Hiroshima "Normale Familien reden nicht über Krieg"

Hiroshima: "Normale Familien reden nicht über Krieg" Fotos
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Im Schatten von Hiroshima verdrängt Japan eigene Kriegsverbrechen. Das Trauma der Atombombe wird von der offiziellen Erinnerungspolitik dazu missbraucht, das Land als Opfer darzustellen. Der Überlebende Hideto Sotobayashi wehrt sich gegen das Geschichtsverständnis. Von

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Am Morgen des 6. August 1945 sitzt der 16-jährige Hideto Sotobayashi mit seinen Freunden in einem Klassenzimmer in Hiroshima, um Mathematik zu pauken.

Nur 1,7 Kilometer entfernt wirft der B-29-Bomber "Enola Gay" aus 9000 Metern Höhe seine atomare Fracht ab. Binnen Sekunden wird die japanische Stadt in eine Hölle aus Feuer und Zerstörung verwandelt. Die Schüler werden auf der Stelle bewusstlos, viele von ihnen wachen nicht mehr auf. Als Hideto Sotobayashi wieder zu sich kommt, ist er umgeben von Tod und Zerstörung.

Am Samstag, genau 60 Jahre nach der Katastrophe, werden bei dem heute 76-Jährigen alle Erinnerungen zurückkehren: Erst der strahlend helle, fast bezaubernd schöne Blitz, das langsame Erwachen aus der Bewusstlosigkeit, der Staub, die Schreie, das Sterben.

Bilder, die sich fest eingebrannt haben in Sotobayashis Gedächtnis. So fest, wie sich die Silhouetten der Menschen, die sich im Hypozentrum der Bombe befanden, in stehen gebliebene Mauerreste einbrannten.

Wenn Hideto Sotobayashi von dem Tag erzählt, an dem auf einen Schlag Zehntausende starben, lacht er immer wieder nervös. Das Lachen gibt Hideto Sotobayashi Zeit, ein bisschen Luft zu holen. Es fällt ihm schwer, von diesem Tag zu berichten.

Einseitiges Geschichtsverständnis

Doch Sotobayashi muss darüber reden. "In ein paar Jahren ist niemand mehr da, der über Hiroshima berichtet", sagt der emeritierte Professor für physikalische Chemie. "Und wir Japaner haben so viel falsch verstanden, so viel verschwiegen aus der eigenen Geschichte." Und er als Überlebender der Katastrophe, so hofft er, kann anreden gegen den Opfermythos, gegen ritualisiertes Gedenken und Verschweigen der eigenen Kriegsverbrechen.

Denn Japan betrachtet den Zweiten Weltkrieg durch den Filter des 6. August 1945. "Der Abwurf der Atombombe gab dem Land Gelegenheit, sich als Opfer darzustellen", bestätigt der Berliner Japanologe Gerhard Krebs. "Aber Japan begann den Krieg, war also Angreifer. Das wird heute gern vergessen."

Japans einseitiges Geschichtsverständnis sorgt in Asien immer wieder für Unruhe. Erst Anfang des Jahres demonstrierten in China und Korea Tausende gegen japanische Schulbücher: Das Unterrichtsmaterial verharmlose die Kriegsverbrechen der japanischen Armee, lautete der Vorwurf. So erwähnt beispielsweise nur eines von neun Büchern die asiatischen Zwangsprostituierten, die den japanischen Soldaten dienen mussten.

Bei den Unruhen verwüsteten Demonstranten japanische Läden und verbrannten Porträts des japanischen Regierungschef Junichiro Koizumi. Japanische Produkte wurden boykottiert. Ungerührt besuchten nur wenige Tage später 80 Parlamentarier in Tokio den umstrittenen Yasukuni-Schrein. Koizumi selbst verzichtete zwar in diesem Jahr auf den Termin, dennoch ging in den Nachbarländern ein Aufschrei durch die Öffentlichkeit: Die Gedenkstätte ist 2,5 Millionen Kriegstoten gewidmet - darunter 14 Kriegsverbrechern, die das alliierte Tribunal nach dem Zweiten Weltkrieg für schuldig befunden hatte.

Hideto Sotobayashi, der seit 1957 in Deutschland lebt, glaubt, Japan könne von Deutschland lernen. "Hier ist der Umgang mit den deutschen Kriegsverbrechen im Vergleich zu meinem Heimatland sehr offen", sagt er. "Dank der europäischen Integration."

Die Stimme des Tennos schockt das Volk

Deutschland, umgeben von neun Ländern, die fast alle Opfer des NS-Angriffskrieges und der Nazigräuel waren, war gezwungen, mit diesen Nachbarn als unabhängigen Staaten umzugehen. Japan dagegen ist ein Inselstaat. Deshalb müsse sich das Land nicht mit der eigenen Vergangenheit und dem Umgang mit seinen Nachbarn auseinandersetzen, glaubt Sotobayashi.

Von Deutschland aus hat der Überlebende über Jahrzehnte beobachtet, wie seine Heimatstadt für Japan zum Symbol der Kriegsschrecken wurde. Im Inferno der Atombombe wandelte sich der japanische Aggressor jedoch zum Opfer. Und während in Deutschland die Nazi-Diktatur mit der Kapitulation im Mai 1945 am Ende war, blieb der japanische Kaiser, der Tenno, an der Macht.

