Hiroshima Das atomare Paradoxon

Hiroshima: Das atomare Paradoxon Fotos
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Seit 1945 haben die Deutschen ihre Trauer um die eigenen Bombenopfer im Zweiten Weltkrieg hinter einem Erinnerungskult um den ersten Atombombenabwurf verborgen, glaubt der britische Historiker Frederick Taylor. Sein Appell: Schluss mit dem Versteckspiel!

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Air-Force-Oberst Fisher machte keinen Hehl aus den Zielen der Army: Japan sollte in die Steinzeit zurückgebombt werden. Sein Vortrag vor dem Planungskomitee für den Atombombenabwurf war brutal offen.

"Die 20th Air Force arbeitet primär darauf hin, alle größeren japanischen Städte in Trümmer zu legen. Ihre bisherige Aufgabe war es, Tokio völlig zu zerstören, die Flugzeug- und Montagefabriken sowie Motorenwerke zu bombardieren. Und, ganz generell, die japanische Luftfahrtindustrie zu lähmen - neben der Vernichtung des Widerstandes gegen die Operation der 20th Air Force." Fisher schloss seinen Vortrag ruhig und kühl: "Die 20th Air Force bombt systematisch folgende Städte aus - mit dem Ziel, keinen Stein auf dem anderen zu lassen: Tokio, Yokohama, Nagoya, Osaka, Kyoto, Kobe, Yawate und Nagasaki."

Vor 60 Jahren wurde die erste Atombombe auf eine japanische Stadt abgeworfen. Doch die Endphase der Planung begann schon am 27. April 1945, elf Tage bevor der Krieg in Europa offiziell zu Ende war. An diesem Tag, beim ersten Treffen des sogenannten Target Committees, wurde der Zeitplan für den Abwurf der Bombe und eine Auswahl an Zielen festgelegt. Was dort von den Wissenschaftlern, Offiziellen und Militärs diskutiert wurde, zeichnete letztlich den Lauf der Dinge im August 1945 vor. Unter den Army-Offizieren war damals auch General Leslie R. Groves, mächtiger Leiter des Manhattan-Projekts, das die Bombe entwickelte und baute. Und General Lauris Norstad, später Oberbefehlshaber der Nato während der Berlin- und Kuba-Krise. Norstad war damals Chef des 20. Bomberkommandos der US Air Force - genau jener Verband, der später auch die Atombombe abwarf.

Die Operationspläne des 20. Bomberkommandos sahen schon vor dem Treffen des Target Committees bis Ende 1945 den Abwurf von 100.000 Tonnen Bombenmaterial auf Japan vor - im Monat. Zum Vergleich: Die größte Menge, die von der gesamten amerikanischen Bomberflotte über Europa abgeworfen wurde, betrug im März 1945 ungefähr 75.000 Tonnen.

Ziele aus Holz und Papier

General Billy Mitchell - ein amerikanisches Flieger-Ass aus dem Ersten Weltkrieg, später bekannt geworden als "Prophet des Städtebombardements" - hatte bereits in den dreißiger Jahren vorhergesagt, dass die japanischen Ballungsgebiete ideale Ziele seien. "Diese Städte", sagte er damals, "sind größtenteils aus Holz und Papier gebaut und bilden zusammen das großartigste Flächenziel, das die Welt je gesehen hat. Mit Hilfe von Phosphorbomben könnte man diese Städte in kürzester Zeit niederbrennen."

Am amerikanischen Luftangriff auf Tokio vom 9. und 10. März 1945 waren 334 B-29-Bomber beteiligt. Sie warfen 1700 Tonnen Bombenmaterial ab. Der Angriff zerstörte eine Fläche von mehr als 40 Quadratkilometern auf dem Gebiet der japanischen Hauptstadt. Wahrscheinlich wurden mehr als 100.000 Menschen getötet. Dieser Angriff gilt als zerstörerischster konventioneller Luftschlag in der Militärgeschichte, der sogar die alliierten Verwüstungen in Hamburg und Dresden in den Schatten stellt. Betrachtet man nur die Opferzahlen, ist dieser Luftangriff vielleicht genauso schlimm gewesen wie jeder der beiden Atombomben-Abwürfe im August 1945 für sich.

Als Oberst Fisher über seinen Plan sprach, "keinen Stein auf den anderen" zu lassen, übertrieb er kaum. Der damalige US-Kriegsminister Henry Stimson aber beschnitt nur kurze Zeit später die Handlungsfähigkeit von Norstads Bomberkommando. Auf seinen Befehl hin wurden die Stadtgebiete von Kyoto, Hiroshima und Niigata von den Bombardements ausgenommen. Eine unbeschädigte Fläche im Umkreis von drei Meilen war nötig, damit die Atombombe ihre volle Wirkung entfalten konnte. So schonte man die Bewohner dieser drei Städte, bis sie zur atomaren Vernichtung freigegeben wurden.

