Hochsicherheitsgefängnis Alcatraz "Insel der misshandelten Männer"

Hochsicherheitsgefängnis Alcatraz: "Insel der misshandelten Männer" Fotos
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Es eröffnete als ausbruchsicherer "Superknast" und endete als marodes Relikt: Vor 50 Jahren schloss Alcatraz seine Pforten. Drei Jahrzehnte saßen hier die schlimmsten Verbrecher der USA ein. Das Knastregime war erbarmungslos - und trieb manche Insassen in Wahnsinn und Suizid. Von Johanna Lutteroth

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Schweigend standen die letzten 27 Häftlinge am Morgen des 21. März 1963 in ihren Zellen. Sie trugen frische Jeans und weiße Socken, ihr Haar war sauber geschnitten und gescheitelt, ihre Schuhe glänzten. Die Hände hatten ihnen die Wärter vor dem Bauch mit Handschellen gefesselt und ihnen ihre dunklen Jacken über die Schultern geworfen. Als das Signal zum Aufbruch kam, traten sie auf den Gang hinaus und setzten sich gehorsam in Bewegung. Nur das Klirren der Handschellen und das Klicken Dutzender Kameras durchbrach die Stille.

Die lautlose Prozession passierte das Gefängnistor und endete schließlich auf einem kleinen Boot, das sie aufs Festland bringen sollte. Von dort aus wurden die Häftlinge dann auf verschiedene andere Gefängnisse verteilt. Es war der letzte, eindrucksvoll inszenierte Tag des Hochsicherheitsgefängnisses Alcatraz - jenem Knast, der über Jahrzehnte als absolut ausbruchsichere und härteste Haftanstalt überhaupt galt. Rund 60 Journalisten, Fotografen und Fernsehteams waren gekommen, um noch einmal den Hauch des Mythos zu spüren, bevor "the Rock", wie die Häftlinge das Gefängnis nannten, für immer seine Tore schließen würde.

Und als reiche es nicht aus, sich vorzustellen, wie so berüchtigte Gangster wie Al Capone und Machine Gun Kelly unter dem harten Regime ihr Dasein fristeten, raunte der letzte Gefangene von Alcatraz, Frank Weatherman, den Journalisten zu, kurz bevor er in das Boot stieg: "Alcatraz war für niemanden gut."

"America’s Devil Island"

Im Januar 1934 wurde das Bundesgefängnis Alcatraz, das in den Mauern des alten Militärforts auf der kleinen Insel vor San Francisco untergebracht wurde, eröffnet. Wenige Monate zuvor hatte US-Präsident Franklin Roosevelt den vielen Mafia-Gangs, die seit der Prohibition die USA unsicher machten, den Krieg erklärt. Generalstaatsanwalt Homer Cummings führte den Kreuzzug an, baute die Befugnisse der Bundespolizei FBI massiv aus und kündigte die Einrichtung eines "Supergefängnisses" an: Alcatraz. Bereits im Sommer 1934 wurden die beiden berühmten Gangster Al Capone und Machine Gun Kelly auf der Insel untergebracht.

Von Anfang an galt Alcatraz als absolut ausbruchsicher. Das eiskalte Wasser und die starke Strömung um die Insel mache ein Entkommen unmöglich, betonte das Federal Bureau of Prisons (BOP), das für die Verwaltung aller Bundesgefängnisse in den USA zuständig war. Zugleich stattete das BOP Alcatraz mit allen damals zur Verfügung stehenden technischen Raffinessen aus. Die Tore waren elektrisch gesichert. Überall gab es Metalldetektoren, um zu verhindern, dass die Häftlinge Waffen hineinschmuggelten. Besucher saßen hinter schusssicheren Scheiben und durften nur über ein Telefon mit den Häftlingen sprechen. Bis 1961 hatte es zwölf Ausbruchversuche gegeben. Alle verliefen erfolglos.

Das Hochsicherheitsgefängnis faszinierte die Öffentlichkeit vom ersten Tag an. Das lag vor allem daran, dass nur vom BOP gefilterte Informationen an die Medien weitergegeben wurden. Die Gerüchteküche über das, was hinter den Mauern unter der Ägide von Gefängnisdirektor James Johnston geschah, kochte. Und aus den wenigen Fetzen, die dann doch herausdrangen, malte sich die Öffentlichkeit ein grausames Bild. Schon bald war Alcatraz als "America’s Devil Island" gefürchtet.

