Historische Missverständnisse Trauermarsch für einen Lebenden

Historische Missverständnisse: Trauermarsch für einen Lebenden Fotos

Der Kanzler ist tot, es lebe der Kanzler! Am 13. April 1967 ging die Nachricht vom Ableben Konrad Adenauers um die Welt - doch die Kunde vom Tode des Alt-Bundeskanzlers war eine Ente. Eine Ausstellung in Berlin über Missverständnisse zeigt, wie wichtig es sein kann, genau hinzuhören. Von Hans Michael Kloth und Kristina Thomsen

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Der 13. April 1967 war für den Westdeutschen Rundfunk ein schwarzer Tag. An diesem Donnerstag unterbrach der Sender das laufende Live-Programm des WDR-2-Mittagsmagazins, um eine, wie es wörtlich hieß, "traurige Nachricht aus Rhöndorf", dem Wohnort des Altkanzlers Konrad Adenauer, anzukündigen. Über den bedrohlichen Gesundheitszustand des 91-Jährigen, der zuletzt am 24. Februar im Bundestag aufgetreten war, hatte die Presse schon seit Tagen spekuliert. Nun ertönte Trauermusik über den Sender. Konrad Adenauer, der erste Kanzler und geistige Vater der jungen Bundesrepublik, die er in 14 Jahren Amtszeit geführt hatte, ein Titan der Politik, war tot - so die musikalische Botschaft, die über die Ätherwellen in die Wohnzimmer der Zuhörer getragen wurde.

Die vermeintliche Neuigkeit schlug sofort Wellen. In Bonn ordnete das Verteidigungsministerium Trauerbeflaggung an. In München erhoben sich die Abgeordneten des Bayrischen Landtages zu einer Schweigeminute, das Kabinett des Freistaats wurde zu einer Sondersitzung einberufen. Und in London sahen sich Außenminister Willy Brandt (SPD) wie auch eine deutsche Parlamentarierdelegation schon unmittelbar nach der WDR-Sendung mit Beileidsbekundungen überhäuft - der gerade in Bonn weilende britische Verteidigungsminister hatte die Kunde vom Ende Adenauers sofort nach London weiterdrahten lassen.

Auch die anderen Medien reagierten. Nachrichtenagenturen sorgten für weitere Verbreitung "rund um die Welt in die Redaktionsstuben der großen Zeitungen", wie sich Hellmut Prinz, damals leitender Redakteur der WDR-Sendung, die den Rummel ausgelöst hatte, erinnert. Vor dem Sitz des Axel-Springer-Verlags in Hamburg wurde gar ebenfalls die Fahne auf Halbmast gesetzt.

"Kein Grund zum Weinen"

Das Problem war nur: Adenauer lebte noch. Der "Alte von Rhöndorf" lag zwar in den letzten Zügen, nachdem er Ende März einen Schlaganfall erlitten und sich sein Gesundheitszustand in den Tagen darauf rapide verschlechtert hatte - doch seinen letzten Atemzug hatte Adenauer noch nicht getan. Erst eine Woche später, am Mittwoch, dem 19. April 1967 um halb zwei Uhr mittags schlief Konrad Adenauer in seinem Haus im Rhöndorfer Zenningsweg friedlich ein. "Do jitt et nix zo kriesche", sollen seine letzten Worte gewesen sein: Da gibt es nichts zum Weinen.

Zum Weinen allerdings musste den Verantwortlichen des WDR zumute sein. Andere Medien warfen dem Sender vor, eine Falschmeldung verbreitet zu haben. Zwar mussten sie dies wieder zurücknehmen, denn die Worte "Konrad Adenauer ist tot" gingen nie über den Sender. Aber auch eine falsche Fast-Todesmeldung war peinlich genug. Wie hatte so ein Schnitzer in einem ansonsten hochprofessionellen öffentlich-rechtlichen Sender durchrutschen können?

