Historische Kriminalfälle Der Politiker, der einfach verschwand

Historische Kriminalfälle: Der Politiker, der einfach verschwand Fotos
Stefan Appelius/Archiv Stefan Appelius

War er ein Spion? Wurde er erpresst? Brachte ihn der Freund seiner Geliebten um? Bis heute ist das mysteriöse Verschwinden des früheren SPD-Bundestagsabgeordneten Fritz Wenzel im Oktober 1964 nicht aufgeklärt. Unklar bleibt auch, welche Rolle der BND dabei spielte. Von Stefan Appelius

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Eigentlich war es eine Bilderbuchkarriere. Fritz Wenzel wird 1910 in Breslau geboren und studiert Theologie. Nach dem Zweiten Weltkrieg, in dem er als Wehrmachtspfarrer fast hundert zum Tode verurteilte Soldaten auf ihre Hinrichtung vorbereiten musste, gründet er den "Bund kriegsgegnerischer Pfarrer". Im Hauptberuf lehrt er Religionspädagogik an der Kant-Hochschule im niedersächsischen Braunschweig, aber schon 1949 wird Fritz Wenzel als Abgeordneter des Wahlkreises Wolfenbüttel in den ersten Deutschen Bundestag gewählt. Im Herbst 1951 macht die "Deutsche Friedensgesellschaft" den überzeugten Pazifisten zu ihrem Präsidenten. Der Sohn einer einfachen Wäscherin ist oben angekommen: Er führt den Professoren- und zwei Doktortitel, sitzt im Parlament und leitet einen einflussreichen Verband.

Dann, an einem Winterabend im Dezember 1954, wird Wenzel im Nachtzug von Braunschweig nach Bonn Opfer eines Überfalls. Im Abteil des Abgeordneten taucht ein Bewaffneter auf. "Wenn Sie schreien oder um Hilfe rufen, schieße ich. Anderenfalls geschieht Ihnen nichts", soll der Ganove den Abgeordneten angeherrscht haben. "Ich will nur Ihre Brieftasche." Mit vorgehaltener Gaspistole wird Wenzel gezwungen, 180 Mark und sämtliche Papiere herauszugeben. Dann zieht der Ganove die Notbremse und flieht in die Dunkelheit. Die Republik schmunzelt über das Missgeschick des Herren Abgeordneten; Wenzel dagegen klagt, seine Brieftasche habe "unersetzliche Dokumente" enthalten.

Nachdem der Täter wenig später in Walberberg bei Bonn aufgegriffen wird, zeigt der Beraubte allerdings überraschende Milde. Dem 22-jährigen Willi D., den die Erste Große Strafkammer des Landgerichts Köln zu sieben Jahren Zuchthaus verurteilt, schickt Wenzel goldene Manschettenknöpfe, Bücher mit persönlicher Widmung, Fresspakete und 250 Mark in bar in die Zelle. Mehr noch: Er reicht für D. sogar ein Gnadengesuch ein. In einem Polizeibericht heißt es, Wenzel habe sich "außergewöhnlich stark" für seinen Peiniger eingesetzt. Wurde er von dem Ganoven aus dem Gefängnis heraus erpresst? Jedenfalls gelangt Willi D. bereits Ende November 1959 vorzeitig zur Bewährung auf freien Fuß. "Ich könnte niemals die Liebe von Herrn Dr. Wenzel missbrauchen. Dazu wäre mein Dank ihm gegenüber zu groß", wird er nach seiner Entlassung zitiert.

