Hitler in Haft Fans auf dem Feldherrenhügel

Hitler in Haft: Fans auf dem Feldherrenhügel Fotos

Hof halten hinter Gittern: Historische Dokumente geben Aufschluss über Adolf Hitlers Haft nach seinem Putschversuch 1923. In der Haftanstalt Landsberg lebte er mit Billigung der Justiz nicht nur wie ein Fürst - sondern konnte auch in aller Ruhe sein Netzwerk aufbauen, das ihm später zur Machtergreifung half. Von

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Ein Personalchef hätte es nicht wohlmeinender formulieren können. "Er war stets verständig, genügsam, bescheiden und höflich gegen jedermann, insbesondere auch gegen die Beamten der Anstalt", berichtete Gefängnisdirektor Otto Leybold am 18. September 1924 über einen Insassen. Der Delinquent rauche und trinke nicht und füge sich "willig allen Einschränkungen".

Die Reverenz galt Adolf Hitler. Der verbüßte, damals noch ein aufstrebender Bierkeller-Agitator, eine Haftstrafe in der Festung Landsberg, weil er im November 1923 mit seinen rechtsextremen Gesinnungsgenossen in München versucht hatte, gegen die Republik zu putschen.

Für Hitler und für die deutsche Geschichte war es eine prägende Zeit: In der Haft schuf er, so sein Biograf Ian Kershaw, die Basis "seiner späteren absoluten Vorrangstellung in der völkischen Bewegung und seines Aufstiegs zum unangefochtenen Führer".

Weithin geläufig ist, dass Hitler in Landsberg am Lech nicht schlecht lebte und die Haft nutzte, um "Mein Kampf" zu schreiben. Doch wie der Rechtsaußen unter den Augen der Gefängnisleitung sein Netzwerk weiter organisieren konnte, darüber geben nun historische Dokumente zusätzlich Aufschluss.

Das Material stammt wohl aus der damaligen Landsberger Registratur und soll am 2. Juli im Fürther Auktionshaus Behringer versteigert werden. Im Konvolut finden sich unter anderem über 300 ausgefüllte Sprechkarten von Hitlers Besuchern und umfangreiche Korrespondenz der Gefängnisleitung.


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Einige Dokumente waren bislang unbekannt, andere sind Abschriften von bereits ausgewerteten Papieren. Dazu zählt etwa eine Ausfertigung des allzu milden Urteils des Münchner Volksgerichts: fünf Jahre Festungshaft mit Aussicht auf Bewährung.

Neu aufgetaucht ist das originale "Aufnahme-Buch" der Anstalt. Darin vermerkten die Beamten den Zugang "Hitler, Adolf". Tag der Einlieferung: 1. April 1924. Ärztlicher Befund: "gesund, mittelkräftig". Größe: 1,75 Meter, Gewicht: 77 Kilogramm. Auf derselben Seite finden sich die Namen jener Getreuen, die mit ihm nach Landsberg kamen: Friedrich Weber, Hermann Kriebel, Emil Maurice und sein späterer Stellvertreter Rudolf Heß.

Gleich nach Haftantritt begann der Besucherreigen. Erich Ludendorff, Stratege der Schlacht von Tannenberg im Ersten Weltkrieg und zu seiner Empörung freigesprochener Mitputschist, wurde mehrfach vorstellig. Gäste waren auch "Hauptmann Röhm, München", "Oberamtmann Dr. Frick, München" und "Alfred Rosenberg, Diplomarchitekt und Schriftsteller, München", damals der engste Führungszirkel der jungen NSDAP. Später wurden sie SA-Führer, Reichsinnenminister und Chefideologe.

Andere Besucher gehörten eher zur Kategorie der reichen Gönner, etwa Helene Bechstein, Gattin eines Berliner Pianofabrikanten, mit der Hitler die Liebe zur Musik Richard Wagners teilte. Oder die "Hitlermutti": Auf diesen Spitznamen hatten Insider Hermine Hoffmann aus München-Solln getauft. Die fürsorgliche Besucherin und Witwe eines Oberstudiendirektors ließ dem Häftling laut der Dokumente auch Wertpapiere zukommen.

Dem Insassen Hitler fehlte es an nichts. Sein Trakt im ersten Stock hieß im Jargon "Feldherrenhügel", Hitler bewohnte dort mehrere Räume; körbeweise gingen Fan-Post, Pakete und Sträuße ein. Der Vertraute Ernst Hanfstaengl erzählte später nach einem Besuch, er habe geglaubt, "in einen Delikatessenladen geraten" zu sein: "Es gab Früchte und Blumen, Weine und andere Alkoholika, Schinken, Würste, Kuchen, Pralinenschachteln und vieles mehr." Hitler habe ob der üppigen Kost deutlich zugenommen, aber Hanfstaengls Vorschlag abgelehnt, Sport zu treiben.

Auch wenn die Geschichte wegen weiterer Details nicht umgeschrieben werden muss: Laut dem Bayerischen Hauptstaatsarchiv und dem Staatsarchiv München, wo Hitlers Nachlass und die lückenhaften Gefängnisakten der Justizvollzugsanstalt verwahrt werden, vermitteln die Schriftstücke "einen Eindruck von den intensiven Kontakten und Kontaktmöglichkeiten Hitlers". An der Echtheit des Materials bestehe "kein Zweifel". Eine gründliche Prüfung steht aber noch aus.

Die Papiere bietet ein Taxi-Unternehmer an, dessen Vater sie Anfang der siebziger Jahre zusammen mit Büchern aus dem Ersten Weltkrieg auf dem Nürnberger Trödelmarkt erstanden haben will. Wie sie dorthin gekommen sind, ist unbekannt.

Gut möglich, dass die Dokumente entwendet wurden, als die Amerikaner 1946 in Landsberg ein Gefängnis für Kriegsverbrecher einrichteten; oder schon im "Dritten Reich", als die Adepten des Führers die Hitler-Zelle zum Wallfahrtsort machten, zum Gedenken an die vorgeblich harte Haftzeit.

Wie es Hitler dort tatsächlich erging, beleuchtet auch die Abschrift eines Briefs an den Münchner Autohändler Jakob Werlin. Lange vor seiner Entlassung am 20. Dezember 1924, zu der Anstaltsleiter Leybold maßgeblich beitrug, räsonierte Hitler darüber, welchen Wagen er erwerben solle; einen Benz 11/40, der "den augenblicklichen Bedürfnissen entsprechen würde", oder einen 16/50 mit niedrigerer Drehzahl. Bevorzugte Farbe: Grau. Und "mit Drahtspeichenrädern".

Hitler bat um Vorzugsbehandlung. Er müsse für den Kauf wohl ein Darlehen aufnehmen; ob der zu begleichenden Gerichts- und Prozesskosten stiegen ihm schon die "Haare zu Berge".

Werlin möge doch bitte in der Zentrale ausloten, "welche Ermäßigung ich bekommen könnte".

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