Hitlers Flugzeugfabriken Geheimkommando im Wald

Hitlers Flugzeugfabriken: Geheimkommando im Wald Fotos

Die Geschichte von Hitlers getarnten Flugzeugfabriken faszinierte die einestages-Leser - dann meldete sich einer der wenigen noch lebenden Zeitzeugen. Die Schilderungen von Werner Krebs erlauben einen Blick hinter die Kulissen eines spektakulären Geheimprojekts - und in die Seele eines jugendlichen Soldaten. Von

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Ich wusste nicht, was mich erwartete, als mich mein Marschbefehl im Januar 1945 in einen Wald bei Schwäbisch Hall führte. Es war das letzte Kriegsjahr, ich wunderte mich über gar nichts mehr - auch nicht, als ich zwischen den Bäumen meinen neuen Arbeitsplatz sah: eine Flugzeugmontagefabrik.

Mitten im Gehölz standen große, nackte Hallen. Von oben konnte man nichts davon sehen, das ganze Gelände war sauber getarnt. Wenn einmal ein Baum abgeholzt werden musste, überdeckte man die Stelle mit Tarnnetzen. Ansonsten gab es dort nicht viel, denn wir benötigten nur wenige Geräte. Die fertigen Flugzeugteile wurden mit Lkws aus anderen Werken angeliefert. Wir sollten sie dann zusammenbauen.


Im März 1944 war nur noch ein Drittel der deutschen Luftwaffenindustrie intakt. Alliierte Bomber hatten gezielt große Teile der deutschen Luftwaffenproduktion zerstört. Ein Stab aus Luftfahrt- und Rüstungsministerium plante deshalb die Umstrukturierung der Luftwaffe. Die Flugzeugproduktion wurde dezentralisiert und gleichzeitig geschützt: In unterirdischen Stollen und in Wäldern entstanden Fabriken - dort wurde auch der schnellste Düsenjäger der Welt gebaut, die Me 262. Werner Krebs, damals gerade 18 Jahre alt, arbeitete in zwei der Waldwerke, von denen es vornehmlich im Süden des Reiches Dutzende gab.

Gemeinsam mit fünf anderen Kandidaten war ich während meiner Ausbildung an der Fliegertechnischen Schule 4 in Oberschleißheim bei München für ein "geheimes Kommando" ausgewählt worden: Die Grundausbildung an einem Strahltriebwerk. Als Schulungsobjekt diente die Zelle einer Me 262, also das Flugzeug ohne Triebwerk. Nach dem Abschluss sollte ich eigentlich zur Flugzeugwartungskompanie 132 in Finow kommen - bis mich ein neuer Marschbefehl nach Schwäbisch Hall schickte. Die Reise war wegen der vielen Fliegerangriffe nicht einfach, acht Tage lang war ich mit der Bahn unterwegs. Und es gab noch ein anderes Problem: Ich musste der Militärpolizei aus dem Weg gehen. Wir nannten sie "Kettenhunde", denn sie kassierte Leute ein, um sie an die Front zu schicken.

Ich war schon einmal dem Fronteinsatz entgangen. Nach der Volksschule hatte ich im April 1941 eine Ausbildung als Werkzeugmacher bei VW in Braunschweig angefangen. Damit verbunden war eine zwölfjährige Wehrdienstverpflichtung, die im Januar '44 bei der Luftwaffe begann. Ich war 17 und wollte unbedingt zu den Fallschirmjägern. Doch ein Oberfeldwebel riet mir, das bleiben lassen, es sei zu gefährlich. Natürlich hat er das ganz vorsichtig getan, denn man musste ja höllisch aufpassen, um nicht als Verräter zu gelten. Er vermittelte mir die Ausbildung in Oberschleißheim, die ich Mitte September 1944 antrat. Nachdem wir etwa zwei Wochen an einem Daimler-Motor ausgebildet worden waren, wurden die sechs Kandidaten für das Geheimkommando bestimmt.


Die Werke des Augsburger Flugzeugherstellers Messerschmitt waren seit 1943 von alliierten Bombern weitgehend zerstört worden. So wurde 1944 damit begonnen, die Produktion der neuen Wunderwaffe Me 262 rund um Augsburg in die Waldfabriken auszulagern. Die Einzelteile wurden in sogenannte Endmontagewerke gebracht - eines davon lag im Wald bei Schwäbisch Hall.

