Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Fotos von Hitlers Atlantikbunkern Größenwahn in Stahlbeton

NS-Bunkeranlagen am Atlantik: Der neue Westwall Fotos
Gerd Wipfler

Die Küsten im besetzten Europa wollte Hitler mit riesigen Bunkern und Schutzanlagen sichern. Hunderttausende schufteten auf den Großbaustellen, mittendrin Fotograf Gerd Wipfler. Hier sehen Sie die Aufnahmen. Von

Nein, Glück hatte der Mann nicht. Irgendwie schien Gerd Wipfler das Talent zu haben, stets zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort zu sein.

1929 etwa: Voller Träume verließ der frisch diplomierte Ingenieur seine Heimatstadt Pforzheim, um in New York durchzustarten. Doch als er die USA erreichte, wurde das Land von der Weltwirtschaftskrise geschüttelt. Der 27-Jährige musste Kohle schippen und Autos polieren. Als Ingenieur arbeitete er zeitlebens nicht.

Zehn Jahre später hatte sich Wipfler dennoch eine bürgerliche Existenz aufgebaut, hatte geheiratet, ein eigenes Fotostudio in New York eröffnet. Dann zwang ihn der Tod seines Vaters, nach Pforzheim zurückzukehren. Dort erkrankte auch die siebenjährige Tochter so schwer, dass sie im August 1939 starb. Als die Nazis kurz danach den Weltkrieg entfesselten, war der trauernde Vater plötzlich in seiner alten Heimat gefangen. Trotz eines gültigen Visums durfte er nicht in die USA zurückkehren.

Plötzlich Fotograf einer der mächtigsten NS-Minister

Wie schon im Winter 1929 sollte es wieder die Kamera sein, die ihm in der Stunde der größten Not half - und womöglich sein Leben rettete.

Damals hatte Wipfler in seiner Verzweiflung begonnen, in der noblen New Yorker Vorstadt White Plains verschneite Villen zu fotografieren. Es war seine letzte Hoffnung, nachdem ihm selbst der Job als Heizer gekündigt worden war. Der Plan ging auf: Die reichen Eigentümer kauften seine Bilder, vielleicht auch ein wenig aus Mitleid. Mit dem Geld baute sich Wipfler später sein eigenes Fotostudio auf.

Nun, ein Jahrzehnt später und zurück in Deutschland, setzte er wieder auf sein Talent mit der Kamera. Er bewarb sich auf eine Stelle, bei der er die Raststätten der Autobahnen fotografieren sollte. Wipfler bekam den Job und lernte nur deswegen einen der mächtigsten Männer des NS-Staates kennen: Fritz Todt, Generalinspekteur für die deutschen Straßen, Leiter des Autobahnbaus, Gründer der Bautruppe "Organisation Todt" (OT). Seit 1938 hatte Todt den Ausbau der Bunker am Westwall vorangetrieben, zwei Jahre später machte ihn Hitler zum Rüstungsminister.

Der "neue Westwall" - vom Eismeer bis an die Biskaya

Schnell kamen die Männer ins Gespräch. Beide stammten aus Pforzheim, beide waren studierte Ingenieure. Nach dem Treffen ließ Todt ihn sofort vom Wehrdienst befreien. Der Rüstungsminister hatte Größeres mit ihm vor: Wipfler sollte fortan Todts vielleicht wichtigstes Projekt dokumentieren - den Bau einer gigantischen, Tausende Kilometer langen Kette aus Bunkern und Verteidigungsanlagen entlang des Atlantiks, Ärmelkanals und der Nordsee, später einfach "Atlantikwall" genannt.

Die NS-Militärs planten, die Küsten im besetzten Norwegen, Dänemark, den Niederlanden, Belgien und in Frankreich zu regelrechten Festungen auszubauen. "Im Endziel" seien die Küsten vom Eismeer bis an die Biskaya "zu einem neuen Westwall" zu formen, um "jedes feindliche Landungsunternehmen auch stärkster Kräfte abwehren zu können", verfügte Hitler im Dezember 1941.

Besonders die britischen Kanalinseln und die französische Atlantikküste galten dabei als strategisch wichtig; hier hatte die OT schon ab 1940 begonnen, schwerste Geschütze mit schützenden Betonanlagen zu ummanteln und riesige U-Boot-Bunker anzulegen. Allein zwischen dem französischen Calais und Boulogne wurden 1940 schätzungsweise 100.000 Kubikmeter Stahlbeton verbaut.

"Für die Berichterstattung gänzlich wertlos!"

Wipfler sollte fortan solche Großprojekte in Frankreich fotografieren - und befand sich plötzlich mitten im Propagandakrieg: Todt plante einen opulenten Bildband über die Fortschritte der OT am Atlantikwall. Er wünschte sich nicht nur Porträts des "deutschen Frontarbeiters", sondern auch der "fremdländischen" Arbeiter - und zwar "in geschlossenem Marsch zur Baustelle". Alles sollte geordnet wirken und zwei Botschaften vermitteln: Es geht voran! Und die Deutschen behandeln selbst Arbeiter aus den besetzten Gebieten gut!

