Historische Kriminalfälle Mörderin mit Madonnengesicht

Wenn Frauen morden: Der Fall der schönen Ruth Blaue, deren Gatte durch fünf Axthiebe starb, machte Anfang der fünfziger Jahre Furore. Dass eine Frau kaltblütig tötete, empörte die Öffentlichkeit - auch bei Kapitalverbrechen war die Rollenverteilung noch klar. Jetzt ist der Fall verfilmt worden.

NDR/docstation

Von


Auf einmal war da ein Ohr. Als Gerd Killisch im Sommer 1947 mit Freunden in einem flachen Badetümpel im Dorf Klein Nordende beim schleswig-holsteinischen Elmshorn schwimmen ging, fiel ihm sofort dieses seltsame Bündel im Wasser auf. Und irgendetwas darin sah nach einem menschlichen Ohr aus. Als der Junge den Seesack öffnete, erlebte er den Schock seines Lebens: Im Sack steckte der halbverweste Kopf eines Menschen.

Der gruselige Fund im Badeteich war der Auftakt für einen spektakulären Kriminalfall, der die bundesdeutsche Öffentlichkeit und Medien jahrelang in Aufruhr versetzte. Nicht nur, weil der Tote aus dem Badeteich lange Rätsel aufgab: Sein Gesicht war bis zur Unkenntlichkeit entstellt, denn der Täter hatte ihm mit mehreren Axthieben das Gesicht zertrümmert. Mit den damaligen Methoden war die Leiche kaum zu identifizieren. Das eigentlich Unerhörte kam aber erst Jahre später ans Licht: Eine Frau sollte hinter dem ungewöhnlich brutalen Mord stecken. Eine Axtmörderin? Und dazu noch eine attraktive und charismatische? "Mörderin mit dem Madonnengesicht" taufte die Presse bald Ruth Blaue, die Tatverdächtige, die in der Haft Gedichte schrieb und sich religiös gab. Als auch noch durchsickerte, dass die "Madonna" früher als Straßenmädchen gearbeitet hatte, war der Skandal perfekt.

Im biederen Nachkriegsdeutschland, vor der Zeit von Emanzipation, Frauenquoten oder TV-Erfolgen wie "Der Frauenknast" war die mutmaßliche Gattenmörderin ein echter Aufreger. Im gerade beendeten Krieg hatten sich die Männer als Soldaten zwar gegenseitig millionenfach umgebracht - dass eine Frau auf so bestialische Weise tötete, empfanden die Zeitgenossen dennoch als Schock. Die fast hysterischen Reaktionen sagen "auch etwas über das Innenleben der Gesellschaft insgesamt", glauben die Macher eines Films über den Fall Blaue, der am 12. Januar um 21 Uhr als Auftakt der dreiteiligen TV-Serie "Wenn Frauen morden" in der ARD läuft. Der Titel: "Madonna oder Mörderin".

Die Frauen schmissen den Laden

Im zerstörten Nachkriegsdeutschland mussten sich viele Frauen alleine durchschlagen. Viele Ehemänner waren gefallen oder, wie Ruths Gatte John, in Gefangenschaft geraten und kehrten oft erst Jahre später zurück. Es war eine Zeit, in der alte Konventionen zerbrachen. Die Not zwang viele Frauen selbständig zu werden und brachte sie in Gegensatz zum zeitgenössischen Frauenbild - der Krieg hatte die Gesellschaft rascher verändert als das Denken vieler Menschen, besonders der Männer.

Als die Soldaten nach dem Krieg zu ihren Frauen zurückkehrten, prallten häufig Welten aufeinander: Die Männer hatten keinen Job, die Frauen schmissen den Laden - doch manche misstrauten den neuen Freiheiten ihrer Partnerinnen und wollten nicht, dass sie arbeiteten. Hinzu kam die Entfremdung durch völlig unterschiedliche Erlebnisse an der Front und in der Heimat.

So auch im Fall Ruth Blaue. Die hatte sich während der Abwesenheit ihres Mannes eine eigene Existenz aufgebaut. Gleich nach dem Krieg eröffnete sie in Elmshorn die "Blaue Stube", halb Café, halb Bibliothek. Sehr belesen sei sie gewesen, gutaussehend und äußerst intelligent, erinnern sich Zeitgenossen. Schon bald verliebte sich Ruth in den zehn Jahre jüngeren Bildhauer Horst Buchholz, der schnell bei ihr einzog. Anders als ihr bodenständiger Ehemann, ein gelernter Spediteur und späterer Seemann, fand sie in dem Künstler einen Feingeist und Kulturbegeisterten. Das verband: Buchholz' geschnitzte Madonnenfiguren aus Holz trugen Ruth Blaues Gesichtszüge - und brachten ihr später den Spitznamen ein. "Ich glaube, dass Horst Buchholz besser zu Ruth gepasst hätte", sagte eine enge Bekannte noch Jahre später.

