Historischer Kriminalfall neu aufgerollt Tödliche Sinneslust

Es war die "schwärzeste aller Missetaten": Ein spektakulärer Vater- und Gattenmord und dessen grausige Ahndung wühlte 1833 die Zeitgenossen auf. Mit Metallsonde und Spaten spürte der Archäologe Dietrich Alsdorf dem spektakulären Fall nach - mit überraschenden Ergebnissen.

Von Jochen Bölsche


Den Winter des Jahres 1833 verbringt die 25-jährige Bäuerin Anna Sophie Meyer unweit der Niederelbe im feuchten, düsteren Kerker eines norddeutschen Dorfes mit dem schönen Namen Himmelpforten - und erleidet Höllenqualen.

Am 3. Dezember hat ein Justizassessor ihr und ihrem nebenan einsitzenden Stiefsohn und Geliebten Claus Meyer, 23, die Anklage eröffnet: Beide seien des gemeinsam begangenen Mordes an ihrem Ehemann und seinem Vater Cord Meyer, 56, überführt, verbunden mit "blutschänderischem Ehebruch".

"Rohe Sinneslust", glaubt sogar die Pflichtverteidigung, habe das Liebespaar bewogen, den Verwandtenmord, diese "schwärzeste der Missetaten", zu begehen. Darauf steht auch im Königreich Hannover laut der überkommenem "Peinlichen Gerichtsordnung", der nach Karl V. benannten "Carolina", eine der fürchterlichsten Strafen, die Menschen je ersonnen haben: das so genannte Rädern.

Als der Himmelpforter Ankläger dafür plädiert, das mörderische Paar "mit dem Rade vom Leben zum Tode zu richten", ist den Zeitgenossen klar, welche Marter Claus und Anna droht: Der Scharfrichter legt den entkleideten, gefesselten Delinquenten auf ein paar Kanthölzer und bricht ihm mit einem Wagenrad oder, wie im Hannöverschen üblich, mit eisernen Keulen sämtliche Knochen - entweder, beim "Rädern von unten", an Füßen und Beinen beginnend, oder aber, beim "Rädern von oben", vom Schädel an abwärts; diese Variante gilt als Gnadenerweis, weil meist schon der Hieb aufs Haupt den Tod zur Folge hat. Am Ende wird der malträtierte Körper auf das Speichenrad geflochten und auf einem hohen Pfahl den Vögeln zum Fraß überlassen.

Alle Knochen gebrochen

Die Umstände der Mordtat von 1833 - eines der spektakulärsten Verbrechen ihrer Zeit - und deren nicht minder grausige Ahndung bewegen derzeit, 175 Jahre darauf, erneut die Menschen rund um den einstigen Tatort, das Dorf Blumenthal bei Himmelpforten im niedersächsischen Landkreis Stade.

Denn der dort wirkende Archäologe Dietrich Alsdorf, 54, hat jetzt bislang unbekannte Details über den Fall herausgefunden - und dazu nicht nur neue Archivalien aufgespürt und Nachkommen von Zeitzeugen befragt, sondern auch mit Metallsonde und Spaten neben der einstigen Richtstätte recherchiert.

Im Frühjahr 2006 fand Alsdorf, ein silberhaariger Hüne und erfahrener Grabungstechniker, das Grab, in dem die Hingerichteten verscharrt worden waren - es war leer. Für den erfahrenen Ausgräber war das noch nicht einmal die größte unter den zahlreichen Überraschungen während der Recherche über den Mordfall Meyer, den er in einem jetzt erschienenen 360-Seiten-Werk (Titel: "Anna aus Blumenthal") in neues Licht taucht.

Lebenslustige Magd, sadistischer Greis

Ein volles Drittel des Buches macht eine akribische Dokumentation des Mordfalls anhand einer Fülle teils unbekannter Urkunden aus, zwei Drittel nimmt ein darauf basierender Historienkrimi nach Art der derzeitigen Mega-Bestseller "Tannöd" und "Kalteis" in Anspruch. Wie in den Büchern von Andrea Maria Schenkel macht nicht das klassische "Whodunnit?" oder ein unerwarteter Plot den Reiz aus. Der Regionalforscher versucht vielmehr, die Lücken, die in der papiernen Überlieferung klaffen, schlüssig zu füllen - mit detektivischem Spürsinn, Einfühlungsvermögen und solider Kenntnis des dörflichen Lebens anno dazumal.