Zugräuber als Belastungszeuge

Anfang November 1964 geht die Sensationsmeldung durch die bundesdeutsche Presse: Der prominente Braunschweiger Ex-Bundestagsabgeordnete Fritz Wenzel ist unauffindbar. Seit dem Abend des 31. Oktober, einem Sonnabend, ist Fritz Wenzel nicht mehr gesehen worden. Es gibt keinerlei Spur oder Hinweis auf seinen Aufenthaltsort. Wieder meldet sich Willi D., inzwischen wegen Heiratsschwindel erneut hinter Gittern, aus seiner Zelle. Die von ihm zehn Jahre zuvor entwendete Brieftasche habe Schriftstücke und Mikrofilme mit Spionagematerial enthalten, die er an sicherer Stelle deponiert habe. Für die "Bild am Sonntag" ist der Fall klar: "Wenzel war ein Ostspion!", verkündet das Blatt ohne weitere Belege. Dies glaubt zunächst allerdings auch die Bundesanwaltschaft. Nach "bisheriger Sachlage muss angenommen werden, dass der Vermisste durch D. erpresst wurde." Es bestehe "Grund zu der Annahme, dass der Vermisste verräterische Beziehungen" unterhalte.

Doch die Ermittlungen "wegen des Verdachts verräterischer Beziehungen zu einem östlichen Nachrichtendienst" werden wieder eingestellt. Der zuständige Oberstaatsanwalt Hannich erklärt, warum: "Weitere Angaben waren von dem Gefangenen, der seine Aussagen mit Forderungen bezüglich seiner eigenen Haftsituation verknüpft hat, nicht zu erlangen. Es blieb offen, ob solche Unterlagen überhaupt existierten."

Heute lebt Willi D. in Norddeutschland. Er ist inzwischen Mitglied der SPD, wie einst Wenzel. Die "Organisation Gehlen", der Vorläufer des Bundesnachrichtendienstes (BND) habe ihn seinerzeit angeworben, um den nächtlichen Überfall von 1954 auf den Abgeordneten zu verüben, sagt er heute. Man habe ihm eine beträchtliche Summe geboten, wenn er seinen Auftraggebern die Brieftasche Wenzels übergebe. Doch dann sei ihm klar geworden, dass man mit den geraubten Papieren eines Tages "viel mehr Geld" verdienen könne, weit mehr, als ihm die Geheimen angeboten haben. Statt die Papiere zu übergeben, habe er sie auf einem Speicher versteckt. Wie glaubwürdig D. ist, steht dahin.

Amouröse Dreiecksbeziehung

Fakt ist: Im Herbst 1960 wurde ein anderer SPD-Bundestagsabgeordnete, Alfred Frenzel, ebenfalls ein Theologe, als Spion enttarnt und verhaftet. Tatsächlich hatte Frenzel jahrelang für den tschechischen Geheimdienst SNB gearbeitet. Unmittelbar nach seiner Festnahme wurde in Bonn davon gesprochen, dass noch ein zweiter Abgeordneter unter dem Verdacht des Landesverrats stehen könne. Dieser zweite Abgeordnete wurde nie entdeckt. Handelte es sich dabei um Fritz Wenzel? In den Akten der DDR-Staatssicherheit findet sich kein Hinweis auf den Verbleib des Politikers; die Stasi versuchte in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre selbst herauszufinden, was aus Wenzel geworden war. Maja Lopatta, die Wenzel seit frühester Jugend kannte, hat große Zweifel an der Agenten-These: "Er war überhaupt nicht der Typ, um für den Osten zu arbeiten", sagt sie. "Da muss man ja ein bisschen wendig sein."

Fest steht, dass der blauäugige Theologe mit dem links gescheitelten, dunkelblonden Haar, der in einer luxuriös eingerichteten Wohnung lebte, kein Kind von Traurigkeit war. "Er faszinierte alle Frauen. Wo er ging und stand waren Frauen", erinnert sich die Theologin Lilo Bohnstedt an damals: "Auch zwischen uns hat es geknistert." Hinter der Fassade des moralisierenden Friedenspfarrers und Politikers führt der Bundestagsabgeordnete ein heimliches Doppelleben mit zahlreichen Affären. Seine kränkelnde Frau Annemarie versucht er gar zu überreden, in eine amouröse Dreiecksbeziehung mit deren jüngeren Schwester einzuwilligen: "Du weißt, was Sigrid mir bedeutet", schreibt er Annemarie im Herbst 1956: "Ich werde Dich nie verlassen, weil ich das gar nicht könnte. Aber kann ein Mann ständig an der Lust vorbeisehen? Muss man denn wirklich an solchem Schicksal zerbrechen?"