Tatsächlich war folgendes passiert: In der WDR-2-Redaktion war am falschen Todestag ein Telefonanruf von einem Mann eingegangen, der sich als Mitarbeiter einer Bonner Zeitungsredaktion ausgegeben hatte. Aus "Kollegialität", so der Anrufer, wolle er eine brandheiße Neuigkeit den Kollegen weitergeben: Adenauer sei tot. Über das, was dann in der Redaktion passierte, gibt es bis heute zwei unterschiedliche Versionen. Die eine Geschichte erzählt von einem Missverständnis, die andere von einem Fehler.

"Automatik mit fürchterlichen Folgen"

Nach der Erinnerung von Redaktionsleiter Hellmut Prinz wollte jener WDR-Redakteur, der das Telefonat entgegengenommen hatte, die Meldung "nach alten journalistischen Regeln" überprüfen und wartete auf die Blitzmeldungen der Agenturen. Gleichzeitig jedoch habe ein anderer Redakteur bereits der Senderegie eine Vorwarnung gegeben. Dieses Zeichen wiederum sah demnach der Moderator der Live-Sendung - und meinte fälschlicherweise, das "Kreuzzeichen gesehen zu haben", welches an "normalen Sendetagen" "ohne Missdeutung" zum Beenden eines laufenden Interviews aufrief.

Also beendete der Moderator das Telefon-Interview. Und da angesichts der Meldungslage der vergangenen Tage um Adenauers Gesundheitszustand im Grunde die ganze Republik auf die Todesnachricht wartete, tat er dies mit dem Hinweis an die Zuhörer, dass eine "ernste Nachricht" aus Rhöndorf erwartet werde. "Eine Automatik mit fürchterlichen Folgen", setzte laut Prinz daraufhin ein: Der Toningenieur spielte das schon bereitliegende "Largo" von Händel ein. Dem folgten weitere getragene Musikstücke, denn obwohl die Zweifel am Gehalt der Todesnachricht von Minute zu Minute wuchsen, glaubte man, nun nicht einfach ohne weitere Erklärung wieder fröhliche Musik spielen zu können. In der Redaktion wartete man händeringend auf ein ärztliches Bulletin zu Adenauers Zustand, welches verlesen werden sollte, um den Eindruck der Todesmeldung zu korrigieren.

Ein Missverständnis also - begründet durch die Erwartung der Akteure, dass die Nachricht vom Tod des Kanzlers stündlich zu erwarten sei. Redaktionschef Prinz macht zwei Ursachen der Fehlkommunikation aus, eine technische und eine menschliche. Zum Senderaum bestand damals nur Sicht- aber keine Sprechverbindung, wodurch die Missdeutung des Handzeichens entstehen konnte. Hinzu kam das angesichts der Situation vollkommen plausible Handeln des Tontechnikers.

"Kreisende Armbewegungen"

Version 2 der Geschichte liest sich anders. Sie findet sich in einem Beitrag, den der WDR 1990 aus Anlass des 25-jährigen Jubiläums des Mittagsmagazins produzierte und der die berühmte Falschmeldung von Adenauers Tod noch einmal thematisierte. Die seit langem angespannte Atmosphäre des Wartens auf die Todesnachricht wird darin zwar auch betont. Doch von einer Überprüfung der am Telefon entgegengenommenen Information ist keine Rede. Stürmisch sei der Redakteur an jenem 13. April in den Regieraum eingetreten, so die Schilderung: "Mit kreisenden Armbewegungen gibt er dem Team und dem Moderator das Zeichen zur Unterbrechung der Sendung."

Alle in der Redaktion seien fest überzeugt gewesen von Adenauers Tod, bestätigt im Interview der damalige Moderator, Peter Langer. Also hätten die Redakteure begonnen, Nachrufe zu bestellen und aktuelle Interviewpartner zu finden. USA-Korrespondent Gerd Ruge hatte in Washington bereits den damaligen US-Außenminister Dean Rusk als Gesprächspartner für die weitere Sendung gewonnen, erinnert sich Langer. Man habe allerdings noch auf den Sprecher gewartet, der die offizielle Todesmeldung auf allen WDR-Programmen verlesen sollte. Da dieser noch nicht da gewesen sei, wurde die entstandene Sendestille mit Trauermusik überbrückt.

