Hitlers Krankheiten Therapie mit Rattengift

Hitlers Krankheiten: Therapie mit Rattengift Fotos
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Drogensucht, Syphilis, Schizophrenie - von jeher haben Historiker wild über Adolf Hitlers Gesundheitszustand spekuliert. Zwei Forscher analysierten nun die Krankheiten des Diktators genau. Das Ergebnis: Hitler kämpfte tatsächlich mit vielen Leiden und pumpte sich mit Medikamentencocktails voll. Von Christoph Gunkel

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Zu seinem Leibarzt war der Massenmörder richtig väterlich. "Doktorchen, ich freue mich ja so, wenn Sie morgens kommen!", rief Diktator Adolf Hitler verzückt seinem Hausarzt Theodor Morell zu, dem er grenzenlos vertraute. Mehrfach, so fabulierte Hitler, habe ihm der Mediziner das Leben gerettet. "Mein lieber Doktor", ließ der Despot Morell noch im November 1944 wissen, "wenn wir beide glücklich durch den Krieg kommen, dann sollen Sie einmal sehen, wie groß ich Sie entlohnen werde!"

Hitler sei "regelrecht morellsüchtig" gewesen sein, kolportierte später des "Führers" Sekretärin, Traudl Junge. Dabei eilte dem Arzt ein denkbar schlechter Ruf voraus. Nicht nur Eva Braun beklagte sich über seine mangelnde Körperhygiene. "Morell ist nicht zum Beriechen da, sondern um mich gesund zu halten", verteidigte Hitler seinen Leibarzt trotzig. Doch daran hatte der innere Zirkel um Hitler seine Zweifel. Generaloberst Heinz Guderian nannte Morell einen "unappetitlichen, fetten Kurpfuscher", der morphiumsüchtige Luftwaffen-Chef Hermann Göring bezeichnete Morell abfällig als "Reichsspritzenmeister". Hartnäckig hielten sich Gerüchte, der Arzt habe Hitler von Medikamenten und Drogen abhängig gemacht.

Auch nach dem Krieg ist wohl über kaum einen Bereich aus Hitlers Privatleben so wild spekuliert worden wie über seine Krankheiten. Generationen von Historikern, Psychologen, Psychiatern und Hobbyforschern haben nach Hitlers angeblichen und tatsächlichen Leiden gefahndet. Es lag nahe, das irrationale Wüten eines Mannes, der den millionenfachen Mord an Juden befahl, als Ausdruck eines kranken Geistes zu sehen: Natürlich musste Hitler irgendwie traumatisiert, drogenabhängig oder geistesgestört gewesen sein!

Stammte Hitlers Zahngold von KZ-Opfern?

Schon bald nach 1945 gab es einfache Antworten. Wahlweise galt Hitler als homosexuell oder schizophren. Er litt angeblich jahrzehntelang unter den Folgen einer falsch durchgeführten Hypnose-Behandlung. Sein Penis soll so verkümmert gewesen sein wie sein Selbstwertgefühl, hieß es, der "Führer" habe angeblich nur einen Hoden gehabt und sei an Syphilis erkrankt gewesen. Ständig habe er sich mit Drogen aufgeputscht und zügellos Medikamente geschluckt. Hitler, der Fixer der Nation - und sein Leibarzt sein größter Dealer?

Solche Erklärungsversuche suggerieren, dass Hitler eigentlich unzurechnungsfähig war und bestenfalls eingeschränkt verantwortlich für Befehle, die das Leben von Millionen auslöschten. So behauptet etwa Holocaust-Leugner David Irving, dass Hitler wegen ärztlicher Fehler in "euphorische Trancezustände" versetzt worden sei - und suggeriert damit, dass der Diktator kaum noch wusste, was er tat. Andererseits haben auch seriöse Forscher die berechtigte Frage nach Hitlers Gesundheit gestellt. Doch die Quellenlage ist dünn. Hitlers Krankenakten verschwanden - es blieben die Notizen seines Leibarztes und Zeitzeugenberichte.

Jetzt haben der Historiker Henrik Eberle und der emeritierte Berliner Charité-Mediziner Hans-Joachim Neumann in ihrem Buch "War Hitler krank?" historische Quellenarbeit mit modernen medizinischen Analysen verbunden, um Beweisbares von Legenden zu trennen. Das Ergebnis soll nicht weniger als einen "abschließenden Befund" über Hitlers Gesundheitszustand liefern. Es enthüllt manch zynisches Detail: So hatte Hitler womöglich Zahngold von jüdischen KZ-Opfern im Mund - zumindest verfügte sein Zahnarzt mehr als 50 Kilogramm davon.

