Historisches Archiv Köln Besuch ohne Wiederkehr

Im November 2008 hatte Hendrik Pütz für seine Recherchen noch das Historische Archiv in Köln aufgesucht. Auf SPIEGEL ONLINE berichtet der 19-Jährige von seinem Rendezvous mit den teilweise tausend Jahre alten Dokumenten - und gibt einen Eindruck, was für ein Schatz dort für immer verloren gegangen ist.

Hendrik Pütz

Es war Dienstag, der 11. November 2008. Um 9 Uhr 30 machte ich mich mit der Linie 1 von Refrath auf den Weg nach Köln, jedoch nicht, um Karneval zu feiern. Für den Geschichtswettbewerb "Helden, verehrt verkannt vergessen" wollten eine Mitstreiterin und ich im Historischen Stadtarchiv recherchieren. In Archivmitarbeiter Thomas Deres fanden wir einen hilfsbereiten Ansprechpartner, der uns durchs Haus führte und uns erklärte, wie wir Zugriff auf die von uns gesuchten Akten erlangten: Es gab ein Stichwortverzeichnis, in dem Orte, Plätze und Namen aufgelistet waren, sowie ein Verzeichnis alle Verfasser. Bestandbücher listeten die Akten nach Jahrhunderten und Themen.

Unser erster Eindruck von dem Archiv mit seiner Fülle an Informationen war ambivalent: Ohne konkretes Wissen darüber, wo sich welche Informationen befanden, würde man mit leeren Händen von dannen ziehen müssen. So ähnlich erging es uns tatsächlich. Wie wir erfuhren, war bislang noch weniger als ein Prozent des gesamten Archivbestandes digitalisiert. Für unsere Recherche würden wir also nicht auf eine Suchmaschine oder lexikalische Einträge zurückgreifen können, wie man sie von Google und Wikipedia aus dem Internet kannte. Wir mussten selbst nach Querverbindungen und Verweisen auf unser Thema fahnden.

Unser Rundgang führte uns auch in das Magazin, in dem die Akten lagerten, vorbei an Stapeln von Karten und Grundrissen. Das Magazin war verteilt auf mehrere Etagen, wir streiften durch die Gänge, ließen uns erzählen, dass die ausgeklappten Tische am Rand aus sicherheitstechnischen Gründen gar nicht ausgeklappt sein dürften und dass die Sirene in Verbindung mit den orangen-roten Lampen bedeutet: Raus! Denn im Falle eines Brandes würde im Archiv mit Kohlendioxid statt mit Wasser gelöscht.

Auch "moderne" Akten lagerten im Archiv, zum Beispiel die Abiturzeugnisse aus Kölner Schulen oder die Baupläne der Philharmonie. Die dürften jedoch aus datenschutzrechtlichen Gründen von uns nicht eingesehen werden. Im Kontrast zu diesen jüngsten Errungenschaften des Archivs entdeckten wir handgeschriebene und handgebundene Bücher, die zum Teil mehr als tausend Jahre alt waren. Wir bewunderten das Original des Werkes von Albertus Magnus: Dem Buch sah man sein Alter kaum an, und die Schrift stand der Perfektion eines Laserdruckers in nichts nach. Allein dieses Exemplar, so erfuhren wir, sei außer Haus mit zehn Millionen Euro versichert.

Es war ein spannender Streifzug durch das Haus, doch nun galt es, die eigene Recherche zu starten. In Findbüchern suchten wir nach internen Bestandsnummern. Die Akten wurden auf Bestellzetteln vermerkt, die dann im Stundenrhythmus von den Archivaren aus dem Magazin geholt wurden. Thomas Deres half mir, die Akten chronologisch zu sortieren und war selbst froh, "etwas" Ordnung geschaffen zu haben. Denn zu meinem Recherchethema "Nikolaus Gülich" gab es allein zehn Kartons voller Gerichtsakten. Hatte es gegeben, denn wahrscheinlich sind sie jetzt - wie vieles mehr - für immer verloren.

Das Beispiel von 1,5 Metern Akten zeigte mir, was den Mitarbeitern des Archivs mit dem Einsturz des Kölner Stadtarchivs am 3. März 2009 genommen wurde. Ich glaube, dass der Verlust der Dokumente das menschliche Fassungsvermögen weit übersteigt, aber gerade die Mitarbeiter des Archivs mit ihrer jahrelangen Arbeit besonders hart getroffen wurden. Es bringt im Nachhinein wenig, Schuld zuzuweisen, denn dadurch können die zerstörten Materialien nicht gerettet werden, doch es macht nachdenklich, wenn eine Generation die Zeugnisse von über 1000 Jahren Geschichte an einem Tag in Schutt legen kann.

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