Vor allem aber korrigiert er das Bild der liederlichen Schlampe mit dem "Hang zum männlichen Geschlecht" und "sündhaften Begierden", das die Ankläger - aus Alsdorfs Sicht ein volksferner, frauenfeindlicher Akademikerzirkel - von der Gattenmörderin zeichneten. Der Darstellung der Justiz, die über viele Jahrzehnte die Überlieferung des Falles prägte, hält Alsdorf die Schilderung einer normalen, lebenslustigen jungen Frau entgegen. Die Magd Anna wird, so seine Lesart, durch eine Art Zwangsheirat, durch dörfliche Konventionen und einen sadistischen Mann in die Verzweiflung getrieben - und am Ende zu der blutigen Tat.

An ihren Ehemann, der ihr bis kurz vor der Trauung unbekannt war und der fast 30 Jahre älter ist als sie, ist das Dienstmädchen, eine Halbwaise, durch eine von der Sippe eingefädelte "Konvenienzehe" geraten. Die Heirat dient vor allem dem Zweck, der Brautmutter, einer erblindeten und verarmten Kätnerin, zu einem Auskommen als Altenteilerin auf dem Hof des ebenfalls verwitweten Bräutigams zu verhelfen.

Baby im Bauch, Knüppel im Kreuz

Doch bald nach der unfreiwilligen Hochzeit mit dem ungeliebten Mann kommt es zu einer schicksalhaften Begegnung. Bei dem aus dem Militärdienst zurückkehrenden ältesten Sohn des Bauern handelt es um Annas früheren Freund Claus. Als die Liebe unterm Reetdach neu entflammt, reagiert der gehörnte Bauer mit äußerster Brutalität, bis sich die junge Frau - Baby im Bauch, Knüppel im Kreuz - nicht anders zu helfen weiß, als den Berserker gemeinsam mit ihrem Geliebten nachts im Schlaf zu erdrosseln.

Dem Paar, das bald geständig ist, wird nach fünf Monaten im Kerker das Urteil eröffnet: Sie seien "nach vorheriger Ausschleifung" auf einer Kuhhaut zum Richtplatz "mit dem Rad ... von oben herab" hinzurichten.

Zu diesem Zeitpunkt allerdings beginnt sich die Stimmung im Volke zugunsten der Täter zu verändern. Anna, die im Kerker eine Tochter zur Welt gebracht hat, wird während der Haft, wie ein Justizbediensteter vermerkt, "offener, reuevoller, religiöser" und "sucht Trost in der Heiligen Schrift". Auch Claus lässt "sehr großes Schamgefühl" erkennen. "Die anfängliche Abscheu der Himmelpforter gegenüber dem Mörderpaar", so Alsdorf, "wandelte sich in Mitleid um."

Seine Majestät zeigt sich gnädig

Als auch noch publik wird, dass der ermordete Haus-Tyrann seinerseits mehrere Morde und Raubzüge auf dem Gewissen hatte, bittet die örtliche Justiz die hannoversche Regierung, die beiden Täter nicht der Knochenmühle des Räderns auszusetzen, sondern sie vom Scharfrichter mit dem Schwert enthaupten zu lassen.

Dem Gesuch ist Erfolg beschieden. Im Juni 1834 wird den Gefangenen mitgeteilt, König Wilhelm IV., der in Personalunion Hannover und England regiert, habe sich "aus landesherrlicher Macht bewogen befunden, an der Stelle der Strafe des Räderns die einfache Strafe des Enthauptens zu setzen".

Die Urteilskorrektur entspricht dem aufkeimenden Zeitgeist jener Jahre. In der Ära der von Italien und Frankreich ausgehenden "kriminalpolitischen Aufklärung" verzichten immer mehr Staaten auf die Folter - so 1770 Sachsen, 1776 Österreich, 1806 Bayern -, auf verstümmelnde Strafen wie das Handabhacken und andere mittelalterliche Relikte des Stafrechts.

