Historische Amateur-Fotos Das Kindermädchen mit der Kamera

Historische Amateur-Fotos: Das Kindermädchen mit der Kamera Fotos
Vivian Maier, Galerie Hilaneh von Kories, John Maloof Collection

Sie fotografierte wie besessen - und veröffentlichte dennoch kein einziges Bild: Jahrzehntelang hielt Vivian Maier Straßenszenen in den USA fest und hortete die Bilder in Pappkartons. Erst nach ihrem Tod wurden die brillanten Aufnahmen zufällig entdeckt - einestages zeigt eine Auswahl des unbekannten Fotoschatzes. Von

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Fast hätten sie sich noch getroffen, das Kindermädchen und der Immobilienmakler. Dabei wusste John Maloof, der Makler, kaum etwas über Vivian Maier, das Kindermädchen. Er hatte sie nie gesehen oder gesprochen, kannte nicht ihre Familie, ihre Freunde, ihr Leben. Das Einzige, was er besaß, war ein Briefumschlag, auf dem der Name "Vivian Maier" gekritzelt war. Der Umschlag lag in einem Karton mit tausenden Negativen und Fotorollen. Bilder, die den Makler, der sich bis dahin nie für Fotografie interessiert hatte, nicht mehr losließen.

Also fahndete John Maloof nach der fremden, mysteriösen Fotografin. Er wollte unbedingt mit ihr reden. Schließlich fand er im Internet einen Hinweis, der ihm zwar weiterhalf, ihn aber zugleich bestürzte: "Vivian Maier, Einwohnerin von Chicago in den letzten fünfzig Jahren, ist am Montag friedlich verstorben." Die Todesanzeige war erst einen Tag alt. Sie beschrieb die Verstorbene als "außergewöhnliche Fotografin" und einen "freien Geist, der das Leben aller magisch berührte, die sie kannten."

Ein Satz, der auch auf John Maloof zutraf. Seine Geschichte und die von Vivian Maier verflochten sich an einem Sommertag 2007, auf einer ganz gewöhnlichen Auktion in Chicago. Neben Schränken, Tischen und Trödel wurde an jenem Tag auch eine große Kiste mit alten Negativen aus den fünfziger Jahren zwangsversteigert. Maloof arbeitete gerade nebenher an einem Buch über Chicagos Stadtteil Portage Park. Er war daher auf der Suche nach historischen Aufnahmen. Ohne zu wissen, was in der Box war, steigerte er auf gut Glück mit, bot 400 Dollar und bekam den Zuschlag. 400 Dollar, die sein Leben veränderten.

Berührende Momentaufnahmen

Denn als Maloof zu Hause die Kiste durchstöberte, stieß er zwar nicht auf Fotos für sein Buchprojekt, fand aber ungewöhnliche Porträts, die ihn zutiefst berührten mit ihrer mal ernst-distanzierten, dann wieder ironischen Bildsprache. Maloof tauchte ein in die Alltagswelt der fünfziger und sechziger Jahre, in die noblen Einkaufsmeilen und ärmlichen Gossen von New York und Chicago, in heruntergekommene Vororte und die gepflegten Häuserreihen der Mittelschicht.

Maier, so fand er später heraus, war in ihrer Freizeit rastlos durch die Straßen gezogen und hatte zehntausende Fotos gemacht. Stets baumelte ihr eine schwere Rolleiflex-Kamera um den Hals, später eine leichtere Leica, immer war sie auf der Suche nach kontrastreichen Momentaufnahmen: Das verwahrloste Mädchen mit der entzündeten Haut und den zersausten Haaren, das in einem alten Streifenpulli ausdruckslos vor dem Schaufenster einer teuren Boutique steht. Spielende Kinder aus der Oberschicht, die unbeschwert über einen Platz tollen. Ein Obdachloser, der gekrümmt in einer Ecke kauert, das Gesicht zwischen den Armen verborgen. Der Geschäftsmann, der in einem zerknitterten Anzug nachdenklich an einer Zigarre saugt.

