Hitlers Mercedes Fahren wie der "Führer"

Nazi-Reliquie oder einfach ein ganz besonderes Automobil? Ein Düsseldorfer Oldtimer-Händler will Adolf Hitlers Dienstwagen aufgespürt haben - im Auftrag eines russischen Milliardärs, der für den Mercedes 770 K einen Millionenbetrag auf den Tisch legt. Doch ist es wirklich das Hitler-Mobil?

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Den rechten Arm in die Luft gereckt, die Linke auf den Rand der Windschutzscheibe gestützt, steht Diktator Adolf Hitler aufrecht im offenen Wagen und genießt den frenetischen Jubel der "Volksgenossen" am Straßenrand. Es ist ein typischer Auftritt des Tyrannen, in wenigen anderen Situationen wurde der "Führer" so häufig gefilmt und fotografiert.

Jetzt ist ein heimlicher Hauptdarsteller aus den Propaganda-Clips der Nationalsozialisten womöglich aus der Versenkung aufgetaucht: Hitlers Automobil, ein Mercedes 770 K mit dem Kennzeichen "1A 148 461". Der Luxusschlitten mit Kompressormotor, von Daimler Benz ab 1930 als Staatskarosse gebaut, ist ein Monster mit 7,6-Liter-Maschine und 300-Liter-Tank. Nur 205 Exemplare wurden gebaut, der Wagen ist auch ohne den berüchtigten Vorbesitzer eine echte Rarität.

Ein Zufallsfund war es nicht. Von einem russischen Sammler, so sagt der Düsseldorfer Oldtimer-Händler Michael Fröhlich (59), habe er den Auftrag bekommen, Hitlers Auto zu finden. Dass den Käufer weniger der Wagen als die Hitler-Reliquie interessiert, glaubt Fröhlich nicht: "Das hat keinen Nazi-Hintergrund", sagte er SPIEGEL ONLINE. Trotzdem habe er Bedenken gehabt, den Auftrag anzunehmen: "Es ist schließlich das Auto eines schrecklichen Massenmörders."

Hitler-Auto aus Las Vegas

Entdeckt hat Fröhlich den Hitler-Mercedes nach eigenen Angaben bei einem Bielefelder Privatier - zusammen mit fünf weiteren, raren Typ 770 K. Bis auf eines der Fahrzeuge, angeblich Dienstwagen des türkischen Präsidenten, sollen auch die anderen Luxus-Kabriolets aus dem Fuhrpark der NS-Spitze stammen - darunter, so Fröhlich, seien die Dienstwagen von Außenminister Joachim von Ribbentrop und des NSDAP-Gauleiters von Essen, Josef Terboven. Die Spur des Hitler-Mobils, wie sie Fröhlich recherchiert hat, ist kurios: Nach dem Krieg gelangte er über Österreich in die USA, wo er in der Autosammlung des Hotels "Imperial Palace" im Zockerparadies Las Vegas landete. Nach dem frühen Tod des Eigentümers kam das Gefährt zurück nach Deutschland in den Besitz des Brauerei-Magnaten Stefan Schörghuber (Paulaner, Hacker-Pschorr). Als der im November 2008 mit 47 Jahren starb; verkaufte seine Witwe den Mercedes nach Westdeutschland, wo ihn Fröhlich aufspürte.

Aber ist es wirklich der Wagen von Adolf Hitler? Schließlich besaß der "Führer" zeitlebens keinen Führerschein und folglich auch keinen Privatwagen. "Hitler hatte in jeder großen Stadt einen K 770 stehen", sagt Fröhlich: "Aber laut den Bestellbüchern von Daimler-Benz hat er nur einen Wagen selbst geordert, 1935 als 'Führer und Reichskanzler'." Nach seinen Recherchen sei er ganz ganz sicher. Eine Besonderheit des dunkelblauen Luxusschlittens sei eine Stehmulde auf der Beifahrerseite. Wenn der Diktator eine Parade im Wagen stehend abnehmen wollte, wurde der Sitz hochgeklappt und der "Führer" hatte in seiner rollenden Bühne einen sicheren Stand. Aus dem Kommissionsbuch von Daimler-Benz gehe überdies hervor, dass der Wagen zwei Jahre nach dem Kauf sogar mit einer Motorpanne zur Reparatur eingeschleppt worden sei.

