Hitlers Bomben auf Guernica "Sie haben die Stadt eingeäschert"

Hitlers Bomben auf Guernica: "Sie haben die Stadt eingeäschert" Fotos
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Der Angriff wurde zum Symbol für den Luftkrieg-Terror der Nazis: Am 26. April 1937 zerstörte die "Legion Condor" Guernica. Hitler machte das baskische Städtchen zum Experimentierfeld für die neue Art des Bomben-Kriegs.

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"Guernica, Stadt von 5000 Einwohnern", notierte der Stabschef der "Legion Condor", Wolfram von Richthofen, militärisch knapp in seinem Kriegstagebuch, "buchstäblich dem Erdboden gleichgemacht. Bombenlöcher auf Straßen noch zu sehen, einfach toll." Über die Opfer, es waren Hunderte, schrieb der Oberstleutnant nicht.

Der 26. April 1937 war ein Montag. Markttag. Im baskischen Guernica drängten sich die Menschen, als am Nachmittag, es war gegen 16.30 Uhr, plötzlich die Glocken läuteten. Flieger-Alarm! Schon tauchte ein Flugzeug am Himmel auf. Ein deutscher Bomber, Typ Heinkel 111, am Steuerknüppel saß Oberleutnant Rudolf von Moreau. Über dem Stadtzentrum öffnete der Offizier die Bombenschächte seiner Maschine. Herab regnete der Tod.

In Wellen folgten weitere Bomber und Jagdflugzeuge. Sie warfen Spreng-, Splitter- und Brandbomben, insgesamt 31 Tonnen Munition gingen auf Guernica nieder. Zweieinhalb Stunden lang wüteten die deutschen und italienischen Kampfflieger über der Stadt - "mit einer bisher ungekannten Brutalität", wie es der Präsident der baskischen Regierung, José Antonio de Aguirre, drei Tage später formulierte. "Sie haben die Stadt eingeäschert und mit Maschinengewehrsalven die Frauen und Kinder verfolgt, die in panischer Angst flohen und zahlreich zu Tode kamen", so Aguirre. Der Augenzeuge Juan Guezureya erinnerte sich noch 1974 im Gespräch mit zwei britischen Reportern an den schrecklichen Nachmittag: "In einer Höhe von etwa 30 Metern flogen die beiden Maschinen hin und her wie fliegende Schäferhunde, die eine Menschenherde zum Schlachten zusammentreiben."

Der Kriegsberichterstatter George L. Steer schrieb zwei Tage später in der Londoner "Times": "Die Taktik der Angreifer war ganz klar: zuerst schwere Bomben und Handgranaten, um die Bevölkerung zu sinnlosen Fluchtversuchen zu veranlassen, dann Maschinengewehrfeuer, um sie in unterirdische Verstecke zu treiben und dann schließlich Zerstörung dieser Unterstände mit schweren Feuerbomben."

Zivilisten werden nicht länger verschont

Die Folgen des Angriffs waren verheerend. Nahezu drei Viertel aller Gebäude wurden zerstört, der Kern des historischen Ortes vollständig verwüstet. "Um zwei Uhr morgens, als ich die Stadt erreichte", notierte Steer, "war sie schrecklich anzusehen, sie stand von einem Ende bis zum anderen in Flammen. Den Widerschein des Feuers konnte man in den Rauchwolken über den Bergen schon zehn Meilen vor der Stadt sehen. Die ganze Nacht hindurch stürzten Häuser ein, bis von den Straßen nur noch große Haufen undurchdringlichen rotglühenden Schutts übrig waren."

Die Zahl der Opfer kann nur geschätzt werden. Die baskische Regierung gab an, 1654 Einwohner seien getötet, 889 verwundet worden. Neuere Untersuchungen gehen indes nur von 200 bis 300 Toten aus. Unstrittig jedoch ist, dass Guernica eine der ersten Städte war, die durch einen Bombenangriff zerstört wurde - ohne Rücksicht auf Frauen, Kinder, Alte. Drei Jahre vor der Zerstörung Coventrys und acht Jahre vor der Bombardierung Dresdens hatten die Piloten der deutschen Expeditionstruppe "Legion Condor" mit dem soldatischen Grundsatz gebrochen, Zivilisten zu verschonen.

"Guernica war für die deutsche Luftwaffe auch ein Testlauf, wie man Schrecken und Verzweiflung durch Angriffe auf Städte und Ortschaften verbreiten konnte", sagte Wolfgang Schmidt, Fachleiter Luftwaffe im Militärgeschichtlichen Forschungsamt Potsdam, jetzt SPIEGEL ONLINE. "Natürlich war die Bombardierung Guernicas ein eklatanter Bruch des Kriegsvölkerrechts und hatte einen terroristischen Charakter. Man hat zumindest billigend in Kauf genommen, dass Zivilisten zu Schaden kommen."

