Hitler-Attentäter Maurice Bavaud Der Theologe, der den Tyrannen jagte

Im Herbst 1938 reiste der Schweizer Maurice Bavaud durch Deutschland. Sein Ziel: Hitler zu töten. Mehrere Anläufe scheiterten, dann wurde ihm eine Fahrkartenkontrolle zum Verhängnis. In der Nachkriegszeit geriet der mutige Student in Vergessenheit - weil seine Motive bis heute unklar sind.

Filmkollektiv Zürich

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Der Mann, der den Lauf der Geschichte ändern wollte, war gut vorbereitet: Munition und Revolver steckten an diesem kühlen November-Sonntag in seiner Jackentasche, auch ein paar Bögen Papier hatte der 22-Jährige dabei. Dann fuhr er in einem gemieteten Boot auf den Ammersee bei München, faltete das mitgebrachte Papier zu Schiffchen und setzte sie behutsam auf die Wasseroberfläche. Kurze Zeit später, so rekonstruierten es Historiker, waren Schüsse zu hören.

Getroffen hatte der Schütze auf dem See nur seine Papierschiffe, doch er übte für den Ernstfall: Maurice Bavaud, technischer Zeichner und Theologiestudent aus der Schweiz, war zum Töten nach Deutschland gekommen. Drei Tage später, am 9. November 1938, wollte er statt der Boote einen der mächtigsten Männer der Welt mit Pistolenkugeln durchlöchern: Adolf Hitler.

Bavaud gilt als einer der wenigen, die diesem Ziel wirklich nah kamen. Doch obwohl er dem deutschen Diktator wochenlang mit geladener Pistole nachreiste, wurde er nach dem Krieg nicht wie der Bombenbauer Georg Elser oder der Verschwörer Claus von Stauffenberg als Held verehrt. Denn Bavauds Motive sind bis heute ein Rätsel - und waren Anlass zu jahrzehntelangen Streitigkeiten zwischen Bavauds Familie, Wissenschaftlern und Politikern.

Die Geschichte vom schweizerischen Tyrannenjäger beginnt im Juli 1938, als Bavaud aus dem französischen Saint-Brieuc, wo er Theologie studierte, zu seinen Eltern ins schweizerische Neuchâtel zurückkehrte. Schon am 9. Oktober verließ er seine Familie wieder und tauchte wenig später mit 600 Franken aus dem Geldschrank der Mutter in Basel auf. Spätestens dort wurde aus dem Theologen ein Tyrannenjäger: Am 20. Oktober kaufte er sich eine Pistole vom Typ "Schmeisser" mit Patronen, Kaliber 6,35 Millimeter, und reiste nach Berlin.

Hände von Hitler-Anhängern im Sichtfeld

Kaum hatte der Schweizer sich ein Zimmer gemietet und weitere Munition gekauft, erfuhr er, dass der Diktator in der Nähe von Berchtesgaden weilte. Dort schoss Bavaud schon tags darauf in einem Wald am Fuße von Hitlers "Berghof" probehalber auf Bäume. Und er erfuhr zufällig, dass Hitler am 9. November in München zu sehen sei: Beim Gedenkmarsch an seinen Putschversuch von 1923 wollte der Tyrann durch die bayerische Metropole ziehen. Dorthin reiste am 31. Oktober auch Bavaud.

Hitler würde, so ergaben es die Recherchen des Schweizers, an der Spitze einer Parade zu jenen Straßen und Plätzen kommen, über die er einst als Putschist marschiert war. Dabei sollte der Diktator auch an der Heiliggeistkirche vorbeigehen, vor der eine Ehrentribüne freien Blick auf das Spektakel bot. Dort saß am 9. November auch ein vermeintlicher Journalist, der sich ohne Presseausweis und Deutschkenntnisse einen Platz in der ersten Reihe gesichert hatte: Maurice Bavaud, ausgestattet mit Revolver und sieben Pistolenkugeln. Sobald Hitler in seiner Nähe sein würde, wollte der Schweizer die Waffe aus der Manteltasche ziehen und den Tyrannen erschießen. Soweit der Plan.