Hirohito ist nicht Hitler, das sagt auch Sotobayashi. Doch Hirohito war Oberbefehlshaber der Streitkräfte und daher in der Verantwortung. Bis Kriegsende soll es keine Entscheidung gegeben haben, über die er nicht informiert war. Den Befehl, Pearl Harbor anzugreifen, gab er persönlich. Warum die US-Besatzer ihn nie zur Verantwortung zogen, ist bis heute ein Rätsel.

Hirohito nannte den China-Krieg später "Zwischenfall", einen "unglücklichen Abschnitt in unserer Geschichte". Nun müsse man in die Zukunft blicken. Vergangenheitsbewältigung war unerwünscht. Dem folgten auch die Historiker Japans. Die Frage nach Hirohitos Schuld wurde deshalb nicht gestellt. Auch deshalb nicht, weil der Tenno in Japan als Nachkomme der Sonnengöttin Amaterasu gilt, also göttlich ist.

1000 Papierkraniche für ein Leben

Am 15. August 1945 verlas der Kaiser über das Radio persönlich eine Kapitulationserklärung. Zwar entsagte Hirohito darin der Göttlichkeit und degradierte sich selbst zum bloßen Symbol. Doch dieser Verzicht konnte nicht so schnell vordringen ins Bewusstsein der Japaner.

Im Vordergrund habe deshalb immer das Gefühl gestanden, angesichts der Niederlage vor dem göttlichen Kaiser versagt zu haben, erzählt Sotobayashi. An dessen Rede gut eine Woche nach Hiroshima kann er sich gut erinnern. "Wir hörten seine Stimme, aber den Inhalt konnten wir nicht verstehen." Japan vernahm in der Kapitulationserklärung, die im Radio gesendet wurde, zum ersten Mal überhaupt die Stimme des Tennos. Für das Volk war die Ansprache ein Schock.

Über japanische Kriegsverbrechen verlor der Tenno kein Wort. Stattdessen forderte er das Volk auf, das "Unerträgliche zu ertragen". Um nicht mit dieser Schande leben zu müssen, begingen Offiziere Selbstmord, Piloten stürzten sich mit ihren Fliegern in die Bucht von Tokio.

Seit dem Tod Hirohitos am 7. Januar 1989 wandelt sich der Umgang mit der eigenen Geschichte langsam. Beim Gedenken an Hiroshima werden jedoch über Jahrzehnte gewachsene, starre Riten gepflegt. So ist der Papierkranich zum Symbol der Trauer geworden. Tausende Japaner legen die kunstvolle Bastelarbeit vor dem Denkmal eines kleinen Mädchens nieder.

Das Mädchen, so wird erzählt, glaubte fest daran, ihre Leukämie besiegen zu können, wenn sie 1000 Papierkraniche faltet. Dieser Brauch wird in Japan Senbazuru genannt; ein Wunsch soll damit in Erfüllung gehen. Aber Senbazuru half dem Mädchen nicht. Nachdem es 1400 Kraniche gefaltet hatte, starb es.

Mit Pragmatismus gegen die "Atomkrankheiten"

Für das moderne Japan bedeutet solche Symbolik immer weniger. Kyoko Arita, 29, wuchs in Hiroshima auf und nahm jedes Jahr an den Gedenkfeiern und der Schweigeminute teil - ohne nachzudenken. Im Bewusstsein ihrer Generation spielt die Bombe keine Rolle mehr, sagt sie. "Normale japanische Familien reden nicht über den Krieg. Und wenn ich anderen Japanern erzähle, dass ich aus Hiroshima stamme, werde ich nie darauf angesprochen. Eigentlich geht es immer nur um Momiji-Manju, ein typisches Konfekt aus Hiroshima."

Hideto Sotobayashi kann die Süßigkeit auf seinen Besuchen in der Heimat nicht essen. Er ist zuckerkrank. Ob die Diabetes und andere Gebrechen auf die Explosion zurückzuführen sind, wissen er und sein Arzt nicht. Bayashis Waffe gegen die "Atomkrankheiten", wie er es nennt, ist Pragmatismus. "Ich bin 76 Jahre alt, und ich lebe noch. Mehr muss ich gar nicht erfahren."

Einmal im Jahr kehrt er in seine Heimatstadt zurück, um sich dort untersuchen zu lassen. Ärzte und Krankenhäuser behandeln Überlebende wie ihn kostenlos. "Vor jeder Untersuchung saß die Angst tief, die Mediziner könnten etwas finden. Aber je älter ich geworden bin, desto mehr habe ich mich daran gewöhnt."

Trotzdem ist er früher immer wieder schnell nach Deutschland zurückgekehrt. Die Erinnerungen wollte er lieber verdrängen. "Dass ich jetzt erzählen kann, wie ich diesen Tag erlebt habe, hat lange gedauert", erklärt er. "Aber mir ist klar geworden, dass sich in Japan etwas ändern muss. Und wenn nicht ich davon erzähle, wer dann?"

Im Oktober fliegt Hideto Sotobayashi wieder nach Hause, zum Arzt. Diesmal bleibt er länger: An der Universität von Hiroshima soll er einen Vortrag halten. "Zum ersten Mal vor so vielen Menschen. Ich hoffe, ich halte das aus." Als Ziel hat er sich nicht nur vorgenommen, die Erinnerung an den Bombenabwurf wach zu halten. Er will auch das Geschichtsbild seiner Zuhörer korrigieren.

Erschienen auf SPIEGEL ONLINE am 06.08.2005

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