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Hitlers Lieblingsfilme "Mit vielen nackten Beinen"

Hitlers Faible für Greta Garbo oder Dick und Doof: "Führer ganz glücklich" Fotos

"King Kong", "Micky Maus", "Feuerzangenbowle": Schier unersättlich konsumierte Hitler alle Filme, die er kriegen konnte, mitunter sieben pro Abend. Mit seinem Kinofimmel quälte er Untergebene - und pfiff auf die eigene Zensur. Von

Leichtfüßig klettert das Ungetüm am Empire State Building empor. In der garagengroßen Pranke hält King Kong die panisch zappelnde Ann, seinen Schatz, seine Augenweide. Als die Kampfflugzeuge ihn immer wilder attackieren, legt der Riesenaffe Ann behutsam auf dem Dach ab. Streichelt sie ein letztes Mal. Und stürzt in die Tiefe: tödlich getroffen von einer Maschinengewehrsalve - und der unerwiderten Liebe der wunderschönen Frau.

Hatte der schlimmste Massenmörder aller Zeiten Mitleid mit dem verschmähten Riesenaffen? Begeisterte er sich für die damals revolutionäre Trickfilmtechnik des Films - oder für die Schauspielerin Fay Wray? Fest steht: "King Kong und die weiße Frau" gehörte zu den Top-Favoriten von Adolf Hitler. Zumindest wenn man dem Hitler-Vertrauten Ernst Hanfstaengl glaubt, bis zu seiner Emigration 1937 regelmäßig zu Gast auf dem Obersalzberg.

"Einer seiner Lieblingsfilme war King Kong", erinnerte sich Hanfstaengl 1970 in seinen Memoiren. "Eine scheußliche Geschichte, die Hitler faszinierte. Er redete oft davon und ließ sie sich mehrfach vorführen." Wie besessen der "Führer" vom Spielfilm generell war, beschreibt der Historiker und Journalist Volker Koop in seinem Buch "Warum Hitler King Kong liebte, aber den Deutschen Micky Maus verbot" (Bebra Verlag 2015).

Auf breiter Quellengrundlage hat Koop herausgearbeitet, welche cineastischen Vorlieben Hitler pflegte. Wie wahllos, wie unideologisch er konsumierte, was er bekommen konnte. Wie er auf die eigene Zensur pfiff - und wie sehr er die Berghof-Gäste mit seiner Filmmanie gepeinigt haben muss.

"Glauben Sie nur nicht, dass ich ein schönes Leben habe", klagte Hitlers Chefadjutant Julius Schaub einmal gegenüber Regisseur Veit Harlan. "Ich habe mir gestern Abend drei - sprich: drei! - Filme ansehen müssen und heute früh wieder einen. Und das auf nüchternen Magen. Der Führer hat darin eine unbeschreibliche Ausdauer." Jeweils nach dem Abendessen sei auf dem Berghof "der unvermeidliche Film" gezeigt worden, erinnerte sich auch Fritz Wiedemann, ab 1935 einer von Hitlers Adjutanten. Ein wenig Zerstreuung sei ja in Ordnung - "aber warum müssen es nun täglich Filme sein?"

Hitler beurteilte die Frauen, Eva Braun die Männer

Hitlers Leibfotograf Heinrich Hoffmann wiederum beschwerte sich über die Marotte, Lieblingsfilme wieder und wieder anzuschauen: Den "Siegfried"-Film von Fritz Lang habe Hitler mindestens 20-mal gesehen, ebenso die "Feuerzangenbowle" oder die Komödie "Die Finanzen des Großherzogs". Kaum einer aus Hitlers Entourage, der nicht über diese Kino-Besessenheit klagte. Für einen guten Film ließ der Diktator laut Hanfstaengl sogar "wichtige Besprechungen ausfallen" - oft gab er sich nicht einmal mit drei Filmen pro Abend zufrieden.

