Historische Ghettoblaster Einmal Ohrenschmaus zum Mitnehmen

Plattenspieler, Discokugel, Alarmanlage: Als Kassettenrecorder noch den stolzen Namen Ghettoblaster trugen, wurden sie für eine ganze Generation zum Kultobjekt. Dann verfielen die Hersteller in ein absurdes Wettrüsten. Die Geräte mutierten zu Musikmonstern - mit immer wahnwitzigeren Funktionen.

www.radiohier.com

Von


"Wenn du den hier hattest, warst du der König", ächzt Roderick Dewar. Unter sichtlicher körperlicher Anstrengung hat er gerade einen Ghettoblaster von der Größe eines mittleren Reisekoffers aus dem Hinterzimmer seiner Sammlung gezerrt. 13 Kilogramm wiegt der Sharp VZ-2500 - ohne Batterien. Zwischen den Drei-Wege-Boxen rechts und links prangen ein Radio, ein Kassettendeck, viele Knöpfe - und ein Plattenspieler. Stolz drückt Dewar auf den Eject-Knopf und verfolgt gebannt, als wäre es das erste Mal, wie sich die riesige Lade mit dem Plattenteller langsam und geräuschlos öffnet. "Toll, oder?", strahlt er über das ganze Gesicht, und fährt fort: "Das war damals das absolute Flaggschiff von Sharp und kostete rund 1400 Mark. Das entsprach in etwa dem Monatsgehalt eines Durchschnittsverdieners."

Ghettoblaster-Sammler Dewar bezahlte allerdings nur noch einen Bruchteil des ursprünglichen Preises. Zusammen mit seinem Partner Ralf Büring durchforstet er seit Jahren Ebay auf der Suche nach den tragbaren Kassettenrecordern. Inzwischen haben die beiden mit rund 350 Geräten eine der größten Sammlungen der Welt. In ihrem Büro am Hamburger Hafen stapeln die sich wandhoch - von den Flagschiffen der jeweiligen Hersteller bis zum Jedermann-Blaster im Kleinformat.

Denn in Wahrheit ging es bei Ghettoblastern nie um die Flagschiffe, die sich nur die wenigsten leisten konnten. Ghettoblaster waren eine Volksbewegung.

"Mit ihm konnte ich endlich Musik in meinem Zimmer hören", erinnert sich Lyle Owerko, "und musste nicht mehr meine Eltern um Spielzeit auf ihrer Stereoanlage anflehen". Als Teenager sparte er eisern das mit Zeitungen austragen verdiente Geld - solange, bis er sich endlich seinen eigenen Blaster kaufen konnte. "Dann lag ich jeden Abend in meinem Zimmer, habe das Licht gelöscht, Musik gehört - und gebannt das Feuerwerk der LEDs auf meiner Boombox verfolgt."

Aus den Jugendzimmern Japans ins Ghetto von New York

Den Fotografen aus New York hat diese Leidenschaft bis heute nicht losgelassen. Mit dem "Boombox Projekt", einer Fotoserie der beliebtesten Geräten der Blaster-Geschichte, hat er ihnen ein Denkmal gesetzt. Und zu den meisten seiner Fotoshootings, seien es Aufnahmen von Bands oder aber Werbeshootings, nimmt er grundsätzlich einen Ghettoblaster mit. "Das bricht sofort das Eis, weil einfach jeder eine persönliche Erinnerung hat: 'So einen hatte mein Freund mal', 'auf dem habe ich zum ersten Mal dieses oder jenes Album gehört' - immer bekomme ich eine Geschichte zu hören."

Kein Wunder: Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre gab es kaum ein Jugendzimmer, in dem nicht eine mobile Stereoanlage mit Tragegriff herumstand. Und das war nur konsequent. Denn ursprünglich ging es japanischen Herstellern wie Aiwa, Sony, Toshiba und Co. Mitte der siebziger Jahre vor allem um eins bei der Erfindung der Radiorecorder: Jugendlichen, die bei ihren Eltern auszogen, auch in Wohnungen tokioter Maßstabs eine Stereoanlage zu ermöglichen.

Zu einem echten Hype wurden die Blaster jedoch erst in den USA: "Damals waren gerade in den ärmeren Stadtvierteln New Yorks Blaster eigentlich fast überall dabei", erinnert sich Lyle Owerko. Die wohl imposanteste Ansammlung allerdings fand sich regelmäßig mitten in Manhattan, im Central Park. Dort trafen sich Rollschuhfahrende Jugendliche, stellten ihre Blaster im Kreis auf und drehten alle den gleichen Radiosender rein. "Der Sound aus bis zu fünfzig Blastern, das werde ich nie vergessen", freut sich Owerko noch heute.

Absurdes Wettrüsten

Zudem vereinahmten die Pioniere der damals noch jungen Subkultur HipHop kurzerhand die tragbaren Stereoanlagen, und machten sie zu einem Statussymbol - Ghettoblaster wurden, ähnlich wie Breakdance und Grafitti, zu einem Synonym für HipHop - und begeisterten so auch viele Jugendliche diesseits des Atlantiks.

"Damals kam kaum ein Rap-Plattencover ohne Ghettoblaster aus", erinnert sich Guido Weiß an die Pioniertage des HipHop, "die chromblitzenden Ungetüme waren überall, man konnte sich der Faszination kaum entziehen." Und wie für viele andere Jugendliche auf der Welt war auch für Weiß, heute besser bekannt als DJ MAD von der deutschen Rap-Combo Absolute Beginner, eines ganz schnell klar: "So ein Teil musste unbedingt her."