Testosteron für den Diktator

Akribisch listen die beiden Autoren alle 82 Medikamente auf, von denen belegt ist, dass Hitler sie im Laufe seiner Herrschaft einnahm. Sie zeugen davon, dass Leibarzt Morell bereitwillig auf die Marotten seines Patienten einging. So verabreichte er ihm regelmäßig gegen Ermüdung eine Lösung aus Traubenzucker und Vitaminen - intravenös oder intramuskulär injiziert, denn Hitler nahm Pillen und Kapseln kaum ernst. Auch in anderer Hinsicht brachte Morell Hitler auf Hochtouren: Seit 1944 spritzte er ihm das Sexualhormon Testosteron - meist dann, wenn Eva Braun in der Nähe war. Manchmal ließ sich Hitler für die Treffen mit seiner Geliebten auch einen Extrakt aus Samenbläschen und der Prostata junger Stiere in die Blutbahn jagen.

Die Notizen von Leibarzt Morell verraten ansonsten, dass der Mann, der sich für den größten Feldherrn aller Zeiten hielt, unter ziemlich banalen Dingen litt: Hitler quälte die Angst, an Krebs zu erkranken. Nachdem er sich buchstäblich an die Macht geschrien hatte, war er ständig heiser; zweimal wurden ihm Polypen an den Stimmbändern entfernt. Er hatte Bluthochdruck und chronische Magen-Darm-Krämpfe und war auch sonst recht zimperlich: Als er sich bei seinem Leibfriseur einen Infekt holte, beschwerte sich der "Führer" wütend: "Der Kerl hat seit fünf Tagen einen Schnupfen und mir nichts davon gesagt!"

Wegen seiner Verdauungsprobleme war Hitler sogar Vegetarier geworden - und nicht etwa aus Tierliebe, wie es die NS-Propaganda gern verbreiten ließ. Ein Mittel gegen Blähungen nahm er in solch' rauen Mengen ein, dass einige seiner Begleitärzte gar eine Vergiftung vermuteten: Das Medikament enthielt auch geringe Dosen des Nervengifts Strychnin, das lange auch gegen Ratten Verwendung fand. Als Hitler im Herbst 1944 Symptome von Gelbsucht zeigte, entbrannte ein heftiger Streit unter seinen Ärzten, bei dem auch Neid und das Buhlen um die Nähe zum "Führer" eine Rolle spielten. Einige bezichtigten ihren Kollegen Morell, Hitler vergiftet zu haben - doch der hielt zu seinem Leibarzt. Dessen Gegner kanzelte er als "Blödels" ab, ließ kurzerhand zwei von ihnen versetzen.

War Hitler süchtig?

Das Rätsel um diese angebliche Fehlbehandlung haben die Buchautoren Eberle und Neumann nun mehr als sechs Jahrzehnte später zu lösen versucht. Aufgrund der Zusammensetzung und der Dosis des verabreichten Medikaments schließen sie eine Vergiftung aus. Morell habe wohl mit seiner Diagnose Recht gehabt, dass die Gelbsucht durch "eine Rückstauung nach der Gallenblase" ausgelöst worden sei. War der angebliche "Kurpfuscher" und "Rasputin" also doch ein kompetenter Arzt?

Dagegen spricht, dass Morell Hitler kaum einen Wunsch abzuschlagen wagte und ihm mit großen Mengen an Pillen versorgte, darunter auch mit dem Aufputschmittel Pervitin. Damit soll er Hitler, so der Vorwurf, in die Drogensucht getrieben haben. Das klingt plausibel, denn etliche Angehörige der NS-Elite waren drogenabhängig. Wehrmachtssoldaten konsumierten an der Font massenhaft Pervitin, sogar Pralinen wurden damit angereichert. Heute ist die Substanz in der Modedroge Crystal Meth, die auch den bezeichnenden Spitznamen "Hitler-Speed" trägt, enthalten.

Doch Morell notierte nur ein einziges Mal die Verabreichung von Pervitin. Versteckt sich in seinen Aufzeichnungen aber hinter komplizierten Abkürzungen oder anderen, harmlosen Präparaten in Wahrheit eine Medikation mit dem Suchtmittel? Die Buchautoren Eberle und Neumann bleiben sehr skeptisch: "Es gibt keinen Hinweis darauf, dass Hitler seine täglichen Lagebesprechungen nur noch abhalten konnte, weil er unter Pervitin stand." Ebenso wenig gebe es Beweise für eine oft unterstellte Kokainabhängigkeit.

