Historische Silvesterkater "Muss denn jeder Neujahrsmorgen so beginnen?"

Silvester und Neujahr sind seltsame, ambivalente Tage, so ist es seit Jahrhunderten. Vorsätze, die nie gehalten werden. Sentimentale Gedanken an verpasste Chancen, verlorene Lieben. So ging es auch Fanny zu Reventlow, Ikone der sexuellen Revolution.

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25 Jahre ist Fanny Gräfin zu Reventlow erst alt, doch in dieser Silvesternacht sucht sie eigentlich "nur nach dem Mut zu sterben". Mutterseelenallein begeht die Malerin und Schriftstellerin, eigentlich eine lebensfrohe Frau und wegen ihrer Freizügigkeit als "Skandalgräfin" bekannt, den Jahreswechsel. Ihrer Stimmung tut das nicht gut. Das Fazit für 1896 fällt düster aus.

Ihren Ehemann Walter, der sie aufrichtig liebte, hat sie verprellt, weil sie ihn permanent betrogen hat. Jetzt, wo er weg ist, vermisst sie ihn wie nie zuvor. "Ist es nur, dass man sich immer nach dem sehnt, was rettungslos verloren ist?", sinniert Fanny in ihrem Tagebuch. Sie fragt sich, warum sie ihr Leben nur dann als "herrlich und intensiv" empfindet, "wenn ich viele (Männer) habe?"

Und dann: die Finanzen! "Ich komme und komme nicht heraus, immer noch Schulden." Kein Geld, nicht mal für Schuhe. Sie übersetzt zwar Texte und verfasst literarische Stücke für Zeitschriften wie den "Simplicissimus". Doch es reicht kaum. Gelegentlich muss sie sich prostituieren.

Ihre Freiheit hat Fanny Gräfin zu Reventlow, aufgewachsen in einem Schloss bei Husum als Tochter eines reichen preußischen Landrats, schon immer vor die Sicherheit gestellt. Sie flog vom Mädchenpensionat, floh vom Besserungsurlaub bei einer Pastorenfamilie und brach mit ihren sittenstrengen Eltern, die sie schließlich enterbten. Nun lebt sie als verarmte Adelige im Münchner Viertel Schwabing in ihrem "schäbigen Atelier" und trifft wechselnde Liebschaften aus der Künstlerszene.

"Vielleicht ist dieses Jahr mein letztes"

"Dort trinke ich Sekt und lebe einen Abend wie im Schlaraffenland und amüsiere mich", schreibt sie in der Silvesternacht 1896. Schon als Jugendliche schwärmte sie für die Literatur; nun ist sie befreundet mit Dichtern und Schriftstellern wie Rainer Maria Rilke, Oskar Panizzi und Frank Wedekind, die wie sie den wilhelminischen Obrigkeitsstaat ablehnen.

Doch zunehmend fühlt sich die Gräfin elend, kaputt, krank: "Mir ist, als ob bald alles aus wäre. Alles möchte ich ins Grab legen und mich dazu." Das frische Jahr 1897 begrüßt Fanny zu Reventlow mit den Worten: "Vielleicht ist dieses Jahr mein letztes."

Silvester und Neujahr sind seltsame, ambivalente Tage, so ist es seit Jahrhunderten. Freudentaumel, von allen erwartet, wie auf Knopfdruck. Vorsätze, die nie gehalten werden. Sentimentale Gedanken an verpasste Chancen, verlorene Lieben, verstorbene Eltern. Das alles verstärkt durch Alkohol und den dumpfen Kater danach.

Fanny zu Reventlow (Foto von 1904): Schriftstellerin und Malerin der Münchner Bohème
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Fanny zu Reventlow (Foto von 1904): Schriftstellerin und Malerin der Münchner Bohème

"Ein Kind. Ein Kind. Mein Gott!"

Man kann damit humoristisch umgehen wie vor 150 Jahren Wilhelm Busch. Sein Bilderbogen "Katzenjammer am Neujahrsmorgen" zeigte die Folgen des Rausches: "gemeines Schädelweh" etwa. Und "subjektive Farberscheinungen in Gestalt beweglicher Flecken" oder auch "gesteigerte Sensibilität der Haarspitzen, vulgo Haarweh". Das Geld ist weg, die Hose zerrissen, die teure Uhr versehentlich im Tintenfass versenkt. Da hilft nicht mal ein Magenbitter.