Gerne experimentierte Maier mit Licht und Schatten, manchmal auch mit Spiegelungen von Glas und Schaufenstern. Dann sah John Maloof auf Selbstporträts eine hochgewachsene, ernst wirkende Frau, die mit Vorliebe breitkrempige Hüte und Herrenjackets trug. Das machte ihn noch neugieriger. Woher kam diese Frau, deren Bilderfundus er zufällig ersteigert hatte? Wie hatte sie gelernt, so brillant zu fotografieren?

Ein gigantischer Fotoschatz

Denn dass ihre Bilder außergewöhnlich waren, daran hatte der nüchterne Makler und absolute Kunst-Laie Maloof kaum Zweifel. Er war schon bald so hingerissen von den Fotos, dass er auf Auktionen oder von Privatleuten weitere Fotokisten von Vivian Maier erwarb. Schnell wuchs seine Sammlung auf rund 100.000 Schwarzweißnegative, 20.000 Farbdias, 3000 Abzüge und einige Filmaufnahmen heran. Nur einen Bruchteil des Materials konnte er bisher überhaupt erst sichten.

Gleichzeitig suchte er nach der Frau hinter der Linse. Bittere Ironie: Erst die Todesanzeige brachte Maloof auf eine heiße Spur. Die Anzeige war im Namen von John, Lane und Matthew aufgegeben worden. Als Maloof kurz danach in einen der Kartons eine alte Adresse mit dem Namen Avron Gensburg fand, fügten sich im Sommer 2009 die Puzzleteile zusammen: Maloof recherchierte, dass Avron Gensburg drei Kinder hatte - John, Lane und Matthew. Sofort stellte der Makler den Kontakt zu ihnen her.

So erfuhr er, dass Familie Gensburg Vivian Maier von 1956 bis 1972 als Kindermädchen für John, Lane und Matthew eingestellt hatte. Die drei Brüder, inzwischen selbst Mitte fünfzig, verglichen ihre Nanny mit Mary Poppins, der legendären Kinderfrau mit den magischen Fähigkeiten aus den Romanen der australischen Schriftstellerin Pamela Travers. Sie liebten ihre fantasievolle und ungewöhnliche Art. So hielt Maier auch schon mal den Milchmann an und überzeugte ihn, die drei Kinder per Lieferwagen bis direkt vor den Eingang der Schule zu chauffieren.

"Mein Leben befindet sich in Boxen"

Vivian Maier sammelte einst ihre Bilder; Maloof begann nun, alle Information über die fotografierende Kinderfrau zu sammeln. Er erfuhr, dass sie 1926 in New York als Tochter von französisch-österreichischen Einwanderern geboren wurde, ihre Jugend in Frankreich verbrachte und 1951 nach Chicago zog. Er knüpfte zu anderen Familien Kontakt, in denen sie angestellt gewesen war. "Ich muss Ihnen sagen, dass ich mein Leben mitbringe, und mein Leben befindet sich in Boxen", sagte Maier einmal vor dem Einzug. Kein Problem, erwiderte der Hausherr und stellte die Kinderfrau ein. Er ahnte nicht, dass Maier 200 Schachteln mitbrachte, die sie in seiner Garage bis unter die Decke stapelte.

Doch trotz aller Recherchen erfuhr Maloof wenig über die Persönlichkeit der Fotografin. Sie war offenbar eine Einzelgängerin, heiratete nie, nicht einmal von einem Freund wissen ihre ehemaligen Arbeitgeber zu berichten. Sie liebte es, über Politik und gute Kinofilme zu diskutieren, galt als überzeugte Sozialistin und Feministin.