Laut Koops Recherchen ließ sich Hitler etwa am 6. September 1936, kurz vor dem achten NSDAP-Reichsparteitag, etwa fünf und am 25. September sogar sieben Filme hintereinander vorführen. Die Beschaffung brachte seine Adjutanten in Bedrängnis. "Uns standen zwar alle Filme zur Verfügung, die im Propagandaministerium einliefen, selbstverständlich auch die ausländischen, aber wie viele gute Filme gibt es überhaupt im Jahr?", fragte etwa Wiedemann.

Indes: Der Diktator mochte auch die schlechten.

"Hitler bevorzugte harmlose Unterhaltungs-, Liebes- und Gesellschaftsfilme", schrieb NS-Architekt Albert Speer 1969 in seinem Buch "Erinnerungen". "Revuefilme mit vielen nackten Beinen konnten seines Beifalls sicher sein." Nach der Vorführung sei gelegentlich über die Filme diskutiert worden, "wobei die weiblichen Darsteller vorwiegend von Hitler, die männlichen von Eva Braun beurteilt wurden", so Speer, "niemand gab sich die Mühe, das Gespräch über das Bagatellniveau hinaus anzuheben."

"Der Führer ist ganz glücklich"

Was "möglichst bald herbeigeschafft werden musste": alles mit Emil Jannings, Heinz Rühmann, Henny Porten, Lil Dagover, Olga Tschechowa, Zara Leander oder Jenny Jugo. Welche Streifen besonders gut ankamen, zeigen auch detaillierte Protokolle zu Filmen, die Hitler als "oberstem Reichszensor" zur Begutachtung vorgelegt wurden, sowie sein privates Filmarchiv in der Berghof-Residenz.

Ein roter Faden lässt sich kaum erkennen: "Hitlers Filmgeschmack erweist sich als genauso rätselhaft und widersprüchlich wie der Rest seiner Psyche", so Koop. Als gesichert gilt, dass der "Führer" ein großer Walt-Disney-Fan war - und insbesondere die Figuren Schneewittchen und Micky Maus liebte.

Zu Weihnachten 1937 notierte Propagandaminister Joseph Goebbels in seinen Tagebüchern: "Ich schenke dem Führer 30 Klassefilme der letzten 4 Jahre und 18 Mickey-Maus-Filme. Er freut sich sehr darüber, ist ganz glücklich über diesen Schatz, der ihm hoffentlich viel Freude und Erholung spenden wird." Das deutsche Volk dagegen kam laut Koop ab 1935 nicht mehr in den Genuss neuer, da zu kostspieliger Disney-Produktionen.

Der "Führer" habe "Gesellschaftskomödien mit plattem Witz und sentimentalem Ausgang" bevorzugt, urteilte Historiker und Hitler-Biograf Joachim Fest. Auch Dramen hätten ihn tief berührt, etwa "Traumulus" von 1936 oder "Heimat" von 1938, schreibt dagegen Koop.

Bedenken der eigenen Zensoren überging Hitler

NS-Propagandastreifen wie "Hitlerjunge Quex" und "Jud Süß" oder die Werke von Leni Riefenstahl schätzte Hitler naturgemäß besonders und hegte eine starke Abneigung gegen Filme, in denen, so Reichsfilmintendant Fritz Hippler, "russische Zaren, Zigeuner und nichtdeutsche Minderheiten" eine Rolle spielten. Ein Graus gewesen seien ihm auch Filme "mit zu starkem Dialekt; mit Hinterhausmilieu; mit Kirchen und christlicher Symbolik" sowie Pferdefilme oder solche, in denen Frauen in Männerrollen schlüpften.

Sobald Hitler indes einen Narren an einem Film, Schauspieler oder Regisseur gefressen hatte, war er ideologisch erstaunlich flexibel: Dass etwa George Cukor, Regisseur der "Kameliendame" von 1936, jüdischer Herkunft war - es störte den ersten Antisemiten im Staate nicht im Geringsten. Obwohl Henny Porten, eine seiner Lieblingsschauspielerinnen, mit einem Juden verheiratet war, gewährte Hitler ihr eine üppige Rente aus Mitteln der Reichskanzlei. Und Regisseur Fritz Lang, Sohn einer jüdischen Mutter, riss ihn mit "Metropolis" zu Begeisterungsstürmen hin und sollte 1933 gar die Leitung des deutschen Filmwesens übernehmen, emigrierte jedoch.