Kurz vor Hitlers Ankunft marschierten SA-Kolonnen auf und stellten sich an den Straßenrand. Als die Parade den Platz erreichte, ging der Diktator zu allem Überfluss nicht, wie von seinem Jäger erhofft, in der Fahrbahnmitte, sondern auf der gegenüberliegenden Straßenseite - außerhalb der Schussweite von Bavauds Kleinkaliberwaffe. Zu allem Überfluss reckten auch noch die jubelnden Menschen vor ihm die Arme so weit zum Gruß in die Höhe, dass er keine Sicht auf das Geschehen hatte. Frustriert begrub Bavaud seinen Mordplan. Und schmiedete den nächsten.

Bavauds Schicksal: die Fahrkartenkontrolle

So fälschte der Schweizer das Empfehlungsschreiben eines französischen Politikers, demzufolge Bavaud einen persönlichen Brief an Hitler zu überbringen hatte. Tagelang reiste der angebliche Kurier daraufhin durch Oberbayern, stets Hitler auf der Spur: zum "Berghof" auf dem Obersalzberg, zur NSDAP-Zentrale im Münchner "Braunen Haus", zur Reichskanzlei-Außenstelle nach Bischofswiesen. Sein Plan war dabei denkbar unausgegoren: Sobald er vor Hitler stünde, würde er die Pistole zücken und den Reichskanzler ermorden. Dachte er.

Die simplen Mordphantasien scheiterten spätestens im Vorzimmer. Bei jedem Versuch hielten Parteifunktionäre oder Sicherheitsleute den Pseudo-Boten auf. Dabei leiteten die ahnungslosen NS-Bürokraten den Unbekannten sogar ordnungsgemäß an die nächste Dienststelle weiter, immer wieder wurde Bavaud freundlich abgewiesen - so oft, bis ihn am Abend des 12. November die Hoffnung verließ, an Hitler heranzukommen. Da er nur noch wenige Reichsmark bei sich hatte, setzte er sich tags darauf in einen Schnellzug nach Paris. Ohne Fahrkarte.

Die Reise endete schon in Augsburg. Als Bahnpolizisten den Schwarzfahrer festnahmen, fanden sie bei ihm den Revolver, 19 Patronen, eine Umgebungskarte von Berchtesgaden und das gefälschte Empfehlungsschreiben. Wenige Wochen später verurteilte das Amtsgericht Augsburg den 22-Jährigen wegen Fahrkartenbetrugs und unbefugten Waffenbesitzes zu rund zwei Monaten Haft. Doch das war noch nicht alles: Anfang 1939 erklärte der Schweizer in Verhören, Attentate auf Hitler geplant zu haben - ein folgenreiches Bekenntnis.

Noch ein Prozess, noch ein Schuldspruch

Am 18. Dezember verurteilte der Volksgerichtshof den Studenten zum Tod durch die Guillotine, weil er versucht hatte, "dem deutschen Volk seinen Retter zu nehmen". 17 Monate lang wartete Bavaud daraufhin auf sein Ende - und auf Beistand aus der schweizerischen Gesandtschaft in Berlin. Vergeblich.

Botschafter Hans Frölicher weigerte sich, ein Begnadigungsgesuch zu stellen, sprach weder mit seinem inhaftierten Landsmann noch mit dessen Anwalt, und verurteilte in internen Schreiben die "verabscheuungswürdige Tat" des Todgeweihten. Auch einen Gefangenenaustausch zugunsten Bavauds und anderer Eidgenossen lehnten die Schweizer Behörden ab: Der Vorsitzende des Schweizer Militärgerichts fand es beispielsweise "ganz in Ordnung", dass Delinquenten vom Schlage Bavauds "die ihnen gebührende Strafe in Deutschland verbüßen".

Inzwischen ermittelten sogar Schweizer Polizisten auf Bitten der deutschen Gestapo gegen den Angeklagten und schickten ihre Erkenntnisse anschließend brav nach Berlin - "die Versicherung unserer vorzüglichen Hochachtung" inklusive.

