Historische Zoo-Stars Gorillas kennen kein Hartz IV

Historische Zoo-Stars: Gorillas kennen kein Hartz IV Fotos
Scherf, Archiv Tierpark

Eisbär Knut? Kennt jeder. Aber erinnern Sie noch den Flusspferdbullen Knautschke? Oder den See-Elefanten Roland? Lange, bevor Knut zum Weltstar avancierte, wurden im Berliner Zoo Tiere zum Medienereignis. Reinhard Mohr weiß, warum: Sie erinnern uns an die Vertreibung aus dem Paradies.

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Erwachsene Zeitgenossen, die lange nicht mehr in einem richtigen Großstadtzoo waren, haben es fast vergessen: Unter Tieren ist man Mensch, hier darf man's sein. Wer das Giraffen- oder Flusspferdhaus betritt, die Affengehege oder das Exotarium, der spürt in Sekundenbruchteilen wieder den kleinen süßen Schmerz - die Vertreibung aus dem Paradies.

Gorillas kennen kein Hartz IV, und dem träge lauernden Krokodil ist die Finanzkrise so egal wie "Roland", der Rüsselrobbe, die Rezession. Auf dem Pavianfelsen ist Schäfer-Gümbel nicht einmal ein Name, und der chinesische Bambusbär hat keine Probleme mit dem Zusammenbruch des internationalen Altpapiermarkts. Dies ist das ewige Paradox, das uns fasziniert: die Unschuld der wilden Tiere, die Poesie der Raubkatzen hinter Gittern, die Freiheit der Alligatoren am Beckenrand.

Trotz ihres Eingesperrtseins erinnern uns die gestreiften, geringelten, gezackten oder gepanzerten Vierbeiner an transzendente, eben: paradiesisch ungezähmte Zustände, so weit entfernt wie Sonne und Mond.

Kuschelfernsehen ohne Ende

Es ist dieser Zauber der Ursprünglichkeit, an den wir uns noch aus der Kindheit erinnern. So gründlich er aus unserem Alltag getilgt ist, so sehr sehnen wir uns nach ihm. Regelrecht explodiert ist diese romantische Sehnsucht, als im Zoologischen Garten zu Berlin vor genau zwei Jahren, am 5. Dezember 2006, der kleine Eisbär Knut geboren wurde. Nachdem sein Zwillingsbrüderchen bereits vier Tage später an einer Darminfektion gestorben war, avancierte das weiße Knäuel namens Knut nicht nur zum Lieblingstier der Berliner, sondern gleich noch zur Weltsensation.

Als Knuddel-Knut im Alter von dreieinhalb Monaten endlich der Öffentlichkeit vorgestellt wurde, kannte die Knut-Mania keine Grenzen mehr: Hunderte Pressevertreter aus der ganzen Welt waren erschienen, und selbst TV-Sender aus Japan, Kanada, Portugal und den USA wollten sich das Spektakel nicht entgehen lassen. Der regionale Fernsehsender RBB (ehemals SFB) verwandelte sich unterdessen in "Knut-TV". Kuschelfernsehen ohne Ende.

Knut wurde zum Sinnbild für die verlorene Unschuld der Menschheit, und so war es kein Wunder, dass er binnen kurzem auch noch zum Weltklima-Botschafter aufstieg: Ohne Eis kein Eisbär - das verstanden alle. Bis heute haben mehr als fünf Millionen Zoobesucher Knut gesehen - und das, obwohl er längst kein "süßes kleines Ding" mehr ist, sondern satte vier Zentner wiegt. 2009 aber wird der berühmteste Eisbär der Welt den Berliner Zoo wohl verlassen müssen.

"Tierpersönlichkeiten" aus sieben Jahrzehnten

Pünktlich zum Knut-Jubiläum hat der Direktor des 1844 gegründeten Berliner Zoos (und des Tierparks Friedrichsfelde), Dr. Bernhard Blaskiewitz, 54, nun einen reich bebilderten Band vorgelegt, in dem ein knappes Dutzend anderer Tiere vorgestellt werden, die im Laufe der Jahrzehnte ebenfalls zu Lieblingen der Berliner wurden. Titel: "Knautschke, Knut & Co.".

