Verbotene Schnappschüsse Heimlich im Hitlerbunker

Verbotene Schnappschüsse: Heimlich im Hitlerbunker Fotos
Robert Conrad/Lumabytes

Für diese Bilder riskierte Robert Conrad seine Freiheit: Als 1987 bei Abrissarbeiten in Ost-Berlin die NS-Bunkerruinen wieder zugänglich wurden, stieg er als Bauarbeiter verkleidet hinab. 30-mal zog er illegal in die Unterwelt - auf einestages zeigt er erstmals die Aufnahmen, die damals entstanden. Von

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Er wusste, dass es ungemütlich werden könnte. Die Aufpasser, die Explosionen, die dunklen Tunnel. Er könnte in eine Sprengung geraten, einem Polizisten in die Arme laufen, in den Knast wandern.

Und doch zog sich Robert Conrad im Sommer 1987 einen Blaumann an, setzte sich einen Schutzhelm auf und versteckte seine Kamera, Marke Praktica mit einem 35-Millimeter-Weitwinkel, in einer jener ledernen Umhängetaschen, die damals viele Arbeiter in der DDR trugen. Zur besseren Tarnung ließ er eine Thermoskanne aus der Tasche herausschauen. Er wollte unbedingt wie ein ganz gewöhnlicher Bauarbeiter aussehen.

Dann schlich der verkleidete Fotograf zum Bauzaun an der Berliner Otto-Grotewohl-Straße und stieg über die Absperrung zur Großbaustelle. Er unterdrückte den Impuls, sofort loszurennen. "Ich ging wie auf Eiern ganz langsam über das Gelände, um bloß niemandem aufzufallen", erinnert er sich. Innerlich war er jedoch unruhig. Wo war nur der Zugang in diese jahrzehntelang verschüttete Berliner Unterwelt aus dunklen Betonruinen? Würde er in den berüchtigten "Führerbunker" absteigen können, in dem sich Hitler im April 1945 erschossen hatte?

26 Jahre später hält Robert Conrad eines jener Dias, für die er einst Kopf und Kragen riskiert hatte, aufmerksam gegen das Tageslicht und räumt gleich etwaige Missverständnisse aus: "Ich bin nicht als Reliquienjäger oder aus heimlicher Bewunderung für das NS-Regime zu den Bunkern gegangen." In seinem neu bezogenem Büro im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg riecht es nach frischen Holzdielen. Die Stuckdecke des Altbaus ist erst vor wenigen Tagen restauriert worden, dabei sind Jugendstil-Malereien von 1905 zum Vorschein gekommen. Das passt zu Conrad: Der Architekturfotograf liebt es, alte Dinge vor dem Verschwinden zu bewahren.

Im Grunde macht er mit seiner Kamera seit Jahrzehnten nichts anderes: Schon als Teenager fotografierte Conrad überall in der DDR historische Fachwerkhäuser, die der SED-Staat in den Achtzigern immer wieder systematisch abreißen ließ, um sie durch monotone Plattenbauten zu ersetzen. Er wohnte aus Protest gegen diese Geschichtsvergessenheit illegal in solchen Abrisshäusern, verstand sich als Chronist der staatlichen Zerstörungswut - und handelte sich dafür viel Ärger ein: Die Polizei verhörte ihn stundenlang, drohte ihm, seine Wohnung wurde durchwühlt. An ein Studium war nicht mehr zu denken, Conrad schlug sich mit einfachen Jobs durch - und fotografierte trotzig weiter.

In dieser Zeit traten auf einmal die fast vergessenen Reste der NS-Bunkeranlagen ans Tageslicht. 1986 plante die DDR, auf dem Gelände an der Ecke Voßstraße/Otto-Grotewohl-Straße, der heutigen Wilhelmstraße, einen großen Wohnkomplex zu errichten. Doch um die sozialistischen Betonbauten überhaupt in die Höhe ziehen zu können, musste erst Beton aus dunkler Vergangenheit weichen: Unter dem Bauareal befanden sich neben dem Hitlerbunker noch Reste der Luftschutzkeller der Neuen Reichskanzlei und des Auswärtigen Amtes.

"Plötzlich sah ich diese völlig irre Landschaft"

Die DDR musste nun bis in acht Meter Tiefe mächtige Stahlbetonmauern freilegen, sie scheibchenweise abtragen und zertrümmern. Ein mühseliges Unterfangen, schließlich war schon 1947 die siegreiche Rote Armee an dem "Führerbunker" verzweifelt, als sowjetische Soldaten versuchten, den Betonklotz zu sprengen. Zwar konnten sie die Belüftungstürme der Anlage zerstören, innen brachen die Zwischenwände zusammen, und auch die vier Meter dicke Bunkerdecke verrutschte durch die Wucht der Explosionen um 40 Zentimeter. Doch der Rest hielt. Zwölf Jahre später folgten weitere Sprengungen, danach ließ die DDR die Zugänge zu Hitlers Bunkerruine zuschütten, Erde auf das Gelände kippen und im wahrsten Sinne des Wortes Gras über die Sache wachsen - bis zum Baubeginn 1986.