Eine Affäre hatte Wenzel auch mit seiner Sekretärin, Gerda S.. Wenige Tage vor seinem Verschwinden wird deren Verlobter Eduard V. aus dem Gefängnis entlassen, nachdem er eine Haftstrafe wegen Mordversuchs und unerlaubtem Waffenbesitz abgesessen hatte. V. trifft just an jenem Sonntagmorgen in Braunschweig ein, seit dem von Wenzel jede Spur fehlt. "Meinen Verlobten quälte offensichtlich eine Eifersucht auf Menschen, die längst aus meinem Leben verschwunden waren", gab Gerda S. den Ermittlungsbeamten zu Protokoll. Ihr Verlobter, mittlerweile erneut wegen Betrugs per Haftbefehl gesucht, hatte sich inzwischen nach Frankreich abgesetzt. Seither fehlt auch von dem staatenlosen Mann aus dem damaligen Jugoslawien jede Spur. Hat er Wenzel auf dem Gewissen?

Eine rätselhafte Bemerkung zum Abschied

Und noch eine Spur gibt es. Am 30. Oktober 1964 erblickt in Goslar ein kleiner Junge das Licht der Welt. Die Mutter war Fritz Wenzel schon in Braunschweiger Studientagen zugetan; nun hat sie ihm einen unehelichen Sohn geschenkt. Am Tag nach der Geburt wird Wenzel zum letzten Mal gesehen. Wollte er an jenem Tag "irgendetwas abschließen", wie die Geliebte meint? In seiner Wohnung findet die Putzfrau des Politikers nur einen kleinen Zettel auf dem Küchentisch: "Ich musste plötzlich verreisen und bin erst wieder am Dienstag, gegen Mittag da. Machen Sie heute mal frei." Fritz Wenzel trägt seinen grauen Anzug, eine dunkelrote Wolljacke und seinen Tweedmantel, als er die Wohnung verlässt. Wäsche oder persönliche Utensilien hat er nicht bei sich. Zwei Tage vorher hat er sich in einem Reisebüro eine Bundesbahn-Fahrkarte gekauft, Ziel unbekannt.

Das letzte Lebenszeichen von Fritz Wenzel stammt aus Düsseldorf. Es ist ein Brief an die junge Mutter, abgestempelt am 1. November 1964 um 22 Uhr in Düsseldorf. Das längliche Kuvert enthält 1.600 D-Mark in Hundertmarkscheinen - eine erhebliche Summe. Wem gehört das Geld? Von Wenzels Bankkonto stammt es nachweislich nicht. "Er hat niemals einen Brief ohne Absender geschrieben", sagt die Empfängerin: "Das kann nur in großer Panik geschehen sein." Von ihr hat sich Wenzel wenige Tage vor der Geburt seines Sohnes mit einer rätselhaften Bemerkung verabschiedet: "Wenn alles gut geht, sehen wir uns in drei Wochen wieder."

Beging Wenzel Selbstmord? Stürzte er sich angesichts der drohenden Aufdeckung seines Doppellebens verzweifelt in den Rhein? "Wenn dort einer als Fremder umherirrt, und es war neblig zu jener Zeit, weiß der Himmel, was da alles passieren kann", meint ein früherer Amtsbruder des Theologen. "Ich traue ihm zu, dass er heimlich, ohne erkannt zu werden, freiwillig aus dem Leben geschieden ist", gab der Prokurist Kurt Nembach der Kriminalpolizei zu Protokoll. Wenzels Leiche allerdings ist bis heute nicht aufgetaucht. Monatelang überprüfte die Kriminalpolizei jede Wasserleiche, die ans Ufer des Rheins gespült wurde, ob es sich um den verschwundenen Fritz Wenzel handeln könne.

