Historische Bordelle Schampusbad im Sündentempel

Historische Bordelle: Schampusbad im Sündentempel Fotos
Galerie au Bonheur du Jour, Paris

Hier gab es Piratenkojen, Foltersäle und Liebessitze. In den Nobel-Bordellen Frankreichs vergnügten sich im frühen 20. Jahrhundert Königssöhne, Hollywood-Stars und Bischöfe - bis ein Gesetz das Treiben beendete. einestages zeigt Fotos aus der goldenen Ära der pikanten Etablissements. Von

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Fabienne Jamet hatte sofort ein schlechtes Gefühl. Als den Frauen in Frankreich im April 1944 endlich das Wahlrecht zugestanden wurde, wusste sie gleich, "dass es ein böses Ende nehmen wird", wie die Bordellwirtin in ihren Memoiren schreibt. Da half es auch nichts, dass sie ihren Mädels empfahl, General De Gaulle zu wählen: Die Allianz der Puffgegner schien quer durch alle politischen Lager zu gehen.

Um die Stimmen der Frauen zu ergattern, verschworen sich Kommunisten, Sozialisten, Bürgerliche und Radikale zu einer, so Puffmutter Jamet, "nationalen Verbrüderung gegen die Bordelle". Am 13. April 1946 war es so weit: Mit dem Gesetz Nummer 46658 verbot die französische Nachkriegsregierung sämtliche Bordelle im Land.

Binnen eines halben Jahres verschwanden alle rund 1500 Freudenhäuser in Frankreich. Darunter auch die vornehmsten unter ihnen - etwa das von Jamet geführte Pariser Luxus-Etablissement "One Two Two": ein weltberühmter Sündentempel im vornehmen 8. Arrondissement. Mit dem nun erschienenen, opulenten Bildband "Décors de Bordels" lässt die französische Galeristin Nicole Canet den Zauber dieser unfassbar verschwenderisch eingerichteten Nobel-Freudenhäuser wieder aufleben. Ein Zauber, dem selbst die ranghöchsten Würdenträger erlagen.

Liebesspiel im Champagnerbad

Der Prince of Wales und spätere König Edward VII. etwa gehörte um die Wende zum 20. Jahrhundert zu einem der größten Fans französischer Edel-Etablissements. Regelmäßig stieg er im altehrwürdigen "Le Chabanais" ab: einem 1878 eröffneten Luxus-Freudenhaus im Pariser Börsenviertel, das für seinen illustren Stammgast gleich zwei spezielle Einrichtungsgegenstände bereithielt.

Dazu gehörte zum einen der eigens für ihn von den besten Schreinern der Stadt angefertigte "Liebessitz", der es dem lüsternen Königsspross erlaubte, mit zwei Damen auf einmal zu verkehren. Zum anderen liebte der britische Thronfolger die luxuriöse, mit einer barbusigen Meerjungfrau verzierte Kupferbadewanne. Der Legende nach soll er das Prunkstück stets mit Champagner gefüllt haben, um seine Mätressen darin zu baden - und den Inhalt nach vollzogenen Freuden gemeinsam mit seinen Freunden geleert haben.

Doch auch das übrige Mobiliar des "Chabanais" war an Luxus kaum zu übertreffen: 1,7 Millionen Francs (das entspricht heute mehr als sechs Millionen Euro) hatte Bordell-Gründerin Alexandrine Jouannet einst ausgegeben, um die Zimmer mit Marmorsäulen, kunstvoll gedrechselten Möbeln aus exotischen Hölzern, dicken Perserteppichen, Brokatvorhängen, Kristalllüstern, Samtsofas und üppigen Spiegeln auszustatten.

Gemälde als Bordellmiete

Wer es mochte, konnte seinen Romantik-Gelüsten in einer weitverzweigten Grotte mit künstlichem Wasserfall nachgehen oder sich im feudalen "Pompeij-Salon" verlustieren. Und für das stilvolle Intérieur im sogenannten japanischen Zimmer wurde das "Chabanais" auf der Weltausstellung von 1900 gar mit dem ersten Preis ausgezeichnet.

Seite an Seite amüsierten sich Intellektuelle, Politiker, Bankiers und Bischöfe im "Chabanais". Der Maler Henri de Toulouse-Lautrec gab das Etablissement gleich als Wohnadresse an, die Miete soll er in Gemälden bezahlt haben. Andere Künstler bevorzugten das "Sphinx" im Viertel Montparnasse, das "Fleur Blanche" im 1. Arrondissement - oder das legendäre, 1924 eröffnete "One Two Two".

Hier, hinter den Tag und Nacht geschlossenen weißen Fensterläden in der Rue de Provence Nummer 122, offenbarte sich dem Besucher eine Traumwelt. Kaum hatte er die Eingangstür passiert, erinnert sich Fabienne Jamet, glitt eine Dame in Schwarz auf ihn zu, die ihn diskret in einen der prunkvollen "Auswahlsalons" geleitete.

