Historische Filmtheater Die Kinosaurier

Historische Filmtheater: Die Kinosaurier Fotos
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Ganz Deutschland ist von Multiplex-Kinos überzogen. Ganz Deutschland? Nein! Noch immer gibt es alte Lichtspielhäuser, die sich den Glamour vergangener Tage erhalten haben. Mit Fresken, Marmorsäulen und Kristalllüstern bieten sie Kino wie zu Kaisers Zeiten. einestages zeigt die schönsten. Von Moritz Miebach

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"Klatsch" - Mister Delaware flog ein rechter Haken ins Gesicht. "Patsch! Patsch! Patsch!" - obwohl der Boxer wild mit den Fäusten fuchtelte, musste er einen Schlag nach dem anderen einstecken. Das Publikum auf den harten Holzbänken bog sich vor Lachen. Auch diejenigen, die nur noch einen Stehplatz im brechend vollen Saal ergattert hatten. Denn die Hiebe teilte kein Schwergewichtschampion aus, sondern ein mannsgroßes Känguru mit Boxhandschuhen. Zu dem ungleichen Kampf vor übervollen Rängen spielte ein Pianist live am Klavier.

So sah es aus, als im September 1908 der Stummfilm "Das Boxende Känguruh" neben anderen Kurzfilmen wie "Baby lernt laufen" oder "Fahrt des Heuwagens" im neueröffneten Apollo-Kino in Hannover gespielt wurde. Die 23-jährige Wilhelmine Kaufmann hatte damals kurzerhand einen ehemaligen Tanzsaal zu einem Kino umfunktioniert - heute ist das Apollo eines der ältesten Lichtspielhäuser Deutschlands. Zwei Weltkriege und einen Großbrand überstand das Haus, mittlerweile ist es mit bequemeren Kinosesseln und moderner Vorführtechnik ausgestattet.

Vom Boom der ersten Kino-Jahrzehnte in Deutschland können die Betreiber heute allerdings nur noch träumen: Lange Schlangen an den Kassen, reißender Kartenabsatz, restlos ausverkaufte Vorstellungen - allein in der Saison 1935 gingen rund 250 Millionen Menschen in die Kinos -, diese Zeiten sind vorbei. Zum Vergleich: Im Jahr 2007 lag die Zahl der Kino-Besuche bei 125,4 Millionen. Die meisten davon verschwanden in Multiplex-Tempeln, nur wenige Zuschauer verirren sich noch in alte Programmkinos wie das Apollo.

Mit Warmwasserheizung zum Erfolg

Dabei hatten auch die ersten deutschen Lichtspielhäuser es beileibe nicht leicht: Weil sie, wie das Apollo, meist aus ehemaligen Gaststätten, Tanzlokalen oder Läden hervorgegangen waren, die einfach mit ein paar Bänken, einem Projektor und einer Leinwand ausgestattet und zum Kino umfunktioniert wurden, haftete ihnen etwas Anrüchiges an. Vor dieser improvisierten Kulisse hatten Kurzfilme wie "Das boxende Känguru" eher den Charakter von Kuriositätenshows und Zirkusnummern. Doch schnell entstanden immer mehr abendfüllende Spielfilme - und ließen das Medium im Ansehen steigen. Pompöse Neubauten, die das Image des Films als Kulturgut weiter festigen sollten, folgten.

Zur Eröffnung der Sendlingertor-Lichtspiele in München im Oktober 1913 verschickte der Betreiber Carl Gabriel sogar goldbedruckte Einladungskarten. Die Prominenz der Stadt gab sich die Ehre. Ernst von Destouches schwärmte damals: "Seit heute ist München um ein Lichtspieltheater ersten Ranges, in vornehmer, gediegener Ausstattung, reicher." Der Stadtchronist freute sich über das "amphitheatralisch ansteigende Parkett", die "effektvolle Beleuchtung" und die "Warmwasserheizung". Tatsächlich war Gabriels Kino in seinen Ausmaßen gigantisch: 700 Plätze hatte der Saal mit den neoklassizistischen Säulen und einem Balkon rund um die Zuschauerränge im Parkett zu bieten. Messinglüster tauchten das Haus in elegantes Licht und schaffen noch heute eine geradezu feierliche Atmosphäre. Denn der erste Filmpalast ist immer noch in Betrieb. Sogar die Königsloge, in welcher sich der bayerische König Ludwig III. 1915 den Film "Die Herrin des Nils" ansah, gibt es noch.