"Ein merkwürdig schleifendes Geräusch"

Liane Weferling hat ihren Nachbarn Fritz Wenzel am Morgen vor seinem Verschwinden am Briefkasten im Treppenhaus getroffen. Er sei fröhlich und guter Dinge gewesen, erinnert sie sich. Einige Stunden später, am Abend des 31. Oktober 1964 macht Frau Weferling eine ungewöhnliche Beobachtung: "Ich hörte in seiner Wohnung ein merkwürdig schleifendes Geräusch, als wenn jemand Möbel rückt, oder vielleicht einen schweren großen Koffer." Das war verdächtig, denn Wenzel hatte einige Monate zuvor einen leichten Schlaganfall erlitten und war nicht imstande, schwere Möbel zu rücken. Seine Ehefrau und seine Schwägerin waren an jenem Tag verreist. "Ich habe mich sehr darüber gewundert und ging in den Hausflur, habe aber dann doch nicht bei ihm geklingelt", erinnert sich Liane Weferling. "Später habe ich mir deshalb Vorwürfe gemacht."

Am Nachmittag des 3. November 1964 gibt Wenzels Schwägerin bei der Polizei eine Vermisstenanzeige auf. Eine gewaltige Fahndungsaktion läuft an, doch die Suche bleibt ergebnislos - bis heute. Im Frühjahr 1976 wird Wenzel vom Amtsgericht Braunschweig für tot erklärt. Am 18. Juni 1994 ist Annemarie Wenzel gestorben. Sie hat ihre letzten Lebensjahre völlig zurückgezogen in einem kleinen Appartement in unmittelbarer Nähe des Braunschweiger Hauptbahnhofs gewohnt. In ihrem Nachlass finden sich Hinweise, die dem Fall eine weitere bizarre Wendung geben: Die Dokumente erwecken den Eindruck, als ob Wenzel nach seinem Verschwinden weiterhin, über Jahre hinweg, in brieflicher Verbindung mit seiner Frau stand.

Und kurz nach Annemaries Tod trifft sich ein Kommissar der Braunschweiger Kripo auf einem Autobahnparkplatz mit einem Beamten des Bundesgrenzschutzes, der ihm mehrere handschriftliche Briefe des Theologen aushändigt. Die hat Wenzel angeblich 1986 an seine Frau geschickt. "Damit war die Sache für mich klar", meint der Kommissar: "Wenzel ist nicht ermordet worden. Ich denke, er hat nach seinem Verschwinden im Ausland gelebt." Eine Analyse der Briefe in schwer zu entziffernder Handschrift ergibt allerdings, dass die Briefe bereits in den fünfziger Jahren geschrieben wurden - der Fall bleibt mysteriös. Dass Wenzel nicht ermordet wurde, sondern abtauchte, glaubt auch der Mann, der ihn angeblich im Auftrag der "Organisation Gehlen" in der Eisenbahn überfallen hat. "Der Bundesnachrichtendienst hat ihm eine neue Identität verpasst", meint Zugräuber Willi D. im Brustton der Überzeugung und macht Andeutungen über ein Kloster in der Schweiz.

Auch Annemarie Wenzel hat der Kriminalpolizei im Herbst 1964 einen Hinweis gegeben, der in Richtung Pullach weist. Ihr Mann sei vom BND "in Anspruch genommen worden", erklärte sie damals. In welcher Weise und warum er so plötzlich verschwinden musste - dieses Geheimnis hat sie mit ins Grab genommen. Der BND selbst will von nichts wissen. Auf eine Anfrage des ehemaligen SPD-Vorsitzenden Hans-Jochen Vogel erklärte er schon vor Jahren, es gebe im Archiv keine Unterlagen zu Fritz Wenzel.

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