Foltersaal, Piratenkoje, Louis XVI-Prunk

Auf Sockeln posierten hier, mal spärlich bekleidet, mal im langen Abendkleid, mit festlichem Make-up und Seidenstrümpfen, die in Frage kommenden Damen. Hatte sich der Besucher beim Glas Champagner für eine von ihnen entschieden, durfte er die Kulisse für das Liebesspiel aussuchen. Römische Tempelästhetik oder mittelalterlicher Foltersaal, Louis XI-Prunk oder Piratenkoje?

Die Auswahl ließ nahezu keine Wünsche offen. Im Afrika-Zimmer mit seinen gekreuzten Kriegerlanzen grinsten den Freier grimmige Masken, ein ausgestopftes Krokodil und ein Löwenkopf an, im Iglu-Zimmer hingen Eisbärenfelle und Rentiergeweihe. Die nachgebaute Schiffskabine des Überseedampfers "Normandie" war mit einer Tür versehen, durch die man auf ein fingiertes Deck mit Liegestuhl, Rettungsring und Reling schauen konnte.

Und im stilisierten Schlafwagenabteil des Orient-Express ertönten gar ratternde Zuggeräusche und flogen Landschaften mit Feldern, Wäldern und Bahnhöfen hinter dem Fenster vorbei - gemalt auf eine rollende Leinwand, die per Knopfdruck in Bewegung gesetzt wurde.

Nur mit Schürze bekleidete Kellnerinnen

"Alles war möglich. Jedes Zimmer war eine Etappe einer endlosen Reise durch Raum und Zeit", schreibt Fabienne Jamet, die sich im "One" einst von der Prostituierten zur Chefin hochgedient hatte. Und schwerreich dabei geworden war: Rund 200 Francs kostete eine Nummer im "One" Anfang der dreißiger Jahre - ein Pariser Schreiner hätte sich dafür rund 30 Stunden abrackern müssen.

Noch lukrativer als der Kommerz mit der Lust indes war das bordelleigene Sterne-Restaurant: Wer vom Liebesspiel hungrig geworden war, konnte sich im "One" sogleich stärken, beim immer gleichen Edel-Menü.

Serviert wurde iranischer Kaviar als Vorspeise, "Boeuf à la ficelle" (in Gemüsebrühe gegartes Rindfleisch) als Hauptspeise sowie Käse und Dessert. Die Kellnerinnen wirkten auf die Männer allein durch ihre Aufmachung appetitanregend: Sie waren nackt - von hochhackigen Schuhen, einer kleinen weißen Schürze und einer Kamelie im Haar abgesehen.

150 Flaschen Champagner gingen hier sowie in der direkt angrenzenden Bordellbar "Miami" allabendlich über die Theke, kaum ein Prominenter, der sich nicht mindestens einmal im legendären "One" amüsiert hätte. Zu den illustren Gästen gehörten Charlie Chaplin, Marlene Dietrich, Ernest Hemingway und Cary Grant ebenso wie der englische Kronprinz und spätere Herzog von Windsor, Colette, Fernandel und Jean Gabin.

Luftschutzkeller mit Eisschrank

Humphrey Bogart randalierte regelmäßig im "One" herum, wie sich Fabienne Jamet erinnert - während Edith Piaf die Mädchen mit ihren wehmütigen Chansons derart zu Tränen rührte, dass an Arbeit nicht mehr zu denken war. Selbst der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs konnte dem Etablissement nichts anhaben: Eilends errichtete man einen Luftschutzkeller mit Eisschrank, Schampusreserven, Sesseln und Grammophon - und vergnügte sich bei Bombenalarm eben ein paar Stockwerke tiefer als gewöhnlich.

1940 jedoch, mit dem Einmarsch der Deutschen in Paris, endete die unbeschwerte Ära. Hitlers Soldaten requirierten das Edelbordell, "und wo man hinspuckte, saß ein Feldgrauer", klagt Fabienne Jamet. Auf ihr Betreiben hin durften sich bald nur noch Offiziere der Wehrmacht im "One" amüsieren. Hinzu gesellten sich ranghohe Franzosen, unter ihnen auch so manche, mit der deutschen Besatzungsmacht sympathisierenden Kollaborateure.

Die Bordelle der "Grande Nation" waren vielfach zu einem ganz speziellen Ort der deutsch-französischen Begegnung mutiert - und genau aus diesem Grund nach Weltkriegsende nicht mehr salonfähig. "Während der Besatzungszeit wurden die Freudenhäuser zu Orten des Verrats und ihre Inhaber zu Beschaffern der Gestapo", schnaubte die Pariser Stadträtin Marthe Richard 1945 und startete eine erboste Anti-Puff-Kampagne.

