Historische Ruhrgebiet-Bilder Zwischen Zeche und Zechen

Historische Ruhrgebiet-Bilder: Zwischen Zeche und Zechen Fotos
Hans Rudolf Uthoff

Tauben züchten, Pudel frisieren, Kohle abbauen: In Tausenden Bildern porträtierte der Fotograf Hans Rudolf Uthoff in den Fünfzigerjahren das Leben der einfachen Leute im Ruhrpott. Jahrzehntelang hielt er sein Archiv verschlossen - jetzt zeigt er erstmals seinen Bilderschatz. Von

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Vier alte Muttchen in einer Essener Bonzen-Villa: Über ihnen an der Wand schwebt der gesamte Clan der Stahlbarone von Krupp. Neun feine Pinkel vom Enkelchen bis zum Opa, gewandet in Samt und Seide, mit Perlenketten behängt, die schicken Pumps auf einem weißen Bärenfell. Scheinbar konsterniert blicken sie von dem goldumrahmten Prunkgemälde herab - auf die vier Gestalten zu ihren Füßen, die sich einen Dreck um die feine Gesellschaft in ihrem Rücken scheren.

Ungerührt beißen die Endsechzigerinnen in ihre Butterstullen, die Mäntel zu groß, die Schuhe zu klobig, der Blick faltenzerfurcht und müde. Ihre Söhne sind es, die den Wohlstand der über ihnen hängenden Industriellenfamilie erschuftet haben - nun haben die Omas sich aufgemacht, um einen Blick auf den Prunk in der Villa Hügel zu erhaschen. Einmal mit dem Reichtum auf Tuchfühlung gehen, so sieht ihr privates, kleines Sonntagsglück aus.

Hans Rudolf Uthoff fing diesen Moment im Ruhrpott der Sechzigerjahre ein, zusammen mit vielen anderen. Allesamt Alltagsszenen, die Menschen zeigen. Sie kloppen Skat, tätscheln ihren VW-Käfer oder spazieren in den Schrebergarten, um Kartoffeln fürs Mittagessen zu holen. Nachdem die Fotos ein halbes Jahrhundert in seinem Privatarchiv schlummerten, entschied er sich nun dazu, den Schatz öffentlich zu machen. "Tief im Westen" heißt der jüngst erschienene Bildband seiner Aufnahmen aus dem Ruhrgebiet von 1950 bis 1969: ein bewegendes Panoptikum deutschen Lebensgefühls zwischen Zeche und Zechen, Schweiß und Sonntagsstaat, Hochofen und Heckenscheren.

"Tauben waren das Rennpferd des kleinen Mannes"

"Was macht der Maschinist, der Schmelzer, der Dreher nach der Schicht? Wo steckt das Schicksal hinter der Maschine? Das ist es, was ich wissen wollte", sagt Hans Rudolf Uthoff. Der 83-Jährige sitzt am Schreibtisch seiner Altbauwohnung in Hamburg-Eppendorf, um ihn herum türmen sich die Aktenordner bis zur fünf Meter hohen Decke hinauf, alle randvoll mit Fotos. Allein tausend der hier archivierten Filme zeigen das Ruhrgebiet. Zwölf Jahre lebte der gebürtige Hannoveraner unter Stahlarbeitern und Bergleuten in Bochum, zwischen Haltern und Wuppertal kennt er jeden Winkel.

Seine Aufnahmen erzählen vom hart erarbeiteten Aufschwung und vom Stolz auf das Wirtschaftswunder, aber auch von einem ungeheuer starken Gruppengefühl. "Dicht an dicht zusammengepfercht in Bergmannsiedlungen und Hochhäusern blieb den Menschen ja auch nicht viel anderes übrig, da guckte jeder in des anderen Kochtopf", sagt der weißhaarige Mann mit den wachen Augen. Man malochte Seit' an Seit', schrubbte sich nach der Schicht gegenseitig den öligen Dreck vom Leib - und entspannte gemeinsam, etwa beim Taubenzüchten.

"Die Taube war das Rennpferd des kleinen Mannes", sagt Uthoff und lacht. Nicht von ungefähr galt das Ruhrgebiet in den fünfziger und Sechzigerjahren als Hochburg der Taubenzucht, jede dritte deutsche Brieftaube lebte damals im Revier. "Wer sich für was Besseres hielt", so der Fotograf, "führte seinen Pudel zur Pudelschau" - wie etwa die von Uthoff 1962 in Bochum abgelichtete Dame: Mit großem Ernst und einer noch größeren Portion Taft-Haarspray frisiert die junge Frau die Beinpuschel ihres weißgelockten Prachtköters.

