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Hitlers Olympia-Eichen "Wachse zur Ehre des Sieges"

Hitlers Olympia-Eichen: "Wachse zur Ehre des Sieges" Fotos
AP

Sie werden verehrt, mühsam vor dem Absterben gerettet - oder aus Pietät gefällt: 1936 erhielten die Olympiasieger von Berlin neben einer Goldmedaille einen Topf mit einer Eiche. Nach dem Krieg machten sich Forscher auf Spurensuche. einestages zeigt, wo die umstrittenen Bäume heute stehen. Von

Kurz nach Weihnachten 2013 fand sich in der britischen Presse eine seltsame Meldung: Die Rede war von "historisch bedeutsamen" Baumpflegearbeiten in der englischen Grafschaft Norfolk und einer "Hitler-Eiche". Ein mächtiger Baum, der durch Sturmschäden zur Gefahr für die Passanten geworden ist, wurde von dem Baumdoktor Ashley Clarke in einem aufwendigen Verfahren vor ihrem Ende bewahrt. "Wenn es irgendeine Eiche gewesen wäre", so Clarke, "hätten wir sie einfach gefällt." Doch der Baum ist nicht irgendein Gewächs - sondern die letzte von vier Eichen, die Großbritannien 1936 bei den Olympischen Spielen in Berlin holte.

Eine von ihnen gewann der Segler Christopher Boardman, der die Segelyacht "Lalage" auf der Kieler Förde zum Olympiasieg gesteuert hatte. Als Anerkennung erhielt er neben der Goldmedaille das "Geschenk des deutschen Volkes": eine Mini-Eiche in einem Keramiktöpfchen mit der Gravur "Wachse zur Ehre des Sieges - rufe zur weiteren Tat". Den gerade einmal 70 Zentimeter hohen Setzling aus Deutschland pflanzte er auf seinem Anwesen ein, wo er nun so aufwendig und schlagzeilenträchtig gerettet wurde. Es ist nicht die einzige "Hitler-Eiche", die noch immer wächst und gedeiht.

Bis heute sind die lebenden Pokale eine einzigartige Siegesgabe in der olympischen Geschichte. In 19 Sportarten und 129 Disziplinen wurden 1936 Olympiasieger gekürt, dementsprechend wurden exakt 129 Eichensetzlinge vergeben. Nicht ein einziges Mal übrigens von Adolf Hitler persönlich, wie es die heute im Ausland vielfach salopp als "Hitler-Eichen" bezeichneten Bäume vermuten lassen und wie in manchen Geschichten fälschlicherweise kolportiert wird. Die Idee hierfür stammte nicht einmal aus Joseph Goebbels' Propaganda-Ministerium - sondern von einem Berliner Gärtner namens Hermann Rothe.

Der geschäftstüchtige Florist, der ursprünglich nur den Auftrag erhalten hatte, die 1.800 Siegerkränze aus Eichenlaub anzufertigen, schlug vor, die Olympiasieger zusätzlich durch eine einjährige Stieleiche zu ehren. Das Organisationskomitee war sofort begeistert und deklarierte die Pflanzen in seinem amtlichen Bericht als "schönes Sinnbild deutschen Wesens, deutscher Kraft, deutscher Stärke und deutscher Gastfreundschaft".

"Wo sind sie jetzt?"

Die Olympia-Eichen wurden von den stolzen Siegern mitgenommen und wurzelten überall in der Welt. Doch nicht immer ist es so einfach, den Weg der Bäumchen nachzuvollziehen wie bei dem Briten Boardman. Immer wieder hat es nach 1936 Anläufe gegeben, die Reise der Schößlinge zu rekonstruieren. Pionierarbeit auf diesem Gebiet leistete etwa der US-Amerikaner Jim Constandt. In seinem 1994 publizierten Buch "The 1936 Olympic Oaks: Where are They Now?” kommt der Olympia-Historiker unter anderem zu dem Schluss, dass ein Großteil der Bäume an nicht-dokumentierten Orten eingepflanzt wurde.

Lediglich vier der insgesamt 24 von der US-Mannschaft gewonnenen Eichen vermochte Constandt zweifelsfrei zu lokalisieren. Gerade bei Mannschaftswettbewerben, wo es nur eine Eiche pro Siegerteam gab, wurde es kompliziert: Für den Setzling des 14-köpfigen US-Basketballteams beispielsweise steht zwar fest, dass er in die Erde gekommen ist, jedoch nicht wo und durch wen. Noch in Berlin zogen die Spieler Karten, um den endgültigen Besitzer per Los zu ermitteln. Doch dann verliert sich die Spur.

Andere Eichen starben in den letzten 50 Jahren aus unterschiedlichsten Gründen, einige sogar schon kurz nach Olympia. Zwei Bäume etwa, die von der Niederländerin Ria Mastenbroek in Berlin erschwommen und von ihr dem Zoo ihrer Heimatstadt Rotterdam geschenkt wurden, fielen nur vier Jahre nach der feierlichen Verleihung in Berlin den Nationalsozialisten selbst zum Opfer: Sie verbrannten im Mai 1940 beim verheerenden Bombardement der Hafenstadt durch die NS-Luftwaffe.

Fällung aus Pietät

Eine andere wurde viel später aus Pietät geopfert: 1990 wurde die an der Oklahoma State University gewachsene Eiche des Ringers Frank Lewis zunächst durch einen Blitzeinschlag schwer in Mitleidenschaft gezogen. Als Lewis wenig später vom Protest eines jüdischen Studenten erfuhr, der sich durch den Baum und seine Herkunft gestört fühlte, gab er den Auftrag zur Fällung.