"Von den Nazi-Bunkern stand natürlich nichts in den Zeitungen, das war wie die ganze NS-Zeit ein großes Tabuthema", erinnert sich Conrad. "Offiziell wurde einfach nur ein neues Wohnviertel errichtet." Der Fotograf selbst entdeckte nur durch Zufall die Bunkerruinen, als er als Busfahrer-Lehrling an der Otto-Grotewohl-Straße vorbeifuhr. "In dem Bus saß ich erhöht und konnte deshalb über den Bauzaun blicken", erinnert er sich. "Plötzlich sah ich diese völlig irre Landschaft mit den riesigen, aus der Erde ragenden Betontrümmern, die für Jahrzehnte verschüttet gewesen waren." Durch die Bauarbeiten sahen die unterirdischen Anlagen auf einmal aus wie Hochbunker.

Sofort war sein fotografischer Jagdinstinkt geweckt. Conrad erkundigte sich über die Geschichte des Geländes, deckte sich mit den wenigen verfügbaren Informationen über die unterirdischen NS-Bunker ein und ließ sich weiteres Material von Freunden aus dem Westen zukommen. Immer wieder schlich er nun um die Großbaustelle, fotografierte von außen die Steinwüste, die Riesenbagger und einige Sprengungen. Bauarbeiter, die das Gelände verließen, verwickelte er in unverfängliche Gespräche: "Mich interessierte brennend, ob sie einen Sonderausweis brauchten." Zu seiner Erleichterung fand er heraus, dass der Zugang auf dem Gelände offenbar nicht sehr restriktiv kontrolliert wurde. Sein Plan könnte also aufgehen.

Fotografieren unter Angst

Und anfangs ging auch alles glatt. Bei seinem ersten Besuch landete er in dem Bunker der Neuen Reichskanzlei. Er fotografierte hektisch, immer in Sorge, erwischt zu werden: verrostete Lüftungsrohre, geflieste Wände, aufgeschweißte Tresore, Projektile. Trotzdem urteilt der Fotograf Conrad heute über den jungen Fotografen Conrad damals: "Es sind nicht meine besten Aufnahmen geworden, heute würde ich viel systematischer vorgehen."

Aber damals hielt er einfach mit der Kamera drauf, Hauptsache, niemand erwischt ihn. "Meine größte Angst war, dass mir ein Fluchtversuch unterstellt werden würde", erzählt er. Kein abwegiger Gedanke: Schließlich lag das Areal in direkter Grenznähe zu West-Berlin. "So weit ich wusste, verliefen Teile des Bunkerlabyrinths unter der Mauer entlang, bis hinein in den Todesstreifen."

Trotzdem zog ihn die Baustelle in den Bann. Es war wie eine Droge. Nachdem er das erste Mal nicht aufgeflogen war, kam noch einmal. Immer wieder. Insgesamt vielleicht 30 Mal, so genau weiß er es heute nicht mehr. Manchmal lagen Monate zwischen seinen Besuchen, manchmal nur wenige Tage.

Groteske Begegnung im NS-Bunker

Es wurde auch ein Wettlauf gegen die Zeit: Immer tiefer gruben die Bagger, immer mehr Stahlbeton wurde abgetragen. Warum konnte er nicht aufhören? Robert Conrad überlegt, betrachtet Dias, die auf dem Leuchtisch seines Berliner Büros liegen, und sagt dann: "Dort unten den Hall der eigenen Schritte zu hören, Dinge aus einem völlig fernen Kapitel der Geschichte zu entdecken - es war dieses Gefühl, eine Zeitreise zu machen, das mich so fasziniert hat."

Also forderte er sein Glück heraus. Einmal erschrak er fast zu Tode, als er plötzlich einen anderen Mann in dem Bunker der Reichskanzlei sah. "Unglaublich, aber der saß dort seelenruhig mit einer Grubenlampe und zeichnete die düstere Szenerie auf eine kleine Staffelei." War er ein Bruder im Geiste? Jemand, der Architektur festhalten wollte, bevor sie zerstört wurde, so menschenverachtend ihre Erbauer auch gehandelt hatten? Robert Conrad weiß es bis heute nicht. "Wir haben miteinander geredet, aber das Misstrauen war zu groß. Er hat sich nicht getraut, mich zu fragen, warum ich hier bin - und ich habe mich umgekehrt auch nicht getraut."

Eine groteske Szene: Da schweigen sich zwei Männer aus Angst vor dem SED-Staat in einem NS-Bunker an. Nach einer kurzen Pause machen beide unverdrossen weiter, der eine mit der Kamera, der andere mit der Zeichenkohle.

Der falsche Bauarbeiter wird erwischt

Nach ein paar Besuchen entdeckte Conrad schließlich auch den Zugang zu jenem berüchtigten Bunker, in dem Hitler und seine Führungsriege sich verschanzten, als die Rote Armee schon in Berlin stand. Die Anlage bestand aus dem Vorbunker, der schon 1935 erbaut worden war, und dem eigentlichen, deutlich bombensicheren "Führerbunker", der erst 1944 fertiggestellt worden war. Doch Conrad wurde enttäuscht: Er fand in beiden Teilen nicht "diese Original-Kulisse des Wahnsinns", die er sich erhofft hatte: "Dazu waren hier schon zu viele alliierte Soldaten und neugierige Berliner der frühen Nachkriegzeit durchgelaufen. Sie alle hatten sich Souvenirs mitgenommen."