Heimlich erdrosselt

So wird die Brandstiftern zugedachte Feuerstrafe 1813 in Berlin zum letzten Mal vollzogen - in abgemilderter Form: Der Henker ist angewiesen, den Delinquenten, vom Publikum unbemerkt, zu erwürgen, bevor er ihn den Flammen übergibt. Ähnlich verfahren die Preußen auch beim Vollzug des Räderns: Vor der Exekution wird dem Scharfrichter eine geheime Kabinettsorder ausgehändigt, der zu Folge der Täter vor Beginn der Tortur heimlich zu erdrosseln sei.

Mitten in diese Umbruchphase fällt der Himmelpforter Prozess. Während in der Landeshauptstadt an einer Strafrechtsreform gearbeitet wird, die mittelalterliche "Strafschärfungen" einschränken oder abschaffen soll, leitet die Stader Justiz ein Gnadengesuch von Anna und Claus nach Hannover weiter. Die Juristen fügen angesichts der Stimmung im Volk den Ratschlag hinzu, "das Ausschleifen der Verbrecher zur Richtstätte in Gnade zu erlassen", um "größeres Aufsehen" zu vermeiden.

Das Schleifen auf der Kuhhaut, klassische Strafe für den Mord "an des Thäters eignem Herrn, an den eignen Ehegatten oder an nahe gesippten Freunden", hat eine Jahrhunderte lange Tradition. Der Mörder wird, so Aufzeichnungen aus dem 18. Jahrhundert, "zur Verbüßung seines verübten ohnmenschlichen Verbrechens und zu jedermanns abscheulichem Beispiel in eine Kuhhaut eingenähet und durch ohnvernünftige Tiere auf die Richtstatt geschleifet".

Die Untertanen widersetzen sich

Trotz der Empfehlung seiner Juristen besteht Wilhelm IV. auf dem Vollzug der mittelalterlichen Strafverschärfung. Auf die Entscheidung des Königs reagieren die Untertanen an der Niederelbe, wie Alsdorf schildert, mit "bewußtem Unterlaufen des Urteils Seiner Majestät".

Statt die Todgeweihten, wie seit dem Mittelalter üblich, auf einer Tierhaut über unwegsames Land zu schleppen, setzen die Himmelpforter die Verurteilten auf zwei neue, mit Kuhfellen dekorierte Pflugschlitten. Der zwei Kilometer lange Weg zum Schafott ist zuvor, wie ein Zeitzeuge berichtet, von den Bauern "eben gemacht und geeggt" worden, um die Qualen zu mindern.

Nachdem die beiden Delinquenten, angetan mit dem traditionellen weißen Totenkleid, vor einer riesigen Menge von Gaffern mit einem Schwert enthauptet worden sind, brechen die Himmelpforter mit einem weiteren Brauch. Zwar werden die beiden Armensärge am Fuße der Richtstätte, in ungeweihter Erde also, verbuddelt. Danach aber müssen die Leichen, wie Alsdorfs Grabungen ergeben haben, exhumiert und nach christlichem Ritual erneut bestattet worden sein - wahrscheinlich "mit stillschweigender Duldung der Kirche" nachts und in aller Stille in der Arme-Sünder-Ecke des Dorffriedhofs.

Fallbeil statt Richtschwert

Fünf Jahre nach dem Blutgericht von Himmelpforten wird das Rädern mit eisernen Keulen aus dem "Criminalgesetzbuch für das Königreich Hannover" gestrichen. Und erst zwei Jahrzehnte darauf, 1859, wird das Schleifen auf der Kuhhaut abgeschafft, im selben Jahr das Schwert des Henkers durch das Fallbeil ersetzt.

Das alles ist lange her. Zum jüngsten "Europäischen Tag des Kampfes gegen die Todesstrafe" am 10. Oktober verbreitete Brüssel ein Kommuniqué mit einer bemerkenswerten Feststellung: "Seit 1997 hat es in keinem der 47 Staaten des Europarates - eingeschlossen die EU-Mitgliedsstaaten - eine Vollstreckung der Todesstrafe gegeben."