Dann ging es rund: Nach einiger Zeit stürmte der aufgebrachte WDR-Programmdirektor Fritz Brühl in die hektisch herumtelefonierende Redaktion und stellte die entscheidende Frage: Ob die Nachricht denn überprüft worden sei. "Es wäre untertrieben zu sagen, dass es den Anwesenden in diesem Augenblick den Atem verschlug", fasst der WDR-Rückblick die Atmosphäre zusammen, "Näher läge das Bild von in den Adern gerinnenden Bluts. Adenauer sollte gar nicht tot sein und die dritte Trauermusik neigte sich dem Ende zu?" Eine Nachfrage bei der angeblichen Quelle der Information, der Bonner Zeitung, ergab dann sehr schnell, dass die Mittagsmagazin-Redaktion einer gezielten Falschmeldung aufgesessen war. Moderator Langer musste über den Äther zu Kreuze kriechen; stoisch vermeldete er, dass sich die traurige Nachricht Gott sei Dank nicht bestätigt habe.

"Noch ein Wort"

Also kein bloßes Missverständnis, sondern ein unprofessioneller Fehler? In der Presse wurde in den folgenden Tagen die Schuld dem Moderator zugewiesen. Langer wurde vorgeworfen, hastig gehandelt zu haben. Warum er das Telefon-Live-Interview denn so abrupt unterbrochen habe, fragte ein über die Ereignisse schwer irritierter WDR-Abteilungsleiter den Moderator. Der allerdings reichte die Frage weiter an die Techniker - an deren entlastende Antwort erinnert sich Langer bis heute genau: Wenn Langer "noch ein Wort" mit dem Interviewpartner gesprochen hätte, "hätten wir von der Redaktionsleitung die Anweisung gehabt, ihm das Mikrofon zu entziehen."

Das hätte womöglich seinerseits für Missverständnisse gesorgt, wenn auch vielleicht nicht für eines, das gleich Geschichte geschrieben hätte wie die Adenauer-Ente. So aber bereicherte der WDR die Historie um ein aus heutiger Sicht ebenso amüsantes wie lehrreiches Beispiel für die Tücken der alltäglichen Kommunikation. Und durchaus kein Einzelfall: Häufiger als man meint, führte in der Weltgeschichte Fehlkommunikation Regie - vom Radio-Hörspiel "Krieg der Welten", mit dem Berichten zufolge der US-Regisseur Orson Welles 1938 zehntausende Radiohörer Glauben machte, die Aliens seien gelandet, bis zur geschichtsträchtigen Antwort des SED-Politbüromitglieds Günter Schabowski auf die Frage eines Journalisten nach dem Inkrafttreten der angekündigten Ausreiseregelung, die in der Nacht des 9. November 1989 zur Maueröffnung führte.

Ein wohlverdientes Denkmal setzt dem Phänomen nun die Ausstellung "Missverständnisse - Stolpersteine der Kommunikation", die vom 23. April bis zum 5. Oktober 2008 im Berliner Museum für Kommunikation zu sehen sein wird. Mit vielen weiteren witzigen bis tragischen Fallbeispielen aus Geschichte und Gegenwart beleuchtet die Ausstellung Ursachen und Folgen des facettenreichen Phänomens - und wirbt für mehr Verständnis für das Missverständnis.

Die Ausstellung "Missverständnisse - Stolpersteine der Kommunikation" ist in vom 23. April bis 5.Oktober 2008 im Museum für Kommunikation Berlin, Leipziger Straße 16, 10117 Berlin, zu sehen. Anschließend wird sie im Museum für Kommunikation in Frankfurt am Main gezeigt.


Anm. d. Red.: In einer früheren Fassung dieses Artikels hieß es, das Hörspiel "Krieg der Welten" stamme von H. G. Wells. Der Hörspiel-Autor war der US-Regisseur Orson Welles, der britische Autor H. G. Wells lieferte die Romanvorlage.

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Heribert Mangold 13.04.2008
»...Radio-Hörspiel "Krieg der Welten", mit dem Berichten zufolge der Schriftsteller H. G. Wells 1938 zehntausende Radiohörer Glauben machte, die Aliens seien gelandet...« Dieses Hörspiel stammt von Orson Welles, und zwar nach einem Roman von H.G. Wells.
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