Dem Minister war die Sache derart wichtig, dass er sich selbst in kleinste Details einmischte und den Fotografen mitunter scharf zurechtwies: Dieser habe zwar "einen guten Anfang" gemacht, notierte der Minister im Mai 1941, doch zuletzt sei Wipfler "abgeirrt auf bildhafte Darstellung von gänzlich uninteressanten Dingen". Nahaufnahmen einer Lokomotive oder eines Greiferkorbes etwa. So etwas sei "für die Berichterstattung, wie ich sie brauche, gänzlich wertlos", schimpfte der Minister und verlangte stattdessen "Übersichtsaufnahmen, aus denen der Baufortschritt ersichtlich ist".

"Mein Vater war ein sehr kreativer und musischer Mensch", sagt mehr als 70 Jahre später Gérard Wipfler, selbst Fotograf. "Ihn interessierten die Details. Die sehr nüchterne Herangehensweise Todts reichte ihm nicht aus. Deshalb schweifte er immer wieder ab, fotografierte in seiner Freizeit auch französische Dörfer, Landschaften, Szenen aus dem Alltag. Letztendlich lieferte er Todt aber das, was er wünschte."

Vier Millionen Kubikmeter Stahlbeton

Doch Todts Rüge bedeutete mehr Arbeit. Mit dem häufigen Pendeln zwischen Berlin, wo Wipfler weiter Autobahn-Raststätten fotografierte, und Frankreich war es nun vorbei. Es dürfe nicht mehr passieren, dass Wipfler "in Berlin herumlaufe" und nicht wisse, "dass in diesen Tagen das erste U-Boot in den fertigen ersten U-Boot-Stollen gezogen wird", polterte der Minister. Er stellte dem Fotografen fortan einen Adjutanten, der dafür sorgen sollte, dass der nichts verpasste.

So entstanden Hunderte Aufnahmen von ameisengroßen Arbeitern neben riesigen Baugerüsten und Trockendocks, von monumentalen U-Boot-Stollen und einschüchternd hohen Betonwänden. Es sind beeindruckende Bilder, die als Auftragsfotografien zwar das Leid der Arbeiter ausblenden mussten, aber gleichzeitig gut den Größenwahn der Bauherren dokumentieren.

Allein für die riesigen U-Boot-Bunker in den zu Marinebasen umgebauten Atlantikhäfen wie La Pallice, Brest, Lorient oder St. Nazaire verbauten die Deutschen rund vier Millionen Kubikmeter Stahlbeton. Auf solchen Großbaustellen arbeiteten oft mehr als 15.000 Menschen gleichzeitig. Als das nicht mehr reichte, setzte die OT ab 1942 auch immer systematischer Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter ein. Insgesamt arbeiteten nach einer Untersuchung des französischen Historikers Alain Chazette allein in Frankreich 291.000 Menschen am Atlantikwall, darunter etwa 50.000 Zwangsarbeiter.

Der enorme Aufwand sollte weitgehend vergebens sein: Die Deutschen verloren den U-Boot-Krieg, Marinebasen wie Lorient wurden massiv bombardiert. Als die Alliierten am 6. Juni 1944 in der Normandie landeten, bewahrte der noch lückenhafte Atlantikwall den NS-Staat nicht vor dem baldigen Untergang.

Mysteriöser Flugzeugabsturz

Was blieb, waren unzählige Bunkerreste, von denen nach dem Krieg viele zu Touristenattraktionen wurden - und die wenig bekannten Aufnahmen Wipflers. Lange lagerten sie in einem kleinen Metallschrank im Fotoatelier von Gérard Wipfler, der zusammen mit seinem Vater in der Nachkriegszeit für regionale Versandhäuser und große Firmen wie Porsche fotografiert hatte. Die Geschäfte liefen gut, über den Krieg wurde wenig gesprochen.

Erst als sich 1994 die Invasion der Alliierten in der Normandie zum 50. Mal jährte, kramte Gérard Wipfler - sein Vater war inzwischen gestorben - die alten Aufnahmen vom Atlantikwall hervor. Er zeigte sie einem französischen Museumsdirektor und Kenner der OT, der ihm riet, sie dem Deutschen Historischen Museum in Berlin zu überlassen. Dort lagern die Negative nun, weitgehend ungesehen.

Aus Todts hochtrabenden Plan, diese Aufnahmen einmal zu einem großen Fotoband zu machen, war nichts geworden. Der Minister war im Februar 1942 unter mysteriösen Umständen bei einem Flugzeugabsturz in der Nähe der Wolfsschanze gestorben. Bis heute halten sich Gerüchte, Hitler habe ihn nach einem heftigen Streit ermorden lassen, weil Todt einen Krieg gegen die USA und die Sowjetunion für verloren hielt.

Ursprünglich hätte Gerd Wipfler, so erzählte er es später seinem Sohn, den Minister auf der fatalen Reise begleiten sollen. Dieses eine Mal war er nicht zur falschen Zeit am falschen Ort.

Artikel bewerten
3.7 (287 Bewertungen)
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...



© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH