Historische Aufreger Skandal total

Historische Aufreger: Skandal total Fotos

Nackte Kinohelden, skrupellose Politiker, geldgierige Manager: Die Geschichte der Bundesrepublik ist auch eine Geschichte der Skandale. Jetzt werden die 20 größten Aufreger aus den vergangenen 50 Jahren in einer Ausstellung präsentiert. einestages zeigt die Höhepunkte. Von

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Priester zündeten Stinkbomben in Kinos, jugendliche Demonstranten sangen davor "Heil'gem Kampf sind wir geweiht; Gott verbrennt im Zornesfeuer eine Welt" und Politiker erregten sich über "einen Faustschlag ins Gesicht jeder deutschen Frau": Der Film "Die Sünderin" sorgte 1951 für den ersten echten Skandal der gerade erst gegründeten Bundesrepublik - in den Hauptrollen: Die blutjunge Hildegard Knef und die katholische Kirche.

Anlass der Aufregung: Auf Zelluloid hatte die von der Knef verkörperte Protagonistin sich prostituiert, dann ihrem todkranken Liebsten zum Selbstmord verholfen und anschließend sich selbst das Leben genommen. Schlimmer noch, in einer Szene war sie für Sekunden splitterfasernackt in eine Hängematte drapiert zu sehen. Die Kirche witterte "Zersetzung der sittlichen Begriffe unseres christlichen Volkes" und zog sich beleidigt aus der gerade erst gegründeten Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK) zurück.

Die Folgen des Showdowns, der die Republik wochenlang bewegte: Ein zuvor bei Kritikern und Publikum eigentlich durchgefallener Film wurde doch noch zum Kassenschlager. Und schrieb Rechtsgeschichte: Das Bundesverwaltungsgericht entschied 1954 in einem wegweisenden Spruch, dass auch die Freiheit des Films durch das Grundgesetz geschützt sei und die Polizei ihn - anders als mancherorts geschehen - keinesfalls zensieren dürfe.

Der Stein des Anstoßes

"Skandal!" heißt die große Schau, in der jetzt das Bonner "Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland" die größten Aufreger in der deutschen Nachkriegshistorie Revue passieren lässt - darunter natürlich Knefs "Sünderin", aber ebenso die Starfighter-Affäre und der "Neue Heimat"-Schwindel, Hitler-Tagebücher, Barschel-Affäre und Bundesliga-Skandal. Um nur einige zu nennen - 20 Dramen und Dramolette aus Politik, Wirtschaft, Kultur sind es insgesamt.

Sie alle machen deutlich, welche Zutaten es für einen handfesten Skandal so braucht: Einen Übeltäter, der bei einer Übertretung erwischt wird - im Fall der "Sünderin" die Filmindustrie. Dazu einen erzürnten Rufer, der eine Übertretung anprangert - mal die christlichen Kirchen, mal die Medien, dann wieder eine laut grummelnde Bürgerschaft. Und dann das Skandalon, den Stein des Anstoßes selbst. So die Beteiligten dann noch über genügend Einfluss verfügen, um die Erregungskurve der Öffentlichkeit in die Höhe zu treiben, nimmt ein Skandal fast unweigerlich seinen Lauf.

Weniger klar ist oft, welche Richtung die Affäre nehmen wird - der Stein des Anstoßes liegt nämlich vor allem im Auge des Betrachters. Damit die Masse sich empört, muss sie ihre Normen verletzt sehen - doch genau diese wandeln sich stetig. So hat Westdeutschland nach der nackerten "Sünderin" nur noch einmal einen echten Sittenskandal erlebt: die Affäre um die ermordete Edel-Hure Rosemarie Nitribitt, in dem 1957 Frankfurts feinste Kreise kompromittiert wurden.

Skandalnudel Strauß

Dafür begann mit den Sechzigern das Zeitalter der bundesdeutschen Polit-Skandale, für die vor allem ein Name steht: Franz Josef Strauß.

Als der damalige CSU-Verteidigungsminister nach einer SPIEGEL-Veröffentlichung im Oktober 1962 hinter den Kulissen dafür sorgte, dass Herausgeber Rudolf Augstein nebst weiteren SPIEGEL-Journalisten in Haft genommen, die Redaktionsräume durchsucht und versiegelt wurden, löste er damit den vielleicht folgenschwersten Skandal der bundesdeutschen Geschichte aus, die SPIEGEL-Affäre.

Für Strauß lag das Ungeheuerliche in der Veröffentlichung eines streng vertraulichen Nato-Papiers durch die Presse, und auch Bundeskanzler Konrad Adenauer sah in der Recherche für den SPIEGEL-Artikel "Bedingt abwehrbereit" einen "Abgrund von Landesverrat". Die Öffentlichkeit jedoch sah das anders - sie echauffierte sich viel mehr über autokratische Politiker, die mit Hilfe der Staatsmacht die freie Presse in den Würgegriff nahmen - zu Tausenden demonstrierten Bürger auf den Straßen mit Spruchbändern wie "Spiegel tot - Freiheit tot" gegen den selbstherrlichen Übergriff.

Weil der Drahtzieher im Verteidigungsministerium wahrheitswidrig behauptet hatte mit den Vorgängen "im wahrsten Sinne des Wortes nichts zu tun" zu haben, musste der ehrgeizige Politiker im November 1962 seinen Hut nehmen - als ungeplantes Opfer des von ihm selbst inszenierten Skandals.

