Hitler-Sekretärin Traudl Junge Die letzten Stunden mit dem "Führer"

Hitler-Sekretärin Traudl Junge: Die letzten Stunden mit dem "Führer" Fotos
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Ein Team von SPIEGEL TV hat in einem US-Archiv ein bisher unbekanntes Vernehmungsprotokoll von Traudl Junge gefunden. Hitlers Sekretärin schildert in dem Verhör mit einem US-Spionageexperten ungewöhnlich nüchtern die letzten Stunden des "Führers" - und verrät ein kurioses Detail. Von

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Nach fast sechs Jahren Krieg blieb nur ein profaner Haufen Asche übrig von jenem Mann, der die Welt in Flammen gesetzt hatte und verantwortlich war für den Tod von Millionen. Und doch gab es Menschen, die der Anblick der sterblichen Überreste Adolf Hitlers zutiefst berührte. Männer wie Otto Günsche etwa, dem persönlichen Adjutanten des "Führers".

"Soeben habe ich den letzten und schwierigsten Befehl meines Lebens befolgt. Ich habe den Chef und Eva verbrannt", berichtete Günsche am Nachmittag des 30. April 1945 erschüttert den letzten Getreuen Hitlers, die seit Wochen in der gespenstischen Parallelwelt des "Führerbunkers" unter der Reichskanzlei ausgeharrt hatten. Draußen lieferten sich Russen und Amerikaner einen Wettlauf um Berlin, drinnen beschrieb Günsche die Minuten nach dem Doppelselbstmord. "Eva war noch ganz warm, als ich sie nach oben trug. Das Gift stinkt schrecklich, der Geruch ist kaum auszuhalten." Nach der Verbrennung sei die Asche Hitlers in eine Schachtel gefüllt und vom Leiter der Hitlerjugend, Artur Axmann, aus dem Bunker gebracht worden.

Axmanns morbide Mission war bisher selbst Experten nicht bekannt. Dieses Detail aus den ansonsten schon grell ausgeleuchteten letzten Momenten im Bunker unter der Reichskanzlei stammt von Traudl Junge, Hitlers langjähriger Sekretärin. Zwar veröffentlichte Junge nach dem Krieg ihre selbstkritischen Erinnerungen ("Bis zur letzten Stunde") und ließ sich neun Stunden lang für eine TV-Dokumentation interviewen. Dutzende Bücher sind auch auf Basis ihrer Schilderungen über den Untergang des "Tausendjährigen Reichs" geschrieben worden. Dennoch ist erst jetzt ein auch von der Wissenschaft bisher unberücksichtigtes Verhörprotokoll aufgetaucht.

Im Verhör des US-Geheimdienstes

Am 7. August 1946 wurde Traudl Junge in der Region Garmisch von einem Mitarbeiter des Counter Intelligence Corps (CIC), dem Nachrichtendienst des US-amerikanischen Heeres, interviewt. Freigegeben wurde das achtseitige Protokoll erst im Dezember 2010. Es ist die frühste bekannte Abschrift eines Verhörs von Traudl Junge. Gefunden hat es ein Team um den SPIEGEL-TV-Filmemacher Michael Kloft, das in den Washingtoner National Archives für eine zwölfstündige Dokumentation über den 30. April 1945 recherchierte.

Kloft zeigte den Fund dem Historiker und Hitler-Biografen Ian Kershaw, der das neue Material als "sehr authentisch" und "faszinierend" eingeschätzt habe. Allerdings habe bereits der Historiker Hugh Trevor-Roper die Episode mit der Asche Hitlers erwähnt. Trevor-Roper war 1945 vom britischen Militärgeheimdienst beauftragt worden, die Umstände von Hitlers Tod zu recherchieren. In seinem Bestseller "Die letzten Tage Hitlers" schreibt er schon 1947: "Vielleicht wurde die Asche, wie Otto Günsche gesagt haben soll, in einem Kästchen gesammelt und aus der Reichskanzlei wegbefördert." Woher Trevor-Roper diese Information hat, ist nicht klar - möglicherweise aber aus einem Gespräch mit Traudl Junge, die er bereits 1945 befragt hatte.

Genauso wenig sind einige Umstände des nun aufgetauchten Verhörprotokolls des CIC geklärt. Wurde ein Gespräch mit Traudl Junge stenografiert oder musste sie dem Geheimdienst zu vorformulierten Fragen schriftlich Auskunft geben? Der Duktus und die Länge der Antworten lassen ein schriftliches Statement wahrscheinlicher erscheinen. Und warum wurde das lediglich als "vertraulich" eingestufte Protokoll erst nach 64 Jahren freigegeben? Auch darauf gibt es keine eindeutige Antwort. Mitunter, so spekuliert Kloft, werden Dokumente auch vergessen und dann irgendwann blockweise freigegeben.

Nüchtern und präzise

Denn inhaltlich enthüllt das Verhör, neben der Episode um die Asche, nichts Neues oder Brisantes. Der Wert der Quelle für Historiker, so Filmemacher Kloft, liege eher in der Authentizität des Materials. Das Verhör fand 1946 statt, ihre Erinnerungen "Bis zur letzten Stunde" schrieb Traudl Junge 1947 nieder; sie wurden aber erst kurz nach ihrem Tod 2002 veröffentlicht. "Im Vergleich zum Verhörprotokoll sind die Erinnerungen weit blumiger und ausschweifender formuliert", sagt Kloft. "Man merkt ihnen an, dass da jemand über das Geschehen reflektiert hat." Nüchterner und damit auch authentischer sei das Protokoll.

