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Hitlers Nachfolger Reichsregierung ohne Reich

Hitlers Nachfolger: Reichsregierung ohne Reich Fotos
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Hitler tot, der Krieg verloren - und sie machten munter weiter: Im Mai 1945 führte Karl Dönitz in Flensburg die letzte deutsche Reichsregierung. Die Truppe traf sich täglich zu Konferenzen und Korn, hisste die Reichsflagge und diskutierte über den Hitlergruß. Dann reichte es den Briten. Von

Eine Handvoll Männer betrat am 2. Mai 1945 im holsteinischen Eutin das provisorisch eingerichtete Besprechungszimmer. Im Landratsamt der Kreisstadt fand ein historisches Treffen statt: die erste Sitzung der letzten deutschen Reichsregierung. Zentraler Programmpunkt der Zusammenkunft: die Rede des neuen Staatsoberhauptes Karl Dönitz. Er sollte wenige Tage später das Ende des Zweiten Weltkriegs einleiten.

Das Ergebnis der ersten Kabinettssitzung fasste Dönitz' Adjutant Walter Lüdde-Neurath im Protokoll zusammen: "Die militärische Lage ist hoffnungslos", notierte der Protokollant, und: "Im gegenwärtigen Stadium muss es das Hauptziel der Regierung sein, möglichst viele deutsche Menschen vor der Vernichtung durch den Bolschewismus zu retten." Nach der Sitzung brach die sonderbare Truppe zu ihrem neuen Regierungssitz in Flensburg auf.

Dort fand in den folgenden drei Wochen eine der bizarrsten Politpossen der neueren deutschen Geschichte statt. In der Marineschule Mürwik, einem mächtigen Rotklinkerbau an der Flensburger Förde, spielte das Kabinett Dönitz Regierung in einem untergehenden Land. Mit Fanatismus, Verblendung und Starrsinn debattierten die Insolvenzverwalter über die Einrichtung eines Kirchenministeriums, den Sinn des Hitlergrußes nach dem Tod des "Führers" und wickelten den Nazi-Staat ab - unter heimlicher Freude der britischen Besatzer.

Begonnen hatte die Groteske am 30. April. Um 18.35 Uhr erreichte Großadmiral Dönitz an diesem Samstagabend ein Funkspruch von Parteisekretär Martin Bormann aus Berlin: Hitler habe ihn zu seinem Nachfolger erkoren. Dönitz antwortete noch in derselben Nacht, schwärmte vom "heroischen Kampf des deutschen Volkes" und versprach Hitler, ihn aus Berlin herauszuholen. Doch der Diktator war längst tot, wie Dönitz am nächsten Morgen erfuhr. Er selbst war jetzt Oberbefehlshaber der Wehrmacht - und Präsident des "Großdeutschen Reiches".

Der neue Reichskanzler: ein Graf

Die Regierung, die Hitler in seinem Testament vorgesehen hatte, konnte Dönitz aber nicht aufstellen: Joseph Goebbels hatte seine Kanzlerschaft nach einem Tag mit Zyankali beendet, Parteiminister Martin Bormann steckte sich einen Tag später ebenfalls eine Giftkapsel in den Mund. Dönitz baute sich also seinen eigenen Regierungsapparat. Auf einem sieben Kilometer langen Uferstreifen an der Flensburger Förde bildete er mit 350 altgedienten Bürokraten die neue Schaltzentrale des Reichs. Neun Minister halfen mit, den NS-Staat wie einen bankrotten Konzern abzuwickeln.

Die britischen Besatzer waren über das Kuriositätenkabinett froh, denn sie wollten auch nach der Kapitulation einen offiziellen Ansprechpartner auf deutscher Seite haben. Dafür akzeptierten die Briten sogar das winzige Restreich im besetzten Schleswig: den "Sonderbereich Mürwik". Die deutsche Enklave sollte drei Wochen lang zum Schauplatz des letzten Aktes des "Dritten Reichs" werden. In den Hauptrollen: stramme Nationalsozialisten und Kriegsverbrecher.

Innenminister wurde Wilhelm Stuckart, der 1942 auf der berüchtigten Wannsee-Konferenz am Plan für die Ermordung der europäischen Juden mitgefeilt hatte. Landwirtschaftsminister Herbert Backe hatte jahrelang die Aushungerungspolitik im besetzten Osteuropa vorangetrieben. Und Otto Ohlendorf, stellvertretender Staatssekretär im Wirtschaftsressort, war als Einsatzgruppenleiter im Russlandkrieg für die Ermordung Zehntausender Juden verantwortlich.