Meine Kompanie war nun in Schwäbisch Hall untergebracht, wo wir unter der Werksleitung von Messerschmitt standen. Im etwa vier Kilometer entfernten Hessental war ein Waldwerk errichtet worden, dort wurde die Me 262 zusammengebaut. Danach kam ich an die Reihe: Ich war für die Abgleichung der Turbinendrehzahl zuständig, "Abbremsen" nannte man das. Dazu kletterte ich in die Kabine, startete den kleinen Boxermotor und drehte ihn hoch. Dann glich ich die Drehzahlen ab. Zuletzt mussten noch die vier Bordkanonen justiert werden, dann war die Me 262 flugbereit. Pro Tag haben wir etwa drei bis vier Flugzeuge zusammengesetzt. Am nahe gelegenen Flugplatz wurden die Maschinen eingeflogen.

Übernachtet haben wir in einer Turnhalle in Schwäbisch Hall, wir waren etwa hundert Mann. Nur der Kompanieleiter wohnte in einem Hotel. Morgens um sieben Uhr mussten wir die vier Kilometer nach Hessental marschieren, das heißt wir standen etwa um sechs Uhr auf. Der Ablauf im Waldwerk war kompliziert, denn man wurde ständig unterbrochen, zum Beispiel durch Fliegeralarm. Dann mussten wir uns in Schutzräume oder in Gräben flüchten. Je nachdem wie oft die Arbeit unterbrochen wurde, kehrten wir zwischen sechs uns sieben Uhr abends in unsere Unterkunft zurück. Hatten die Unterbrechungen länger gedauert, mussten wir auch nachts arbeiten. Nie folgten mehrere Tage aufeinander, ohne dass es einen Alarm gegeben hätte.

Die ersten 25 Kilometer zu Fuß

Unser Essen bestand meist aus Brot und kalten Konserven. Es gab keinen Aufenthaltsraum, so dass wir während der Arbeit essen mussten. In Schwäbisch Hall gab es einige Lokale, dort konnten wir abends auch etwas Warmes essen. Immerhin war zu dieser Zeit Winter, besonders in den ersten Wochen war es sehr kalt. In den Lokalen wurde auch Most ausgeschenkt, abends waren wir eigentlich immer dort. Wir haben dann versucht, mal ein paar ruhige Stunden oder Minuten zu bekommen.

Nachdem wir bis Anfang März 1945 in Hessental stationiert waren, wurde unsere Kompanie wegen der anrückenden amerikanischen und französischen Armee nach Burgau verlegt. Wir wurden nachts um halb vier Uhr geweckt und hatten keine Zeit mehr, ins Werk zu marschieren. Etwa die ersten 25 Kilometer liefen wir zu Fuß, da die Lkws vorausgefahren waren, um das Spezialwerkzeug zu transportieren. Schließlich kamen die Lastwagen, sammelten uns ein und brachten uns nach Burgau, wo die Kompanie zwischen Burgau und Tannhaus aufgeteilt wurde. Wir wohnten dort bei Einwohnern oder in Gastwirtschaften auf Hilfsbetten.

Auf dem Weg waren uns zwischen Hessental und Oberkochen etwa 150 Menschen in gestreiften Anzügen begegnet. Es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich KZ-Häftlinge sah. Wir hatten auch keine Vorstellung davon, was mit den Häftlingen geschah. Man benannte die bittere Wahrheit meist mit allen möglichen Begriffen, aber nie mit denen, die zutrafen. Zum Beispiel nannte man die KZ-Häftlinge einfach "Gangster". In den Waldwerken in Hessental und in Burgau sind mir nie KZ-Häftlinge oder Zwangsarbeiter begegnet, dort hat nur meine Kompanie gearbeitet.


Aufgrund des Arbeitskräftemangels wurden in den letzten Kriegsmonaten zunehmend Zwangsarbeiter in der deutschen Kriegsindustrie eingesetzt. Sie kamen auch in mehreren Waldfabriken wie dem Werk Horgau, in dem Tragflächen der Me 262 produziert wurden, zum Einsatz. Unter unmenschlichen Bedingungen, bei Minusgraden und ohne angemessene Kleidung, mussten sie bei der Produktion des deutschen Wunderfliegers helfen - die Messerschmitt AG bezahlte dafür dem Wirtschaftsverwaltungshauptamt der SS eine Leihgebühr.