Der Draht verriet die Mörderin

Doch für die Frischverliebten gab es ein Problem: Unvermittelt kam 1946 Ehemann John Blaue aus der Kriegsgefangenschaft zurück. Für ihn war die neue Beziehung seiner Frau ein Schock - doch so schnell wollte er sich Ruth nicht ausspannen lassen. Und so wohnte die mit ihrem Liebhaber und ihrem Ehemann in einer Wohnung auf engstem Raum zusammen - ein Dreiecksverhältnis, das den Alltag für alle zur Qual machte. "In der Hauptsache war ich für meinen Mann fürs Bett. Ich hatte Hausfrau und Ehefrau zu sein", gab sie später zu Protokoll. "Ich hatte doch wirklich nicht die ganze Zeit zu Hause gesessen und gestrickt. Mein Leben war inzwischen weitergegangen."

Nach außenhin wurde der Schein gewahrt. Eine Scheidung war nach damaligem Eherecht nicht möglich, wenn einer der Partner dies verweigerte und sich nichts zu Schulden kommen ließ. Also blieb Ruth auf dem Papier mit John verheiratet. Doch im November 1946 verschwand der plötzlich. Ihren Nachbarn erzählte Ruth, ihr Gatte sei in die Ostzone gezogen, um eine Spedition zu eröffnen. In der turbulenten Zeit schöpfte niemand Verdacht oder stellte eine Verbindung mit dem Monate später entdeckten Toten in der Kiesgrube her. Auch nachdem Ruth Blaue eine Vermisstenanzeige aufgegeben hatte und die besorgte Ehefrau mimte, konnte sie nicht überführt werden. Der Tote hatte einen Goldzahn - sie bestritt einfach, dass ihr Ehemann jemals einen hatte.

Es war der Seesack, der acht Jahre später doch noch Licht in das Dunkel eines ein fast perfektes Verbrechens brachte. Der Draht, mit dem die Leiche aus dem Sack verschnürt war, entsprach exakt dem Typ Draht, mit dem Ruth Blaues Liebhaber seine Kunstwerke verpackte. Das Paar, das sich inzwischen in einem Dorf im Schwarzwald niedergelassen hatte, wurde verhaftet - und die Neugierde der Medien durch verworrene Aussagen, Geständnisse und Widerrufe weiter befeuert. Nahm Buchholz aus Liebe die Schuld auf sich? Warum widerrief er wieder? Oder war Ruth Blaue doch die Alleinschuldige, wie sie zugab - nur um ihr Geständnis dann wieder zurückzunehmen? Als sich Buchholz in der Haft das Leben nahm, war ihre Strategie klar: dem toten Geliebten die alleinige Schuld zuzuschieben.

Grauen erregender Hochmut?

Bis heute sind nicht alle Details des Falles geklärt. Doch offenbar mischte Ruth Blaue ihrem Ehemann einen Schlafmittelcocktail; wer anschließend dem Wehrlosen mit der Axt ins Gesicht hieb, lässt sich nicht mehr rekonstruieren. Nach der Tat jedenfalls transportierte das Paar die im Seesack verschnürte Leiche auf einem Fahrrad zum Elmshorner Badetümpel und versenkte das Bündel im Wasser. Anschließend feierten die beiden vergnügt ein Geburtstagsfest.

So viel feminine List und Kaltblütigkeit schockierte die prüde Öffentlichkeit der Fünfziger. Die Boulevardpresse rotierte - und das Schöffengericht, ausschließlich mit Männern besetzt, schien mit den seelischen Abgründen der selbstbewussten femme fatale und ihren widersprüchlichen Aussagen überfordert. Immer mehr pikante Details kamen ans Licht: Ihre Vergangenheit als Prostituierte, dazu eine frühere Verurteilung wegen Betrugs, Urkundenfälschung und Unterschlagung.

Im November 1955 sprach ein Gericht Ruth als Mittäterin des Mordes an John Blaue schuldig und verurteilte sie zu lebenslänglichem Zuchthaus und Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte. "Es gab wohl kaum jemanden im überfüllten Schwurgerichtssaal", so fasste das "Hamburger Abendblatt" damals die Stimmung zusammen, "der mit diesem Urteil nicht einverstanden war." Ruth Blaues "Hochmut" habe "Grauen erregt". 14 Jahre später wurde sie wegen eines Krebsleidens frühzeitig entlassen - und sorgte bis zu ihrem Tod 1972 weiter für Unruhe, denn ihre Schuld bestritt sie bis zuletzt.

Der Film "Madonna oder Mörderin" von Ute Bönnen und Gerald Endres läuft am 12. Januar 2009 um 21 Uhr in der ARD. Die beiden weiteren Filme der Reihe "Wenn Frauen morden" werden am 19. und 26. Januar jeweils um 21 Uhr gezeigt.



insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
werner dechent, 12.01.2009
1.
Dieser Kriminalfall wurde in der Krimiserie "Stahlnetz" unter dem Titel "Das Haus an der Stör" mit Rudolf Platte verfilmt. Der Film weicht nur in wenigen Details von dem Kriminalfall ab. Diese Krimifolge wurde mehrfach im Fernsehen wiederholt und liegt auch als Hörfilm auf CD vor.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.