Hiroshima-Überlebender "Höllenbilder, in meine Seele eingebrannt"
Eine Atombombe löschte am 6. August 1945 die japanische Stadt Hiroshima aus. In seinen Aufzeichnungen beschrieb der Überlebende Shigemi Ideguchi das nukleare Inferno. Hier ein Auszug.
- Shigemi Ideguchi, geboren 1919, überlebte als Soldat am 6. August 1945 den Atombombenabwurf auf die japanische Stadt Hiroshima. 1989 veröffentlichte der Jurist in dem Buch "Singvögel und Raben waren auch nicht mehr da" seine Erinnerungen an das Ereignis in japanischer Sprache. 2015 erschienen sie auf Deutsch. Ideguchi starb 2001.

In dem Moment, in dem ich mich mit meiner rechten Hand abstützte, brannte vor meinen Augen ein kobaltblauer Blitz auf, gefolgt von einem dumpfen Geräusch. Gleichzeitig fühlte ich einen Schlag auf meine rechte Wange, und mein Körper wurde durch die Luft geschleudert. Es wurde finster wie in einer Dunkelkammer. Ich konnte nicht atmen, es gab keine Luft. Ich dachte, mein letzter Moment sei gekommen. Instinktiv kroch ich in die Dunkelheit. [...]
Ich dachte, ich hätte geschrien, aber der Schrei war mir im Halse stecken geblieben. Von der Brust bis zum Bauch verspürte ich derart starke Schmerzen, als hätte ich Gift geschluckt. Barfuß rannte ich aus dem Flakgeschützgraben hinaus. Der Boden war heiß wie eine glühende Eisenplatte, meine Fußsohlen brannten, und ich vermochte kaum zu stehen. Die Kartoffelranken, die zur Tarnung um den Flakgeschützgraben gepflanzt worden waren, konnte ich nicht greifen. "Falsche Richtung", dachte ich in der Dunkelheit. Ich schätze, ich war 14 bis 15 Meter vom Flakgeschütz entfernt.
Da war wieder Luft. Ich atmete tief ein. Das beruhigte mich ein bisschen. Es stank nach verbranntem Stroh. Es erinnerte mich an den unangenehmen Staubgeruch der Häuser, die wir zum Brandschutz zerstört hatten. Dieser Gestank ähnelte jenem von Leichen, die mit Strohmatten verbrannt werden.
In der Dunkelheit kam ich endlich zu mir. Unwirkliche, nicht einmal unheimliche Stille, kein Wind, nur Dunkelheit. Von oben her begann es heller zu werden - wie das Bild eines langsamen Sonnenaufgangs. In weiter Entfernung sah ich Flammen am Militärkrankenhaus lodern.
"Kleidungsfetzen am Körper"
Weit weg in der Dunkelheit rief mich jemand. Mir war, als hörte ich die Stimme zum ersten Mal. Es war einer unserer Soldaten.
"Komm zu mir", sagte ich. "Hier gibt es jemanden, der nicht mehr sehen kann."
"Verstanden, ich komme."
Ich riss mich zusammen, um hinzugehen. Da hörte ich hinter mir ein Stöhnen. Eine starke Kraft hielt mich fest, ich drehte mich um, am Boden lag eine der Schwestern, wahrscheinlich war sie bis hierher geschleudert worden. Auf dem Rücken liegend, den rechten Arm von sich gestreckt, bewegte sie sich nicht, obwohl ihre Kleidung brannte. Wieder das Stöhnen. "Mutter!" Diese Stimme habe ich wirklich gehört. Es war kein Hilferuf, sondern eine gedrückte, abgehackte, schier unbeschreibliche Stimme, die mich zu der Feuerkugel gezogen hat.
Als ich sie an ihrem rechten Arm aus dem Feuer ziehen wollte, musste ich sofort loslassen. Ihre Haut löste sich bis zum Ellenbogen ab. Der Moment erschreckte mich, ich fühlte nichts mehr. Noch einmal fasste ich ihren rechten Arm und zog sie aus dem Feuer. Mit einem Strohschuh schlug ich die Flammen an ihrem Körper aus. Das Mädchen bewegte sich kaum, kein Stöhnen mehr. Ob sie noch atmete, konnte ich nicht mit Sicherheit sagen.