Das japanische Dresden

Nagasaki wurde später dieser seltsamen Liste der "verschonten Städte" hinzugefügt, an Stelle von Kyoto, das auf Stimsons Wunsch hin entfernt wurde. Die frühere japanische Hauptstadt mit ihren Tempelanlagen und Palästen hatte einen ähnlich hohen kulturellen Wert wie das deutsche Dresden.

Nach dem Inferno von Dresden gab es eilige Untersuchungen zu den Bombardements, gefolgt von ungünstigen Presseberichten. Generalstabschef Marshall hatte Stimson klarzumachen versucht, dass die Attacke auf die sächsische Hauptstadt militärisch gerechtfertigt sei. Vielleicht war der Minister davon überzeugt. Vielleicht auch nicht. Sicher ist, dass er anschließend bei General Groves darauf bestand, Kyoto von der Liste der Bombenziele zu streichen.

Als Groves Einspruch erhob, rief der Kriegsminister Marshall in den Raum und wiederholte seinen Befehl. Diesmal nun also in Gegenwart des Generalstabschefs. Später ging Stimson sogar noch weiter, um Kyoto zu schützen. Groves notierte Ende Juni: "Kyoto wurde nicht nur als mögliches Ziel für eine Atombombe ausgeschlossen, sondern auch als Ziel für jegliches Bombardement - auf Befehl des Kriegsministers."

Als Dresden 1945 angegriffen wurde, lag das Ende Nazi-Deutschlands schon in Sicht. Japan war in einer ähnlichen Lage: Sogar als die erste Atombombe im Juli 1945 getestet wurde, war der Zusammenbruch der kaiserlichen Armee schon unabwendbar. Es war jedoch eine Frage der Zeit und der Mittel. Die gleiche Situation gab es in Europa: Anfang 1945 nach Hitlers Ardennen-Offensive, die im Dezember 1944 zusammengebrochen war. Pessimistische Geheimdienstexperten der Alliierten sagten voraus, dass die Deutschen noch bis Herbst Widerstand leisten würden. Sie sprachen sich deshalb gegen eine Verringerung der Kriegsbemühungen aus. Auf diese Weise setzte sich die schreckensreiche Zerstörung deutscher Städte fort, Dresden und andere folgten.

Der größte Fortschritt der Alliierten im Februar 1945, zumindest im Westen, war der Vorstoß zum Rhein. Ein natürliches Hindernis, das bis Ende März 1945 noch nicht vollständig bezwungen war. Doch niemand hielt den Fluss für unüberwindbar. Ein Vorstoß auf die japanischen Hauptinseln dagegen hätte eine ganze Serie von riskanten und gefährlichen Landungsoperationen zur Folge gehabt. Bis zu zwei Millionen Soldaten wären daran beteiligt gewesen.

Kriegsverbrechen oder Mittel zur Beendigung des Krieges?

Von den 70.000 amerikanischen Soldaten, die im Februar 1945 auf der japanischen Insel Iwo Jima gelandet waren, wurde fast jeder Zehnte getötet. Die heftig umkämpfte Insel Saipan fiel im Juni. Bei den Gefechten starben 3500 Amerikaner und 30.000 Japaner. Zivilisten verübten Massenselbstmord, indem sie sich die Klippen hinunterstürzten. Eine Invasion der japanischen Hauptinseln schien eine ungleich höhere Zahl von amerikanischen Soldatenleben zu bedrohen. Ganz zu schweigen von den Opfern der japanischen Armee und denen in der Zivilbevölkerung.

So kam es zur Rechtfertigung der Bombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki. Ungefähr 200.000 Menschen starben, oft an schrecklichen Verbrennungen oder an der Strahlenkrankheit. Geschichtswissenschaftler sind tief gespalten in ihrer Bewertung der Ereignisse. Viele sehen die Angriffe als sinnlose Kriegsverbrechen. Andere glauben, dass dadurch viel mehr Leben gerettet wurden als eine mögliche Invasion (Codename: "Untergang") gekostet hätte.