Flucht durch Minenfelder in den Westen

Andere gingen zum Gokart-Rennen, sangen im DGB-Chor, fuhren mit Fassbrettern Wasserski auf der Ruhr oder wickelten sich bei geselligen Abenden um die Wette mit Klopapier ein. Kostspieligere Amüsements, Theater oder Konzert etwa, konnten sich nur die wenigsten leisten. Unglücklich wirken die von Uthoff fotografierten Menschen trotzdem nicht, im Gegenteil. Selbst wenn sie gerade frisch aus der Grube kommen, wie etwa der 1965 von Uthoff porträtierte Türke Birol, Bergmann aus Gelsenkirchen.

Noch völlig verdreckt steht er in der Kaue, legt sich die rechte Hand aufs Herz und lächelt sein breitestes Feierabend-Lächeln. Strahlend blickt der Kumpel in die Linse der Leica MP 85, den Fotografen scheint er als einen der Seinen akzeptiert zu haben.

Uthoff selbst kann auf eine ebenso bewegte Geschichte zurückblicken wie die Region, die er in jenen Jahren porträtierte. 1927 in Hannover geboren, zwang der Bombenhagel des Zweiten Weltkriegs seine Familie zu immer neuer Flucht, durch Minenfelder bahnte sich Uthoff 1945 seinen Weg vom polnischen Landsberg zurück in den Westen. Um die Baumschule seines Vaters zu übernehmen, war Hans Rudolf zu ausgezehrt, für die Rosenzüchterlehre besaß er im erzkatholischen Münsterland die falsche Konfession. Also wurde der junge Uthoff Glasmaler an der Dombauhütte Köln. Erst 1955, mit 28 Jahren, entdeckte er seine Passion für die Fotografie. Auslöser war der Besuch des Schahs von Persien in Bonn.

"Wenn du uns fotografierst, machen wir dich alle!"

"Schauen Sie mal", sagt Uthoff und kramt seine Aufnahme der schönen Soraya mit weißer Pelzstola und Funkel-Diadem im Haar heraus, "das musste ich einfach ablichten". Zwar explodierte bei der Ankunft des Schah-Ehepaars am Bonner Bahnhof sein zu hochdosierter Magnesiumblitz, und Uthoff verbrannte sich die Hand: Doch der Schmerz währte nur kurz, denn die Aufnahmen des Amateurs waren so gut, dass der "Bonner Generalanzeiger" alle abdruckte. Für die teure Fotografenausbildung fehlte Uthoff damals das Geld, ein dreitägiger Fotografie-Workshop bei Leitz in Wetzlar musste reichen - fertig war der Fotograf.

Ins Ruhrgebiet verschlug es Uthoff, weil verschiedene Werkszeitschriften einen Pressefotografen suchten. Die Blätter wimmelten vor technischen Reportagen, "stinklangweilig", sagt Uthoff. Er überzeugte seine Arbeitgeber, das soziale Leben der Arbeiter dokumentieren zu dürfen. "Das Leben eben", wie er sagt. Und die Menschen ließen sich immer gern von ihm fotografieren - bis auf einmal.

Anfang der Sechzigerjahre, das Zechesterben war längst in vollem Gang, rumorte es gewaltig im Revier. Mehrere tausend Arbeiter zogen zur Hauptverwaltung der Krupp-Hüttenwerke in Bochum, um gegen die drohende Entlassung ihrer Kollegen zu protestieren. Als Uthoff seine Kamera zückte, um die empörten Menschenmassen abzulichten, riefen sie ihm zu: "Wenn du uns fotografierst, machen wir dich alle!"

Mehr und mehr legte sich damals eine Totengräberstimmung bleischwer über den Pott. Irgendwann hatte Uthoff genug. "Auf Dauer war mir das einfach zu schwarz da", sagt er. Er nahm ein Angebot aus Hamburg an und reiste von dort aus mit seiner Kamera in die große, weite Welt. In mehr als 120 Länder führten ihn seine Foto-Reportagen, er lichtete die Schönen und Reichen aus Politik und Kultur ab. Hier ein Bild der trällernden Juliette Gréco, dort eine Aufnahme Willy Brandts, "und hier, schauen Sie, der einstige britische Premierminister McMillan. Er warf mich damals raus, weil ich mich über seine Hosenträger lustig machte", sagt Uthoff und amüsiert sich, als sei es gerade gestern geschehen.

