Historische Kriminalfälle Mörder im Radio

"Ich war's": Die Stimme des Täters lässt den Hörer noch heute schaudern. 1958 erlebte die junge Bundesrepublik ihren ersten tödlichen Kidnapping-Fall. Der Mitschnitt des Geständnisses ist nun erstmals zu hören - doch das Verbrechen gibt bis heute Rätsel auf.

Landesarchiv Baden-Württemberg

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Joachim Goehner war ein aufgewecktes Kind, mit nur einer Schwäche: Der Siebenjährige liebte Tiere über alles. Das Versprechen, am Ende der Fahrt ein echtes Reh anfassen zu dürfen, bewog den Jungen, sich am Vormittag des 15. April 1958 auf den Gepäckträger des Unbekannten zu setzen. Zwei Tage später um Mitternacht klingelte das Telefon bei Joachims Eltern: 15.000 D-Mark Lösegeld lautete die Forderung des unbekannten Erpressers, wenn die die Polizei eingeschaltet werde, müsse der Junge sterben

Die Entführung von Joachim Goehner 1958 war der erste Kidnapping-Fall der noch jungen Bundesrepublik - und stellte die Polizei vor eine ganz neue Aufgabe. Erpresserischer Menschenraub kannten die Deutschen bis dahin eigentlich nur aus der Zeitung, wo breit über spektakuläre Kindesentführungen etwa in den USA berichtet wurde - etwa den berühmten Fall von Charles Lindbergh, dessen kleiner Sohn 1932 entführt und ermordet worden war, obwohl die Fliegerlegende 50.000 Dollar Lösegeld gezahlt hatte. Solche Schlagzeilen aus Übersee mochten die Deutschen gruseln, doch kamen sie aus einer fernen Welt, die mit der beschaulichen Bundesrepublik nicht besonders viel zu tun hatte. Nun holte die Realität das Wirtschaftswunderland schlagartig ein.

Die Tat, die Deutschland schockierte, geschah am Tag vor der Einschulung des kleinen Joachim Goehner. Am Morgen des 15. April 1958 lief der Junge aus der elterlichen Villa im noblen Stuttgarter Ortsteil Degerloch, um draußen einen Spielkameraden zu treffen. Als er zum Mittagessen nicht zum Elternhaus in der Löwenstraße 96 zurückkehrte, alarmierte Vater René Goehner, ein wohlhabender Kaufmann, die Polizei. Vergeblich suchten die Beamten die Umgebung ab. Auch am nächsten Tag fand sich keine Spur des Jungen.

Ein Arbeiter entdeckte die gefesselte Kinderleiche

Per Tonbandgerät überwachte die trotz der Warnung des Erpressers alarmierte Polizei nun den Anschluss der Goehners mit der Rufnummer 7 32 30. Beim zweiten Entführer-Anruf wurde klar, dass der Erpresser sich von einer öffentlichen Telefonzelle aus meldete. Der Täter befahl Vater Goehner diesmal, in Richtung Vaihingen zu fahren; auf der Strecke werde man ihm den Übergabeort des Geldes durch eine versteckte Botschaft übermitteln. Doch Goehner fand den Hinweis der Entführer zu spät.

Fünf Tage später, am 22. April entdeckte ein Arbeiter auf seinem Nachhauseweg zwischen Sonnenberg und Kaltental eine gefesselte Kinderleiche: den kleinen Joachim Goehner. In der folgenden Nacht rief der Täter gegen zwei Uhr erneut an. Er habe soeben einen Stein in den Goehnerschen Garten geworfen, an dem eine Botschaft mit dem neuen Geldübergabeort befestigt sei. Die Polizisten fanden den Stein - doch der Werfer konnte entwischen. Eine unverzeihliche Panne, wie der SPIEGEL damals kritisierte; auch andere Medien, etwa die "Stuttgarter Zeitung", attackierten die Ermittler um Kriminalhauptkommissar Kurt Frey, weil diese sich vorschnell auf einen möglichen Täter eingeschossen hatten: den 31-jährigen Arbeiter Heinz Kroneis.

Der als Tunichtgut verschriene Kroneis war kurz nach der Tat verschwunden und von seiner Geliebten wie von seiner Ex-Frau schwer belastet worden. Am 25. April veröffentlichten die Zeitungen das Foto des Gesuchten mit einem Fahndungsaufruf. Kurz darauf gelang es der Polizei, Kroneis festzunehmen - doch der konnte ein bombenfestes Alibi vorweisen.

