Historische Farbfotos Nazi-Erzieher mit Eispickel

Sie zeigten die Alpen in den dreißiger Jahren - und auch die braune Vergangenheit der deutschen Lehrer: Lange unter Verschluss gehalten sind jetzt 70 Farbdias aufgetaucht - Momentaufnahmen vom Gipfelsturm nationalsozialistischer Lehrkörper.

Ralf Klee

Von Ralf Klee


München im Juni 1939. Vor den "Ehrentempeln" am Königsplatz hatte sich eine Gruppe Lehrer versammelt. Inkognito. Ohne Aktentasche, ohne Rohrstock und sogar ohne Schulbücher. Die Pädagogen traten ungewohnt sportlich auf, leger mit Rucksack und Wanderschuhen gerüstet für eine große Expedition. Bevor sie aufbrachen, sahen sie sich in den Säulenhallen um, die die Nazis zur Erinnerung an den Hitlerputsch 1923 hatten errichten lassen: Der Besuch der Gräber der beim Putsch getöteten Gegner der Republik - ein Pflichttermin für einen linientreuen Pädagogen des NS-Regimes.

Dann ging es in die Alpen. Der Nationalsozialistische Lehrerbund (NSLB) hatte "Reichsaustauschlager" eingerichtet. "Vom Zugspitz bis zum Großglockner" wie entsprechende Transparente verkündeten. Die Pädagogen sollten dort gemeinsam zelten, Touren unternehmen und die beiden höchsten Berge des "Altreiches" und der neuen "Ostmark" erklimmen. Völkische Politik zum Nachwandern.

Der NSLB verstand sich als Dachverband aller erzieherisch wirkenden Deutschen, und er legte besonderen Wert auf die weltanschauliche Schulung seiner Mitglieder. In einem Rundschreiben aus dem Jahr 1935 postulierte der Bund die "Umprägung des deutschen Lehrers zum Typ des nationalsozialistischen Volkserziehers". Eine besondere Bedeutung sollten dabei die "Reichsaustauschlager" spielen, meist in grenznahen Gebieten gelegen. Durch Exkursionen und Vorträge wurden die Teilnehmer in Regionalgeschichte, Grenzfragen und "Volkstum" geschult. Der NSLB nannte die Lager stolz "Bastionen und Kampfblocks des Reichsgedankens, Stoßtrupps unserer Weltanschauung." Es war eine Indoktrination mit Event-Charakter - zu der Lehrer aus ganz Deutschland zusammenkamen.

Die Bergtour der Lehrer und Erzieher im Sommer 1939 wäre vermutlich vollends in Vergessenheit geraten, hätte nicht ein Antiquitätenhändler in Pirmasens kürzlich die Reste der Fotodokumentation veräußert - 70 Farbdias für 55,90 Euro. Anhand der Nummerierung lässt sich feststellen, dass viele Aufnahmen - vermutlich im Zuge der Entnazifizierung - verschwunden sind. Bei anderen hat jemand unliebsame Schriftzüge aus den Dias herausgekratzt. Bei fast allen Dias fehlt die Beschriftung. Doch ihr dokumentarischer Wert ist enorm.

Gipfelsturm auf Agfacolor

Im Rundschreiben von 1935 belehrte der NS-Lehrerbund seine Mitglieder: "Im Erzieherstand von heute weiß man, dass die Teilnahme an einem Austauschlager höchste Ehre für einen deutschen Erzieher bedeutet. Man weiß, dass die Auslese kämpferischer Erzieher die Mannschaft formt und dass die Teilnahme zu einem besonders kämpferischen Einsatz für den Nationalsozialismus verpflichtet."

Einsatz war auch bei der Bergtour 1939 von Nöten - allerdings eher in konditioneller Hinsicht, wie auf den Fotos zu erkennen ist. Stationen der Wanderung waren u.a. Garmisch-Partenkirchen, das Wettersteingebirge, die Hohen Tauern und das Karwendel. Eine große körperliche Herausforderung für die Erzieher, die jedoch gut ausgestattet an die Wände gingen: Schneebrillen, Eispickel, Nagelschuhe und wetterfeste Kleidung gehörten zur Ausrüstung.

Um den Gipfelsturm der kraxelnden Lehrer festzuhalten, hatte man eigens einen Fotoapparat und neuartige Agfa-Farbfilme mitgenommen. 1936 hatte die "Aktiengesellschaft für Anilinfabrikation" in ihrem Zweigwerk Wolfen den berühmten Agfacolorfilm entwickelt - fortan gingen solvente Kunden auf bunte Motivjagd. Besonders die Alpen erfreuten sich schnell großer Beliebtheit. Das Fachblatt "Der Bergsteiger" schrieb 1939 begeistert: "Freuen wir uns über die Möglichkeit, nun auch einen farbigen Abglanz von der vielfältigen farbigen Schönheit unserer Berge mit heimbringen zu können. Das soll aber kein Freibrief sein, wahllos alles Bunte zu knipsen."

