Hitler als Cartoonist Zwölf Micky-Filme für den "Führer"

Hitler als Cartoonist: Zwölf Micky-Filme für den "Führer" Fotos
Getty Images/Reuters

Comic-Zeichnungen von Adolf Hitler sollen in Norwegen aufgetaucht sein. Die Echtheit der akkuraten Kopien von Disney-Figuren ist vorerst unbestätigt - fest steht, dass der "Führer" tatsächlich ein Faible für Micky Maus und Co hatte. Von Armin Himmelrath, Per Hinrichs und Hans Michael Kloth

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Wenn mehr als sechzig Jahre nach Adolf Hitlers Tod unbekannte Hinterlassenschaften von "A.H." auftauchen, denkt alle Welt sofort an Konrad Kujau. Seit der Berufsfälscher 1982 den "Stern" mit angeblichen Tagebüchern des "Führers" leimte, steht jede vermeldete Entdeckung aus dem Dunstkreis des Nazi-Diktators automatisch unter Fake-Verdacht.

Jetzt löst eine Meldung aus Norwegen den alten Reflex wieder aus: William Hakvaag, Direktor des Kriegsmuseums der Lofoten, verkündet einen Fund aus dem NS-Genre, der fast zu sensationell zu sein scheint, um auch noch wahr zu sein: vier Comic-Zeichnungen, angeblich 1940 von Hitlers Hand entstanden.

Auf einer Auktion in Deutschland hat Hakvaag nach eigenen Worten für rund 200 Euro ein mit "A. Hitler" signiertes Bild ersteigert. Als dies im heimatlichen Solvaer aus dem Rahmen genommen wurde, seien ihm die Blätter mit den Führer-Cartoons entgegengepurzelt, berichtete der Museumsmann der Website dagbladet.no.

Der Kriegsherr als Kopist?

Bei den Bildchen handelt es sich nicht etwa um einen stilisierten Siegfried, um Freya, Wotan oder andere Gestalten aus der germanischen Mythenwelt. Wenn Hakvaags Fund echt ist, brachte Ober-Arier Hitler in seiner knappen Freizeit statt martialischer Heroen lieber zarte Märchenfiguren zu Papier: Die Blätter zeigen den langnasigen Lügner Pinocchio sowie drei Zwerge aus der Entourage Schneewittchens. Während der Pinocchio unsigniert ist, tragen die Zwerg-Zeichnungen ein kleines "A.H."

Mit der Kreativität des vom Postkartenmaler zum Diktator avancierten Hitler war es demnach nicht weit her - er betätigte sich offenbar lieber als Kopist. Die Figuren jedenfalls sind eindeutig nicht dem Hirn Hitlers entsprungen, sondern akkurat getuschte Kopien großer Vorbilder: Die Motive stammen aus den Märchenadaptionen des legendären US-Cartoonisten Walt Disney.

Genau das ist der Grund, warum Finder Hakvaag von der Authentizität überzeugt ist: "Hitler war sehr filminteressiert und hatte eine eigene Kopie von 'Schneewittchen und die sieben Zwerge'", sagte er dagbladet.no: "Ich bin zu hundert Prozent sicher, dass die Bilder echt sind."

Weihnachtsgeschenk vom Propagandaminister

Dass Hitler für Disneys Geschöpfe schwärmte, ist tatsächlich bekannt. "Ich schenke dem Führer 12 Micky-Maus-Filme zu Weihnachten!", notierte etwa sein Propagandaminister Joseph Goebbels am 22. Dezember 1937 in sein Tagebuch: "Er freut sich sehr darüber. Ist ganz glücklich über diesen Schatz."

Denn was im Rest der Welt in den Kino-Sälen für Begeisterung sorgte, das wollte die NS-Führung auch für ihre eigenen Ziele einsetzen. So zeichnete und produzierte Hans Held 1940 den Zeichentrickfilm "Der Störenfried", in dem ein böser Fuchs die Tiere im Wald bedroht. Der Hase will zwar zum Kampf antreten, gibt sich dann aber als Feigling zu erkennen und flieht. Erst als sich die Igel - ausgerüstet mit Wehrmachts-Stahlhelmen - dem Angreifer entgegen stellen und die Wespen in Luftwaffen-Formation zu Hilfe rufen, wendet sich die Schlacht.

Goebbels und Hitler, schreibt der Schweizer Film-Historiker Thomas Staedeli, träumten davon, deutsche Trickfilme in der Qualität von "Schneewittchen und die sieben Zwerge" zu produzieren und damit der übermächtigen "US-Fabrik" von Walt Disney die Stirn zu bieten. Deshalb gründete Goebbels' Propaganda-Ministerium 1941 eine eigene Zeichenfilm-Produktionsgesellschaft in Berlin-Dahlem, die jedoch mit dem Vorhaben scheiterte, einen Trickfilm über den Berggeist Rübezahl zu realisieren.

Hansi im Unglück

1942 startete Goebbels einen neuen Versuch: Die "Deutsche Zeichentrickfilm GmbH" sollte innerhalb von fünf Jahren einen ersten abendfüllenden Zeichentrickfilm herstellen. Dafür mussten die NS-Cartoonisten auch erst einmal üben: Bild für Bild zeichneten sie auf Anweisung von oben den Disney-Streifen "Schneewittchen" ab - ob der Führer da, quasi nebenberuflich, mitgeholfen hat?

Die Geschichte vereitelte den Plan, und so blieb das einzige Produkt der Gesellschaft ein 17-minütiger Streifen mit dem Titel "Armer Hansi", der 1944 in die Kinos kam. Unter anderem wirkten die Zeichner E.O. Plauen und Manfred Schmidt mit - letzterer wurde später als Nick-Knatterton-Erfinder berühmt. Für die Filmmusik wurde Oskar Saler engagiert, der nach dem Krieg mit seiner Musik für den Alfred-Hitchcock-Klassiker "Die Vögel" Weltruhm erlangte.

Der Inhalt der 483 Filmmeter allerdings war schlicht und konnte sich kaum mit Disney und Hollywood messen: Der Kanarienvogel Hansi flieht aus seinem Käfig und sucht das große Glück. Doch angesichts der Gefahren, die er außerhalb der Gitterstäbe erlebt, kehrt er reumütig in sein Leben als Gefangener zurück und lebt von da an unfrei, aber glücklich. Goebbels notierte: "Der erste Zeichenfilm, der mir aus seiner Produktion vorgeführt wird, zeigt zwar noch sehr viele Schwächen, aber er stellt doch einen guten Anfang dar."

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1.
Dieter Menne 23.02.2008
Der Komponist hieß Sala, nicht Saler
2.
Claus Strecker 23.02.2008
Im vorletzten Artikel meinen sie wahrscheinlich Oskar Sala und nicht Saler, ausserdem hat dieser für Hitchcocks "Die Vögel" zum Sounddesign beigetragen und nicht die Musik komponiert, diese stammt von Bernard Herrmann.
3.
Isabell Schrickel 23.02.2008
Der gute Herr Musikus hiess Oskar Sala!
4.
bugme not 02.01.2011
auf bild 4 steht ja wohl eindeutig AM! adolf mitler???
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