"Tierpersönlichkeiten" nennt Blaskiewitz die Zoobewohner aus sieben Jahrzehnten, einzigartige und zugleich liebenswürdige Exoten, "die im Bewusstsein der Zoobesucher unvergesslich geblieben sind" - darunter der Gorilla Bobby, der von 1928 bis 1935 im Zoo Berlin lebte, oder die Elefantin Shanti, ein Geschenk des ersten indischen Premierministers nach der Unabhängigkeit vom britischen Empire 1947, Jawarharlal Pandit Nehru. Bei einem ihrer legendären Ausflüge rund um die zerbombte Gedächtniskirche Anfang der fünfziger Jahre steckte Shanti schon mal ihren Rüssel in einen offenen Straßenbahnwaggon, zur offensichtlichen Freude des Tramschaffners, damals noch mit korrekter Dienstmütze.

Aber auch der Schimpanse Johnny wird hier auf eindrucksvolle Weise verewigt - so wie die Giraffe Rike, die als einziges der während der Bombenangriffe auf Berlin 1944/45 evakuierten Großtiere später wieder in den schwer beschädigten Zoo zurückkehrte. Ganz nebenbei inspirieren die alten Fotografien (des gleichwohl durchweg vierfarbigen Bandes) eine Zeitreise in das Berlin der Nachkriegsära.

Boulette, Jette, Klops und Jule

Blaskiewitz' persönlicher Favorit ist unzweifelhaft der Flusspferdbulle "Knautschke" (Hippopotamus amphibius), und nur ganz abgebrühte Exemplare der Berliner Schnauze würden das ebenso respektlos wie hobbyzoologisch kommentieren wollen: "Keen Wunder, da jiibt et ja ooch ne jewisse äußere Ähnlichkeit, wa."

Knautschke wurde 1943, mitten im Bombenhagel auf Berlin, geboren und überstand als eines von nur 91 Zootieren den Zweiten Weltkrieg unbeschadet. 1988 allerdings musste er eingeschläfert werden. Seine "Frau" überlebte ihn mit ihren insgesamt 53 Jahren, und dass sie Boulette hieß, ist für Lokalpatrioten selbstverständlich - ebenso die Namensgebung für die drei Flusspferdkinder Jette, Klops und Jule. Noch heute steht Blaskiewitz, dessen berufliche Karriere 1974 als Tiefpflegervolontär in Berlin begann, "Knautschkes weit geöffnetes Maul" vor Augen: "Immer wenn ein kleines Flusspferd geboren war, warteten wir schon als Kinder aufgeregt, bis das Flusspferdhaus wieder geöffnet wurde und wir Mutter und Jungtier im Geburtsbecken anschauen konnten."

Die Begeisterung für die amphibischen Viecher mit den hochaufragend riesigen Kulleraugen hat eine lange Geschichte. Schon während der Antike wurden Flusspferde in römischen Zirkusarenen und Kaisermenagerien präsentiert, und der ehemalige Wiener Zoodirektor Hofrat Walter Fiedler vermerkte viele Jahrhunderte später, "dass ein 1850 nach England gelangtes Nilpferd so viel Interesse verursachte, dass ihm zu Ehren eine Hippopotamus-Polka komponiert wurde".

Schuld und Unschuld

Blaskiewitz' Erzählungen offenbaren eine Fülle an Details, die kein Zoobesucher kennt. Wer weiß schon, dass Gorilla Bobby mit gerade mal 16 Kilogramm Lebendgewicht aus einem Tierheim an der eleganten Cote d'Azur nach Berlin kam und sieben Jahre später schon glatte 262 Kilo, also mehr als fünf Zentner, wog. Auf einem ganzseitigen Fotoporträt sieht man ihn aufrecht stehen, und würde man es nicht besser wissen, könnte man glauben, ZDF-Moderator Peter Hahne ("Berlin direkt") bereite sich gerade auf ein Interview mit Oskar Lafontaine vor: eine grandiose Ähnlichkeit der Mimik.

Auch der chinesische Alligator Mao, der 1957 dem Ost-Berliner Tierpark übergeben wurde, weist eine gewisse Ähnlichkeit mit dem damaligen SED-Chef und DDR-Oberguru Walter Ulbricht aus.

Evi schließlich, die kleine, im Tierpark geborene Malayenbärin, erprobt im August 1961 ganz unerschrocken ihre Kletterkünste an Kommodenschubladen und Stühlen, während zur selben Zeit die Berliner Mauer gebaut wird.

So dicht beeinander liegen die Geschichte(n) von Mensch und Tier, von Politik und Natur, von Schuld und Unschuld.

Zum Weiterlesen:

Bernhard Blaszkiewitz: "Knautschke, Knut & Co. - Die Lieblingstiere der Berliner aus Tierpark und Zoo". Lehmanns Media, Berlin 2008, 144 Seiten.

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