Historischer Kriminalfall Wo ist Cora Crippen?

Ein mysteriöser Mordfall elektrisierte vor hundert Jahren das britische Empire: Eine verschwundene Varieté-Tänzerin, eine Geliebte in Männerkleidung und eine Verfolgungsjagd quer über den Atlantik - der legendäre "Crippen Case" beflügelte die Phantasie des Publikums. Und er ist noch nicht zu Ende.

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Von Ralf Klee und


Es ist die Nacht zum 1. Februar 1910, als Cora Crippen das letzte Mal lebend gesehen wird. Gegen 1.30 Uhr morgens verabschieden sie und ihr Ehemann Hawley das Ehepaar Martinetti an der Tür ihres Hauses am Hilldrop Crescent 39 im Londoner Stadtteil Holloway. Ein netter Abend unter Freunden geht zu Ende, mit gutem Essen, anregender Konversation und zum Abschluss einer gepflegten Partie Karten.

Oder ist alles nur Fassade? Das Verhältnis der Crippens ist zerrüttet. Cora, die als Varieté-Künstlerin unter dem Pseudonym "Belle Ellemore" auftritt, und Hawley haben beide außereheliche Affären, immer wieder kommt es zum Streit. Offenbar auch in dieser Nacht, unmittelbar nach dem Abschied der Martinettis. Am folgenden Tag jedenfalls ist Cora Crippen verschwunden.

Seine Gattin sei wegen eines "familiären Krankheitsfalles nach Kalifornien abgereist", erklärt Crippen Freunden, die in den folgenden Tagen nach seiner aus New York stammenden Frau fragen. Nicht alle kaufen ihm diese Geschichte ab - zumal sich der Doktor, ebenfalls Amerikaner, seit Coras Verschwinden ungeniert mit seiner jungen Geliebten Ethel Le Neve zeigt, die schließlich sogar bei ihm einzieht. Als die 27-jährige Sekretärin in aller Öffentlichkeit Schmuck und Kleidung der verschwundenen Cora trägt, alarmieren Freunde die Polizei. Dass seine Ehefrau in den Staaten selber erkrankt und schließlich gestorben sei, nimmt Crippen als Erklärung niemand ab.

Gehörnter Ehemann oder Mörder?

Chief Inspector Walter Dew von Scotland Yard glaubt zunächst an einen lästigen Routinefall, mal wieder eine verschwundene Ehefrau. Bei einer ersten Befragung macht Dr. Crippen, ein unscheinbarer Mann von kleiner Statur mit Brille, einen durchaus glaubwürdigen Eindruck auf den Polizisten. Crippen gibt sofort zu, die Geschichte mit Coras Tod nur erfunden zu haben, und er scheint einen plausiblen Grund zu haben: Scham. Denn in Wirklichkeit, so erklärt es Dr. Crippen, sei seine Frau mit einem alten Freund durchgebrannt. Die Geschichte vom gehörnten Ehemann, der sich vor dem Spott seiner Umwelt fürchtet, klingt für Dew nachvollziehbar.

Doch als der Ermittler von Crippen wenig später noch einige Details erfragen will, findet er dessen Haus verlassen vor. Ist es womöglich nicht Crippen, der hereingelegt wurde, sondern der Ermittler von Scotland Yard? Eine Hausdurchsuchung bringt die Bestätigung: Im Keller machen die Beamten einen grausigen Fund: eine zerstückelte Frauenleiche. Ähnliches hat Dew zuletzt als junger Constable gesehen, als er 22 Jahre zuvor im Fall des mysteriösen "Jack the Ripper" ermittelte und die grauenhaft zugerichteten Überreste der Prostituierten Mary Jane Kelly zu Gesicht bekam, dem fünften und letzten Opfer des Serienkillers. Eine landesweite Großfahndung beginnt. Scotland Yard setzt alles daran, den dringend tatverdächtigen Doktor zu ergreifen. Steckbriefe in hoher Auflage werden gedruckt, Zeitungen veröffentlichen Bilder des Verdächtigen.

Doch der befindet sich bereits auf dem europäischen Festland. Als "Mister John Robinson", ohne Brille und seinen charakteristischen Schnurrbart, geht Dr. Crippen in Antwerpen an Bord des Transatlantik-Liners "SS Montrose" und dampft in Richtung Kanada ab. Den Gesuchten begleitet seine Geliebte Ethel Le Neve. Die versucht mit einem präparierten Anzug ihre weiblichen Formen zu kaschieren und den jungen Sohn John Robinson Jr. zu mimen.

Verbrecherjagd auf hoher See

Doch Crippen hat die Rechnung ohne den aufmerksamen Kapitän der "Montrose" und die moderne Telekommunikation gemacht: Captain Henry George Kendall, dessen Schiff als einer der wenigen Atlantikdampfer über einen neuartigen Funktelegrafen verfügt, lässt eine Meldung nach England absetzen: "Haben den starken Verdacht, dass der Londoner Kellermörder Crippen und Komplizin an Bord sind", heißt es darin: "Komplizin als Junge verkleidet. Nach Benehmen und Statur zweifelsohne ein Mädchen."