Andere Ressorts ließ Dönitz gleich in der Hand von Hitlers Ministern: So blieb Albert Speer der Mann für die Wirtschaft, Franz Seldte leitete weiter das Arbeitsressort, für Post und Verkehr war nach wie vor Julius Dorpmüller zuständig. Eine besondere Rolle hatte Dönitz sich für den bisherigen Finanzminister ausgedacht: Lutz Graf Schwerin von Krosigk übernahm zusätzlich die Ämter als Außenminister und "Leitender Reichsminister". Damit war er Hitlers Nachfolger als Kanzler.

In Hitlers Mercedes zur Kabinettssitzung

In den ersten Maitagen stand täglich derselbe Punkt auf der Regierungsagenda: Kapitulation. Ab dem 2. Mai schwiegen die Waffen in Italien, am 3. Mai flatterte auf dem Berliner Reichstagsgebäude die rote Sowjetflagge, am 4. Mai ordnete Dönitz die Kapitulation im Nordwesten an, in Bayern und Österreich gaben die Deutschen am 5. Mai auf. Schließlich schaffte Dönitz in der Wehrmacht widerwillig den Hitlergruß ab. Dem toten Diktator blieb er trotzdem treu.

Denn die Hitler-Bilder in den Flensburger Dienstzimmern wollte Dönitz partout nicht abhängen. Als die Briten selbst die ersten Führerporträts von den Wänden nahmen, behalf sich der Staatschef mit einem Trick: Dönitz ließ die Abbildungen des Diktators entfernen, aber nur aus den offiziellen Regierungsstellen, die für den Empfang von Briten vorgesehen waren. Auch die verbotene Reichsflagge flatterte auf Anordnung des Großadmirals im eigenen Hauptquartier weiter.

Dönitz blieb überzeugter Nazi, und er gab sich gerne präsidial. Die 500 Meter zwischen seiner Wohnung und dem Regierungssitz legte er weiterhin in Hitlers dunklem Mercedes zurück. Er ließ sich auch immer noch als "Herr Großadmiral" ansprechen. Ganz anders die übrigen Kabinettsmitglieder: Die mussten sogar eigene Gläser aus ihren Büros mitbringen, wenn sie bei den Regierungsbesprechungen einen Korn mittrinken wollten.

Der Ernährungsminister verteilt Schnaps

Zum Regieren trafen sich die Männer jeden Morgen um 10 Uhr. Im "Kabinettsitzungssaal", einem alten Klassenraum der Mürwiker Fähnrichschule, übernahm Kanzler Krosigk die Moderation der Debatten: Mal diskutierten die Minister über ein neues deutsches Hoheitszeichen, ein anderes Mal zerbrachen sich die Politiker den Kopf über eine Kabinettsreform oder erwogen die Ernennung eines Kirchenministers. Am skurrilsten waren jedoch die zahlreichen Pläne, die in den Ministerien für die Nachkriegszeit geschmiedet wurden.

Verkehrsminister Dorpmüller etwa behauptete, er könne die Infrastruktur in Deutschland innerhalb von sechs Wochen wieder aufpäppeln, Innenminister Stuckart schwadronierte in einem Memorandum über den juristischen Fortbestand des Deutschen Reiches. Und Staatssekretär Otto Ohlendorf schlug sogar vor, den "Sicherheitsdienst" wieder aufzubauen. Von einem Überwachungsapparat in bewährter deutscher Form könnten schließlich auch die Siegermächte profitieren.

Dönitz kümmerte sich lieber um die deutsche Soldatenehre: Am 18. Mai verordnete er, dass Hoheitsabzeichen, Orden und Militärauszeichnungen nicht von Uniformen entfernt werden dürften. Kurz zuvor hatte der Reichspräsident seinem Armee-Strategen Alfred Jodl noch feierlich das Eichenlaub zum Ritterkreuz verliehen, nachdem dieser die deutsche Gesamtkapitulation unterzeichnet hatte.

