Hitler-Stalin-Pakt Bündnis des Bösen

Hitler-Stalin-Pakt: Bündnis des Bösen Fotos

Vor 70 Jahren schlossen die Diktatoren Adolf Hitler und Joseph Stalin einen Nichtangriffspakt. In einem geheimen Zusatzprotokoll teilten sie Polen untereinander auf, eine Woche später fiel die Wehrmacht im Nachbarland ein - und kaum zwei Jahre später auch in der Sowjetunion. Von

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Im Kreml flogen die Fetzen: Am 3. Mai 1939 feuerte der sowjetische Diktator Josef Stalin seinen langjährigen Volkskommissar für auswärtige Angelegenheiten, Maxim Litwinow. Die als sensationell empfundene Nachricht nahm im fernen Berlin der "Völkischer Beobachter" zum Anlass, Moskaus Außenminister noch einmal als "jüdischen Schieber und Schlächter" zu beschimpfen. Seinen Abgang, so das Zentralorgan der NSDAP außerdem, sei ein schwerer Rückschlag für die Bemühungen Großbritanniens und Frankreichs, sich bei der Sowjetunion anzubiedern und Deutschland einzukreisen.

Das war nicht einmal völlig falsch. Die Erfolge der Nazis ließen den Männern im Kreml antifaschistische Volksfrontbündnisse, wie sie 1936 in Frankreich und Spanien zustande kamen, als Instrumente zur Erhöhung der "kollektiven Sicherheit" erscheinen. Gleichzeitig allerdings versuchte Stalin durchaus, die Radikalisierung dieser Volksfronten zu verhindern, um keine Konflikte mit den Westmächten heraufzubeschwören - die Sicherheit der Sowjetunion hatte für ihn Priorität. Doch diese Zurückhaltung, die vor allem in Spanien zur Belastung für die Volksfront-Koalition wurde, honorierten die Westmächte kaum. Der britische Premierminister Neville Chamberlain hielt die Sowjetunion für militärisch schwach und für keinen wirklich interessanten Bündnispartner gegen Hitler.

Litwinows Nachfolger in Moskau wurde ein alter Bekannter: Wjatscheslaw Molotow, zugleich Ministerpräsident und außerdem Stalins engster Gefährte. Molotow setzte die Verhandlungen mit Großbritannien und Frankreich über eine militärische Zusammenarbeit fort. Aber er wurde ein ums andere Mal hingehalten, und bis August 1939 lagen keine greifbaren Ergebnisse vor. Ganz anders hatte sich zwischenzeitlich das Verhältnis zum "Dritten Reich" entwickelt. Joseph Goebbels' "Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda" hatte bereits am 5. Mai 1939, also zwei Tage nach Litwinows Entlassung, die deutschen Journalisten angewiesen, "ab sofort die Polemik gegen die Sowjetunion und den Bolschewismus einzustellen".

Die Nazis entdecken Russland

Diese Anweisung markierte eine entscheidende Wende der Zwischenkriegjahre. Bis zu diesem Tag hatte der Antibolschewismus einen kaum weniger prominenten Platz in der nationalsozialistischen Propaganda eingenommen wie der Antisemitismus. Stets hatte NS-Chefideologe Alfred Rosenberg vom "jüdisch-bolschewistischen" System in der Sowjetunion gesprochen; Moskau war für ihn neben New York, London und Paris eine der Zentralen des nach der Weltherrschaft strebenden "internationalen Judentums". Nun aber bahnte sich ein Kurswechsel an. Der "jüdische Bolschewismus" verschwand aus den Spalten der deutschen Gazetten, und selbst von der "Sowjetunion" war nun immer seltener die Rede, dafür immer häufiger von "Russland". Und obwohl die Journalisten zu strikter Zurückhaltung verdonnert wurden, kursierten schon bald Gerüchte, eine deutsch-sowjetische Annäherung stehe auch offiziell unmittelbar bevor.

Am 20. August 1939 erhielten die Journalisten vom NS-Propagandaministerium die Information, ein "deutsch-russischer Wirtschaftsvertrag" sei abgeschlossen worden. Die Sowjetunion werde Rohstoffe liefern, das Deutsche Reich Fertigwaren. Die Neuigkeit, so die Vorgabe, sei zurückhaltend zu melden, verbunden mit dem Hinweis, dass sich die beiden Volkswirtschaften "auf die natürlichste Weise" ergänzen.