Den Mikrokosmos der Kohle und Kumpels ließ er weit hinter sich - und denkt doch voller Dankbarkeit daran zurück. Seine wichtigsten Lehrjahre habe er dort verbracht, sagt der 83-Jährige, Höhen und Tiefen einer auf engstem Raum untergebrachten Malochergemeinschaft hautnah miterlebt. "Nie bin ich dem Menschen näher gekommen als damals."

Zum Weiterlesen:

Hans Rudolf Uthoff: "Tief im Westen. Das Ruhrgebiet 1950 bis 1969 im Bild", Klartext Verlag 2010, 128 Seiten.

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1.
Klaus Timmerbeil, 19.01.2011
Artikel paletti, aber das Ruhrgebiet als Ruhrpott zu bezeichnen, ist unsinnig. Die Metapher Kohlenpott, d.h. Kohlenkasten, ist dagegen sinnvoll, da sie den damaligen Schmutz, Ruß, den goldgelben Konverterqualm u.a. des Ruhrgebiets mit einem schmutzigen Kohlenkasten vergleicht und verbildlicht. Kohlen- durch Ruhr- zu ersetzen, das kann nur Nachgeborenen oder Fremden einfallen.
2.
Ferdi Keuter, 25.01.2011
In den Jahren 1953 bis 1956 besuche ich die Berufsschule in Alsdorf. Dort hin fahre ich meist mit der Tram. Entweder stehe ich wegen Platzmangel oder sitze auf einem der Holzbänke. Die Straßenbahn mit der Nummer 28 braucht für diese Strecke genau 30 Minuten. Wenn gerade Schichtwechsel in den Gruben Anna 1 und Anna 2 ist, kommen Bergleute in die Bahn, sie haben fast alle noch schwarze Ränder unter den Augen. Ihre sehr schwere Arbeit wird erst viel später durch Maschinen erleichtert werden. Mein Freund Reiner Broll war Bergmann auf der benachbarten Zeche in Siersdorf. Dort war er Hauer und erzählte oft von der anstrengenden Tätigkeit. Die Kohlenflöze waren in diesem Schacht oft nur 50 cm hoch. Da lagen die Hauer auf dem Bauch und holten die hochwertige Kohle mit Pressluft und Hacken zu Tage. Nun aber wieder in die Tram zurück, die ratternd und quietschend von Haltestelle zu Haltestelle bummelte. Bis auf die nicht immer anständigen Witze der mitreisenden Bergmänner gab es keine Besonderheiten an Bord. Bis eines Tages auf einer dieser Bänke eine ?Alte? saß. Ärmlich in Schwarz gekleidet, hatte sie einen Korb auf dem Schoß. Irgendwann öffnete sie daraus ein Bündel aus Zeitungspapier und etliche Salzheringe wurden sichtbar. Einen davon nahm sie, streifte das Salz und die Schuppen runter, befreite den Fisch von Kopf, Schwanz und von den Innereien. Ganz genüsslich fing sie dann an den rohen Fisch zu verspeisen. Das wurde selbst den hartgesottenen Bergleuten zu viel. Die Bänke rund um die ?Alte? wurden leer, lieber nach der langen Schicht stehen als den Fischgeruch und auch noch weitere zu ertragen. Den Ausstieg habe ich nicht mehr mitbekommen, ich war früher am Ziel. Ich sollte sie aber noch Mal erleben. In Eschweiler war gerade eine Häuserzeile der ?Gehag? fertig gestellt worden, in der unsere Malerfirma gearbeitet hatte. Mit einem Gesellen zusammen sollten wir in eine der neu bezogenen Wohnung ?Einsicht nehmen?. Geöffnet wurde uns die Türe eben von dieser ?Alten? aus der Tram. Im Badezimmer fanden wir den Grund der Besichtigung, in der Wanne waren Briketts und Kohlen. Davor lagerten einige Kartoffeln. Lange Rede kurzer Sinn, die liebe Frau musste ausziehen und wir die gesamte Wohnung neu renovieren.
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