"Haare komplett verschwunden"
Zu diesem Zeitpunkt wurde es langsam heller. Als ich meine Umgebung genauer erkennen konnte, bot sich eine unfassbare Szenerie. Die Schwestern, teils ganz nackt, teils mit Kleidungsfetzen am Körper, teils mit brennender Kleidung, waren überall. Wer stand, hielt die Arme nach vorne, die Hände nach unten. Wie japanische Geister. Die Haut pellte sich in zentimeterbreiten Streifen wie bei zu lange gekochten Kartoffeln. Von der Stirn weggebrannte Haut, rohes Fleisch, aber kein Blut. Unter den Augen hingen abgerissene Hautfetzen bis zum Kinn. Die Haare waren komplett verschwunden oder standen wie Draht einzeln vom Kopf ab.
Mit ihren rußgeschwärzten Gesichtern sahen sie aus wie leibhaftige Teufel. Die Schwestern schlugen auf ihre schwelende Kleidung oder lagen reglos auf dem Boden, obwohl ihre Kleidung brannte oder qualmte.
"Was ist passiert? Was ist nur passiert?" Wahrscheinlich war es die Oberschwester. Sie stand tapfer auf beiden Beinen und schrie mit winziger, brüchiger Stimme. [ ...]
Schwestern bewegten sich wie Samen des Löwenzahns, Nachtwandlerinnen gleich, zwischen ihren am Boden liegenden Kolleginnen, wie Geister zwischen umgeworfenen Grabsteinen. Manche blieben, vielleicht erblindet, stehen, andere bewegten sich orientierungslos auf der Stelle. Keine hatte die Kraft, den anderen zu helfen. Keine weinte oder schrie. Bis gerade eben waren sie noch in Reih und Glied marschiert, nun waren sie wie Grashüpfer überall verteilt.
Das waren Höllenbilder ohne Höllenlärm.
Das waren Höllenbilder in angstvoller Stille.
Ich fühlte mich verloren.
Haarsträubende Bilder im Halblicht. Warum? Grauen, Mitleid, Furcht, ich empfand nichts dergleichen. In der Seele, in meinem Kopf hatte ich keine Gefühle, keine Gedanken. Wie erstarrt sah ich mich um. Es schien mir sehr lange, doch es waren nur wenige Minuten. Diese Höllenbilder sind scharf und tief in meine Seele eingebrannt. Auch das Feuer der Abscheu gegen diejenigen, die diese Bilder gemalt haben, brennt noch immer.
"Dreckig-stumpfe Farbe"
Zu diesem Zeitpunkt setzte ein leichter Wind ein. Das Feuer am Militärkrankenhaus wurde größer. Die Erde brannte unter meinen Fußsohlen. Aus weiter Entfernung hörte ich jemanden meinen Namen rufen. Ich begab mich zurück zum Graben der Flakgeschützstellung. Auch hier war es nicht anders als in der Hölle: nackte, rußgeschwärzte Körper, die Uniformen verloren; die Haut hing in Fetzen von ihnen herab.
Zwei Soldaten waren erblindet. Die Haare unter den Militärmützen waren erhalten geblieben, die Haare unterhalb des Mützenrandes wirkten wie abrasiert. Vom Nacken bis zum Gesicht war die Haut bis aufs Fleisch abgefetzt, jedoch ohne Blut. Ihre Gesichter hatten eine dreckig-stumpfe Farbe.
Ich spürte einen kochenden, unerträglich starken Schmerz in der Magengruppe und vermochte nicht länger zu stehen. Auch in meinem Rücken verspürte ich einen brennenden Schmerz. [ ...]
Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich keinen Überblick, was um mich herum passiert war. Nun schien sich der Vorhang zu heben und den Blick auf die Bühne freizugeben.
Alles, was ich sehen konnte, war zerstört.
- Shigemi Ideguchi:

Singvögel und Raben waren auch nicht mehr daBericht aus dem Zentrum der Atombombenexplosion.
Hentrich und Hentrich Verlag Berlin; 120 Seiten; 16,90 Euro.
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