Präzise beschreibt Traudl Junge darin Hitlers Fassungslosigkeit und Wut, als er von Himmlers einseitigem Kapitulationsangebot an die Westmächte erfuhr. "Ganz besonders fürchtete er", verriet Junge den Amerikanern, "dass Himmler vielleicht einen Anschlag auf ihn plante, um ihn dem Feind lebendig auszuliefern." Ausführlich erläutert sie auch, wie sie das Testament des Diktators tippte und Hitler minutiös seinen dramatischen Abgang vorbereitete, nachdem er kurz zuvor noch seine Lebensgefährtin Eva Braun geheiratet hatte.

"Er erschien mir ruhig und gefasst", berichtet Junge über den Moment vor dem Selbstmord am 30. April. "Auch Eva Braun schien sich selbst gut im Griff zu haben, obwohl ich wusste, wie sehr sie die Wirkung des Gifts fürchtete, das sie seit Tagen mit sich herumtrug." Vielleicht war es kaschierte Angst oder ein Ausdruck ihrer Weltfremdheit, dass Braun sich von der treuen Sekretärin mit den Worten verabschiedete: "Grüßen Sie mir München, und nehmen Sie meinen Silberfuchsmantel zur Erinnerung. Ich habe immer so gerne gut angezogene Damen um mich gehabt."

Quälende Fragen

Trotz des nüchternen Sprachstils blitzt an einigen Stellen des Protokolls auch eine Grundsympathie der Sekretärin zum mächtigsten Mann im Dritten Reich auf. Etwa, als sie aussagte, dass sie Hitler am 22. April 1945 nicht, wie von ihm selbst angeordnet, verlassen habe, weil das in so einer "kritischen Lage" nicht "korrekt" gewesen wäre. Als acht Tage später Hitler und Eva Braun ihre Giftkapseln schluckten, als der Tyrann sich seiner Verantwortung entzog, da muss man sich seine Sekretärin als eine traurige Frau vorstellen.

Es waren Gefühle, an denen Traudl Junge nach dem Krieg innerlich fast zerbrach, als sie anfing sich zu fragen, wie sie sich hatte wohlfühlen können in der Umgebung eines Mannes, der als Ungeheuer in die Geschichtsbücher einging.

Zum Weiterlesen:

Traudl Junge: "Bis zur letzten Stunde - Hitlers Sekretärin erzählt ihr Leben". Claassen Verlag, 2002, 271 Seiten.

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1.
Malte Barsch, 30.04.2011
"Draußen lieferten sich Russen und Amerikaner einen Wettlauf um Berlin..." Ich bin zar kein Historiker, aber das wäre mir neu. Vielmehr haben sich Amerikaner und Russen doch abgesprochen, dass Berlin von den Russen eingenommen wird.
2.
michael helderlein, 30.04.2011
"...der als Ungeheuer in die Geschichtsbücher einging." Zunächst ging er in die Geschichte ein und nicht in die Geschichtsbücher. Außerdem war Adolf Hitler kein Ungeheuer. Synonyme sind Bestie, Fabelwesen, Drache. Das war er nicht - ich dachte, wir wären inzwischen soweit, ihn als Mensch unter Menschen zu sehen. Man kann ihm viele Eigenschaften zuschreiben, den Menschen muss man ihm lassen. Auch, weil er den Opfern der Nazi-Diktatur das Menschsein nehmen wollte und wir es ihm nicht gleich tun sollten. Und vor allem auch, weil Hitler kein Überwesen war, kein mystischer Sonderling, nicht unerklärlich und nicht einzigartig. Ihn Mensch zu nennen heißt, wachsam zu bleiben.
3.
Rolf Dr. Klüsener, 02.05.2011
In"Bis zur letzten Stunde" beschrieb Traudel Junge 1947 ihr Arbeitsverhältnis als eine der Sekretärinnen Hitlers; hier schwingt Verehrung und Bewunderung für den "Chef" mit. Wie sonst sollte das Arbeitsverhältnis über Jahre bis zum bitteren Ende 1945 angedauert haben. Deswegen muss sie weder PG noch überzeugter Nazi gewesen sein. "Es waren Gefühle, an denen Traudl Junge nach dem Krieg innerlich fast zerbrach, als sie anfing sich zu fragen, wie sie sich hatte wohlfühlen können in der Umgebung eines Mannes, der als Ungeheuer in die Geschichtsbücher einging." heißt es oben im Spiegel. Unsinn ist das, in Traudel Junge posthum hineinprojiziert, woher sollte sie vor 1945 das wahre Gesicht ihres "Chef" erkannt haben?
4.
Bodo Niemann, 05.05.2011
Erwähnenswert ist bei dieser Personalie, dass sie als Frau mit einer einigermaßen attraktiven Erscheinung ungeschoren davon kam und deshalb auch niemals eine Reflexion ihrer Person notwendig wurde.
5.
Rolf Dr. Klüsener, 09.05.2011
@Bodo Niemann: Das Nachkriegsschiksal tausender Sektärinnen, die für Nazibonzen tätig waren, von einer "einigermaßen attraktiven Erscheinung" abhängig zu machen, dürfte zur Kategorie "eher unwahrscheinlich" gehören. Ich habe selbst als naher Verwandter einer Sekretärin eines NS-Fuktionärs erlebt, daß diese Stellung überlebenswichtig für eine ganze Familie war. Diese Verwandte hatte keinen NS- Dreck am Stecken außer der Sorge um ihre Famlie und ihren eingezogenen Mann, was im Westen nie ein Thema war; sie stand auf der Fahndungsliste der DDR .
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