Unsere Aufgabe in Burgau war die gleiche wie in Hessental: Die Endmontage der Me 262. Außerdem wurde auf der nahegelegenen Autobahn der Grünstreifen betoniert, um eine Start- und Landebahn zu schaffen. Als das Autobahnstück um den 20. April herum fertig wurde, gab es jedoch keinen Treibstoff mehr. Einige fertig gestellte Flugzeuge wurden auf Lkws ins Waldwerk nach Leipheim gebracht, doch als wir Burgau wegen der anrückenden US-Armee verlassen mussten, blieben etwa 30 bis 40 flugbereite und munitionierte Me 262 im Wald zurück. Einige Mitglieder der Kompanie hatten vorher noch versucht, die Boxermotoren der Maschinen anzustellen, damit sie heißlaufen und kaputt gehen würden, um von keinem Nutzen mehr für die US-Armee zu sein.

Bevor wir Burgau verließen, bekamen wir Proviant auf den Weg. In Tannhaus gab es eine Konservenfabrik, die produzierte Rindfleisch mit Soße in Dosen, das konnte man auch kalt essen. "Toter Mann" nannten wir das. Als wir nachts unsere Unterkunft verlassen mussten, um vor den Amerikanern zu flüchten, durften wir so viele Dosen mitnehmen, wie wir tragen konnten.

Wir wurden nach Landsberg am Lech geschickt, dort sollten unterirdische Bunker für die Flugzeugproduktion gebaut werden. Doch da die US-Armee so schnell näher kam, wurde noch unterwegs der Marschbefehl geändert und wir zogen nach Innsbruck weiter. Dort gab es alte Kupferbergwerke, in denen die Montage erfolgen sollte. Doch auch die habe ich nie gesehen.

Österreicher schießen auf Deutsche

In den ersten Maitagen 1945 erreichten wir Schwaz bei Innsbruck. Wir sind bei ansässigen Bauern untergekommen. Dort gab es viele Österreicher, die in der Wehrmacht waren und jetzt versuchten, sich abzugrenzen. Wahrscheinlich haben sie geglaubt, sie müssten sich auf die Seite der Siegermächte schlagen. Man begann sogar, aufeinander zu schießen, besonders in den größeren Orten wie Innsbruck gab es solche Vorfälle. Manche Soldaten wurden von Gleichuniformierten nachts in Hausflure gezerrt. Mir ist so etwas nicht passiert, weil wir vorgewarnt waren, aber wir konnten uns nicht mehr alleine durch Innsbruck wagen, besonders wenn es dunkel wurde. So haben wir die letzten Stunden in Schwaz oder im daneben gelegenen Buch verbracht.

Am 8. Mai kam dann die US-Armee. Zunächst wurden wir in der Wehrmachts-Kommandantur in Innsbruck versammelt und dann mit Skistöcken auf Lkws getrieben. Wir kamen nach Heilbronn.


Im Gefangenenlager in Heilbronn wurde Werner Krebs für arbeitsfähig befunden und nach Belgien gebracht. Dort arbeitete er zwei Jahre lang in einem Kohlebergwerk. Im September 1947 kehrte er in sein Elternhaus in Kottenheim an der Eifel zurück. Er begann ein Ingenieurstudium und arbeitete später als beratender Ingenieur unter anderem in Süd- und Nordamerika, in Russland, China und Japan. Mit seiner Frau wohnt der heute 84-Jährige in Krefeld.

Aufgezeichnet von Franziska Felber

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1.
Stefan Heymann 28.12.2010
Kleine Ergänzung: Der im Text erwähnte Ort bei Burgau heißt richtig Thannhausen, PLZ 86470. Die erwähnte Konservenfabrik gibt es heute noch, sie ist noch immer unter ihrem alten Namen Zimmermann bekannt, wenn die Besitzer auch schon mehrmals gewechselt haben.
2.
Torsten Writh 28.12.2010
Boxermotoren - soso.... / Heißlaufen lassen, um die Motoren zu zerstören (ohne Sprit) Das klingt nach einer sehr zuverlässigen Quelle. Wird so etwas immer ungeprüft veröffentlicht?
3.
Bernd Brincken 28.12.2010
Interessanter Bericht - aber von welchen "Boxermotoren" ist denn da die Rede? Handelte es sich vielleicht um Hilfsmotoren, um Elektrik oder Hydraulik zu versorgen? Dann wären sie aber auch nach einem Heißlaufen leicht zu ersetzen gewesen.
4.
christian zippel 28.12.2010
Ich kann nicht verstehen weshalb zweimal in bezug auf die Me 262 von boxermotoren die rede ist obwohl es doch ein flieger mit turbinenstrahltriebwerken war?
5.
christian zippel 28.12.2010
der boxermotor ist wohl nur zum hochfahren der turbinen erforderlich
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