Und der EU-Ministerrat gelobte: "Wir Europäer stehen als Verfechter der universellen Abschaffung der Todesstrafe weltweit in vorderster Front, und wir geben nicht Rast und Ruh, bis die Todesstrafe in sämtlichen Staaten dieser Erde der Vergangenheit angehört."



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insgesamt 5 Beiträge
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Margrit Pfeiffer, 07.01.2008
1.
Zu dem Foto Wilhelm IV. - Also, ich habe nicht bei Wikipedia nachgeschlagen, aber 1840 war die Personalunion zwischen England und Hannover bereits aufgehoben. 1837 bestieg in England Königin Victoria den Thron, den sie in Hannover nicht einnehmen konnte, weil dort den männlichen Nachkommen der Vorrang eingeräumt wurde.
Sabine Konrad, 07.01.2008
2.
Der Hinweis, dass in den Mitgliedstaaten des Europarats erst seit 1997 die Todesstrafe nicht vollstreckt wird, erscheint nicht ganz so erstaunlich, wenn man sich klarmacht, wer zu den 47 Mitgliedsstaaten gehört. Im übrigen wurde auch auf dem Gebiet der Bundesrepublik Deutschland (West) auch nach Inkrafttreten des Grundgesetzes die Todesstrafe nach US-Recht verhängt (wenn nicht vollstreckt, vgl. Art. 7 (a) NATO-Truppenstatut).
Jost Auler, 07.01.2008
3.
Als Archäologe beschäftige ich mich seit vielen Jahren mit archäologisch untersuchten Richtstätten des ausklingenden Mittelalters und der Frühen Neuzeit aus ganz Europa und erlaube mir hier den Hinweis auf eine Monographie in Vorbereitung:(J. Auler [Hrsg.] Richtstättenarchäologie. archaeotopos-Verlag Dormagen 2008). Rund 25 Historiker, Anthropologen und Archäologen schildern anhand von Schriftquellen und vor allem Bodenfunden die makabere Welt dieser frühen Richtstätten. Galgen- und Rondellreste, genagelte Schädel, Teilbestattungen, Spuren früher Abdeckertätigkeiten u.v.a.m. - Wissenschaftler bestätigen in nüchterner Sprache die für unser heutiges Verständnis brutalen damaligen Vorgänge rund um Strick und Schwert! Jost Auler M.A. Archäologe & Historiker Schriftsteller & Verleger www.archaeotoposverlag.q27.de Schwanenstraße 12 D-41541 DORMAGEN JostAuler@t-online.de JostAuler@arcor.de 02133 / 71159 0171 / 2712014
Jost Auler, 09.01.2008
4.
Nach den Genuss dieser Reportage vor zwei Tagen habe ich mich bemüht, die angesprochene Neuerscheinung käuflich zu erwerben. Dies ist mir nicht problemlos gelungen. Deswegen seien die einschlägigen Daten hier nachgetragen: D. Alsdorf, Anna aus Blumenthal. Verlag Atelier im Bauernhaus Fischerhude. ISBN: 978-3-88132-315-4. - Über diesen 'einestages Zeitgeschichten auf SPIEGEL ONLINE'-Beitrag bin ich in persönlichen Kontakt zu dem Buchautor gekommen und er hat eine Abhandlung über seine Untersuchung zu 'Anna aus Blumenthal' für das in meinem 1. Diskussionsbeitrag vorgestellte Fachbuch zugesagt. JOST AULER / Archäologe
Jost Auler, 23.10.2008
5.
Soeben (Oktober 2008) ist die angekündigte Monographie erschienen: Jost Auler (Hrsg.) Richtstättenarchäologie. Dormagen 2008. 563 Seiten, 269 Abbildungen, Karten, Tabellen usw. ISBN 978-3-938473-07-8 89,- Euro Erhältlich über den gut sortierten Buchhandel oder direkt bei Archaeotopos-Verlag, c/o Jost Auler, Schwanenstraße 12, D-41541 Dormagen
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