In Wahrheit waren es nicht so sehr die beiden Wirtschaftssysteme, die komplementär lagen, sondern die jeweilige machtpolitischen Überlegungen der beiden Diktatoren Hitler und Stalin. Im Kräftedreieck Westmächte-Achsenmächte-Sowjetunion befürchtete jede Seite, dass sich die beiden anderen gegen sie verbünden könnten: Die Nationalsozialisten beschworen angesichts der britischen-sowjetischen Kontakte die Gefahr einer durch England gesteuerten "Einkreisung" - die britische Seeblockade im Ersten Weltkrieg war noch in unangenehmer Erinnerung. Stalin andererseits sah in den traditionellen Monarchien, in den demokratischen Republiken und in den faschistischen Diktaturen nur unterschiedliche Formen bürgerlicher Herrschaft - mit welchen dieser Mächte er kooperierte, war für ihn eine rein pragmatische Frage.

Ein Signal aus Moskau

Auf dem Parteitag der KPdSU hatte Stalin am 10. März 1939 die Appeasement-Politik des Westens heftig kritisiert. Die Sowjetunion sei nicht bereit, für die kapitalistischen Mächte die Kastanien aus dem Feuer zu holen, so der Kommunistenführer. Die Deutschen verstanden das als Signal, und so war es wohl auch gemeint. Bald darauf wurden die Gespräche über ein Wirtschaftsabkommen intensiviert. Im Juli deutete der Russlandspezialist im Auswärtigen Amt, Legationsrat Karl Schnurre, bei einem festlichen Abendessen mit hochrangigen sowjetischen Funktionären erstmals an, das Wirtschaftsabkommen könne von einem politischen Abkommen begleitet werden, welches die territorialen Interessen beider Länder berücksichtige.

Parallel zu dem Techtelmechtel zwischen den so gegensätzlichen Diktaturen widmete sich Hitler mit großer Energie der polnischen Frage. Sein Nichtangriffspakt mit dem polnischen Diktator Joséf Pi?sudski von 1934 war ein geschickter Schachzug gewesen. Hitler hatte er internationales Renommee verschafft, zugleich trieb er einen Keil zwischen Frankreich und Polen und bannte für das "Dritte Reich" die Gefahr eines Zweifrontenkrieges. Der Schritt bot sogar die Perspektive, die Polen in einem Krieg um "Lebensraum im Osten" als Vorhut einzusetzen. Doch nach einer Serie von Aggressionen gegen Nachbarn - der Anschluss Österreichs, der Einmarsch in die Tschechoslowakei, verlor Hitler zunehmend das Interesse an diesem Nichtangriffspakt. Im März 1939 verlangte der "Führer" die Angliederung der gemäß unter der Aufsicht des Völkerbundes stehenden Stadt Danzig an das Deutsche Reich sowie exterritoriale Verkehrswege durch den polnischen Korridor, der die alte Hansestadt Stadt vom Reich trennte.

Vor dem eigens einberufenen Reichstag, mittlerweile ein bedeutungsloses Pseudo-Parlament, erklärte Hitler am 28. April, dass Polen diesen "wahrhaft einmaligen Kompromiss" abgelehnt habe und er deshalb das deutsch-polnische Nichtangriffsabkommen "als durch Polen einseitig verletzt" und damit "als nicht mehr bestehend" ansehe. Großbritannien und Frankreich gaben daraufhin eine Garantieerklärung für Polen ab: Greife das Deutsche Reich Polen an, so wäre dies für London und Paris der Kriegsgrund. Nachdem die Westmächte jedoch wenige Wochen die Zerschlagung der Tschechoslowakei hingenommen hatten, machte diese Bestandsgarantie auf Hitler und seine Strategen keinen großen Eindruck. Am 22. Mai 1939 wurde in Berlin vom neuen deutschen Außenminister Joachim von Ribbentrop und seinem italienischen Amtskollegen Graf Galeazzo Ciano, Mussolinis Schwiegersohn, ein deutsch-italienischer Bündnisvertrag unterzeichnet. Dieser "Stahlpakt" hatte ausdrücklich eine militärische Kooperation zum Gegenstand und verpflichtete die Vertragspartner sogar bei Angriffskriegen zum Beistand.

Auf dem Obersalzberg knallen die Korken

Gleichzeitig hielt Hitler es für besser, die Italiener in seine Pläne für den Überfall auf Polen nicht einzuweihen. Erst Mitte August 1939 empfing Ribbentrop Ciano in seiner Residenz über dem Fuschlsee nahe Hitlers Berghof und eröffnete ihm, dass die "gnadenlose Vernichtung Polens durch Deutschland" unausweichlich sei. Ciano war einigermaßen konsterniert und kehrte mit dem Eindruck nach Rom zurück, dass Hitler sich um keinen Preis von seinem Kriegskurs würde abbringen lassen. Den Italienern blieb nur die Option, sich neutral zu verhalten.