Schweigen bis zum Wahnsinn

So abwegig war dieses Bild nicht. Der Knastalltag gestaltete sich tatsächlich gnadenlos. Alle Häftlinge saßen in winzigen Einzelzellen - 1,52 Meter breit und 2,74 Meter lang. Niemand durfte sich auf dem Gelände frei bewegen. Selbst auf dem Weg zur Arbeit wurden die Gefangenen streng bewacht. Nirgendwo außer in der Kantine und am Arbeitsplatz durfte gesprochen werden. In ganz Alcatraz herrschte eisige Stille.

Rund um die Uhr brannte das Licht. Sämtliche Briefe wurden gelesen und zensiert. Wer nicht spurte, dem drohten mehrere Tage Isolationshaft in den sogenannten Dungeons (Kerkern) im Keller unter den Blocks A und D oder die Nacktzelle im berüchtigten Block D, wo die Häftlinge ohne Kleidung eingesperrt wurden. In den "Kerkern" schliefen die Gefangenen auf dem Boden und bekamen streng rationiertes Essen. Es gab kein Licht, keine Klos, kein Waschbecken. Ähnlich sah es in den Nacktzellen aus. Allerdings gaben hier die Wärter den Häftlingen abends wenigstens eine Matratze.

Über die Jahre begann die Mauer des Schweigens, die das BOP so sorgfältig um Alcatraz gebaut hatte, allerdings zu bröckeln. Im Februar 1936 brachte der "San Francisco Chronicle" einen Artikel mit dem Titel "Just a Life of Hell - Monotony Breaks Spirit". Darin beschrieb der Ex-Häftling Al Loomi, wie sehr er unter dem Schweigegebot leide. "Es ist die Hölle", erklärte er dem Journalisten. "Warum darf ein Mann nur sechs Minuten am Tag reden. Drei Minuten morgens, drei Minuten abends." Das treibe die Männer in den Wahnsinn. "Noch ist es die Insel der misshandelten Männer. Bald wird es die Insel der irren Männer sein."

Al Capone zerbrach an Alcatraz

Loomi war nicht der Einzige, der darunter litt. Zwei Jahre später beging Edward Wutke, der wegen Mordes in Alcatraz einsaß, in seiner Zelle Selbstmord. Mehrfach hatte er sich zuvor beschwert, dass er unter "diesen Bedingungen nicht leben" könne. Selbst an Al Capone ging das Redeverbot nicht spurlos vorüber. Seine Nachkommen führten Jahrzehnte nach seiner Freilassung den desolaten Geisteszustand des alternden Gangsterbosses auf die psychischen Qualen im Gefängnis von Alcatraz zurück.

Über die Jahre kursierten immer mehr Geschichten über die Hölle Alcatraz. 1941 kamen endgültig alle Karten auf den Tisch: Im Prozess gegen Henry Young, der im Gefängnis seinen Mithäftling Rufus McCain ermordet hatte, waren die Haftbedingungen eines der Hauptthemen. Youngs Verteidiger argumentierte, dass sein Klient wegen der grausamen Umstände nicht Herr seiner selbst gewesen sei.

22 Häftlinge sagten damals gegen Alcatraz aus. James Groves berichtete von einem der vielen brutalen Übergriffe der Wärter gegen Young: "Der Wärter Warden Miller sprang mit beiden Füßen auf sein Gesichts, deswegen hat er keine Zähne mehr." Und Harry Kelly beschrieb, wie sehr die Isolationshaft im Verlies Young zugesetzt hatte. "Er redete mit sich selbst, verweigerte das Essen. Einmal wollte er in den Speiseraum gehen, hatte aber vergessen seine Hose anzuziehen."

"Es ist, als steigst du in ein Abwasserrohr"

Auch Young meldete sich zu Wort. Eindrucksvoll schilderte er seine Erlebnisse im Kellerverlies, wo er mehrfach isoliert wurde: "Es stinkt da unten mörderisch. Es ist, als steigst du in ein Abwasserrohr. Du hast keine Schuhe, kein Bett, keine Matratze. Nichts als vier verdammte Wände und zwei Decken. Einmal am Tag bekommst du vier Scheiben Brot."

Die Jury zeigte sich tief beeindruckt und fällte ein entsprechend mildes Urteil: "Totschlag". Und das, obwohl die Zeugenaussagen vielfach als unglaubwürdig eingestuft und zum Teil widerlegt wurden. Unter anderem hieß es, Young habe laut Krankenhausbericht keine Zähne verloren. Young bekam drei weitere Jahre und wurde zurück nach Alcatraz gebracht. In der Öffentlichkeit war die Gefängnisinsel nun endgültig als Hölle verschrien.