Und so zog Weiß als Teenie solange über die Hamburger Flohmärkte, bis er endlich sein Traummodell fand: "Einen 'Combomaster 2', mit Doppelkassettendeck, automatischem Tape-Suchlauf, umschaltbarer LED-Anzeige und geilem Sound", erinnert er sich. Auf dem Basketballplatz erwies sich das von unschätzbarem Wert - dort stand der Blaster nämlich meistens in der Ecke und beschallte Weiß und seine Freunde mit den neuesten Mixen aus dem Hause MAD.

Für die meisten Menschen, die sich heute noch mit Ghettoblastern beschäftigen, ist Beschallung reine Nebensache. "Style zählt", sagt Büring trocken, und zeigt auf ein Modell von Venix, ein vergleichweise kleines Gerät, an dem eine schier unfassbare Anzahl an Knöpfen angebracht ist. "Sieht doch total bizarr aus, oder?" Der kleine Sonderling stammt aus der Hochzeit der Ghettoblaster-Entwicklung. In einem beispiellosen Wettrüsten ließen die Hersteller ihre Boomboxen damals immer weiter wachsen und stopften sie mit wahnwitzigen Funktionen voll. Aber ob ein Abstandswarner, gekoppelt mit einer Alarmanlage in einem Ghettoblaster echten Mehrwert hat? "Natürlich nicht", winkt Dewar ab, "die Hersteller sind einfach durchgedreht."

Ramschartikel mit Discokugel

Vor allem aber gaben sie zunehmend das Erfolgsrezept der Anfangstage auf. Während Anfang der achtziger Jahre bei den Gehäusen oder Lautsprecherverkleidungen massives Metall und echter Chrom zum Einsatz kam, verlegten sich die Hersteller bereits Mitte der Achtziger zunehmend auf billiges, mit Folie beklebtes Plastik als bevorzugten Werkstoff. Und der Trend zum Billigprodukt machte auch vor den Innereien nicht halt: Statt hochwertiger Spitzentechnik wie anderthalb Kilo schwere Kassettenlaufwerke und absolut hochwertige Dreh- und Schieberegler, die auch nach 20 Jahren Dauerbetrieb nicht knistern, versteckt sich in den Geräten späterer Jahre Ernüchterung: "Da sind nur noch Billigteile drin - und viel, viel Luft" - die ehemalige Ikone einer ganzen Generation verkam zunehmend zum Ramschartikel.

Deshalb standen bei Büring und Dewar auf der Jagd nach der besten Sammlung der Welt die sogenannten Flaggschiffe aus den Heydays anfangs ganz oben auf der Fahndungsliste. Heute dagegen sind sie fast nur noch auf der Suche nach Exoten. Zum Beispiel den sogenannten Akas - Blastern asiatischer Hersteller, die nahezu baugleich unter den verschiedensten Markennamen verkauft wurden. "Quelle etwa verkaufte die Geräte verschiedener japanischer Hersteller unter seinem hauseigenen Universum-Label, der Otto-Versand verkaufte die exakt gleichen Kassettenspieler unter dem Markennamen Palladium." Zusammen mit einem anderen deutschen Sammler arbeiten sie gerade an einer umfassenden Datenbank, die alle Originalgeräte und deren zahlreiche Akas listet - am Ende werden es wohl an die 50.000 Einträge sein.

Mittlerweile haben sie auf der Suche nach dem Besonderen auch Blaster deutscher Hersteller wie Grundig, Telefunken oder Nordmende liebgewonnen. Die führten wegen ihres eher nüchternen Designs lange Zeit ein Mauerblümchendasein, werden wegen ihr innovativen und hochwertigen Technik und auch ihrer Seltenheit aber bei Sammlern auf der ganzen Welt immer begehrter.

Und inzwischen können sie sich sogar für den ehemals verachteten Ramsch begeistern, die sogenannten "3-Pieces" später Jahre, bei denen die Lautsprecher abnehmbar waren, was laut Büring "früher gar nicht ging". Sein absoluter Lieblings-Blaster, wenn auch vermutlich nur im Scherz, ist heute ein Gerät aus den neunziger Jahren. Der Mega 4000. Der Name ist hier Programm: Rechts und links neben den Lautsprechern sitzt eine Phalanx bunter Leuchten. Oben befindet sich ein aufklappbarer Parabolspiegel. Hinten am Gerät, in einer Klappe versteckt, befindet sich eine Diskokugel sowie zwei kleine Halogenscheinwerfer, die vor und neben dem Spiegel aufgesteckt werden können. "Das Ding klingt wie eine Mülltonne", feixt Büring, "aber der Rest ist so irre, das es schon wieder genial ist."

Den Kunden erschloss sich diese Logik damals nicht. Anfang der neunziger Jahre wurden Ghettoblaster durch stationäre Stereoanlagen sowie dem Walkman beinahe restlos vom Markt verdrängt. Und spätestens seit dem Beginn des neuen Jahrtausends führen sie ein Dasein im Schatten des iPod. Dabei gibt es in den letzten Jahren durchaus wieder einen Trend zur Outdoor-Beschallung: MP3-Playback per Handylautsprecher. Doch da sind sich Kenner wie Ralf Büring, Roderick Dewar, Lyle Owerko und Guido Weiß einig: Das Plärren der überforderten Handy-Lautsprecherchen ist nur ein Witz im Vergleich zum Wumms vergangener Tage.



zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.