Auf jeden Fall liebte sie ihre Unabhängigkeit: Mit etwas Geld, das sie vermutlich geerbt hatte, finanzierte sie sich 1959 eine Weltreise und fotografierte nun auch in Peking, Bangkok, Manila oder Kairo. Ansonsten lebte sie aber bis zu ihrem Tod im Alter von 83 Jahren meist an oder unter der Armutsgrenze - erst deshalb wurden ihre Fotokisten zwangsversteigert.

Ein neuer Star der Straßenfotografie?

Das größte Rätsel gaben jedoch ihre Bilder auf. Warum veröffentlichte oder verkaufte sie nie ein einziges der Fotos, die heute mitunter mit denen von Straßenfotografie-Legenden wie Henri Cartier-Bresson oder Diane Arbus verglichen werden? Und weshalb entwickelte sie rund 2000 Fotorollen nicht? War das alles nur die pure Geldnot - oder ihre Art, sich eine ganz private, kostbare Sicht auf die Welt zu bewahren?

So wusste auch der Makler lange nicht, was er mit den Fotos der Kinderfrau machen sollte, die ihm zufällig in die Hände gefallen waren. Er fragte auf dem Fotoforum "flickr" nach und wurde binnen Stunden mit mehr als 200 Antworten überschwemmt. Die Bilder müssten unbedingt in großen Museen ausgestellt werden, rieten die einen. Ob er nicht gleich einen Film daraus machen wolle, fragten andere.

Er entschied sich, das zu tun, was Vivian Maier niemals wollte oder konnte: zu veröffentlichen. Auf seinem Blog lädt Maloof regelmäßig neue Aufnahmen hoch. Für seinen Job als Makler hat er inzwischen keine Zeit mehr, zu aufwändig ist die Beschäftigung mit dem riesigen Fotomaterial, das er einscannt und digitalisiert. Daneben arbeitet er an einem Buch und einem Dokumentarfilm über Vivian Maier oder bewirbt seine Ausstellungen. Ab Donnerstag sind Maiers Bilder dann auch erstmals in Deutschland zu sehen; die Hamburger Galerie "Hilaneh von Kories" zeigt vom 27. Januar bis zum 28. April 80 Werke der Straßenfotografin.

So macht der Makler das vergessene Kindermädchen, das er nie traf, posthum berühmt. Doch ebenso hat die Beschäftigung mit der verstorbenen Vivian Maier sein Leben radikal verändert. Der Mann, der sich bis vor kurzem nicht für Fotografie interessierte, versucht sich nun selbst als Fotograf. Manchmal stellt er sich in Chicago an dieselben Straßenecken, an denen Jahrzehnte zuvor Vivian Maier mit einer Rolleiflex um den Hals auf den ganz besonderen Moment wartete, um abzudrücken.


Mehr Bilder von Vivian Maier sind in John Maloofs Blog zu sehen.

Die Ausstellung "Vivian Maier: Twinkle, twinkle, little star..." ist vom 27. Januar bis 28. April 2011 in der Galerie Hilaneh von Kories in Hamburg zu sehen.

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1.
Solnzevo Wolkow 26.01.2011
Frage: was wrde aus all den unbelichteten Rollen. Werden/wurden diese zug um Zug entwickelt und die verborgenen Schätze gehoben?
2.
Bodo Kälberer 26.01.2011
Gut, dass das "verwahrloste" Mädchen in Bild drei eine Armbanduhr hat, damit sie rechtzeitig zum Abendbrot vor Ihrem leeren Teller erscheinen kann ;-)
3.
Martina Kraemer 26.01.2011
Die Bilder sind wunderschön, eindringlich, meisterhaft. Viele sogenannte Starfotografen sind ein NICHTS dagegen!!
4.
Thomas Weller 26.01.2011
Ganz interessanter Link: http://www.kickstarter.com/projects/800508197/finding-vivian-maier-a-feature-length-documentary Thomas
5.
Myriam Schulte 26.01.2011
das treibt einem ja die Tränen in die Augen..ob Vivian Maier wirklich geglaubt hat, ihr Material sei wertlos und nur für sie selbst von Bedeutung?
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