Die Heritage-Abteilung von Daimler-Benz beeindruckt das nicht sonderlich. "'Führer und Reichskanzler' steht immer in den Bestellungen", sagte ihr Leiter Josef Ernst SPIEGEL ONLINE: "Das sagt nichts aus. Es bedeutet nur, dass das Fahrzeug für den Fuhrpark der Reichskanzlei bestellt wurde." Auch andere Typen und Marken, die Hitler nie benutzt haben dürfte, wären so verzeichnet worden. Wie viele Exemplare des Groß-Mercedes während Hitlers Herrschaft an die Reichskanzlei geliefert wurden, kann Daimler nicht genau sagen. Aber von den 88 Wagen des Typs 770, die zwischen 1938 und 1943 gebaut wurden, dürfte ein erheblicher Anteil von der engsten Berliner NS-Führung gefahren worden sein. Das Auto von Hitler gäbe es dann gar nicht: "Unseres Wissens hat Hitler nie einen Standardwagen gefahren", sagte Daimler-Experte Ernst gegenüber SPIEGEL ONLINE.

Luft raus?

Angesichts des riesigen Medieninteresses werden der Finder und sein Käufer zunehmend auch zurückhaltend. Nachdem der Händler Fröhlich seine Geschichte dem "Express" gesteckt hatte, der von einem "russischen Milliardär" schrieb, der "im Privatjet" eingeflogen sei, und einen Kaufpreis von "vier bis zehn Millionen Euro" kolportierte, wird nun zurückgerudert: Der Käufer könne "auch ein Zypriote" sein, sagte Fröhlich SPIEGEL ONLINE, über einen genauen Preis für den angeblichen Hitler-Wagen sei auch nie gesprochen worden, sondern nur über das Paket mit den sechs Wagen. Ohnehin sei bisher kein Geld geflossen und auch kein Wagen übergeben, bestätigte der Händler - noch ist der rechtmäßige Eigentümer offenbar der Bielefelder Sammler.

Womöglich ist die Luft aus dem Sensationsfund also ziemlich raus. Immerhin halten die Traditionsexperten bei Daimler für die Freunde von "Führer"-Fahrzeugen eine kleine Hoffnung bereit: "Wenn wir uns den Wagen ganz genau anschauen und mit alten Fotos vergleichen, können wir vielleicht belegen, das Hitler an diesem Tag um jene Uhrzeit in genau diesem Auto gefahren ist", meint Daimler-Mann Ernst. "Mehr nicht."

In eine frühere Version dieses Textes hatte sich ein Fehler in das Kfz-Kennzeichen des fraglichen Wagens eingeschlichen. Es lautet richtig "1A 148 461" und nicht "1A 1488461". Die Red.



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insgesamt 9 Beiträge
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Ralf Bülow, 24.11.2009
1.
Es gibt mit Sicherheit einen Hitler-Dienstwagen im Kriegsmuseum in Ottawa, dann wären es also schon zwei. Die Internet-Adresse ist www.warmuseum.ca/cwm/home/home und hier ist das gute Stück im Film: www.youtube.com/watch?v=AiU8dH8iuTI
Martin Engel, 24.11.2009
2.
Offenbar gibt es schon mehrere 770 K. Im Technikmuseum Sinsheim steht doch auch ein Exemplar von 1938. Schwer gepanzert und auch mit Fußbankerhöhung für den Despoten...
C.F. Romberg, 24.11.2009
3.
wenn schon IA 148461, die 8 in der Mitte ist zu viel! LOL...
Hans Michael Kloth, 24.11.2009
4.
Danke für den richtigen Hinweis - ist korrigiert!
Sigurd Schwarz, 24.11.2009
5.
Bitte den Hinweis von C. F. Romberg richtig lesen: Berliner Nummern begannen mit "I" und nicht mit "1"
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