Fanny zu Reventlow hingegen beschreibt Silvester und Neujahr viel dunkler, wehmütiger - später wird dieser Tonfall ihre Tagebücher berühmt machen. Nach Silvester 1896 fühlt sie sich "krank, matt, elend" und registriert "seltsame Gefühle". Sie geht zum Arzt, der eine einfache, sehr schöne Erklärung findet: "Ein Kind. Ein Kind. Mein Gott", schreibt Reventlow schlicht.

Das vertreibt die Depressionen. Ein Jahr später keine Spur mehr von einem seelischen Hangover am 1. Januar: "Mein Gott, eine solche Hochflut von Leben, Freude, Seligkeit nach dieser Nacht", notiert die Gräfin beglückt.

"Wundervoll übernächtigt"

Ihr Sohn Rolf, den sie nur "Bubi" nennt, ist da schon drei Monate alt, "ein Göttergeschöpf". Und Reventlow hat in der Silvesternacht überraschend Besuch von einem Verehrer bekommen, der unter ihrem Fenster "Prosit" rief. Sie ließ ihn rein, verliebte sich. Er ging erst um 7 Uhr morgens.

"Es war alles wie ein Märchen", schreibt Reventlow an Neujahr. "Dies ganze Jahr war ich so einsam und oft so schwermütig gewesen, nun braust wieder die alte, frohe Lebensfreude." Einfach nur "wundervoll übernächtigt" fühlt sich die Frau, die nach ihrem Tod als Ikone der sexuellen Revolution verehrt werden sollte.

Auch im Jahr darauf ist sie "maßlos glücklich"; wieder kommt nachts ihr Liebhaber, der im Tagebuch erst namenlos bleibt, dann "Monsieur" heißt. Vier leidenschaftliche Silvesternächte verbringt sie mit ihm, dann kehrt die Schwermut zurück. "Wo mag er nur sein?" schreibt sie am 1. Januar 1902. Und dann: "Eigentlich ist er mir ganz gleichgültig."

"Stumpfsinniger Abend"

Ein Silvester später bekämpft Fanny zu Reventlow ihre Traurigkeit mit viel Alkohol zusammen mit ihren engsten Freunden aus dem Kosmiker-Kreis, einer okkulten, antibürgerlichen Gruppierung der Schwabinger Bohème. Der Schriftsteller Karl Wolfskehl gesteht ihr angetrunken seine Liebe. Doch die Gräfin, wegen ihres unkonventionellen Lebensstils von den Kosmikern ironisch "heidnische Madonna mit dem Kind" genannt, weist ihn ab. Als sie allein im Bett liegt, bereut sie es sofort, wie sie noch spät nachts notiert. Später wird sie mit Wolfskehl eine Affäre beginnen.

Fortan werden die Silvester immer melancholischer, meist vergebens wehrt sich Reventlow "gegen das viele Zurückdenken". 1906 schreibt sie vom "dumpfen schwarzen Katzenjammer". 1907 erscheint ihr im Traum ihr Ex-Liebhaber, der aber wie ihr Ex-Mann aussieht und sie "amourös und ganz betrunken verfolgte" - bis nach Paris. Manchmal habe sie Angst, verrückt zu werden, notiert Fanny.

Ihr letzter Tagebucheintrag zu Silvester klingt frustriert: "Stumpfsinniger Abend, fühlte mich elend." Und tags darauf am 1. Januar 1910: "Natürlich verkatert und verstimmt. Muss denn jeder Neujahrsmorgen so beginnen?"

Acht Jahre später stirbt Fanny zu Reventlow mit 47 Jahren, verarmt und ziemlich jung, wie sie es einst in einer düsteren Silvesternacht befürchtet hatte.

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Historische Silvester-Hangover: Alle Jahre wieder

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insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
Ralf Krefting, 01.01.2016
1. Ist heute
Auch nicht anders eure Durchlaucht.
Gerhard Jasper, 01.01.2016
2.
Wenn man an Silvester nicht sinnlos säuft gibt es an Neujahr auch keinen Kater
Air Plane, 02.01.2016
3. Sylvester 2015
Immer noch besser als das, was diesen jungen Frauen in Köln geschah: http://www.rundschau-online.de/koeln/unruhige-silvesternacht-in-koeln-frauen-am-hauptbahnhof-sexuell-belaestigt---beinahe-massenpanik-am-dom,15185496,33045320.html
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