Historische Selfies Kuscheln mit der Kamera

Von wegen narzisstische Facebooker: Das Selfie gibt es schon seit rund 175 Jahren - als kunstvolles Selbstporträt. Die schönsten Ich-Bilder aus der Foto-Frühzeit: vom Teenie über den Soldaten bis hin zum Selbstmörder.

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Anastasia Nikolajewna Romanowa schaut nicht, sie starrt. Angestrengt, trotzig, den Schmollmund unsicher geöffnet. Die 13-jährige Großfürstin, jüngster Spross des letzten russischen Kaiserpaares, sitzt ganz unfein auf einem Tisch, die Füße hat sie vor sich auf einem Stuhl abgestellt. Mit beiden Händen hält das Mädchen die Kodak-Boxkamera fest umklammert, als wolle sie den Apparat nie wieder hergeben.

"Ich schoss dieses Bild von mir, während ich in den Spiegel schaute", notierte sie später. "Es war sehr hart, weil meine Hände zitterten." Doch das mühsame Stillhalten der Anastasia von Russland hat sich gelohnt: Dem adeligen It-Girl war im Oktober 1914 eines der ersten Teenager-Selfies der Weltgeschichte gelungen.

Lange vor Facebook, Snapshot und Instagram, vor Smartphones, Selfie-Stangen und Fernauslösern setzten die Menschen sich vor der eigenen Kamera in Szene. Zwar besaßen die vordigitalen Egoshooter noch keine Smartphones, auch posteten sie ihre Ich-Fotos nicht öffentlich.

Doch zumindest das Phänomen, sich selbst abzulichten, ist so alt wie die Fotografie - und entspricht der angeborenen Neugier, sich zu beschauen, zu spiegeln, wiederzuerkennen. Als eines der ältesten Selbstporträts gilt die Aufnahme eines US-Tüftlers namens Robert Cornelius.

"Ihr Papagei oder ihre Gießkanne"

Das Foto zeigt einen jungen Mann mit stark zerzausten Haaren, der skeptisch in die Kamera blickt, die Arme über der Brust verschränkt. Es stammt von 1839 - dem Geburtsjahr der Daguerreotypie. Am 19. August 1839 präsentierte die Akademie der Wissenschaften in Paris das revolutionäre Abbildungsverfahren des französischen Erfinders Louis Daguerre.

Die Fachwelt reagierte enthusiastisch - doch Personenaufnahmen schienen mit dieser neuen Technik und ihren zunächst extrem langen Belichtungszeiten nahezu unmöglich. Wer ein scharfes Foto erzielen wollte, musste mehrere Minuten lang regungslos verharren. Und das der Lichtverhältnisse wegen, wenn möglich, in der prallen Sonne: eine wahre Höllenqual.

Zudem waren die enormen Anstrengungen nicht immer von Erfolg gekrönt, was die französische Satirezeitschrift "Le Charivari" am 30. August 1839 zu folgendem Späßchen veranlasste:

"Wenn Sie ein Porträt Ihrer Frau machen wollen, stecken Sie ihren Kopf für einige Zeit in einen Eisenkragen, um die erforderliche Bewegungslosigkeit zu gewährleisten. Richten Sie sodann das Objektiv der Kamera auf ihr Gesicht, und wenn Sie das Porträt aufgenommen haben, dann ist am Ende nicht Ihre Frau darauf zu sehen, sondern ihr Papagei oder ihre Gießkanne oder noch etwas Schlimmeres."

Experiment mit Opernglas und Holzkiste

Robert Cornelius, Sohn eines niederländischen Silberschmieds und Lampenfabrikanten aus Philadelphia, traute sich trotzdem. Der Amateurchemiker experimentierte so lange mit einem Opernglas als Linse und einer Kiste als Kamera herum, bis ihm ein Selbstporträt gelang. Dazu brauchte er laut Überlieferung nicht einmal einen Spiegel: Aufgrund der langen Belichtungszeit nahm er einfach den Deckel des Objektivs ab und huschte sodann ins Bild hinein.

Nachdem er mehrere Minuten lang regungslos im gleißenden Sonnenlicht verharrt hatte, schloss Cornelius den Deckel wieder - und schon hatte er das gewünschte Selfie im Kasten. Auf die Rückseite der Daguerreotypie, die Cornelius im Oktober oder November 1839 vor der Tür des elterlichen Ladens aufnahm, notierte der Amerikaner selbstbewusst: "Das erste jemals geschossene Lichtbild. 1839".

"Wie anderen Pionieren ging es Cornelius darum zu demonstrieren, was technisch machbar ist", erklärt Fotohistoriker Jens Ruchatz die Motivation des Chemikers aus Philadelphia. Auch Hippolyte Bayard, dem Erfinder des Direktpositiv-Verfahrens, gelang es schon extrem früh, sich selbst abzulichten.