Doch nicht überall gibt es so viel Geschichtsbewusstsein. Während in manchen Ländern die "Hitler-Eichen" eher verschämt stehengelassen werden, sind sie in anderen noch immer Symbole des Olympiasieges. Die "Lovelock-Eiche" etwa, mühsam aufgepäppelt, schlug erst mit fünfjähriger Verzögerung ihre kräftigen Wurzeln vor einer High School in der neuseeländischen Hafenstadt Timaru. Sie erinnert an den Weltrekordler Jack Lovelock und sein packendes 1.500-Meter-Rennen und gilt dort als ein "nationales Kulturgut".

Zu einer Pilgerstätte ist zudem auch jener Baum geworden, den das argentinische Polo-Team ergatterte. Der mehr als 20 Meter hohe und weit ausladende Riese steht zwischen den beiden Spielfeldern auf dem "Campo Argentino de Polo", dem ehrfürchtig auch als "La Catedral del Polo" bezeichneten Nationalstadion im Stadtteil Palermo der Hauptstadt Buenos Aires. Im Jahr 1986 bekamen Louis Duggan und Roberto Cavanagh, die beiden noch lebenden Mitglieder des vierköpfigen Gold-Teams, anlässlich des 50. Jahrestages ihres Triumphs von Berlin Setzlinge von diesem Baum überreicht. Die Idee hat Schule gemacht: Polo-Enthusiasten versuchen seither beim Besuch des Stadions stets, Eicheln des berühmten Baumes zu ergattern und aus diesen dann auf ihren Privatgrundstücken "Nachkommen" zu ziehen.

Wo befinden sich die Olympia-Eichen? Manche sind heute zu Pilgerstätten geworden, andere liegen verborgen in Eichenhainen. In der einestages-Bildergalerie finden Sie die Bäume - und ihre spannenden Geschichten.

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1.
Michael Köhler, 18.02.2014
Guter Artikel. Einziger Kritikpunkt: [quote]Eine andere wurde viel später aus Pietät geopfert: 1990 wurde die an der Oklahoma State University gewachsene Eiche des Ringers Frank Lewis zunächst durch einen Blitzeinschlag schwer in Mitleidenschaft gezogen. Als Lewis wenig später vom Protest eines jüdischen Studenten erfuhr, der sich durch den Baum und seine Herkunft gestört fühlte, gab er den Auftrag zur Fällung. Doch nicht überall gibt es so viel Geschichtsbewusstsein. [/qote] Ist in meinen Augen kein Geschichtsbewußtsein, sondern ein Zeichen für Unkenntnis und einen verkümmerten Verstand. Findet man in Deutschland leider noch häufiger, wenn Städte und Dörfer, die vor 80 Jahren noch speichelleckend mit Ehreneintragungen und Baumpflanzungen A.H. in den Hintern gekrochen sind und heute statt zu ihren Fehlern zu stehen und daraus zu lernen, versuchen, mittels Löschung der Ehrenbürgerschaft und Abholzung, Geschichtsklitterei zu betreiben.
2.
Christina Warwel, 18.02.2014
>Guter Artikel. > >Einziger Kritikpunkt: >[quote]Eine andere wurde viel später aus Pietät geopfert: 1990 wurde die an der Oklahoma State University gewachsene Eiche des Ringers Frank Lewis zunächst durch einen Blitzeinschlag schwer in Mitleidenschaft gezogen. Als Lewis wenig später vom Protest eines jüdischen Studenten erfuhr, der sich durch den Baum und seine Herkunft gestört fühlte, gab er den Auftrag zur Fällung. >Doch nicht überall gibt es so viel Geschichtsbewusstsein. [/qote] >Ist in meinen Augen kein Geschichtsbewußtsein, sondern ein Zeichen für Unkenntnis und einen verkümmerten Verstand. >Findet man in Deutschland leider noch häufiger, wenn Städte und Dörfer, die vor 80 Jahren noch speichelleckend mit Ehreneintragungen und Baumpflanzungen A.H. in den Hintern gekrochen sind und heute statt zu ihren Fehlern zu stehen und daraus zu lernen, versuchen, mittels Löschung der Ehrenbürgerschaft und Abholzung, Geschichtsklitterei zu betreiben. Einziger Kritikpunkt: Nach Ihrer Logik hätten die Sportler nicht an Olympia teilnehmen dürfen, da Medallien und Eichenkränze ebenfalls durch das Regime vergeben wurden. Sie symbolisieren aber nicht das Regime, sondern Lohn für eine sportliche Leistung. Natürlich kann man diesen zurückweisen (aus den unterschiedlichsten Gründen), aber ihn anzunehmen und ihn als Erinnerung an eine Leistung hoch zu halten ist genauso legitim, wenn die Leistung eherlich erbracht wurde (was der wesentlich bedeutendere Aspekt ist). Außerdem können die Bäume nichts zu ihrer Herkunft und wir sollten uns über jeden Baum auf diesem Planeten freuen! Ohne sie können wir nämlich nicht leben.
3.
Ingrid Wild, 18.02.2014
Ein Baum aus "Pietät" gefällt? Wie krank im Hirn muss man sein, so etwas zu fordern!
4.
Anita Gribofsky, 18.02.2014
Gratuliere. Jetzt kann man drauf warten das in den nächsten Wochen ein paar zugekiffte Antifa Typen losziehen und die Eichen umhauen, absägen oder anderweitig schädigen. Toll gemacht Zeit!
5.
René Marquardt, 19.02.2014
Ach Spiegelchen, du olle Erbsenknallbuechse der Duemmelkratie. Unsern taeglichen Adolf gibst du uns auch heute. Und morgen dann eine Bildstrecke zum Thema Hitlers beliebteste Fertigsuppen.
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