Spektakuläre Fahndung per Radio

Schwer in Bedrängnis geraten, entschloss sich die Mordkommission nun zu einer bis dato einmaligen Ermittlungstaktik: Per Radioaufruf gab sie die Stimme des Mörders an die Öffentlichkeit. Obwohl die Mitschnitte aus den Telefongesprächen verzerrt und sehr leise waren, gingen Tausende von Hinweisen ein. Sieben Menschen erkannten schließlich die Stimme des Täter: Es handelte sich um Emil Tillmann. Am 6. Mai drang die Polizei in die Wohnung des 40-jährigen Gärtners in Degerloch ein und nahm den Mann fest.

Landesarchiv Baden-Württemberg
Sechs Tage später gestand Tillmann die Tat. Er habe heiraten wollen und daher eine größere Summe Geld benötigt, erklärte er in dem Verhörprotokoll mit ruhiger Stimme. Nachdem ihm klar geworden sei, dass er so viel Geld nicht per Diebstahl beschaffen könne, habe er sich etwa zwei Wochen vor der Tat für eine Kindesentführung entschieden, ein Fahrrad gestohlen und sich auf die Suche nach einem Opfer gemacht. Ein kleiner Junge, den er zuvor angesprochen habe, wollte nichts von einem Reh im Wald wissen - Joachim Goehner hingegen habe angebissen, so Tillmann im Verhör.

Erstmals hat das Landesarchiv Baden-Württemberg nun die O-Töne des Geständnisses von Tillmann der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Sie sind Teil eines umfassenden Aktenkonvoluts der Stuttgarter Kriminalpolizei und der dortigen Staatsanwaltschaft, das im Zusammenhang mit dem Ermittlungsverfahren entstanden ist. Im Staatsarchiv Ludwigsburg können die Akten ab sofort eingesehen werden.

Rätsel bleiben bis heute

Als erster Kidnapping-Fall in der BRD ist die Entführung und Ermordung von Joachim Goehner in die Kriminalgeschichte eingegangen; unter anderem diente das Verbrechen als Vorlage für einem TV-Krimi aus der legendären Serie "Stahlnetz" von 1964. Auch Jahrzehnte nach der Tat durchziehen noch immer zahlreiche Ungereimtheiten den Fall. So gab etwa der Mörder an, den kleinen Jungen unmittelbar nach Ankunft im Haldenwald erwürgt zu haben. Die Rechtsmedizin hingegen setzte den Todeszeitpunkt auf einige Tage später fest.

Wann Joachim Goehner tatsächlich starb - und warum der Täter den schon toten Leib des kleinen Jungen fesselte, sollte Kriminalhauptkommissar Kurt Frey nie erfahren: Zwei Wochen nach dem Geständnis später erhängte sich der Mörder Emil Tillmann in seiner Zelle.



insgesamt 2 Beiträge
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Arndt-Heinz Marx, 19.09.2008
1.
Ein äußerst interessanter Artikel.In den Medien wurde seither immer verbreitet, daß der Fall Timo Rinnelt im Jahre 1964 die erste Kindesentführung in Deutschland war.Auch da wurde die Stimme des Erpressers im Radio abgespielt. Der Fall Goehner war noch 6 Jahre früher und hat demnach ebenfalls Kriminalgeschichte geschrieben, weil hier die Bevölkerung zur Mithilfe aufgefodert wurde und man die Stimme des Erpressers im Radio hörte. Im Fall Rinnelt führte dies nicht zur Festnahme, aber im Fall Goehner. Dieser Fall wäre es wert, daß man ihm eine TV-Dokumentation im Rahmen der ARD-Serie "Die großen Kriminalfälle" widmet. Wenigstens hat man ihn schon im Jahre 1964 als Stahlnetz-Folge verfilmt.
Karl Kutschera, 16.11.2014
2.
Sehr interessanter Artikel. Ich finde derartige Fälle sehr spannend, insbesonders, dass die Stimme des Täters erstmalig im Radio veröffentlicht wurde. Vielen Dank für diesen Artikel. Habe an anderer SAtelle auch Interessantes gefunden, für Freunde alter Kriminalfälle: http://pagewizz.com/kindesmissbrauch-im-alten-wien-der-fall-karl-feid-32268/
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