Die schnelle Kapitulation nach Hiroshima und Nagasaki schien die Atomschläge für manche Beobachter im Nachhinein zu rechtfertigen. Sie hätten schließlich eine Invasion überflüssig gemacht. Aber wäre Japan durch massives konventionelles Bombardement nicht genauso in die Knie gegangen? Hätte eine Seeblockade die Insel militärisch nicht ebenso strangulieren können? Und wäre Stalins Kriegserklärung an Japan, die für Mitte August 1945 vorgesehen war, nicht genauso entscheidend gewesen? Als die Sowjets in der Mandschurei Japans Armee angriffen, brach der Widerstand binnen Tagen zusammen.

Natürlich bleibt der Verdacht, dass der Bombenabwurf nicht nur als Kriegsentscheidung gedacht war, sondern auch als Vorspiel für den sich abzeichnenden Ost-West-Konflikt. Ähnliche Argumente werden auch im Zusammenhang mit der Zerstörung Dresdens gebraucht, sie sind in diesem Zusammenhang aber wenig überzeugend. Die Abnormität dessen, was alliierte Bomber in Dresden entfesselt haben, hätte man nicht vollständig vorhersehen können. Der Gebrauch von Atomwaffen war dagegen als Apokalypse vorherbestimmt.

Das Ost-West-Paradoxon

Ein Flugzeug, das nur eine einzige Bombe trägt, radiert eine ganze Stadt und ihre Bevölkerung aus. Die Welt wurde Zeuge der Geburt einer furchterregenden, schwarzen Magie. Robert Oppenheimer, wissenschaftlicher Leiter des Manhattan Projekts, sagte seinen berühmt Satz: "Ich bin der Tod geworden, Zerstörer der Welten."

Wie konnte all das keinen Einfluss auf die Nachkriegssituation der Menschheit ausüben?

Das bringt uns zum letzten Paradoxon. Japan und die westlichen drei Viertel des geteilten Deutschlands wurden bald schon Alliierte der Amerikaner im Konflikt mit der Sowjetunion. Der Jahrestag der amerikanischen Vernichtung von Hiroshima und Nagasaki ist nichtsdestotrotz gemeinsames Erinnerungsgut, speziell in Japan und Deutschland, bei allen politischen Parteien, egal welcher Färbung. Aber sogar in dem Moment, als beide Völker die Anwendung von Atomwaffen verdammten, nahmen sie dennoch Platz hinter dem atomaren Schutzschirm der USA. Und der bezog seine abschreckende Kraft eben gerade aus den unsäglichen Leiden von Hiroshima und Nagasaki.

In Westdeutschland wurde die atomare Macht der USA lange als Schutzschild wahrgenommen, welches das Sowjet-Imperium davon abhielt, durch das Fuldatal in die Republik einzufallen und das Wirtschaftswunder in Schutt und Asche zu legen. Deswegen wurden die Schrecken, die deutsche (und japanische) Städte im Zweiten Weltkrieg durch die Hand der Amerikaner und Briten erleiden mussten, in der Öffentlichkeit heruntergespielt. Diese Missstände zu beklagen, hätte die vereinte Front gegen die Kommunisten untergraben. Besser fasste man sie in generellen, fast abstrakten Ritualen zusammen. Diese Rituale fanden Gestalt in der Trauer um die Opfer der beiden Atombomben.

Während wir in den sechziger Jahren nukleare Auslöschung fürchteten, waren wir uns gleichzeitig bewusst, dass uns nur die atomare Abschreckung der Sowjetunion vor Verwüstungen wie im Zweiten Weltkrieg bewahren könnte. Dieser heikle Zwiespalt wurde niemals gelöst, aber die Abschreckung funktionierte ja. Es waren weder Panzer noch Flugzeuge oder Raketen, die in den achtziger Jahren den Kommunismus besiegt haben, sondern die Wirtschaft sowie der soziale Verfall und am Ende der finanzielle Bankrott. Im Gegensatz zum Zweiten Weltkrieg endete der Kalte Krieg nicht mit einem großen Knall, sondern mit einem Winseln.

Und heute? Nachdem die gegenseitige atomare Bedrohung der Supermächte Vergangenheit ist, haben die Deutschen begonnen, die konventionellen Bombardements der Alliierten im Zweiten Weltkrieg zu kritisieren. Oft mit viel Leidenschaft. Wie die öffentliche Diskussion gezeigt hat, fühlen sich die Opfer nun bereit, sich selbst mit ihren schrecklichen Erinnerungen zu konfrontieren.

In dieser Woche werden viele Deutsche wieder einmal den unheilvollen Jahrestag begehen. Doch diesmal werden sie es nicht nötig haben, ihrer eigenen Trauer durch den International Hiroshima Day Ausdruck zu verleihen.

Frederick Taylor, Übersetzung: Sebastian Christ

Erschienen auf SPIEGEL ONLINE am 03.08.2005

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