Vorher-Nachher-Fotos Mensch, hast du dich verändert

In seiner Heimatstadt fotografierte Chris Porsz einst Punks, Teenager, Obdachlose, Liebespaare. Fast 40 Jahre später suchte er nach ihnen, fand sie, porträtierte sie noch einmal. Wie die Zeit vergeht... diese Bilder sind beeindruckend.

Chris Porsz/Bav Media

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Die besten SPIEGEL-ONLINE-Geschichten des Jahres: Dieser Artikel erschien erstmals am 28. November 2016.

Das Liebespaar kann kaum voneinander lassen: Der junge Mann, schon im Zug, beugt sich noch einmal aus dem Fenster und gibt seiner Freundin auf dem Bahnsteig von Peterborough einen letzten Kuss. Entrückt blicken sich beide in die Augen.

So entrückt, dass sie gar nicht bemerken, wie Chris Porsz just in diesem Moment auf den Auslöser seiner Kodak Instamatic drückt. Klick.

Das Liebespaar früher - und heute: Verschieben Sie den Regler auf dem Bild

Und schon stiehlt sich der Amateurfotograf davon, an jenem Tag irgendwann im Jahr 1980. Er notiert weder Namen noch Telefonnummer der beiden. Warum auch? In jeder freien Minute zieht Porsz los, um Menschen seiner Heimatstadt in der Grafschaft Cambridgeshire im Osten Englands abzulichten, auf Hunderten von Fotos. Erst 1986 macht der Engländer Schluss damit, der Job als Sanitäter und die drei kleinen Kinder lassen ihm keine Zeit mehr für sein Hobby.

Jahrzehntelang vergilben die Fotos in einem Album. Bis Porsz sie eines Tages zur Hand nimmt - und einen verwegenen Plan fasst: Er will die damals von ihm porträtierten Unbekannten ausfindig machen und ein zweites Mal ablichten. Dieselben Menschen. Am selben Ort. 40 Jahre später. "Was für eine gigantische Arbeit. Doch die Idee ließ mich einfach nicht mehr los. Irgendwann wurde der Spleen zur Sucht", sagt der heute 63-Jährige im einestages-Gespräch und lacht.

Sieben Jahre währte seine Suche. Das Resultat zeigt der jetzt veröffentlichte Fotoband "Reunions": 135 Mal gelang es Porsz, die Menschen, die er zwischen Ende der Siebziger- und Mitte der Achtzigerjahre fotografiert hatte, aufzuspüren und zu einer Wiedersehens-Aufnahme zu bewegen.

Vom Punk zum Gärtner

"Es war wunderschön, Menschen zusammenzubringen, die sich längst auseinander gelebt hatten. Das Lächeln in ihren Gesichtern zu sehen, als sie ihre alten Freunde umarmten. Viele hatten sich über Jahrzehnte nicht gesehen und reisten extra fürs Foto aus dem Ausland an", erzählt Porsz.

Wiedersehen nach 37 Jahren: Schulfreundinnen Sandra, Carmen und Maureen

Bei der kniffligen Suche half ihm zunächst - ganz klassisch - die Lokalzeitung. Ab 2009 druckte der "Peterborough Evening Telegraph" die Aufnahmen: In der wöchentlichen Kolumne "Paramedic Paparazzo" stellte Porsz jeweils zwei Fotos vor und bat um Rückmeldungen. Der erste Anrufer war der Vater jenes Twens vom Bahnhof - er identifizierte seinen Sohn Tony Wilmot auf dem Foto.

Was aus dem verknallten Paar wurde: Tony hatte seine Freundin Sally ein Jahr nach dem Schnappschuss von 1980 geheiratet. Sie bekamen zwei Kinder und zogen nach Lichfield in Staffordhire. Heute arbeiten beide als Schulleiter und sind nach wie vor glücklich verheiratet.

Anders erging es Tina Tarr und Dog, 1985 beide Punks (siehe Fotostrecke). Als Porsz sie damals in Peterborough fotografierte, waren sie ein Paar. Versonnen schmiegte sich Tina mit Pink-Punk-Mähne an Dog, zerrissene Lederkluft, Bierflasche rechts. Zusammen verließen sie die Stadt in den Neunzigerjahren. Gingen auf Reisen, bekamen Zwillinge. Und trennten sich.

Sprint zur Pommes- Bude: Fünf Schuljungs im Jahr 1980 - und 36 Jahre später

Für Porsz posierten sie 2015 erneut vor der Kamera: Tina ist mittlerweile ergraut, trägt eine Steppweste, gibt Weberei-Workshops. Dog trägt Glatze statt Iro, lebt in Wales, arbeitet als Gärtner. Porsz spürte die beiden via Facebook auf, wo er seine Fotos ebenfalls hochgeladen hat. Die sozialen Netzwerke, sagt er, vereinfachten seine Suche ungemein. Manchmal half ihm auch purer Zufall. So wie bei Trudi und Dave.

"Oft flossen die Tränen"

1980 fotografierte Porsz die beiden auf dem Platz vor der Kathedrale von Peterborough, wo sie eine Dose Vimto-Limonade tranken; ein Pudel schaute dem jungen Mann über die Schulter. Die Aufnahme erschien im von Porsz gestalteten Fotokalender "Peterborough through the lens". 2010 zeigte der Sanitäter einer Gruppe von Krankenschwestern diesen Kalender bei einer Pause im Hospital.

