Historische Autowerbung Frauen auf der Haube

Posen und PS, Erotik und Aerodynamik: Von Beginn an setzte die Automobilindustrie in ihrer Werbung auf weibliche Reize und männliche Instinkte. Mit der Zeit wurden die Kleider der Auto-Models immer kürzer und enger - einestages erinnert an die elegantesten, prüdesten und peinlichsten Autoanzeigen.

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Nein, sie waren alles andere als nackt, sie räkelten sich nicht lasziv auf der Motorhaube, schmiegten sich nicht wie Katzen an chromstrotzende Karosserien und liebkosten auch nicht protzige Kotflügel. Schlimmer noch: Sie lächelten nicht einmal, sondern stierten ein wenig übellaunig in die Gegend - und schrieben doch Werbegeschichte.

Ausgerechnet zwei Männer, stocksteif gekleidet mit dunklem Frack und Melone, posierten für eine der ersten Autoanzeigen der Welt - in genau jener Branche, die bis heute für ihre leichtbekleideten Frauen berüchtigt ist.

Die beiden bärtigen Männer waren Carl Friedrich Benz und sein enger Mitarbeiter Josef Brecht, die Reklame machen sollten für Benz' "Patent Motor-Wagen", dem ersten modernen Automobil mit Verbrennungsmotor. Dafür hatten sie extra mit einem Fotografen in Mannheim ein Fotoshooting organisiert. Die Aufnahme wurde Vorlage für einen Stich, der um 1890 in Werbeprospekten erschien und die Männer in einer malerischen Hügellandschaft zeigte: Nie zuvor waren Autos so aufwändig angepriesen worden.

Verführerische Auto-Botschafterinnen

Das war jedoch bitter nötig, denn zunächst hatte Carl Benz für seine Erfindung nur Ungläubigkeit, Spott und Häme geerntet. Die meisten Deutschen spürten nicht, wie sehr sein dreirädriger "Wagen ohne Pferde" einmal die Art des Reisens revolutionieren sollte. Doch selbst Visionär Benz ahnte damals nicht, dass professionelle Autoreklame einmal fast so wichtig sein würde wie das Produkt selbst.

So dauerte es nur wenige Jahre, bis die Autowerbung die Plakatwände, Litfaßsäulen und Anzeigenspalten eroberte. Eines jedoch änderte sich radikal seit den ersten Prospekten aus der Ära Benz: Die Männer verschwanden aus den Motiven.

Für Jahrzehnte warben nun fast ausschließlich Frauen für ein Produkt, dessen Bedienung ihnen anfangs kaum ein Mann zutraute. Die schönen Fotomodels luden die raffiniertesten Automodelle mit Leidenschaft und Erotik auf; ihre Kurven sollten die der angepriesenen Wagen am besten noch übertreffen. In der Welt der Marktanalysten und Werbestrategen galten Autos lange als reine Männersache, so dass bis in die achtziger Jahre allein deren Reize angesprochen wurden.

Der Benz-Stern am Himmelszelt

Wer damit anfing, Frauen zu verführerischen Auto-Botschafterinnen zu machen, lässt sich nicht mehr rekonstruieren. Die Idee war wohl zu naheliegend, als dass sie sich auf einen einzelnen Werbepionier zurückführen ließe. Jedenfalls begann der Trend bereits Anfang des 20. Jahrhunderts.

Auf bunten Werbeplakaten ließ Opel seit 1900 seine Frauen zwar zunächst noch für Nähmaschinen und Fahrräder statt für seinen "Opel Motorwagen" werben. Doch Konkurrent Benz setzte schon seit 1912 in seinen Motiven auf weibliche Reize: So schloss eine junge Brünette einen roten Miniatur-Wagen so innig in ihre Arme, als sei es ihr Liebhaber - darunter stand in geschwungener Schrift: "Mein Benz!!" Und auf einem Plakat von 1929 suchte eine elegant gekleidete Schönheit verträumt den tiefblauen Sternenhimmel ab. Und natürlich, da ganz in der Ferne blinkte etwas: der Mercedes-Stern!

"Die Anzeigen aus den zwanziger Jahren setzten verstärkt auf Frauen als neue selbstbewusste Zielgruppe", erklärt Melanie Graf, Unternehmenssprecherin bei Mercedes-Benz. "Schließlich gab es in den gehobenen Gesellschaftskreisen, wo das Automobil seine Triumphfahrt startete, genug selbstbewusste und weltgewandte Frauen. Während ihre Mütter noch zu Pferde ausgeritten waren, sattelten sie nun auf die blitzenden Karossen um."