Verkanntes Genie ertränkt sich selbst

Bereits im Frühjahr 1839 experimentierte der französische Tüftler und Finanzbeamte mit Ich-Aufnahmen. Sein berühmtestes Selfie indes stammt von 1840 - und begründete Bayards Ruhm als ersten Fotofälscher der Geschichte: Es zeigt den Franzosen halb liegend, mit nacktem Oberkörper, leidendem Gesichtsausdruck und geschlossenen Augen.

Mit seinem theatralisch inszenierten "Selbstporträt als Ertrunkener" protestierte Bayard dagegen, dass die französische Regierung nur Konkurrent Daguerre finanziell fördere, nicht aber das von ihm selbst erfundene fotografische Verfahren. Die fehlende Anerkennung, notierte Bayard auf der Rückseite seines Selbstmord-Selfies larmoyant, habe das verkannte Genie dazu gebracht, sich selbst zu ertränken.

Spätere Egoshooter sahen davon ab, sich tot zu stellen. Quicklebendig spielten sie mit dem neuen Medium, loteten dessen Möglichkeiten aus, warben für ihre Zunft. Fast ausnahmslos Fotografen und Atelier-Inhaber, wollten sie mit ihren Ich-Bildern demonstrieren, so Ruchatz, "wie gut man Kunden ins Szene setzen, ihren Wünschen zur Selbstdarstellung entsprechen kann".

Einen ganz neuen Schwung erhielten die Selbstporträts schließlich dank der Amateurfotografie. Mit den Worten "You press the button, we do the rest!" ("Sie drücken den Knopf, wir erledigen den Rest!") bewarb Kodak-Gründer George Eastman seine mühelos handhabbare "Kodak Nr.1" aus dem Jahr 1888 - und läutete das Zeitalter der Jedermann-Knipserei ein.

Bald avancierte die Kamera zum Statussymbol der großbürgerlichen Elite. Begeistert experimentierten betuchte Fotofans mit ihren Apparaten - "wie die Kinder fotografierten sie erst einmal sich selbst", sagt Ruchatz. Um die Jahrhundertwende erfundene Selbst- und Fernauslöser sowie kürzere Belichtungszeiten und neue Verfahren befeuerten die Ich-Aufnahmen einmal mehr.

Mit Narzissmus haben die frühen Selbstporträts laut Ruchatz übrigens ebenso wenig zu tun wie die im 21. Jahrhundert aufkommenden "Selfies" im strengen Wortsinn, also die im Netz geposteten Smartphone-Schnappschüsse. "Sich selbst abzulichten, ist Teil der Identitätsbildung. Es geht darum, sich als Individuum zu finden", sagt der Fotohistoriker. Und das sei ebenso selbstverliebt, wie in den Spiegel zu schauen - oder ganz analog ins gute, alte Tagebuch zu schreiben.

Fotostrecke

24  Bilder
Historische Selfies: Ego-Shooter im 19. Jahrhundert

Fröhliche Schnurrbartträger und düstere Dichter, scheue Jugendliche und stolze Künstler: Klicken Sie sich mit einestages durch die herrlichsten Selfies der vordigitalen Ära!



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insgesamt 3 Beiträge
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Klausi Fuchs, 11.06.2015
1. Exakt
Seit 175+ Jahren nennt man es Selbstporträt wenn man sich selbst fotografiert. Seit gefühlt neulich heisst das "selfie" - was ja nicht schlimm ist - aber eben auch gar nichts neues ist.
Andrej Sinicyn, 12.06.2015
2.
Und vorher gab es bereits Selbstbildnis e. Spätestens mit der Renaissance findet man Bilder von Künstlern, die sich selbst malen. Inklusive Pinsel und Leinwand.
M. Braun, 01.12.2016
3. Analogie
Meine Freundin und ich haben bis in die 90er noch Urlaube auf Super-8 und/oder Kleinbild-Film festgehalten. Gerne, indem wir fest umschlungen vor Touristenattraktionen 5-10 schnelle Pirouetten drehten und uns dabei selber fotografierten oder filmten. Wenn meine Freundin sich so auch mal alleine fotografierte, kamen immer sehr schnell Hilfsangebote von Leute (Männer), die für sie den Auslöser betätigen wollten. Und nicht verstanden, wenn die Hilfe dankend abgelehnt wurde. Als meine Freundin einmal den Film bei einem anderen Labor abgab, haben die ihr keine Abzüge gemacht, weil es noch kein Selfie-Genre gab und der Laborant dachte, meine Freundin hätte aus Dummheit und ohne es zu wissen die ganze Zeit die Kamera falsch herum gehalten.
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