Auch Bedenken der eigenen Zensoren schlug Hitler in den Wind. "King Kong" etwa sollte zunächst auf dem Index landen: Der Film stelle einen "Angriff auf die Nervenkraft des deutschen Volkes" dar, zudem verletze die Romanze zwischen Untier und weißer Frau das "deutsche Rassenempfinden", urteilte die Filmoberprüfstelle 1933. Hitler überging das, der Film wurde zum Kassenschlager.

Konfisziert, kopiert, gestohlen

Mit Kriegsbeginn schwor der "GröFaZ" seiner Kino-Besessenheit offiziell ab, aus Solidarität mit den kämpfenden und sterbenden Soldaten. Faktisch jedoch glotzte Hitler unverdrossen weiter - auch wenn er seine Gäste nicht mehr mit Mammut-Filmabenden quälte. Um das 1940 verordnete Hollywood-Embargo scherte sich die NS-Elite nicht: Eifrig konfiszierte die Wehrmacht US-Filme in den besetzten Gebieten.

Was so nicht zu bekommen war, wurde auf Goebbels-Anweisung angekauft, kopiert, gestohlen. Unsummen gab Deutschland im Krieg für die Beschaffung neuer Filme aus - allein für das Rechnungsjahr 1944 standen laut Koops Recherchen 3,75 Millionen Reichsmark zur Verfügung.

Denn neben Hitler und Goebbels konsumierten auch zahlreiche weitere hochrangige NS-Größen gern und häufig einen netten Spielfilm. Während draußen, in der realen Welt, Millionen von Menschen starben, erfreuten sich die Drahtzieher der mörderischen Politik just an jenen Blockbustern, die sie dem deutschen Volk vorenthielten.

Wie stark der übermäßige Filmkonsum Hitlers ohnehin schon ausgeprägte Wahnhaftigkeit befördert haben mag? "Bei dieser Intensität verliert man den Bezug zur Realität zwangsläufig", sagt Koop und resümiert: "Heute würde man einem Mann wie Hitler Programme anbieten, damit er von seiner Filmsucht loskommt."

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1.
Mathias Dubois, 02.12.2015
Wenn jetzt noch rauskommt, dass der Schnauzer eine Hommage an Chaplin war, wird's richtig gruselig...
2. Blockbuster
Markus Rompf, 02.12.2015
Ohne den historischen Hintergrund zu kennen verwenden Sie das Wort "Blockbuster" und meinen, das die Deutschen das nicht bekommen hätten. Dies ist leider nicht der Fall. Die Menschen in den Städten bekammen genug "Blockbuster". Scheusslich wie naiv das Wort heute verwendet wird.
3. Genozid anordnen, dann täglich stundenlang Micky Maus,..
Christopher Groß, 02.12.2015
und sonstige leichte Unterhaltungsfilmchen glotzen. Der Führer war ein geistig völlig durchschnittlicher Durschnittsfuzzi mit zuviel Macht. Warum hat sich das Volk der Dichter und Denker nur so einen Versager zum Vormund gewählt? Immer wieder unfassbar...
4.
Johannes Vogelgesang, 02.12.2015
Naja "heute" - der Begriff wurde glaube ich in den 70ern umgedeutet als Leute wie bei der Premiere von "Starwars" lange Schlagen um den ganzen Block vorm Kino gebildet haben. Sie haben allerdings Recht im Kontext der Nazis hiessen so ursprünglich die Bomben die einen ganzen Wohnblock zerstören konnten.
5. Ob...
Ronald Klein, 02.12.2015
... sich Hitler auch Chaplin in "Der große Diktator" vorführen ließ?
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