Hitlers Kameramann Walter Frentz Das Auge des "Dritten Reiches"

Hitlers Kameramann Walter Frentz: Das Auge des "Dritten Reiches" Fotos
Walter Frentz Collection, Berlin

Er war des Teufels Fotograf: Von 1939 bis 1945 setzte Walter Frentz Adolf Hitler und seine Entourage in Szene. Seine Propagandafilme und Farbfotos vom "Führer" prägen bis heute das Bild vom Diktator - sich selbst sah Frentz trotzdem immer nur als unbeteiligten Beobachter. Von

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Es war eine aufstrebende Wohngemeinschaft, damals in der Gelfertstraße in Dahlem, im Berlin der frühen dreißiger Jahre. Walter Frentz aus Heilbronn wohnte da, ein Student der Elektrotechnik an der Technischen Hochschule, und auch ein Assistent des berühmten Architekten Tessenow, gebürtig aus Mannheim und mit Namen Albert Speer.

Nähergekommen waren sich die beiden Jungakademiker durch ihr gemeinsames Hobby: Frentz hatte 1928 den ersten studentischen Kajakverein Deutschlands gegründet, und auch der ehrgeizige junge Architekt Speer war ein begeisterter Paddler. Der Wannsee war nicht weit. Im Dunstkreis des Duos tauchte bald eine junge Berliner Schauspielerin und ambitionierte Filmemacherin auf, die dessen Liebe zum Outdoor-Sport teilte, wenngleich sie mehr für die Berge schwärmte als für das Wasser: Leni Riefenstahl.

Speer und Riefenstahl waren schon bald darauf berühmt - er als Hitlers Hofbaumeister, der für das "Tausendjährige Reich" die Welthauptstadt "Germania" plante, Riefenstahl als Filmemacherin des "Führers", die den Aufstieg Nazi-Deutschlands in bahnbrechender Monumentalästhetik filmisch in Szene setzte.

Den "Führer" ins rechte Licht rücken

Walter Frentz dagegen kennt kaum jemand. Dabei war er es, der das Bild der Zeitgenossen vom "Dritten Reich" weit stärker prägte als Speer mit seinen Monumentalbauten oder Riefenstahl mit ihren Propagandafilmen - und es bis heute weiter tut. Denn als "Kameramann des Führers" war Frentz so etwas wie das Auge des "Dritten Reiches" - seine Aufgabe: als "Filmberichter" aus dem "Führerhauptquartier" Adolf Hitler für die Volksgenossen ins rechte Licht zu rücken.

Sechs Jahre lang, von Spätsommer 1939 bis Ende April 1945, hatte Frentz Hitler und dessen engstes Umfeld so gut wie ohne Pause im Sucher seiner Kamera. Unzählige Filmrollen und rund 20.000 Fotografien entstanden; Bilder, durch die die Welt bis heute Hitler sieht. Mit der Handkamera lieferte Frentz spektakuläre Aufnahmen aus dem Wagen des triumphierenden Diktators bei der Siegesparade in Warschau. Von Frentz stammen die berühmten Bilder von Hitlers Freudentänzchen nach der Kapitulation Frankreichs und vor dem Eifelturm im besetzten Paris. Frentz war es auch, der die letzten Bewegtbilder des Diktators drehte, als der am 20. März 1945 im Garten der Neuen Reichskanzlei angetretenen Hitlerjungen die Wangen tätschelte, bevor er sie wieder ins Feuer der Roten Armee schickte.

Wie es dazu kam? Frentz war nicht einmal Mitglied der NSDAP. Und bis zum Schluss blieb er am Hofe Hitlers ein Subalterner, der kaum mehr zu entscheiden hatte als die Art und Weise, wie genau er den "Führer" und seine Welt am besten ins Bild rückte. Das allerdings tat er mit professioneller Hingabe, meisterhaft und zur großen Zufriedenheit seines Auftraggebers - in dem fatalen Irrglauben, er sei nur ein unpolitischer Dokumentarist.

"Dieser Mann soll meine Bilder machen"

Den Zugang zum Allerheiligsten des "Dritten Reiches" ebneten ihm Speer und Riefenstahl. Für Riefenstahls Parteitagsfilm "Sieg des Glaubens" empfahl Speer 1933 seinen Sportsfreund Frentz als Kameramann, weil der bereits einige erfolgreiche Kajakfilme gedreht hatte. Es wurde eine fruchtbare Zusammenarbeit: Auch bei ihrem Olympia-Film von 1936 war Walter Frentz einer der vier Hauptkameraleute und prägte dessen revolutionäre Ästhetik wesentlich mit. 1938 durfte Frentz dann schon den deutschen Einmarsch in Österreich dokumentieren - wohl seine Eintrittskarte in den inneren kreis der Macht. "Dieser Mann soll meine Bilder machen", soll Hitler gesagt haben.

Und das tat er. Beflissen und hochprofessionell drehte Frentz nun bewegte Bilder für die NS-"Wochenschau". Wann immer in deutschen Kinosälen der "Führer" auf der Leinwand auftauchte (oder heute in TV-Dokumentationen zu sehen ist) - abgekurbelt hatte diese Szenen meistens Walter Frentz. Neben der dienstlichen Propagandafilmerei wurde Frentz nach und nach auch zum nebenberuflichen Hoffotografen der Hitler-Entourage.

