Historische Vergleiche Die Überzeugung der Täter

Historische Vergleiche: Die Überzeugung der Täter Fotos
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Bei seiner Rede zu Verleihung des Büchnerpreises zog der Schriftsteller Martin Mosebach eine Parallele zwischen dem "Reichsführer-SS" Heinrich Himmler und dem französischen Revolutionär Saint-Just, einem der Hauptverantwortlichen für den "Großen Terror" von 1794. Aber kann man zwei so unterschiedliche politische Massenmörder überhaupt miteinander vergleichen? Von

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Er hat ein weiches Jungengesicht, umrahmt von wallenden Locken. Er kann in ergreifenden Worten Freiheit und Gleichheit beschwören. Doch sein Weg ist von Tausenden von Toten gesäumt. Am Anfang des Jahres 1789 ist Antoine de Saint-Just erst 21 Jahre alt, einer von zahllosen Pariser Poeten, die vom Erfolg träumen.

Doch im Sommer desselben Jahres bricht das alte Frankreich zusammen, und aus seinen Trümmern soll eine bessere Welt erstehen. Saint-Just, der den Philosophen Jean-Jacques Rousseau vergöttert, den Prediger des Gemeinwillens, stürzt sich kopfüber in den revolutionären Strudel. Mit Unterstützung Robespierres wird er Abgeordneter des Konvents und 1793 sogar zum Mitglied des mächtigen Wohlfahrtsausschusses.

Einmal im engsten Kreis der Macht angekommen, zögert er nicht, die Guillotine zum politischen Werkzeug zu machen. Er stimmt für die Hinrichtung Ludwigs XVI., trägt maßgeblich zur Todesstrafe für die Girondisten und zur Ausschaltung von Robespierres Gegenspieler Danton bei. "Eine Republik ist dadurch charakterisiert, dass sie alles zerstört, was sich ihr in den Weg stellt", verkündet Saint-Just. Und er handelt danach: Der revolutionäre Terror kostet 40.000 Franzosen das Leben.

Blutvergießen für große Ideen

Saint-Just sei nicht durstig nach Blut gewesen, urteilte der amerikanische Historiker Robert R. Palmer über den Revolutionär: Blut zu vergießen, sei ihm angesichts der großen Ideen von Freiheit und Gleichheit einfach bedeutungslos erschienen. Ähnlich sieht es auch der Schriftsteller deutsche Martin Mosebach, der anlässlich der Verleihung des Büchner-Preises öffentlich über Saint-Just nachgedacht hat und der dabei einen weitgespannten Vergleich wagt: Füge man, so Mosebach, Saint-Justs Worten noch hinzu "'...dies erkannt zu haben und dabei anständig geblieben zu sein...', dann wären wir unversehens einhundertfünfzig Jahre später, und nicht mehr in Paris, sondern in Posen, in Himmlers berüchtigter Rede vor SS-Führern."

Ein kleiner Satz nur, aber ein gewaltiger Sprung durch Zeit und Raum: Kann man politische Massenmörder miteinander vergleichen? Ist der "linke" Terror der Jakobiner mit dem "rechten" Terror der Nationalsozialisten verwandt?

Am 4. Oktober 1943 trat der Reichsführer SS Heinrich Himmler vor seine Gruppenführer. Hier, im inneren Kreis, musste er kein Blatt vor den Mund nehmen. Er sprach lange über den Stand des Krieges, über die Pläne der Kolonisierung des Ostens, auch über die Judenvernichtung. "Von Euch werden die meisten wissen, was es heißt, wenn 100 Leichen beisammen liegen, wenn 500 daliegen oder wenn 1000 daliegen."

Tugendrepublik und Rassenstaat

Himmler wusste es. Er hatte das erbarmungslose Vorgehen der "Einsatzgruppen" beim Vormarsch der Wehrmacht nach Osten ebenso geplant, wie die Vernichtung der europäischen Juden in den Konzentrationslagern. Er hatte die Umsetzung dieser menschenverachtenden Pläne mit eigenen Augen angesehen. Die grauenhaften Bilder hatten ihn nicht unberührt gelassen. Doch gegen alle Skrupel stand bei ihm die Überzeugung, dass das massenhafte Morden eine im Sinne der nationalsozialistischen Weltanschauung unausweichliche Pflicht sei.