Als Olin Blackwell 1961 Direktor von Alcatraz wurde, hatte die Realität mit dem Mythos allerdings nicht mehr viel zu tun. Der einstige Superknast war vollkommen heruntergekommen. Das Salzwasser hatte Fundamente und Stahlstreben zerfressen. Überall zerbröselten die Mauern. Fünf Millionen Dollar würde die Instandsetzung kosten, errechnete das BOP. "Und wir haben ernsthafte Zweifel, dass diese Ausgaben berechtigt sind", ließ BOP-Chef James Bennett im Juli 1962 wissen.

Finanziell und technisch ausgedient

Dass Cummings Superknast finanziell und technisch ausgedient hatte, machten die letzten beiden Fluchtversuche endgültig klar. Im Juni 1962 gruben sich Frank Morris und John und Clarence Anglin mit einfachen Löffeln durch die maroden Mauern in die Freiheit. Mit einem aus Regenmänteln gebastelten Schlauchboot durchquerten sie die Bucht von San Franciso. Ob sie das Festland lebend erreichten, ist bis heute unklar. Nach Behördenangaben ertranken sie. Ihre Leichen wurden aber nie gefunden. Im Spätsommer 1962 wurden daraufhin die ersten Häftlinge in ein anderes Bundesgefängnis verlegt.

Wenige Monate später gelang einem weiteren Häftling die Flucht: John Paul Scott schwamm mit aufgeblasenen Gummihandschuhen durch das eisige Winterwasser ans Festland. Dort brach er halb erfroren zusammen und wurde wieder gefasst. BOP-Chef Bennett sagte daraufhin im Dezember 1962, dass die extremen Baumängel die Schließung des Gefängnisses forcierten. Ein Datum stehe aber noch nicht fest. Im März 1963 kündigte Generalstaatsanwalt Robert Kennedy die endgültige Schließung für den 21. März an.

Niemand trauerte Alcatraz nach. Im Gegenteil: Man war froh, es los zu sein. Die "New York Times" brachte dieses Gefühl auf den Punkt. Alcatraz war "ein Drecksloch, in dem Männer und ihre Persönlichkeitsrechte kontinuierlich missbraucht wurden. Es stand stets im selbstzerstörerischen Widerspruch zu den Grundsätzen des amerikanischen Strafrechts".

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1.
Vittorio Ferretti 21.03.2013
Es ist möglich, die ca. 2,5 km zum Festland zu durchschwimmen, denn heutzutage findet auf dieser Strecke ein Schwimmwettbewerb mit auf 800 limitierter Teilnehmerzahl statt. Die Einschüchterung der Insassen mit dem Horror der Strömung und des kalten Wassers, hat also funktioniert. http://www.sharkfestswim.com/default.asp?PageID=20154
2.
Johannes Bachmann 22.03.2013
Die Überschrift verdient den Täterschutzpreis.
3.
Karl-Heinz Marx 23.03.2013
Al Capones Gesundheit hat wohl eher durch Syphylis gelitten: http://de.wikipedia.org/wiki/Al_Capone#Al_Capones_Tod.
4.
Andrew Bryce 22.03.2013
Ja, ja ... der klassische Übersetzungslapsus aller sogenannten Qualiätsmedien in Deutschland. Der amerikanische "Generalstaatsanwalt" Attorney General ist der Titel des US Justizministers. Genau das gleiche Problem wie beim US Außenminister - der "Secretary of State" ist eben kein "Staatssekretär"
5.
Hörst-Dieter Höttges 22.03.2013
@Vittorio Ferretti Ja, bei den Teilnehmern handelt es sich allerdings zumeist um gut trainierte Sportler die inklusive Neopren-Anzug und unter Sicherheitsvorkehrungen die Strecke bewältigen. Die Insassen in Alcatraz waren laut übereinstimmender Quellen eher unterernährt, hatten keinen Schutz gegen das kalte Wasser wie etwa Neoprenanzüge. Von der Orientierung bei einer Flucht die i.d.R. in Dunkelheit stattfinden musste mal ganz zu Schweigen. Ich möchte nicht bezweifeln dass man es schaffen kann oder das es Frank Morris und Co. möglicherweise geschafft haben, aber so zu tun als sei die Gefährlichkeit und Schwierigkeit der Flucht eine reine "Horrorstory" um Flüchtende abzuschrecken halte ich doch schon für arg blauäugig.
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