Maurice Bavaud starb am 14. Mai 1941 auf dem Schafott.

Erst nach dem Krieg nahm sich die Schweiz des Falls nochmals an und beantragte 1955 die Aufhebung des Urteils gegen ihren Bürger. Das Landgericht Berlin senkte jedoch lediglich das Strafmaß auf fünf Jahre Haft, denn: Das Leben Hitlers sei "in gleicher Weise als geschütztes Rechtsgut anzusehen wie das Leben eines jeden anderen Menschen".

Erst 1956 erhielt Bavauds Familie 40.000 Franken als Entschädigung, nachdem das Berliner Kammergericht den Schuldspruch doch noch annulliert hatte: Ein Attentäter, der nie zum Schuss gekommen sei, könne nicht wegen Mordversuchs verurteilt werden, hieß es nun. Bavaud avancierte trotzdem nicht zum gefeierten Widerstandskämpfer, sondern zum umstrittenen Mysterium. Denn eine Frage war offen geblieben: Warum eigentlich hatte er Hitler töten wollen?

Held oder Verrückter?

Der Schweizer selbst hatte vor dem Volksgerichtshof behauptet, mit seiner Tat "der Menschheit und der gesamten Christenheit einen Dienst zu erweisen", da Hitler den Katholizismus und die Schweiz bedrohe. Darauf berufen sich bis heute Bavauds Familie, einige Politiker und das "Comité Maurice Bavaud".

Andererseits hatte der Student in Gestapo-Verhören und einem Abschiedsbrief angeben, dass er den "Friedensfürsten" Hitler stürzen wollte, um einen deutschen Krieg gegen Russland zu ermöglichen und so Kommunismus und Judentum dort zu vernichten. Animiert dazu habe ihn ein Studienfreund namens Marcel Gerbohay, der eigentlich aber Dimitri Romanow-Holstein-Gottorp heiße und ein Spross der russischen Zarendynastie sei. Auf diese kruden Aussagen stützt sich der Historiker Klaus Urner. Seine These: Bavaud war ein Verrückter, der als Marionette eines anderen Verrückten handelte.

Ein Ergebnis dieser Debatte gibt es bis heute nicht. 1998 erkannte die schweizerische Regierung aber zumindest das Fehlverhalten der damaligen Diplomaten an und rief zum Gedenken auf: "Maurice Bavaud hat möglicherweise geahnt, welches Verhängnis Hitler über die Welt und namentlich über Europa bringen würde", schrieben die Bundesräte, und: "Dafür verdient er Anerkennung und einen Platz in unserem Gedächtnis."

Zum Weiterlesen:

Niklaus Meienberg: "Es ist kalt in Brandenburg. Ein Hitler-Attentat". Limmat Verlag, Zürich 1980, 186 Seiten.