Saint-Just und Himmler sind zwei Überzeugungstäter, die für ihr jeweiliges politisches Glaubensbekenntnis nicht nur über Leichen, sondern über ganze Leichengebirge gegangen sind. Doch ihre politischen Ziele waren diametral entgegengesetzt: Saint-Just wollte einen egalitären, tugendhaften Nationalstaat erkämpfen, Himmler einen weltbeherrschenden Rassenstaat. So unterschiedlich wie die Ziele waren auch die Opfergruppen: "Aristokraten", "Reiche", religiöse "Fanatiker" hatte Saint-Just als Feinde der Freiheit ausgemacht. Himmler folgte den Prämissen einer Rassenlehre, nach deren Maßstäben er Juden, Slawen, Sinti und Roma, "Asoziale" und Homosexuelle in den Gaskammern ermorden ließ.

Als Rechtfertigung für Saint-Justs Taten sind immer wieder deren Umstände herangezogen worden. Tatsächlich ist Frankreich im Herbst 1793 von Krieg und Bürgerkrieg in seiner Existenz bedroht. Doch war es politische "Notwehr"? Kaum - die Gewalt richtete sich nicht nur gegen reale Feinde, sondern ebenso gegen rivalisierende republikanische Gruppen und gegen tausende Unschuldige und erreichte erst nach den Augenblicken der größten Gefahr ihren Höhepunkt in der "grande terreur" von 1794. Für die nationalsozialistische Vernichtungspolitik, die sich ohne jede Not ausschließlich gegen Unschuldige richtete, verbieten sich solche Abwägungen von vornherein.

Terror im Offenen, Vernichtung im Verborgenen

Noch etwas unterscheidet beide Gewaltregime: Die Guillotine steht mitten auf dem Platz der Revolution. Die Pariser sehen zu, wie die gefesselten Opfer vom Revolutionstribunal auf Karren herangefahren werden. Sie sehen das Hinabrasen des Fallbeils und den Abtransport der kopflosen Körper in Massengräber am Stadtrand. Die nationalsozialistische Vernichtungsmaschinerie basiert auf den Infrastrukturen und Technologien des 20. Jahrhunderts. So weit es überhaupt möglich ist arbeitet sie im Verborgenen.

Die Unterschiede sind also gewaltig. Dennoch hat die Frage nach Analogien einige der klügsten Köpfe des 20. Jahrhunderts beschäftigt, etwa den aus Polen stammenden Historiker Jakov Leib Talmon oder seinen französischen Kollegen François Furet. Sie haben auf nicht zu leugnende Ähnlichkeiten in den Denkmustern hingewiesen: Beide Bewegungen sind davon überzeugt, dass die Welt in kurzer Zeit von Grund auf zu erneuern ist, wenn nur eine leitende Idee und ein unbeugsamer Wille vorhanden sind. Beide teilen die Welt in Gut und Schlecht; dazwischen gibt es nichts, und das Schlechte muss ausgemerzt werden. Vor allem aber verbindet beide die paranoide Vorstellung einer Verschwörung, die im Verborgenen gegen sie arbeitet und die es zu enttarnen und unschädlich zu machen gilt.

Und wie kommen so ähnliche Denkungsarten in so verschiedene Köpfe zu so unterschiedlichen Zeiten? Die Französische Revolution ist einer der großen europäischen Gründungsmythen, deren Ideale seit dem 19. Jahrhundert von Generation zu Generation weitergegeben werden. Dabei ist nicht nur ihr Freiheitsgedanke immer wieder in neuen Varianten erneuert worden, sondern - zumindest an den Rändern des politischen Spektrums - auch ihre Gewaltneigung: Die russischen Revolutionäre etwa sind vom jakobinischen Terror fasziniert. Lenin versteht sich als Reinkarnation von Robespierre, dem in Moskau ein Denkmal errichtet wird.

Fundamentale Unterschiede, hintergründige Verbindungen

Die nationalsozialistische Bewegung ist in ihren Zielen und Motiven zwar der Russischen Revolution in jeder Hinsicht entgegengesetzt. Doch empfinden die Nationalsozialisten nicht nur Furcht und Hass, sondern auch Faszination für diesen mächtigen Gegner und greifen - teils bewusst, teils unbewusst - Elemente der bolschewistischen Denkweise auf, um die Revolution mit ihren eigenen Waffen zu schlagen.

Saint-Just und Himmler sind folglich nicht unvergleichlich. Es treten zwar vor allem fundamentale Unterschiede zwischen zwei Männern und zwei Regimen hervor, doch gleichzeitig wird auch die Entstehungsgeschichte eines fatalen Denkmusters deutlich, welches die moderne Politik seit dem Urknall von 1789 nicht weniger begleitet hat als die Sehnsucht nach Freiheit und Demokratie. Ob allerdings vage Analogien, wie sie Martin Mosebach formuliert hat, dem Verständnis solcher komplexen Zusammenhänge dienen, mag bezweifelt werden.

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