Der Fotograf der NSLB-Expedition setzte dennoch auf vielfältige Motive. Er knipste die Gruppe beim Zelten, bei der Morgentoilette, beim Wandern und natürlich die Berge selbst. Einige Aufnahmen sind von hohem dokumentarischem und künstlerischem Wert, andere sind Ausschuss. Schlecht belichtet, verwackelt, belanglos.

Ob sich der Fotograf nicht an die Ratschläge im "Bergsteiger" gehalten hat? Das Heft erklärte seinen Lesern damals: "Die Belichtungszeit ist das A und O der Farbenphotographie. Ohne elektrische Lichtmesser wird man kaum auskommen. Aber auch ein Belichtungsmesser hat nur dann vollen Wert, wenn man ihn eicht, d.h. auf Apparat und persönliche Handhabe einübt. Den ersten Film soll man für Versuche opfern. Man lege sich dabei keinen Zwang an, sondern fotografiere lustig drauf los - aber mit System. Eine leichte Überbelichtung ist immer besser, als eine noch so knappe Unterbelichtung; man erreicht dann zarte, pastellartige Farbtöne."

Zeugen eines Sündenfalls

Farbige Darstellungen der Alpen gab es bereits früher. So veröffentlichte zum Beispiel "National Geographic" im Juni 1926 den Beitrag "The Beauty of the Bavarian Alps, with 16 Autochromes Lumiere by Hans Hildenbrand". Das Verfahren der Gebrüder Lumière war 1907 auf den Markt gekommen und basierte auf eingefärbten Kartoffelstärkepartikeln auf einer photographischen Platte. Das Ergebnis waren farbintensive Bilder, die lange Belichtungsdauer zwang allerdings zur Motivbeschränkung. So waren die ersten Farbfotos der deutschen Alpen malerische Stillleben.

Das änderte sich mit den neuen Agfa- und Kodachromefilmen, die eine geringere Belichtungsdauer benötigten. Die Bilder der NS-Lehrergruppe gehören damit zu den ersten Fotos überhaupt, die Bewegung am Berg zeigten: Kletternde Menschen, Momentaufnahmen aus dem Biwak oder grasende Tiere in der Wildbahn. Dem Fotografen gelangen somit wirklichkeitsgetreue Aufnahmen der deutschen und österreichischen Alpen, die einen Einblick in die alpine Welt vor modernem Massentourismus und Klimawandel geben.

Vor allem aber zeugen die Bilder auch von einem Sündenfall der deutschen Pädagogik: den "Reichsaustauschlagern". Geschichte, die aufgearbeitet werden muss.



insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
Harald Haack, 14.10.2008
1.
Unabhängig vom politischem und zeitgeschichtlichem Inhalt der Fotos, frage ich, ob es irgendeinen zwingenden Grund gibt, diese Farbfotos, die angeblich zu ersten Agfacolor-Farbdiapositiven zählen sollen, ohne Farbkorrektur zu veröffentlichen. Eigentlich jedes Farbfoto bedurfte in Zeiten der analogen Fotografie einer Lichtbestimmung, um Farbstiche zu entfernen. Auch nun, in der Zeit der digitalen Fotografie ist dies nicht anders, wenn analoge Fotos gescannt werden. Die hier gezeigten Farbdias mögen gelitten haben, die Farben sind möglicherweise verändert - was für mich aber nicht so klar ist, denn sie lassen sich problemlos digital restaurieren, auf den wahrscheinlich ursprünglichen Farbwert zurückbringen, wie ich anhand eines Versuches habe feststellen können. Vielleicht, so vermute ich, wurden sie einfach nur unprofessionell gescannt. Falls Interesse besteht, bin ich gerne bereit, diese und auch andere Fotos digital zu restaurieren, um sie annähernd auf die ursprünglichen Farbwerte zurück zu bringen. Andere Fotografen, mit entsprechendem Know How, könnten dies aber auch.
Wilfried Luckel, 16.10.2008
2.
Wilfried Luckel: Bei der Bertachtung der Fotos bin ich mir ziemlich sicher, dass die Bilder Nr. 4 und 5 in Zell am See - Schüttdorf aufgenommen wurden. Dort gibt es einen Campingplatz, der noch heute existiert. Im Hintergrund glaube ich das Steinerne Meer mit dem Hundskopf (runder Berggipfel) zu erkennen. Rechts im Hintergrund ist der Erlberg, der heute zum Teil stärker bewaldet ist und viel stärker bebaut. Der Blick ist von Schüttdorf Richtung Norden.
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