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Julian Blank, 07.11.2013
1.
Schade das es ihn nicht gelungen ist. R.i.P.
Andreas Herde, 07.11.2013
2.
Die Behauptung Georg Elser sei nach dem Krieg als Held verehrt worden ("wurde er nach dem Krieg nicht wie der Bombenbauer Georg Elser ...als Held verehrt") möchte ich kommentieren. Mit Georg Elser tat sich die Geschichttsschreibung und die deutsche Gesellschaft über Jahrzente sehr schwer. Mit ihm wollte sich niemand identifizieren. Verursacht wurde dies durch falsche Aussagen, wie. z.B. Martin Niemöller, Elser sei von der SS geheuert worden um ihn auffliegen zu lassen. Daneben befütchteten andere Elser sei Kommunist gewesen (er war in jungen Jahren Mitglied einer kommunistischen Organisation, ohne dort sehr aktiv gewesen zusein, vor einer Rede von Gustav Heinemann 1969 wurde Kommunisten aus der westdeutschen Erinnerungskultur ausgeschlossen). Andere glaubten dem Gerücht,einst von Goebbels in die Welt gesetzt, dass Elser vom britischen Geheimdient beauftragt war. Der Umstand, dass eine Einzelperson, ohne organisatorischen Unterbaus wie z.B der Offitziere des 20. Juli, nahe dran war, Hitler zu töten dürfte ebenfall dazu beigetragen haben, dass der Anschlag von Elser bis tief in die 70er in Deutschland kaum bewusst, geschweige denn als Heldentat verehrt wurde.
Tobias Niedenthal, 07.11.2013
3.
Was Elser angeht, so hat es aber eine ganze Weile gedauert, bis man ihn in Deutschland mehr als Held denn als Verräter betrachtet hat...
Markus Sprenger, 07.11.2013
4.
Schade, dass Sie nicht das bereits 1979 erschienene Buch von Rolf Hochhuth - ?Tell 38?; Rowohlt-Verlag, Hamburg 1979; 160 Seiten, damals DM 10,?. - erwähnen. Ich zitiere "... bis ihn Rolf Hochhuth 1976 in einer Basler Presserede endlich namhaft machte (ZEIT, Nr. 52, vom 17. 12. 1976), nun abgedruckt und mit einem umfangreichen Dokumentationsteil versehen in 'Tell 38' ..." aus: http://www.zeit.de/1979/42/das-einsame-opfer
Fritz Holzapfel, 08.11.2013
5.
Wie Herr Sprenger hier oben schon berichtete hat der Dramatiker Rolf Hochhuth 1976 den Kunstpreis seiner damaligen Wahlheimat Basel erhalten. In seiner Dankesrede erzählte Hochhuth die Geschichte Bavauds, den zu diesem Zeitpunkt kaum jemand kannte. Er nannte Bavaud einen modernen Wilhelm Tell oder eben "Tell 38", denn die "Pointe" an Bavauds Geschichte war, dass Hitler unter dem Eindruck der Attentatespläne Bavauds Schillers Theaterstück "Wilhelm Tell" als Schulstoff verbieten liess. Hitler, so Hochhuth, war sich natürlich bewusst, dass der von Schiller gefeierte Tyrannenmord den einen oder anderen auf die Idee bringen könnte, Hitler zu ermorden. 2. Der Umgang der Deutschen mit den wahren Helden des Widerstandes gegen die Nazis ist ein trauriges Kapitel. Während man die hohen Berufssoldaten, Militaristen, Gutsbesitzer und Nationalisten des 20. Juli gerne als moralisches Feigenblatt für die paar wenigen "guten" Deutschen feierte, ohne zu bedenken, dass diese Männer allesamt erst dann auf die Idee gekommen sind, Hitler zu beseitigen, als ihnen klar wurde, dass dieser den Krieg nicht gewinnen würde, hat man die wahren Helden, wie Elser, jahrzehntelang ignoriert. Dann gab es noch Sophie Scholl und Co, von der es genau wie auch von Stauffenberg leider antisemitische Äusserungen und schiften gab... Auf der anderen Seite und ganz anders die Gruppe, die die Nazis "Rote Kapelle" nannte. Der Kreis um Schulze Boysen und Mildred Harnack. Von denen redete jahrzehntelang niemand in West Deutschland, denn die waren links und einige sicher auch von. So hat die CDU im Stadtrat Frankfurts noch in den Achzigerjahren dagegen angekämpft, dass man eine Strasse einer Frankfurter Tochter aus diesem Kreis benennen konnte: Die 1943 in Berlin Plötzensee enthauptete Widerstandskämpferin Rose Schlösinger erschein den hessischen CDU-Mitgliedern unwürdig. Diese Frankfurter CDU Bonzen hatten nicht vergessen, wie viele ehemalige Nazis in der eigenen Partei nach dem Krieg Karriere machen durften. Zum Beispiel der, der es bis zum Ministerpräsidenten in Baden- Württemberg gebracht hatte: Hans Filbinger. Auch das war eine Geschichte, die der Dramatiker Hochhuth mit seinem Roman "Eine Liebe in Deutschland" ins öffentliche Bewusstsein gehievt hat.
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