Sicher, er fand noch einige vermoderte Möbelreste, Projektile, das Schulterstück eines höheren Wehrmachtsoffiziers, eine Gasmaske und leere Sektflaschen. Aber der eigentliche "Führerbunker" von 1943/44 stand so tief unter Wasser, dass er kaum zu begehen war. Zudem bestand er nur aus einem großen Raum, weil durch die Sprengung der Sowjetarmee die Zwischenwände eingebrochen waren. In dem Vorbunker von 1935 jedoch glaubte Conrad jenen Raum gefunden zu haben, in dem Magda Goebbels kurz vor Kriegsende ihre Kinder mit Zyankali vergiftete. "Die Doppelstockbetten waren halb zusammengebrochen und standen verrostet im Grundwasser", sagt Conrad.

Ausgerechnet nach diesem Besuch wurde er erstmals erwischt. Die Polizei kontrollierte seine Ledertasche, tastete ihn ab und fand auch schnell die Filme, die er in seinen Socken versteckt hatte. Aber zu seiner Überraschung gab es vergleichsweise wenig Ärger. Ein Fluchtversuch wurde ihm nicht unterstellt: "Die haben nicht verstanden, was ich da unten eigentlich wollte und mir einfach gesagt, ich soll mit dem Quatsch aufhören." Doch Conrad hörte nicht auf. Noch viermal wurde der falsche Bauarbeiter erwischt, ein Dutzend seiner Filme konfisziert.

Erfüllung eines Traums

1989 war es damit vorbei. Die Enttrümmerungsarbeiten waren abgeschlossen, die Reste des "Führerbunkers" - die Bodenplatte und die Außenwände - mit Schutt, Sand und Kies verfüllt.

Nur wenige Monate später war das Ende eines anderen Berliner Betonbauwerks gekommen - und nachdem die Mauer gefallen war, erfüllte sich auch Robert Conrads Traum vom Architekturstudium, den ihm die DDR verwehrt hatte.

Nebenher blieb er aber seiner alten Leidenschaft treu. Bis heute ist Conrad auf der Suche nach untergegangenen Welten: Er fotografiert stillgelegte Kasernen, verlassene Plattenbauten und verwaiste Industrieanlagen kurz vor ihrem Abriss - als Bauarbeiter hat er sich dazu nicht mehr verkleiden müssen.

Zum Weiterschauen:

Weitere Bilder von Robert Conrad können Sie auf der Website der Agentur Lumabytes ansehen.

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1.
Andreas Heinzgen 30.05.2013
Was im Artikel mehrmals als "Mauer" bezeichnet wird, war nicht die eigentliche Mauer an der Sektorengrenze zwischen Mitte und Tiergarten, sondern die sogenannte Hinterlandmauer, die auf der östlichen Seite den Todesstreifen abgrenzte. Daher führten auch Teile des Bunkers nicht unter der "Mauer", sondern eben unter der Hinterlandmauer hindurch; der eigentliche Führerbunker lag sogar nahezu komplett im Bereich des Todesstreifens, der für die Neubauten an dieser Stelle ein wenig schmaler gemacht wurde. Auch die Baracken der Bauarbeiter standen ganz sicher auch nicht direkt an der die Grenze zu West-Berlin markierenden Mauer, sondern an der Hinterlandmauer. Vom westlichsten Punkt der Bunkeranlage, dem ehemaligen Gartenausgang, war die eigentliche Mauer nochmals rund 250 Meter entfernt.
2.
Jan Hendrik Hammer 30.05.2013
Vielleicht meldet sich auf den Artikel ja der Zeichner, dem der Fotograf damals begegnet ist...? Das wäre doch mal was!
3.
Kai Hensel 30.05.2013
Hallo Herr Conrad, vielen Dank für die bilder. Meine Hochachtung davor das Sie ein solches Risiko eingegengen sind. Die Bilder geben die erschreckende Beklemmung der damaligen Zeit wider, bzw man hat eine Vorstellung davon. Es ist wichtig die Geschichte aufzuarbeiten.
4.
Rainer Noa 30.05.2013
Hallo, beim Bild 27 ist mir aufgefallen, dass da ein VW-Bully steht. Das Bild soll im Frühjahr 88 geschossen worden sein - ich finde eher unwahrscheinlich. War wohl doch eher nach dem Mauerfall. Gruß Rainer :)
5.
Bernd Müller 30.05.2013
Was wohl mit den beschlagnahmten Filmen passiert ist? Eigentlich ist ja anzunehmen, daß die nicht einfach verschwunden sein werden, denn in einem so preußischem Staat wie der DDR wurde ja gerade in solchen Dingen äußerst penibel und "korrekt" gearbeitet. Ob der Photograph sich mal seine Stasi-Akte angesehen hat? Vielleicht findet sich da ja was ...
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