Zeitzeuge Steer wählte - den Schrecken noch vor Augen - deutlichere Wort für seine Empörung: "Der Überfall auf Guernica ist ohne Beispiel in der Militärgeschichte. Guernica war kein militärisches Objekt. Die Stadt lag weit hinter der Front. Der Zweck des Bombardements war anscheinend die Demoralisierung der Zivilbevölkerung und die Vernichtung der Wiege des baskischen Volkes."

"Im scharfen Schuss erproben"

Der internationale Protest, der nach der Bombardierung aufbrandete, war massiv. Weltweit wollte man wissen, wer die Schandtat zu verantworten hatte. Das Lager des Nationalisten Franco, auf dessen Seite sich die Deutschen im spanischen Bürgerkrieg geschlagen hatten, behauptete schnell, die abziehenden republikanischen Truppen hätten die Stadt verwüstet. Als Reichskriegsminister Werner von Blomberg beim Oberkommando der "Legion Condor" nachfragte, wer an der Operation beteiligt gewesen sei, meldete man ihm dreist: "Keine Deutschen!"

Gleichzeitig entsandten die Militärs jedoch Spezialisten in die inzwischen eingenommene Stadt, um verdächtige Munitionsreste einsammeln zu lassen. Zudem bekamen alle Flieger einen Maulkorb verpasst. Dabei hatte der Kommandeur des inoffiziellen Expeditionskorps zur Unterstützung der rechten Franco-Putschisten sogar noch höchstpersönlich am Abend des 26. April 1937 nach Berlin gefunkt: "Sämtliche fliegenden Verbände der Legion Condor in mehrmaligem Einsatz Angriff auf zurückgehenden Gegner auf Straßen nördlich Monte Oiz und auf Brücke und Straßen ostwärts Guernica."

Als das Leugnen nicht half, führte die Wehrmacht taktische Notwendigkeiten für den Angriff ins Feld. Zweck der Operation sei allein gewesen, eine Brücke zu zerstören und abrückenden Truppen den Weg abzuschneiden, hieß es nachträglich. "Mein Kollege Klaus A. Maier hat herausgearbeitet, dass tatsächlich ein militärisches Ziel im Vordergrund stand", so Experte Schmidt. "Es ging darum, die Verkehrsinfrastruktur zu zerstören und den Rückzug republikanischer Truppen zu erschweren."

Doch das war längst nicht alles. Der damalige Oberbefehlshaber der Luftwaffe, Hermann Göring, offenbarte bereits in den Nürnberger Prozessen, der Einsatz der Wehrmacht in Spanien habe Übungszwecken gedient. Es bot sich "die Gelegenheit, im scharfen Schuss zu erproben, ob das Material zweckentsprechend entwickelt wurde", so Göring. 2003 dann veröffentlichte der SPIEGEL lange verschollen geglaubte Dokumente, die belegen, dass es den Deutschen auf der iberischen Halbinsel vor allem darum ging, moderne Kriegstechnik und -taktik für eine künftige militärische Auseinandersetzung unter realistischen Bedingungen auszuprobieren.

"Angriffe mit 250-Kilo-Sprengbomben"

Joachim von Richthofen, nicht verwandt mit seinem gleichnamigen Kommandeur, hatte für die "Legion Condor" in einem Geheimbericht die Wirkung deutscher, spanischer und italienischer Bomben analysiert und darin Hinweise gegeben, wie sich die Zerstörungsleistung der Waffen erhöhen ließ. Den Angriff auf Guernica schilderte er als geplante Operation: "Erst gelangten Brandbomben zum Abwurf, die viele Dachstuhlbrände anregten." Darauf folgten "Angriffe mit 250-Kilo-Sprengbomben", "Wasserleitungen wurden zerstört, was Löschversuche vereitelte". Die "Volltrefferzahl" sei nicht so hoch gewesen, "einzelne Bomben sind auf freie Plätze gefallen", kritisierte er. Darüber, dass mögliche Ziele wie eine Brücke oder Munitionsfabriken verfehlt worden seien, verlor der penible Buchhalter des Schreckens kein einziges Wort.

Fest steht seither: Die Deutschen begriffen Bürgerkriegs-Spanien als gigantischen Truppenübungsplatz. Etwa 19.000 Soldaten, offiziell handelte es sich bei ihnen ausnahmslos um "Freiwillige", ließ das Nazi-Regime in einem aufwendigen Rotationsverfahren an den Auseinandersetzungen zwischen Nationalisten und Republikanern teilhaben. "Zwei Jahre Kriegserfahrungen sind nützlicher gewesen als zehn Jahre Ausbildung in Friedenszeiten", resümierte ein deutscher General.