Zunächst eher halboffiziell, dann auch auf ausdrücklichen Wunsch Hitlers schoss er Abertausende von Fotos von seinem hochexklusiven Umfeld - ungewöhnlich viele davon in Farbe. Allein 3000 Agfacolor-Porträts von Parteibonzen und Generälen, Fliegerhelden und Sekretärinnen entstanden so, dazu reichlich Alltagsszenen auf dem Obersalzberg oder in der Wolfsschanze, schließlich auch Bilder aus Rüstungsbetrieben und den besetzten Gebieten Europas.

Gut komponiert, ohne Mitgefühl

Zu sehen bekamen die Aufnahmen allerdings nur Insider, veröffentlicht wurden sie im "Dritten Reich" nie. Ihre Existenz sprach sich selbst bei Fachleuten erst lange nach dem Krieg herum, als Frentz sein Archiv in den neunziger Jahren einem rechtslastigen Publizisten zugänglich machte. Nach Frentz' Tod 2004 ermöglichte sein Sohn Hanns-Peter erstmals eine gründliche Aufarbeitung, 2006 erschien der spektakuläre Bildband "Das Auge des Dritten Reiches". Inzwischen haben Frentz' Fotos jenseits der schwarzweißen "Wochenschau"-Ästhetik ein neues, fahlbuntes Bild vom "Dritten Reich" geprägt: ein melancholischer Hitler im Flugzeug, Himmler im Liegestuhl auf dem Berghof, die ersten Farbaufnahmen von KZ-Häftlingen.

Die Banalität der Macht ist auf Frentz' Fotos meisterhaft ins Bild gerückt. Das Böse allerdings muss sich der Betrachter selbst dazudenken - nicht nur bei idyllischen Berghof-Szenen. Auch wenn Frentz SS-Chef Heinrich Himmler auf Inspektionsreise bei den slawischen "Untermenschen" fotografiert oder Zwangsarbeiter in Lagerkluft, die im KZ Mittelbau-Dora "Vergeltungswaffen" zusammenschrauben müssen - es sind gut komponierte Bilder ohne jedes Mitgefühl.

Dabei wusste Frentz früh von den Greueltaten der Nazis, und keineswegs nur vom Hörensagen. Auf einer Reise mit Himmler ins weißrussische Minsk wurde der Fotograf am 15. August Augenzeuge einer eigens für den SS-Chef arrangierten Massenerschießung. Die Opfer "mussten sich auf Befehl da rein legen, Kopf nach unten, außen rum standen die Soldaten von der SS, jeder zielte auf einen anderen, und auf Befehl schossen sie alle ab", erinnerte sich Frentz später. Der Vorfall habe ihn zutiefst schockiert. Nur wenige Stunden nach dem Massaker allerdings machte er schon wieder entzückende Bilder von weißrussischen Kindern, als sei nichts geschehen, und wenige Tage später, am 21. August, seinem 34. Geburtstag, notierte er voller Stolz "Ehrenplatz rechts vom Führer".

Ruinen in fahlem Agfacolor

An der Seite seines Idols harrte Frentz bis fast zuletzt aus. Noch im Februar 1945 fotografierte er im Keller unter der Neuen Reichskanzlei in Berlin einen körperlich gezeichneten Adolf Hitler, der sich angesichts der militärisch aussichtlosen Lage vor einem riesigen Modell der Stadt Linz in irreale Architektur-Phantasien flüchtet. Frentz selbst hatte mit seinem Leben schon abgeschlossen, wie er später immer beteuerte. Dann gelang ihm in letzter Minute doch noch die Flucht aus der umkämpften Reichshauptstadt. Mit einem Flugzeug der "Führerstaffel" verließ er am 24. April 1945 Berlin in Richtung Obersalzberg, zusammen mit einer Ladung wertvoller Kunstwerke, die er zuvor abgelichtet hatte.

Schon einige Zeit vorher hatte Frentz damit begonnen, die Trümmerwüsten der deutschen Städte zu dokumentieren. Stuttgart, München, Nürnberg, Freiburg, Ulm, Paderborn, Berlin als Steingerippe in fahlem, fast gespenstischen Agfacolor - wie im Rausch fotografierte der "Kameramann des Führers" in den letzten Kriegswochen Ruinenstädte im ganzen Land. Allzu viele andere Motive gab es in Deutschland ohnehin nicht mehr.

Nach dem Krieg schlug sich Frentz erst einmal mit Diavorträgen durch. Doch bald filmte er schon wieder - bei den Olympischen Sommerspielen 1952 in Helsinki drehte er als Kameramann wieder einen offiziellen Olympia-Film. Weitere Dokumentarfilme folgten, auch für offizielle Stellen. Seine Vergangenheit leugnete er nicht, aber er hängte sie systematisch tief - genau wie die Verbrechen der Nazis, die er vor allem Himmler und der SS zuschrieb. Seine eigene Bedeutung für die Propagandamaschinerie der Nazis bestritt er bis zu seinem Tod 2004 im Alter von 97 Jahren: Er sei immer nur ein "Reproduzent des Geschehens" gewesen.

Zum Weiterlesen:

Hans Georg Hiller von Gaertringen (Hrsg.): "Das Auge des Dritten Reiches: Hitlers Kameramann und Fotograf Walter Frentz". Deutscher Kunstverlag, 2007, 256 Seiten

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