Das konnte Hitler leicht verschmerzen - denn in Moskau gelang ihm ein entscheidender Durchbruch. Stalin hatte lange gezögert, die englisch-französische Option ganz aufzugeben, doch schließlich war er bereit, Ribbentrop am 23. August in Moskau zu empfangen. Als die Nachricht auf dem Obersalzberg eintraf, wurden Champagnerflaschen entkorkt - Polens Schicksal war besiegelt. Ribbentrop und Molotow unterzeichneten den deutsch-sowjetischen Nichtangriffsvertrag noch am selben Tag.

In einem geheimen Zusatzprotokoll zum Hitler-Stalin-Pakt, wie er bald hieß, wurden "für den Fall einer territorialpolitischen Umgestaltung" die Interessensphären beider Seiten fixiert. Im zweiten Artikel des Zusatzprotokolls hieß es: "Die Frage, ob die beiderseitigen Interessen die Erhaltung eines unabhängigen polnischen Staates erwünscht erscheinen lassen und wie dieser Staat abzugrenzen wäre, kann endgültig erst im Laufe der weiteren politischen Entwicklung geklärt werden."

"Auseinanderfallen des bisherigen polnischen Staates"

Die deutschen Zeitungen waren von der NS-Propaganda gehalten, die Unterzeichnung des Nichtangriffsvertrages "ganz groß auf der ersten Seite" zu bringen. Die Redaktionen sollten deutlich machen, dass es sich hier um einen "sensationellen Wendepunkt in der Geschichte der beiden Völker" handle. Hinweise auf das gute deutsch-russische Verhältnis in der Ära Bismarck waren ausdrücklich erwünscht. Selbst der von den Nazis einst wütend attackierte Rapallo-Vertrag, mit dem sich 1922 die Weimarer Republik und die Sowjetunion einander angenähert hatten, durfte erwähnt werden, "aber nicht besonders groß".

Eine Woche später fielen die deutschen Truppen in Polen ein, am 28. September fiel die Hauptstadt Warschau. Kurz zuvor hatten sowjetische Truppen, nach mehrfacher Aufforderung durch die Deutschen, den östlichen Teil Polens besetzt. Noch am Tage der polnischen Kapitulation unterzeichneten Ribbentrop und Molotow einen deutsch-sowjetischen Freundschaftsvertrag. In dessen Präambel hieß es mit schwer zu überbietendem Zynismus: "Die Deutsche Reichsregierung und die Regierung der UdSSR betrachten es nach dem Auseinanderfallen des bisherigen polnischen Staates ausschließlich als ihre Aufgabe, in diesen Gebieten die Ruhe und Ordnung wiederherzustellen und den dort lebenden Völkerschaften ein ihrer völkischen Eigenart entsprechendes friedliches Dasein zu sichern."

Hitler hatte auf der ganzen Linie triumphiert: Die britische und französische Garantieerklärung für Polen war - jedenfalls einstweilen - ein leeres Versprechen geblieben. Die Gefahr einer Einkreisung Deutschlands gebannt. Mit der Sowjetunion war ein wirtschaftlich starker Verbündeter gewonnen, der große Mengen an Lebensmitteln lieferte. Hitler hielt sich nun für unbesiegbar. Am 18. Dezember 1940 erließ er die "Führer-Anweisung Nr. 21", die das "Unternehmen Barbarossa" in Gang setzte. Am 22. Juni 1941 überfielen Hitlers Truppen die Sowjetunion.