"Voll schuldfähig"

Indem sie die dünne und widersprüchliche Quellenlage aufzeigen oder medizinische begründete Zweifel erheben, versuchen die beiden Forscher, auch andere Legenden zu entzaubern: Etwa die Erklärung, dass Hitlers Wutanfälle und sein Größenwahn nur die Folge einer verschleppten Gehirnhautentzündung waren. Belege für Hitlers fehlenden Hoden oder einen deformierten Penis, den der junge Hitler angeblich dem Biss eines Ziegenbocks verdankte, konnten sie nicht finden. Für "abwegig" halten sie auch die These des Historikers Bernhard Horstmann, nach der sich Hitlers Persönlichkeit 1918 durch eine Hypnosetherapie drastisch veränderte, weil er von seinem Arzt nie aus der Trance geweckt wurde. Als Gefreiter im Ersten Weltkrieg war Hitler durch einen Senfgasangriff zeitweise erblindet und im Lazarett im mecklenburg-vorpommerschen Pasewalk auch mit Hypnose behandelt worden.

Die Antwort auf die Frage, ob Hitler krank war, fällt für Verschwörungstheoretiker daher ziemlich ernüchternd aus: Hitler litt an Parkinson, und sein körperlicher Verfall war in den letzten Monaten vor seinem Selbstmord im Berliner "Führerbunker" im April 1945 unübersehbar. Doch: "Eine Besessenheit im Sinne eines krankheitsbedingten Wahns gab es bei Hitler zu keinem Zeitpunkt", bilanzieren Neumann und Eberle. Der Despot habe stets gewusst, was er tat. "Er war voll schuldfähig."

Seine Entscheidungen jedoch blieben bis zum Schluss impulsiv, unerklärlich, menschenverachtend. Das bekam am Ende auch sein "lieber Doktor" Morell zu spüren. Selbst als alle Fronten zusammengebrochen waren und der Krieg schon verloren war, hatte sich der Leibarzt im "Führerbunker" stoisch um Hitlers Blutdruck, Magenkrämpfe und Verdauungsprobleme gekümmert. Hitler dankte es ihm auf seine Art: Am 21. April 1945 entließ er seinen treuen Arzt mit einem seltsamen Ratschlag: Morell solle in Zivil zu seiner Praxis am Kurfürstendamm zurückkehren.

Draußen vor der Tür kämpften da die allerletzten Reste der großdeutschen Wehrmacht gegen die anrückende Rote Armee um das Zentrum der Hauptstadt des "Dritten Reichs".

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1.
Ralf Bülow 25.01.2010
O nein, nicht schon wieder: "Jetzt haben zwei/drei/... Forscher/Experten/... versucht/ermittelt/...". Nicht erst jetzt, sondern schon seit 2005 gibt es diesen informativen Wikipedia-Eintrag: http://en.wikipedia.org/wiki/Adolf_Hitler's_medical_health Bitte ab jetzt also aufpassen mit "Jetzt"-Artikeln.
2.
Walter Nachtmann 27.01.2010
>O nein, nicht schon wieder: "Jetzt haben zwei/drei/... Forscher/Experten/... versucht/ermittelt/...". Nicht erst jetzt, sondern schon seit 2005 gibt es diesen informativen Wikipedia-Eintrag: >http://en.wikipedia.org/wiki/Adolf_Hitler's_medical_health >Bitte ab jetzt also aufpassen mit "Jetzt"-Artikeln. Der zitierte Wikipedia-Artikel ist es nicht wert gelesen zu werden! Historisch ist er eine einzige Katastrophe, denn dort werden alle obskuren Theorien über Hitlers angebliche Krankheiten durchgekaut. Die Literaturhinweise sind ebenso obskur. Hinweise auf die Werke von renomierten Historikern finden sich dort nicht
3.
Joachim Zimmermann 27.01.2010
Pasewalk liegt in Vorpommern! (Topographie für Westdeutsche!)
4.
Peter Knox 27.01.2010
Zitat Bild 6: "Der Historiker Bernhard Horstmann stellte die These auf, dass diese Behandlung Hitlers Persönlichkeit nachhaltig veränderte." Der gute Mann hat offenbar Ernst Weiß gelesen, der dieselbe These noch während des Krieges in seinem Roman "Der Augenzeuge" glaubwürdig verarbeitet hatte.
5.
Michael Schenk 13.06.2012
>Pasewalk liegt in Vorpommern! (Topographie für Westdeutsche!) Nen dümmlichen Kommentar mit den Westdeutschen als Ziel kann man sich nicht verkneifen selbst wenn es um garkein DDR-Thema geht?
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