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Kinobesuch in Abendrobe

In den zwanziger Jahren lockten Stummfilmklassiker wie das fünfstündige Epos "Die Nibelungen" von Fritz Lang und "Der letzte Mann" von Friedrich Wilhelm Murnau die Zuschauer in Scharen in die Sendlinger Lichtspiele in der Münchner Innenstadt. Sie begingen den Kinobesuch als gesellschaftliches Ereignis, liefen dort in Abendgarderobe auf, vor der Leinwand saßen Musiker im Orchestergraben und begleiteten die Vorführungen.

So überrascht es nicht, dass anlässlich der ersten Vorstellung in der Lichtburg in Essen im Jahr 1928 auf der Kinokarte sogar "Für diese Vorstellung wird Abendanzug erbeten" vermerkt worden war Die Eröffnung bot den Gästen dann auch mehr als nur einen Kinofilm. Zum Programm gehörten ein Konzert auf der großen Wurlitzer Kinoorgel, die auch Donner und Verkehrslärm imitieren konnte, danach spielte das 30 Mann starke Lichtburg-Orchester die Ouvertüre aus "Orpheus in der Unterwelt". Die "Essener Allgemeine Zeitung" jubilierte: "Im Parkett-Foyer des Theaters herrscht ein glanzvolles Leben. Die Herren sind zumindest im dunklen Abenddress, die Damen in blitzender, schillernder Abendtoilette gekleidet. Man sieht bekannte Persönlichkeiten aus allen Kreisen der Bürgerschaft beisammen." Erst nach dem Auftritt einer Ballettgruppe aus Paris öffnete sich der Vorhang auf. Über die Leinwand flimmerte der Hauptfilm "Der Spion der Pompadour.

Ende der zwanziger bis Mitte der dreißiger Jahre verschwanden nach und nach die Kinoorchester, der Tonfilm machte sie überflüssig. Dem Erfolg des Kinos tat das keinen Abbruch. Im Gegenteil: Dass die Filmfiguren sprechen lernten, steigerte die Begeisterung des Publikums nur noch mehr. Dann kam der Zweite Weltkrieg, und viele der prunkvollen Filmpaläste wurden zerstört, unter ihnen auch die Lichtburg in Essen. 1950 wurde sie allerdings nach altem Vorbild wiederaufgebaut. Heute verfügt das Essener Kino mit 1250 Plätzen über den größten Kinosaal Deutschlands.

Erst Filmpalast, dann Nischenkino

In Zeiten des Wirtschaftswunders erlebten die Kinos in Deutschland ihren zweiten, großen Boom - viele neue Lichtspielhäuser entstanden in dieser Zeit. Dabei waren sie meist kleiner als die Kinos der zwanziger Jahre, aber nicht weniger extravagant: Pagen in Uniform kontrollierten die Eintrittskarten, die Theke mit Sarotti-Süßwaren verleitete zum Naschen, in den Pausen ging der Eismann mit einem Bauchladen voller Langnese-Eis durch die Reihen - den Deutschen ging es auch im Kino wieder gut.

Das Tivoli Theater in München ist eines dieser Häuser, die in den Fünfzigern entstanden - und das noch heute nahezu im Originalzustand betrieben wird: Auf Fresken links und rechts neben der Leinwand frönen griechische Göttinnen vor antiken Tempeln dem Harfespiel, im Foyer plätschert ein Springbrunnen. Romy Schneider soll 1971 schwer begeistert gewesen sein, als sie zur Premiere von das "Mädchen und der Kommissar" in der Tivoli-Loge Platz nahm.