Inspektor Dew fackelt nicht lange und schifft sich sofort auf dem nächsten Schnelldampfer Richtung Nordamerika ein. Der Scotland-Yard-Mann will Crippen noch auf See stellen. Trotz eines Rückstandes von drei Tagen gelingt es Dew an Bord der 13 Knoten schnellen "SS Laurentic", die "Montrose" noch zu überholen - und als Crippens Dampfer am 31. Juli 1910 in den kanadischen Sankt-Lorenz-Strom einläuft, kommt es zum Showdown. Denn nun greift Dew selbst effektvoll in die Klamottenkiste und geht in der Verkleidung eines Lotsen an Bord der "Montrose". Bald hat er Crippen unter den Passagieren entdeckt und baut sich vor ihm auf. "Guten Morgen, Mister Crippen. Erkennen Sie mich?", fragt Dew und nimmt seine Lotsenmütze ab: "Ich bin Inspektor Dew von Scotland Yard." Der verdutzte Crippen leistet keinen Widerstand. "Gott sei Dank ist es nun vorbei", entfährt ihm, als die Handschellen klicken.

Doch ganz vorbei ist der Fall noch nicht. Denn es erweist sich als schwierig, dem Doktor das Verbrechen auch wirklich nachzuweisen. Die Polizei versucht, die Ereignisse im Haus am Hilldrop Crescent zu rekonstruieren. Hawley Crippen, so der Schluss der Kriminalisten, habe seine Frau mit einer Überdosis Betäubungsmittel getötet und ihre Leiche anschließend zerstückelt. Die Gliedmaßen seien im Küchenofen verbrannt worden, die inneren Organe habe der studierte Mediziner in der Badewanne in Säure aufgelöst und weitere Leichenteile mitsamt seinem blutigen Pyjamaoberteil im Keller des Hauses vergraben.

Der verräterische Pyjama

Viele Beweisstücke sind nicht übrig: Ein paar Hautfetzen, Haare und Teile von Organen, dazu ein Pyjamaoberteil. Kann man daraus die Identität der Leiche und die Todesursache ermitteln? Die Kriminaltechnik stößt in Grenzbereiche vor. Sie kann zwar nicht das Geschlecht des Opfers ermitteln, doch es gelingt, im Gewebe Spuren des Beruhigungsmittels Hyoscin nachzuweisen - Anfang des 20. Jahrhunderts ein forensisches Meisterstück. Der Fund ist ein äußerst belastendes Indiz, denn Dr. Crippen hatte sich große Mengen dieses Alkaloids in einer Apotheke besorgt. Auch dass Crippen bereits am Tag nach dem Verschwinden seiner Frau Teile ihres Schmuckes verpfändet hat, spricht gegen ihn, wie auch weitere Puzzleteile: die Liebesbeziehung zu seiner Sekretärin, die überstürzte Flucht aus England, der Mummenschanz an Bord der "Montrose". Alles passt. Crippen ist der Mörder - darin sind sich die Ermittler einig.

Doch der Verdächtige beharrt plötzlich darauf, unschuldig zu sein und behauptet wieder, seine Frau sei in den USA untergetaucht. Es kommt zu einem kurzen und aufsehenerregenden Prozess, in dem Crippen wenig glaubwürdig wirkt. Am letzten Prozesstag geht es um eine Pyjamahose, die in seinem Kleiderschrank gefunden wurde. "Was ist aus dem Oberteil geworden?", fragt der Ankläger und deutet triumphierend auf die Reste der verschmutzten Schlafanzugsjacke, die bei den Leichenteilen im Keller entdeckt wurden. Stoff, Schnitt und Farbe stimmen überein. Ein Gerichtsreporter beobachtet: "Crippen sah wie betäubt auf das Oberteil. Er befeuchtete seine Lippen mit seiner Zunge und strich sich über die Stirn. 'Ich weiß es nicht', antwortete er schließlich."

Ethel Le Neve, der eine Mittäterschaft nicht nachgewiesen werden kann, wird freigesprochen. Doch bei Hawley Crippen hat die Jury keine Zweifel. Nach nur 27-minütiger Beratungszeit befinden die Geschworenen den Angeklagten für schuldig. Das Urteil lautet Tod durch den Strang. Crippens Anwalt versucht, die Vollstreckung noch zu verhindern; er bittet die Behörden in den USA um Mithilfe bei der Suche nach Cora Crippen. "Belle Elmore lebt", behauptet er in einem Interview mit dem "Urbana Daily Courier", und zwar "in der Umgebung von Chicago". Er besitze Briefe, die Cora gesehen hätte, nachdem sie angeblich ermordet worden sei. Doch Cora Crippen taucht nicht wieder auf. Ihr Ehemann endet am 23. November 1910 im Gefängnis von Pentonville am Galgen.

Filmstar Dr. Crippen

Seine Geschichte wird zur Legende, der "Crippen Case" zum Jahrhundertfall - ein kriminalistisches Lehrstück und zugleich Gegenstand der Populärkultur. Die Story wird mehrfach verfilmt und in zahlreichen Büchern nacherzählt. In Madame Tussauds Londoner Wachsfigurenkabinett ist Dr. Crippen als "wife poisoner" ausgestellt. Es gibt sogar ein Lied auf die Protagonisten und die spektakuläre Hatz auf See: Dr. Crippen killed Belle Elmore / Ran away with Miss LeNeve / Right across the ocean blue / Followed by Inspector Dew / Ship's ahoy, naughty boy!

Und sogar im 21. Jahrhundert beschäftigt der Fall Crippen noch Menschen. Im Jahr 2007 wurde an der Universität von Michigan mit neuesten forensischen Methoden ein DNA-Test von einem erhaltenen Beweisstück angefertigt. Das Ergebnis überraschte alle: Der untersuchte Hautfetzen soll demnach nämlich nicht von Cora Crippen stammen, sondern von einem Mann. War Dr. Crippen vielleicht doch unschuldig? Oder war er gar ein Serienmörder?

Und wo ist Cora Crippen?



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