Eine rief, als er den Juni aufblätterte: "Das bin doch ich!" Wie sich herausstellte, entstand das Foto an Trudi Talbots 21. Geburtstag, genau ein halbes Jahr, nachdem sie und ihr Partner Dave geheiratet hatten. Für das Wiedersehensfoto im Jahr 2010 musste sich das Paar den Hund der Tochter ausleihen - den treuherzig blickenden Pudel gibt es längst nicht mehr.

Trudi und Dave: Nach 30 Jahren noch immer glücklich verheiratet

Ein anderes Mal half ihm sein Job bei der Suche: Ein Mann erkannte den Sanitäter bei einem Notruf-Einsatz. "Er zeigte auf mich und sagte: 'Du hast mich doch vor 30 Jahren fotografiert!' Das war wie ein Sechser im Lotto", so Porsz.

Zwei von sieben Freunden schon tot

Nicht immer waren seine Nachforschungen erfolgreich. Manche wurden zwar von Verwandten oder Freunden wiedererkannt, wollten aber nicht erneut gemeinsam vor die Kamera zu treten. Mitunter konnte Porsz den exakten Ort der Aufnahme nicht rekonstruieren. Und einige Menschen, die er vor Jahrzehnten abgelichtet hatte, waren schon verstorben.

Von den sieben Punk-Freunden, die in den frühen Achtzigern auf den Treppenstufen herumlungerten und so supercool in die Kamera schauten, sind zwei - Kim Guest und Sean Adams - nicht mehr am Leben. "Oft flossen die Tränen, wenn wir das Wiedersehensfoto inszenierten. Alte Gefühle kamen hoch, Trauer, Nostalgie", erzählt Porsz.

Ab und zu sprang auch ein Verwandter für einen Verstorbenen ein. Etwa im Fall der drei kleinen Mädchen, die Porsz einst von einem Balkon herab anstrahlten: Für eine von ihnen, die mit Mitte 30 an Krebs verstarb, stehen Tochter und Schwester der Toten auf dem Wiedersehens-Foto.

Seit der Amateurfotograf seinen "Reunions"-Band veröffentlicht hat, wird er im Internet gefeiert wie ein Held und erhielt Hunderte Anfragen. In China, Australien, Alaska, überall auf der Welt interessiert man sich für sein Projekt - das Echo hat ihn überwältigt: "Warum die Menschen meine Bilder so mögen? Vielleicht weil ich eine positive Geschichte in einer negativen Zeit erzähle."

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Chris Porsz, Jo Riley:
Reunions

Chris Porsz, über seine Homepage, ab £18,50.

Ob nach dem Brexit in England oder der Trump-Wahl in den USA: Vielerorts siege derzeit der Hass, die Fremdenfeindlichkeit, das Vorurteil. Dem wolle er sein Ideal einer multikulturellen, offenen Gesellschaft entgegenstellen, sagt Porsz, Sohn einer jüdischen Mutter, die das KZ Ravensbrück überlebt hat: "Ich hasse Rassismus, weil ich weiß, wohin er führt." Seine aus Polen stammenden Eltern zogen nach Ende des Zweiten Weltkriegs nach Peterborough, um in der Fremde einen Neuanfang zu wagen.

Sie gehören für Porsz ebenso dazu wie der Kleiderverkäufer Tasbir Singh, den Porsz 1982 auf dem Markt von Peterborough ablichtete. Oder der schüchterne, hinter einer Holzpforte kauernde Zaroob Hussain, der heute in einem Imbiss arbeitet. Oder Michael Ross, der Obdachlose aus Schottland mit dem Spitznamen "Nobby", der jahrelang in einer Bushaltestelle campierte, weil sein Haus abgebrannt war.

Im September 2015 spürte der Amateurfotograf "Nobby" auf und fotografierte ihn ein zweites Mal: Der Mann, der da durch die Fußgängerzone von Peterborough geht, hat mittlerweile tüchtig zugelegt. Er trägt ein voluminöses, weißes Polohemd über der beigefarbenen Hose, hat sich seinen langen Bart abrasiert. Und endlich wieder ein festes Dach über dem Kopf.



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insgesamt 11 Beiträge
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Jörg Diefenbach, 25.11.2016
1. Beeindruckend!
Ein sehr schöner Artikel mit einem beeindruckenden Hintergrund. Kompliment an den Fotografen. Fasziniert habe ich die Bilderstreite nun schon zweimal durchgeklickt. Wow!
Klaus Künzel, 25.11.2016
2. Technisch nicht so toll
Die Idee hinter den Bilder ist ja nett, hat man aber auch schon in den letzten Jahren gesehen. Schade, dass bei der technischen Ausführung nicht so auf das Detail geachtet wurde. Der Abstand zum Motiv und die Perspektive sollte für den Effekt schon gleich sein.
Michael Pahl, 25.11.2016
3. danke für gute Unterhaltung!
Ach herrlich, ein paar Minuten abtauchen in kleine Alltagsgeschichten. Ich hätte noch Stunden weiter durch Bilderserien klicken können! Eine schöne Kompensation zu vielen unschönen Dingen die auf der Welt passieren....
Ronald Vopel, 25.11.2016
4. Nun ja
Der Hund hat sich am meisten verändert.
Stefan Höse, 25.11.2016
5.
@ Klaus Künzel Wenn es interessiert: Der Neubrandenburger Fotograf Bernd Lasdin hat ähnliche Studien veröffentlicht. Im Original und als Buch sind sie sehr beeindruckend und technisch/künstlerisch wirklich sehr gut umgesetzt. Z.B. http://steffen-verlag.de/bild-text-baende/977/zeitenwenden
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