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1.
Rudolf Probst 24.08.2009
Ehe das Ganze hier völlig in Geschichtsklitterung ausartet, sollten ein paar Anmerkungen erlaubt sein: 1. Von Seiten der Sowjetunion war die Annexion Ostpolens analog des geheimen Zusatzprotokolls zum Hitler-Stalin-Pakt eine Korrektur der Ergebnisse des Polnisch-Sowjetischen Krieges von 1920. Damals war Polen der Aggressor, der sich weite Teile der durch den Bürgerkrieg geschwächten Ost-SU einverleibte und dabei im Auge hatte, nicht nur einfach die Republik Polen wiederauferstehen zu lassen, sondern am liebsten ein Groß-Polen in den Grenzen von 1771. 2. Die heutige Ostgrenze Polens, die dann im Ergebnis des Zweiten Weltkrieges entstand, und noch weiter westlich liegt als die Interimsgrenze ab 1939, ist auch kein Zeichen der "Landverfressenheit" des "Bösen Russen", sondern entspricht beinahe deckungsgleich der sogenannten "Curzon-Linie". Deren Namensgeber George Curzon war übrigens kein georgischer Kumpel Jossif Wissarionowitsch Stalins, sondern 1919 britischer Außenminister. Das Ziel dieser Linie war es, den neuerstehenden Nationalstaat Polen anhand der Siedlungsgebiete der Volksgruppen festzulegen. Indem die tatsächliche Grenze dann weiter östlich verlief und im Polnisch-Sowjetischen Krieg noch weiter nach Osten verschoben wurde, gerieten auch weite Teile Weißrußlands und der Ukraine unter polnische Besatzung und Vorherrschaft. Eine Konstellation also, die keineswegs dem friedlichen Miteinander von Völkern und Staaten Vorschub leistete.
2.
Thomas Glöckner 24.08.2009
Nebenbei sollte man nicht vergessen, dass die Sowjetunion sich mit dem Vertrag für ein paar Jahre den Frieden gesichert hat.Außerdem war die Chance für eine Einigung mit den Westmächten gegeben, die diese nicht wahrnehmen wollten, so dass die Sowjetunion im Interesse des Friedens für ihr eigenes Land gezwungen gewesen war andere Optionen zu suchen und zu ziehen. Wäre der Vertrag nicht gewesen, so denke ich, wären die Deutschen 1941 viel schneller in Moskau gewesen und der Krieg hätte womöglich einen anderen Ausgang genommen, wobei ich nicht behaupten möchte, dass dieses der einzige Faktor gewesen sei. Zum Schluss bliebe noch zu erwähnen, dass man den Vertrag ohne falsche moralische oder gar klassenstandpunktliche Entrüstung sehen sollte. Der Vertrag war ein normales von politischen Interessen geleitetes Werk, wozu, und auch das war normal, ein geheimes Protokoll gehörte.
3.
Thomas Steffen 24.08.2009
Zwei Fragen hätte ich gern beantwortet: 1. Warum erklärten Großbritannien und Frankreich der Sowjetunion nicht den Krieg? 2. Warum wird die "gleichzeitige Kriegsführung" der Finnen gegen die SU zur Rückgewinnung der im Winterkrieg verlorenen Gebiete aus heutiger Sicht wesentlich milder beurteilt, als die Rückgewinnung ehemaliger weißrussischer und ukrainischer Gebiete durch die Rote Armee? Immerhin führte der Krieg Finnlands damals zu einer Kriegserklärung Großbritanniens und der USA an Helsinki.
4.
Heinrich Pesch 01.09.2009
Also das Argument, dass Stalin Zeit gewinnen wollte, wurde erst gegen 1944 erfunden. Egal was Stalin sich vorgenommen hatte, von Zeit gewinnen war ja keine Spur. Als das Unternehmen Barbarossa anlief 1941 hatte die udssr noch nicht einmal einen Verteidigungsplan ausgearbeitet. Die Truppen wurden von den Deutschen sofort überrannt. In Moskau war schon im September das Brot alle. Die Verteidiger vor Moskau wurden mit einem Gewehr pro Gruppe ausgerüstet, der Rest erhielt Holzgewehre zum Üben. Leningrad hatte keine Lebensmittelreserven angelegt usw. Es ist erstaunlich, wie die Notlügen Stalins heute immer noch geglaubt werden. Ein überraschendes Detail im Ribbentrop-Molotow-Pakt wurde mir dieses Jahr bewusst. Hitler hatte so übereilt gehandelt, dass er übersehen hatte, wie wichtig das finnische Nickel für die Wehrkraft Deutschlands war. Wenn es den Russen gelungen wäre, Finnland 1939/40 zu besetzen, wäre Deutschland schachmatt gesetzt! Dann hätte Stalin auch Nordschweden in Reichweite gehabt mit dem Erz in Kiruna. Putin hat übrigens in Polen ein Interview gegeben, in dem er den Pakt als "völlig unmoralisch" bezeichnete.
5.
Werner Samjeske 28.09.2012
Bild 1 links im Hintergrund: Richard Schulze-Kossens, damals Adjutant von Ribbentrop, später auch Adjutant von A.Hitler und gegen Ende des Krieges Kommandant der Junkerschule Tölz.
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