Der Stabschef der "Legion Condor", Wolfram von Richthofen, brachte es in Hitlers Wehrmacht schließlich bis zum Generalfeldmarschall. Er starb wenige Wochen nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. In seinem Kriegstagebuch zum Spanien-Einsatz notierte er am 28. April 1937: "Abends liegt bestimmte Nachricht vor, dass Guernica dem Erdboden gleichgemacht ist. Für morgen noch keine Pläne."

Jörg Diehl

Erschienen auf SPIEGEL ONLINE am 26.04.2007

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1.
Hilmar Zeissig 30.09.2009
Die deutschen Militaerbefehlshaber und Diplomaten haben die Zerstoerung von Guernica durch die Legion Condor lange bestritten. Inzwischen haben zahlreiche Untersuchungen den wahren Sachverhalt geklaert. Der Bruder meiner Mutter, Oberstleutnant a.D. Karl von Knauer (siehe Bild), der als einer der wenigen Piloten der Luftwaffe den Krieg uberlebte, hat dazu mehrere Interviews gegeben. U.a. wird er zitiert von Klaus A. Maier (Guernica 26. 4. 1937, Rombach-Verlag Freiburg 1975). Vor seinem Einsatz als Kampfflieger der Legion Condor im Spanischen Bürgerkrieg war er auf dem Fliegerhorst Wunstorf in der 6. Staffel 154 Kampfgeschwader Boelcke stationiert gewesen. Die Aktion in Spanien wurde vor allem auch als ein ideales Training der junge deutschen Luftwaffe unter Kriegsbedingungen gesehen. Oberleutnant v. Knauer war Staffelkapitaen der I.Staffel des Kampfgeschaders 88 und flog den ersten Einsatz mit dreimotorigen Ju 52 ueber Guernica am Abend des 26. April 1937. Insgesamt nahmen mehr als 50 Maschinen verschiedenen Typs an dem Angriff teil. Das Stadtzentrum mit dem baskischen Parlamentsgebaeude, und eine Waffenfabrik am Stadtrand, Bruecken und Strassen wurden zerstoert und viele der 5000 Einwohnern durch direkten Beschuss getoetet. Knauer berichtete später: "Die Brücke war trotz guter Wurfreihen nicht nachhaltig zerstört, jedoch der Ortskern des Ortes sehr zerstört, vor allem der Marktplatz (...) Die Wirkung unserer 5 kg-Bombenreihen konnte niemals so gewaltig sein. Wie ich erfuhr (Gespräch meines Dolmetschers mit Ortsangehörigen), sollen die sogenannten Dinamiteros im Ort große Sprengstofflager gehabt haben, die entweder durch unseren Angriff oder nachträglich zur Explosion gebracht wurden. ....Es wurden von der Legion Condor Feuerwerker nach Guernica beordert, die sämtliche Reste von Schwanzflossen der Bomben, Blindgänger etc. entfernten". Auf diese Weise sollten die Spuren des deutschen Einsatzes beseitit werden.
2.
Ernst Pelzing 28.10.2013
Francos ideologische Schützenhilfe Einer Veröffentlichung der Sonntagsbeilage "Domingo" der spanischen Tageszeitung "EL PAÍS" vom 20.06.2010 zufolge hat das Franco-Regime die in Spanien lebenden Juden erfasst. Die Nazis machten davon Gebrauch, als die Entscheidung zum Holocaust fiel. Ernst Pelzing 1941 wies das Franco-Regime die Provinzgouverneure an, eine Liste der in Spanien lebenden Juden mit Namen, Arbeits-, ideologischen und personenbezogenen Daten von 6000 Juden zu erstellen. Diese Liste wurde Himmler übergeben. Sie diente als Grundlage für die Frage der Endlösung. Als der Fall Hitlers bereits Tatsache war, versuchte man von Seiten der [spanischen] Obrigkeit, sämtliche diesbezüglichen Spuren zu beseitigen. Es war relativ leicht für das Franco-Regime, die öffentliche Meinung bei Beendigung des II Weltkrieges mit dem Märchen hinters Licht zu führen, man habe zur Rettung tausender Juden beigetragen. Heute weis man jedoch mehr über diese dunkle Kapitel der spanischen Geschichte. Den hartnäckigen Nachforschungen des jüdischen Journalisten Jacobo Israel Garzón ist es zu verdanken, dass das einzige zu diesem Thema bekannte Dokument, das im Archivo Histórico Nacional aufbewahrt und von der Zivilregierung in Zaragoza stammt, aufgedeckt wurde. Das "Archivo Judío" ist Beweis dessen, was die Falangisten unter Serrano Suñer mit den spanischen Juden vorhatten. Siehe hierzu http://www.elpais.com/articulo/reportajes/lista/Franco/Holocausto/elpepusocdmg/20100620elpdmgrep_1/Tes
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