Dabei erlagen nicht nur die Westdeutschen der Faszination Kino: Auch auf der anderen Seite der Mauer war der Kinofilm ein bedeutendes Unterhaltungsmedium. 1963 wurde das "Kino International" an der Berliner Karl-Marx-Alle eröffnet. Die erste Lichtspieladresse der DDR hatte zwar keine Logen, doch gab es auch hier Premium-Plätze: Von den Sesseln in der achten Reihe hatte man die beste Sicht auf die Leinwand und mehr Beinfreiheit. Allerdings waren diese Sitze reserviert - hier nahm bei Premieren die Parteiführung Platz.

Noch heute kann man in Kinos wie den Sendlingertor-Lichtspielen, dem Tivoli oder dem Kino International Filme sehen - und in Nostalgie schwelgen. Die ist heute ein wichtiger Faktor für das Überleben der historischen Kinos. Den High-End-Projektoren, THX-Sound und Riesenleinwänden der Multiplex-Riesen stellen die Betreiber die Geschichte und Individualität ihrer Häuser entgegen. Persönliche Bedienung im Kinosessel auf Knopfdruck statt langer Schlangen an der Nacho-Theke. Original-Mobiliar aus den "Roaring Twenties" oder den "Swinging Sixties" statt Bestuhlung vom Kinoausstatter-Fließband. Kurz: eine Zeitreise in die Epoche ihrer Erbauung.

Zudem versuchen die historischen Lichtspielhäuser mit Themenreihen, Autorenfilmen und anspruchsvollen Produktionen eine Nische abseits der modernen Kinos zu besetzen. "Wir sind eher Feinkosthändler, die Multiplex-Kinos dagegen wie große Supermärkte", sagt Fritz Preßmar. Seine Familie führt inzwischen in dritter Generation das Tivoli und auch das dazu gekaufte Filmtheater Sendlinger Tor in München. Doch auch mit historischem Flair und speziellem Filmangebot finden sich zu so mancher Nachmittagsvorstellung im Tivoli nur ein Dutzend Zuschauer ein. Bei solchen Besucherzahlen hätten die Filmpalastbesitzer früher wahrscheinlich nicht einmal den Vorhang der Leinwand gelüftet.

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1.
Christoph Albrecht 14.10.2008
Gleich das erste Bild passt so nicht mehr ganz: das Metropol-Kino in Bonn ist seit Jahren geschlossen. Ob der Kinosaal noch existiert und in welchem Zustand - keine Ahnung.
2.
Christoph Albrecht 14.10.2008
Ein weiteres, wirklich schönes Kino fehlt m.E. in der Liste: das Kino Sendlinger Tor in München, eröffnet 1913 und somit auch nicht mehr so ganz neu.
3.
Gunter Amonn 14.10.2008
Leider ist gerade das Metropol in Bonn ein besonderes Beispiel: Der Denkmalschutz-Status von 1987 ist durch ein - auch für andere Denkmäler folgenreiches - Urteil des OVG Münster aufgehoben worden. An Stelle des Kinos soll nun eine Buchhandlung in den Räumlichkeiten Platz finden. Derzeit prüft die Stadt Bonn, ob gegen das Urteil Beschwerde eingelegt werden soll, ansonsten sind die Tage einer der schönsten Kulturstätten Deutschlands gezählt. Eine ausführliche Beschreibung von Historie und aktueller Situation findet sich bei Wikipedia
4.
Alexandra Wolf 14.10.2008
Auch das schöne Atrium in Nürnberg ist kürzlich geschlossen worden. Schon das zweite Arthouse-Kino in Nürnberg in diesem Jahr - schade, schade!
5.
Daniela Mally 14.10.2008
Och, wie schade! Mal wieder "nur" Kinos aus der "großen" Stadt! Aber auch auf dem platten Land gibt's noch solche Edelsteinchen; Beispiel "Wiedscala" in Neitersen, einem Dorf mitten im Westerwald. Nicht nur das Kino ist sehenswert, auch das Programm.
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