Erotik und Aerodynamik

Von da an ging es Schlag auf Schlag. Frauen und Fahrzeuge, Posen und PS, Erotik und Aerodynamik verwuchsen in der Werbung untrennbar miteinander - mit mal gelungenem, mal peinlichen und mitunter sexistischen Ergebnissen. Und so ist ein Blick auf die alten Werbemotive auch eine Reise in eine Zeit, in der sich Gesellschaft und Frauenbild rasant veränderten.

Winkten die Frauen anfangs noch in hochgeschlossenen Kleidern elegant neben den Autos oder blickten sie brav mit Rehaugen vom Rücksitz durch die Heckscheibe, so wurden die Posen der Models mit der Zeit immer frecher und freizügiger. Sie saßen plötzlich hinter dem Steuer statt nur auf dem Beifahrersitz, standen selbstbewusst auf der Rückbank eines Cabriolets oder lagen in hautengen Jeans auf dem Dach einer Luxuslimousine.

Das Ende der Zurückhaltung und Prüderie der fünfziger Jahre bedeutete jedoch nicht, dass die Auto-Mädchen seitdem in der Werbung als selbstbestimmt dargestellt wurden - sie blieben Objekt der männlichen Begierde: Ihre Kleider wurden kürzer und enger, manche trugen auf einmal nur noch Bikinis, auf Automessen und Tunertreffen gerne noch weniger. Irgendwann war es wichtiger, was auf der Motorhaube lag als was darunter brummte.

Knie statt Schaltknüppel

So bewarb VW im Jahr 1968 - Frauenbewegung hin oder her - sein Automatikgetriebe damit, dass der Fahrer nun eine Hand frei habe, um das Knie seiner Beifahrerin besser betatschen zu können. Selbst wenn Hersteller versuchten, Frauen zum Autokauf zu animieren, wurde es mitunter peinlich - wie in einer Reklame der Firma DAF: "Von der Technik habe ich gar nichts gemerkt", sagte in der Anzeige von 1964 eine Frau verzückt, "das ist genau richtig für mich", denn damit werde das Autofahren "so leicht wie Kaffee kochen." Und noch Anfang der Neunziger forderte ein in hautenges Blech gekleidetes Model in einem Zubehörkatalog für den Golf GTI den Kunden zweideutig auf: "Gib mir 'ne Wartung!"

Es waren letztlich nicht die Proteste der Feministinnen, sondern die Logik der Marktwirtschaft, die solche Werbeexzesse heute weitgehend zurückdrängt hat, von Nacktfotos in Tuning-Katalogen einmal abgesehen: Marktforscher fanden schon Ende der neunziger Jahre heraus, dass Frauen genauso häufig die Auto-Kaufentscheidung treffen wie Männer - nur, dass sich die weibliche Kundschaft eben nicht nach halbnackten Ludern als Karosserie-Dekoration sehnt.

Aber vielleicht nach so kernigen Typen wie Til Schweiger, der im Jahr 2000 für den Renault Clio posierte. Oder nach bärtigen Männern im eleganten Frack, wie sie Benz 1890 in seinen Werbeprospekten abbilden ließ.



insgesamt 19 Beiträge
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Seite 1
Till Neumann, 31.08.2011
1.
Bei dem Auto auf Bild 12 handelt es sich in der Tat um einen Ford Taunus 15M de luxe, der allerdings nur von 1955 bis 1958 hergestellt wurde (vgl. http://www.fomcc.de/g4b.htm). Auch die Mode der Dame lässt das Werbebild wohl eher als Produkt der Jahre um 1955 herum erscheinen, nicht von 1961.
Solnzevo Wolkow, 31.08.2011
2.
Der "Sabberfrosch" wurde als Eliette im Westen vertrieben - das war mir bisher nicht bekannt. Nettes Detail!
Siegfried Wittenburg, 31.08.2011
3.
Ohne Damenbegleitung und ohne dieses Ziel ist das Autofahren doch langweilig.
Norbert Meenen, 31.08.2011
4.
Der MG auf Ihrer Abbildung ist leider ein post-74er Modell mit der durch amerikanische Sicherheitsvorschriften notwendigen Gummistoßstange. Diese sogenannten ?Gummiboote" hatten nur noch eine kurze Lebenszeit, bis der MGB endgültig eingestellt wurde. Ohne Chromstossstange halfen auch keine hübschen Mädels mehr auf den Anzeigen.
Rüdiger Toebert, 31.08.2011
5.
>Der "Sabberfrosch" wurde als Eliette im Westen vertrieben - das war mir bisher nicht bekannt. Nettes Detail! Naja, er war eine freche fast 1:1 Kopie des NSU Prinz 4... und das lange vor den Japanern und Chinesen...
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