Millionen für erfolglose Manager

In den vergangenen Jahren sind neben die Polit-Skandale um Parteispenden oder Postenschiebereien immer stärker die Wirtschaftführer ins Rampenlicht gerückt. Vorbei die Zeiten, in denen gerne Gewerkschaftsführer als Raffkes geoutet wurden - wie in der Affäre um das Wohnungsunternehmen "Neue Heimat" 1982 oder beim Rücktritt des IG-Metall-Chefs Franz Steinkühler wegen Insidergeschäften 1993. Gleich der erste große Skandal des neuen Jahrtausends jedenfalls mündete in eine Diskussion um die Moral oder Unmoral von millionenschweren Managerbezügen, die im Grunde bis heute anhält.

Dass der deutsche Handy-Champion Mannesmann ("D2") die monatelange Abwehrschlacht gegen eine feindliche Übernahme durch den britischen Konkurrenten Vodafone verloren gab, traf die Deutschen Anfang des Jahres 2000 heftig genug. Als schon eine Woche später bekannt wurde, dass Mannesmann-Chef Klaus Esser an dem Tag, an dem er der Übernahme seines Unternehmens zustimmte, einen "goldenen Handschlag" im Wert von insgesamt fast 120 Millionen D-Mark aus der Mannesmann-Kasse für sich selbst und einige Getreue ausgehandelt hatte, fiel die halbe Republik vom Glauben ab: War so etwas möglich? Skandal!

Was folgte, war das spektakulärste Wirtschaftsstrafverfahren der bundesdeutschen Geschichte - welches selbst wieder Potenzial zum Skandal entwickelte. Für die wegen Untreue Angeklagten - neben Esser unter anderem Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann und Ex-IG-Metall Chef Klaus Zwickel - war es der Umstand, das sie wegen "international üblicher" Gepflogenheiten am Standort Deutschland vor Gericht gezerrt wurden, für die Öffentlichkeit die dreist anmutende Nonchalance, mit der diese die Vorwürfe wegbürsteten - symbolisiert in Ackermanns "Victory"-Handzeichen und breitem Grinsen.

Posse und Lehrstück

Im November 2006 gab es, von vielen als Justiz-Posse beschimpft, Freisprüche zweiter Klasse für die fünf Angeklagten: Einstellung des Verfahrens gegen Zahlung von insgesamt 5,8 Millionen Euro. Bis dahin war sechs Jahre lang kaum ein Tag vergangen, an dem nicht Politiker Manager-Gier angeprangert, Leitartikler die soziale Verantwortung angemahnt und Stammtischbrüder sich die Köpfe über achtstellige Bonuszahlungen heiß diskutiert hatten - die Großzügigkeit der Esser-Truppe sich selbst gegenüber passte einfach nicht in eine Zeit, in der die Einkommen der Normalverdiener sanken, Hunderttausende in die Arbeitslosigkeit glitten und die Leistungen des Sozialstaats zurückgestutzt wurden.

Die Manager hatten schlicht die Zeichen der Zeit übersehen - nicht anders als 1951 die Kirche in Sachen "Sünderin" und Franz Josef Strauß 1962 in punkto Pressefreiheit. Seither haben die Wirtschaftsbosse eine Diskussion am Hals, die einfach nicht weggehen will - und die demnächst die Form eines Gesetzentwurfs der Koalitionspartei SPD zur Begrenzung von Managergehältern annehmen könnte.

So ist ein Skandal immer auch ein wenig: ein Lehrstück.

Suche im Familienarchiv

Durchaus auch für die Ausstellungsmacher: Zur Illustration des Falles "Barschel/Pfeiffer" aus dem Jahre 1987 etwa hatten sie auf die Überlassung von 1987 aufgefundenen Originaldokumenten wie Kalender und Notizen aus dem Zimmer 317 im Genfer Hotel Beau Rivage gehofft. Der zuständige Oberstaatsanwaltschaft in Lübeck befürwortete das Ansinnen, doch der Anwalt der Familie Barschel verweigerte die Herausgabe der Stücke für die museale Präsentation.

Auch Akten zu manchen anderen ausgewählten Groß-Skandale blieben zumindest teilweise gesperrt. "Es war für uns eine neue Erfahrung, wie die Aktensperre für 30 Jahre zeitgeschichtliche Ausstellungen erschwert", sagt Museumsdirektor Hans Walter Hütter.

Kooperativ zeigten sich dagegen andere Prominente, die einmal im Mittelpunkt von Skandalen gestanden hatten: Der ehemalige Bundestagspräsiden Philipp Jenninger etwa, der 1988 nach einer missverständlichen Rede zum 50. Jahrestag der "Reichskristallnacht" von 1938 zurücktreten musste, suchte eigens in den familiären Aktenbeständen nach zeithistorisch interessanten Stücken.

Text: Christian Siepmann, Sebastian Knauer

Die Ausstellung "Skandale in Deutschland nach 1945" öffnet am 12. Dezember im Bonner Haus der Geschichte und geht bis zum 24. März 2008.

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hanns schneider 15.12.2007
Mögen die Sittenwächter damals über das Ziel hinausgeschossen sein, aber so, wie es heute (2007) ist, geht es auch nicht. In der Kölner Boulevardzeitung Express (14.12.07) stehen jedermann (auch Kindern)zugängliche Inserate, dass sich einem die Schamhaare kräuseln: - Lustvolle Schwedin, tabulos - Supersupergeil! Intimrasiertes Rasseklasseweib! Tabuloses Französisch! Cindy! - Sexy Polin, Superservice - tabulose deutsche Girls rasiert, vollbusig - Gynstuhl und viele Spielchen - Babsi, Küssen, Französisch, optimal Griechisch - Bianca verwöhnt französisch total ohne Handmassage - 62-jährige vernascht dich - Dreierspezial, Lesbenspiele - Mit viel Busch und geilen Bergen - Privat, schücherne Nymphomanin. Das mag fürs Erste genügen
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