs eine Rolle spielen.
Markus Abt, 29.06.2011
2.
Wann zahlen die USA endlich mal Reparationen für ihre weltweiten Kriegsverbrechen?
Simone Goltz, 29.06.2011
3.
Diese Stillleben sind sicher äußerst bedrücken. Die Amerikaner hatten aber auch die "Schäden" an noch lebenden Menschen (Verbrennungen, Zerstückelungen) dokumentiert. Ich erinnere mich an Bilder, als Ärzte und Fotographen der Siegermacht in obzöner Weise die Opfer entkleidet, die Verbände entfernt und den "Erfolg" fotographiert haben.
Jens Meyer, 29.06.2011
4.
durch die A-Bomben Abwürfe der Amerikaner entsteht bei den meisten Menschen meiner Meinung nach immer der Eindruck, das die Japaner hauptsächlich Opfer des Krieges waren. Tatsächlich waren die Japaner aber die Aggressoren im asiatisch-pazifischen Gebiet, viele Länder wurden besetzt, bereits vor Beginn des 2.WK haben die Japaner 1937 einen Teil Chinas besetzt ( Mandschurei) und einen jahrelangen Krieg geführt. Zahlreiche Kriegsverbrechen und Massaker an der Zivilbevölkerung sind bekannt, ca. 20 Millionen Chinesen wurden getötet und unermesslicher Schaden angerichtet. Außerdem wurden allein in Deutschland durch die konventionellen Bombenangriffe der Allierten mehr Menschen getötet als durch die A-Bomben in Japan.
Jens Meyer, 29.06.2011
5.
>Was mich überrascht, ist das der Angriff auf Hiroshima nie offen als Kriegsverbrechen bezeichnet wurde (ganz unabhäbhängig davon, ob durch ihn auch Menschenleben gerettet werden konnten, da der Krieg früher beendet war). Denn auch nach der damals bereits bekannten Haager Landkriegsverordnung war ein derartiger gezielter Angriff auf die Zivilbevölkerung unzulässig. >Der Verdacht drängt sich also hier geradezu auf, dass hier nicht nur die Sachargumente zur Bewertung dieses Angriffs eine Rolle spielen. Siegerjustiz halt, die gezielten Angriffe auf Deutschlands Zivilbevölkerung wurde auch durch niemanden geahndet
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