Zu den gefragtesten Politikern gehörte in diesen Wochen Ernährungsminister Herbert Backe: Sein Fachressort war dafür zuständig, die Verwaltungsangestellten mit Schnaps aus dem Lagerbestand des Ministeriums zu versorgen. Die beschwipsten Regierungsmitarbeiter produzierten trotzdem Protokolle und Denkschriften im Akkord und legten den Alliierten permanent Vorschläge und Statistiken vor. Dass die pausenlose Produktion von Dokumenten sinnlos geworden war, realisierte schließlich auch das Kabinett: Mitte Mai diskutierten die Minister erstmals über einen geschlossenen Rücktritt, ließen die Idee aber wieder fallen. Das Regieren ging weiter.

"Heute starb das Deutsche Reich"

Nur einer wollte seinen Posten als Minister am liebsten loswerden: Albert Speer. Er bemäkelte, dass Kanzler Krosigk offenbar sämtliche Kabinettssitzungen nachholen wolle, die in zwölf Jahren Diktatur ausgefallen seien. Speer betonte immer wieder, dass er eine Reichsregierung für überflüssig halte, außerdem störte ihn die Zusammenarbeit mit den betrunkenen Beamten. Am 15. Mai bat er von Krosigk schließlich um seine Entlassung - vergeblich. Doch nun reichte es auch den Siegermächten.

Am selben Tag nahmen die Alliierten Ernährungsminister Backe und Verkehrsminister Dorpmüller fest, Wehrmachts-Chef Keitel war schon seit dem 13. Mai in Haft. Zehn Tage später bestellten die Briten Dönitz und zwei seiner engsten Mitarbeiter in ihr Flensburger Hauptquartier. Es sollte der letzte Ausflug der deutschen Staatsspitze werden.

Die Delegation ließ sich am folgenden Morgen in drei Wehrmachts-Limousinen zum Flensburger Hafen fahren, wo der Alliierte Kontrollrat auf dem deutschen Passagierschiff "Patria" residierte. Dönitz stapfte an diesem sonnigen 23. Mai in voller Uniform die Gangway hoch, in der Hand hielt er seinen Admiralsstab mit goldener Spitze. In einer Lounge trat US-Generalmajor Lowell Rooks vor die Deutschen, in seinen Händen hielt er ein Stück Papier: den Haftbefehl für das gesamte Kabinett.

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insgesamt 12 Beiträge
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1.
Achim Dieteren, 02.05.2012
Hmmm... soll da Ironie durchklingen? Die vergeht einem, angesichts der Milde der Alliierten gegenüber vielen "Reichsgrößen", auch nach 67 Jahren noch. Die späteren Urteile gegen Menschen wie Raeder kann man vllt noch nachvollziehen. Im Falle von Figuren wie Dönitz und Speer kann einem nur übel werden, auch nach fast einem Menschenalter...
2.
Cornelius von Tiedemann, 02.05.2012
Vielen Dank für diesen lesenswerten Beitrag. Eine kleine Anmerkung jedoch: >Dafür akzeptierten die Briten sogar das winzige Restreich im besetzten Holstein: den "Sonderbereich Mürwik"< Flensburg und Mürwik liegen nicht und lagen nie in Holstein (sondern in Schleswig).
3.
Mathias Völlinger, 02.05.2012
LOL!!! Schnapps rein und alles vergessen. Die dachten wohl an einen Reboot auf den Stand von Januar 1933. Ohne Onkel Adolf, wohlgemerkt. Warum nur wurden Dönitz und Speer 20 Jahre später freigelassen? http://de.wikipedia.org/wiki/Alfred_Jodl dem ist's Recht geschehen! Scheißpack!
4.
Friedemann Hirsch, 02.05.2012
"Reichspräsident" Dönitz? Gemäß der damals immer noch gültigen, wenn auch vielmals gebrochenen Weimarer Verfassung war der Reichspräsident durch allgemeine Wahl zu bestimmen; eine Ernennung durch den Amtsvorgänger war keinesfalls vorgesehen. Man kann deshalb die Ernennung von Dönitz nur als letzten Verfassungsbruch Hitlers bezeichnen.
5.
Markus Wagner, 02.05.2012
"Von einem Überwachungsapparat in bewährter deutscher Form könnten schließlich auch die Siegermächte profitieren. " Wieso muss ich bei diesem Satz sofort an die Stasi und die geplante Vorratsdatenspeicherung denken?
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