"Das Ende der Welt war gekommen"

Dabei hatte sich Richard in ihrer Jugend selbst als Prostituierte verdingt. Zudem war sie erst spät ins Lager der Résistance gewechselt und besaß aufgrund ihres englischen Passes eigentlich gar nicht das Recht auf ein öffentliches Amt. Den Politikern auf Stimmenfang indes war dies offensichtlich egal: Bestrebt, die wahlentscheidende Masse der Frauen für sich zu gewinnen, stellten sich die Machthungrigen hinter Tugendwächterin Richard.

Gemeinsam kippten sie eine napoleonische Verordnung von 1804, die städtisch kontrollierte Freudenhäuser erlaubt hatte - und brachten mit dem Bordell eine urbürgerliche Institution zu Fall. Sechs Monate Zeit räumte das Gesetz den Bordellbetreibern zur Abwicklung ihrer Häuser ein. Im Oktober 1946 erloschen überall in Frankreich für immer die roten Lichter. Eine Ära ging zu Ende.

Der Tag, an dem auch das legendäre "One Two Two" seine Pforten schloss, traf das Haus "wie das Fallbeil der Guillotine", so Fabienne Jamet: "Das Ende der Welt war gekommen. Die Kunden weinten. Die Mädchen weinten. Ich wusste weder ein noch aus." An jenem Tag verließen die letzten Freier um 20 Uhr das Haus. Fabienne riegelte die Tür ab, lud ihre Mitarbeiterinnen zum Essen ein, küsste jede zum Abschied. Dann waren sie fort. Am 30. Oktober wurde das Mobiliar versteigert, Handwerker rückten an, um den Stuck von den Wänden zu hauen.

Und neue Inhaber zogen ein: Im "One Two Two", dort, wo sich einst die Crème de la Crème die Klinke in die Hand gereicht hatte, residierte nun - die französische Gewerkschaft für Leder und Felle.

Zum Weiterlesen:

Nicole Canet: "Décors de bordels - Entre intimité et exubérance. Paris-Province Afrique du Nord 1860-1946". Galerie au Bonheur du Jour, Paris 2011, 408 Seiten.

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insgesamt 9 Beiträge
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    Seite 1    
1.
Michael Schnickers 03.02.2012
Welch eine Schande! Noch heute müssen die französischen Prostituierten im Dunkel anschaffen gehen wie z.B. im Bois de Bologne und heimlich in Privatwohnungen. Neuerdings wurde sogar die öffentliche "Anbahnung" solcher Dienstleistungen unter Strafe gestellt- wer als Sexarbeiter/in verdächtigt wird, darf auf offener Straße verhaftet werden. Trotzdem ist oben erwähnter Park das "größte Freiluft-Bordell der Welt", auch wenn nicht alle Damen Damen sind ^^ und die (teils berittene) Polizei schaut meist weg. Weg mit diesen alten Zöpfen, erlaubt endlich wieder ordentliche Bordelle, die sich auch viel besser kontrollieren lassen, damit ist allen gedient! Und diese Behauptung der "Kollaboration mit dem Feind" ist ohnehin haltlos gewesen, stattdessen waren die Freudenhäuser oft die besten Quellen (und oft auch Verstecke) für die Resistance, wo der Herr Major in Champagnerlaune schon mal das eine oder andere ausplauderte, was direkt an den Widerstand weitergeleitet wurde... Nachher traute sich dann keiner für die Bordelle die Stimme zu erheben, heute gibt es bei uns ja auch Stimmen von Frauenbewegten in seltsamer Koalition mit Spießbürgern und Kirchenfürsten, die am liebsten die ganze Prostitution zurück ins Dunkel des Verbots stoßen wollen- was ja früher auch sooo toll funktioniert hatte...
2.
Paolo De Gaetano 03.02.2012
Es ist nicht Vergangenheit! Es gibt Heute noch private Clubs auch auf der Côte d'Azur in Cannes, Hochsaison für Sklaventreiber! Junge Frauen, sehr junge Mädchen und auch kleine Mädchen werden entführt statt verführt und für sadistische Liebesspiele ausgenutzt! Alle diese Mädchen fallen in Netzwerke der internationalen organisierten Kriminalität von Sklaventreibern! Die Behörden tun ob das alles nicht existieren würde! Es bringt viel Geld! Die Korruption ist ziemlich hoch!
3.
Christoph Wirtz 04.02.2012
Was für eine schöne Zeit war das offenbar. Dass es solche Freudenhäuser heute nicht mehr in dieser Form gibt, ist ein Verlust an Kultur und Lebenslust.
4.
Florian Geier 04.02.2012
Lt. http://de.wikipedia.org/wiki/Zeittafel_Frauenwahlrecht wurde das Frauenwahlrecht 1945 eingeführt und nicht "im April 1944". Das hätte auch nicht zu Pétain gepaßt.... Unklar erscheint mir auch, was sich hinter "Louis XI-Prunk" verbergen soll. Und statt "Boeuf à la ficelle" muß es heißen: "B?uf à la ficelle".
5.
Stefan Pitsch 04.02.2012
Warum eigentlich so dilletantisch reinkopierte Damen? Das sieht höchst lächerlich aus.
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